Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Dritter Zyklus:III. Das Ziel

Lebenswahrheit

Ich bin am Ende. Gerade in Deutschland fällt es, ich weiß es, der Mehrheit äußerst schwer, sich so umzustellen, daß es nicht auf Sachliches und Inhaltliches ankommt. Von allen Völkern ist das deutsche das sachlichste; deshalb gelingt es ihm leichter, Tiefes abstrakt zu verstehen, als lebendig zu erleben und in Taten umzusetzen1. So werden sich auch heute noch vermutlich viele mit Versuchen einer Definition des Sinnes abquälen. Bitte lassen Sie das. Bitte lassen Sie die Impulse dieses Vortrags einfach auf sich wirken, und warten Sie ab, was er in Ihnen persönlich zeugt2. Darauf allein kommt es für Sie an. Was ich als Person denke, kann Ihnen völlig gleichgültig sein. Durch Definition veräußerlichen Sie nur das, was Sie ohne solche ohne weiteres verstehen müssen. Jeder Mensch weiß, was Sinn, was Bedeutung heißt. Ich meine nichts anderes, als was jeder unmittelbar einsehen kann. Verdeutlichen Sie sich, wie es ein Anhänger der badischen Philosophenschule hier einmal tat, das, was ich Sinn nenne, durch Rückbeziehung auf Werte, so bestimmen Sie Bekanntes und evidentes durch Unbekanntes und Zweifelhaftes, das Ihnen aber deshalb besser einleuchtet, weil Sie es gewohnt sind. Nein, verzichten Sie auf alles Definieren-Wollen. Lassen Sie das, was ich geben kann, einfach auf sich einwirken, und sehen Sie zu, was daraus entsteht. Jedem Schöpferischen unter Ihnen wird so ganz gewiß auf die Dauer die Lösung solcher Sonderprobleme aufgehen, die ihm liegen — in der Richtung zwar, welche dieser Vortrag grundsätzlich wies. Nur das will ich erzielen.

Die Philosophie des Sinnes ist kein Inhaltliches, sondern ein lebendiger Impuls aus einer größeren Tiefe, als sie die meisten leider kennen, daher werden ihre echten Früchte ihr äußerlich niemals ähnlich sehen. Wer fortan als Industrieller, Kaufmann, Staatsmann, Künstler sinnvoller schafft als früher, der hat mich besser verstanden als jeder, der meine abstrakte Philosophie genauer bestimmt oder weiter ausbaut. Nur ein Definitionsartiges will ich Ihnen zum Schluß doch noch sagen, und da ich dies in Ihnen geläufigen Begriffen tun werde, so wird es Ihnen vielleicht dazu verhelfen, leichter ganz zu verstehen. Das letzte, an sich Undefinierbare, dessen Logosseite ich als Einstellung bezeichne, ist nichts anderes als das Leben selbst. Durch das Leben erhalten doch dessen Inhalte allererst Bedeutung. Durch das Leben werden Sauerstoff und Stickstoff im Körper zu anderem, als sie draußen sind; durch das Leben des Einzelnen wird das, was er tut, zu einem Sinnbilde seines Wesens. Nun ist Ihr Leben jedem unter Ihnen eine unmittelbare und selbstverständliche Gegebenheit, obschon sie es auf keine Weise definieren und auf der Ebene der Erscheinung als solcher sogar niemals feststellen können. Ebenso selbstverständlich hat jeder unter Ihnen eine Ureinstellung, die alles besondere genau so bedingt, wie Kants Fragestellung seine kritischen Ergebnisse bedingte. So hängt es unter allen Umständen von Ihrer Einstellung, welche das schlechthin Tiefste und Letzte in Ihnen ist, ab, ob Sie hoch oder niedrig stehen, edel oder gemein sind, ob Sie sich vorwärts bewegen oder rückwärts schreiten. Die Psychoanalyse stellt nun des Häufigen fest, daß der letzte Bedeutungs­zusammenhang, der ein gegebenes empirisches Leben trägt, eine Lüge bedeutet. Diese wirkt sich zuletzt in physischer Erkrankung aus. Und man kann den Betreffenden nur heilen, indem man an Stelle der Lebenslüge die Lebenswahrheit setzt.

Nun, sind die meisten gesunden Europäer nicht in ähnlicher Lage? Unsere überkommene Einstellung genügt nicht mehr zur Meisterung unseres Schicksals. Aber wir können diese ändern. Wie dieses möglich ist, haben wir gesehen. Wir können unserem Leben eben damit einen neuen, tieferen Sinn geben. Indem wir aber dergestalt scheinbar vom Inhaltlichen aufs Formale zurückgehen, ziehen wir uns in Wahrheit vielmehr in das Allerlebendigste zurück. Wir legen allen Nachdruck auf das Leben selbst, nicht auf dessen Inhalte. Von der Religion her ist diese Akzentverlegung jedem bekannt. Wir tun es im gesamten Bereich des Lebens. Damit beziehen wir nun dessen Gesamtheit auf das Tiefste zurück. Ebendeshalb ist nichts an diesem uns zu gering. Was wir erstreben, ist eine Verwurzelung des ganzen Daseins im Geist im gleichen Sinn, wie es zu theokratischen Zeiten in Gott verwurzelt war. Nur eben in der neuen Form, die unserer erhöhten Bewußtseinsstufe entspricht. Religion, konkret bestimmt, setzt unter allen Umständen eine besondere Einstellung voraus, und diese zu universalisieren, geht nicht an, weil man damit gegen die Gesetze der Wirklichkeit verstößt. Insofern war es eine berechtigte Etappe in der Menschheitsentwicklung, daß jene zeitweilig zu einer Spezialdisziplin herabsank, die sich zum eigentlich schöpferischen Leben exzentrisch verhielt. Was heute geschehen kann und soll, ist deshalb keine Wiedererhebung der Religion auf die urtümliche Stufe, sondern die Erhebung aller Lebensformen dahin, wo bisher die Religion allein stand: hier liegt in der Tat das Ziel. Philosophie, Politik, praktisches Handeln sollen hinfort den gleichen tiefen Hintergrund erhalten, den jene allein bisher besaß.

So weit, so gut. Nun mögen aber einige einwenden: Sie orientieren uns erdwärts. Sie haben selbst gesagt, das Reich des Weisen sei durchaus von dieser Welt. Wie verträgt sich dies mit der letzten Sehnsucht der Seele? Hierauf will ich Ihnen zum Schluß mit wenigen Worten antworten, die mein persönliches Glaubensbekenntnis enthalten — ich fasse mich kurz, weil jede Weitläufigkeit, die letzten Dinge betreffend, deren Wesen zunahe tritt. Wieder und wieder habe ich darauf hingewiesen, daß das Himmelreich eben dadurch überhaupt wirklich wird, daß es sich auf Erden verwirklicht. Seine Verwirklichung bei uns bedeutet zugleich seine eigene geistige Daseinsdimension. Aber es hat einen uns noch näher angehenden Grund, daß ich die Menschen erdwärts, nicht himmelwärts weise: es gilt die Aufgaben dieser Erde restlos zu erfüllen, weil es hier allein Freiheit gibt. Im Jenseits fallen Freiheit und Schicksal restlos zusammen, da entbehrt der Begriff jener des Sinns. Dort ist folglich auch keine gewollte Höherentwicklung mehr möglich. Was dort geschehen mag, ist immer nur Ergebnis des Impulses zum Fortschritt, welcher hier angeregt wurde. Dort wirkt sich nur aus, was hier begonnen wurde. Deshalb spricht die indische Lehre wohl wahr damit, daß die Götter als Menschen geboren werden müssen, um über ihr Göttertum hinauszuwachsen. Deshalb haben Christentum und Islam wohl recht damit, daß dieses Leben letztlich entscheidet. Wer die zeitliche Aufgabe ganz erfüllt — der allein wirkt, über die Zeit hinaus, für die Ewigkeit.

1Vgl. Deutschlands Beruf in der veränderten Welt in Philosophie als Kunst.
2Vgl. meinen Aufsatz Von der einzig förderlichen Art des Aufnehmens im 2. Heft des Wegs zur Vollendung.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Dritter Zyklus:III. Das Ziel
© 1998- Schule des Rades
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