Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Was uns nottut

Menschheit im Menschen

Es ist keine Frage, daß es mit Europas Kultur und Bedeutsamkeit für den weiteren Menschheitsfortschritt zu Ende gehen kann. Meine schlimmsten Befürchtungen treffen, eine nach der anderen, ein. Nirgends haben die führenden Schichten die vorausschauende Einsicht bewiesen, die zweifelsohne dem Verhängnis hätte steuern können. Fehler über Fehler ist begangen, Gelegenheit über Gelegenheit versäumt worden; es ist, als hätte das gebildete Europa nichts Angelegentlicheres zu tun gehabt, als seine eigene Fortbestandsmöglichkeit zu untergraben. Der Weltkrieg mit seinen Erscheinungen und Folgen bedeutete nur eine offensichtliche Feststellung dessen, was längst schon da war; der Zusammenbruch, den er einleitete, zumal in Deutschland, war längst vorauszusehen. Jener ist recht eigentlich als Liquidationsprozeß zu verstehen, denn sein eigenstes Produkt ist nicht das wenige Positive, das er zutage gefördert, sondern der Bolschewismus (das Wort im weitesten Sinn begriffen), der ohne ihn nie zu einer geistigen, geschweige denn zu einer materiellen Macht erwachsen wäre.

Die europäische Zivilisation jüngsten Datums hat sich selbst ad absurdum geführt. Der große intellektuale Fortschritt, den sie bezeichnet, hat allgemein auf Kosten des Seelenlebens stattgefunden, und wenn man vor dem Anbruch des Weltkriegs noch hoffen durfte, daß dieses die Oberhand rechtzeitig wiedergewinnen würde, so steht heute fest, daß wir durch die vielleicht tiefsten Niederungen der europäischen Geschichte hindurch müssen, um im Sinne dessen, was Schiller die Menschheit im Menschen nannte, auch nur die Höhe wieder zu ersteigen, auf der unsere nächsten Vorfahren standen, denn die Seele ist in einem seit dem Ende der Antike unerhörten Maße zersetzt, und ihr Charakter bestimmt des Menschen Rang. Was bedeutet es denn letztlich — um auf ein allen geläufiges Beispiel hinzuweisen —, daß der Weltkrieg allerseits mit einer nie dagewesenen Hemmungslosigkeit geführt worden ist, daß nie dagewesene Haßmengen und sonstige Afterprodukte der Seele sich über der Welt entladen haben, daß das Völkerringen ausklingt in greulicher Massenschieberei, daß die unaufhaltsam um sich greifende Weltrevolution, mag diese im übrigen das Idealste anstreben, alle Kulturgestaltung des Westens zu rasieren beginnt und schon rasiert? — Daß die Masse der europäischen Menschheit jede seelische Struktur verloren hat. Sie ist vollkommen hemmungslos geworden. Der seit dem 18. Jahrhundert immer mehr sich emanzipierende Verstand hat nach und nach die meisten der seelischen Organe und Gestaltungen, die den Menschen die innere Form gaben, als Vorurteils- oder Zufallsgebilde erwiesen, damit aber geschwächt und schließlich abgetötet. Als unangekränkelt kann heute, dem Ziel des russischen Nihilismus genau gemäß, nur mehr das Naturhaft-Naturnotwendige und, in geringerem Grad, das Ewig-Wertvolle in abstrakt-absolutistischer Fassung gelten — diese beiden Regionen geben aber keine Grundlage ab für eine mögliche Kultur, weil jene unterhalb, diese oberhalb ihrer gelegen ist1. Dem gemäß braucht nichts von dem, was die europäische Bildung ausmacht, bestehen zu bleiben, denn der Glaube an alles Geschichtlichgewordene ist verloren gegangen, und ohne Glauben gibt es keine psychische Wirklichkeit.

Die Monarchie, zuerst in Rußland, dann in Deutschland, war im Handumdrehen erledigt, weil jeder Glaube an deren Daseinsrecht entschwunden war: im gleichen Sinn gefährdet zum mindesten sind alle historischen Daseinsformen, von den Glaubensinhalten über die Ehre und Rechtsbegriffe hinweg bis zu den sozialen Institutionen. Durch die französische Revolution hindurch bestanden die meisten der geistig-seelischen Gestaltungen, die bis dahin die Völker und Gruppen zusammengehalten hatten, fort, deshalb hat sich der geistige Fortschritt, den jene vertrat, im ganzen positiv auswirken können. Heute aber stellt die Seele der Massen, was die Gebundenheit durch Vergangenes betrifft, eine so vollständige tabula rasa dar, wie solches kein philosophischer Empirist des 17. Jahrhunderts für das erkennende Bewußtsein jemals angenommen, ein Gebilde von so vollständiger Amorphie, wie dies kein Protozoon jemals dargestellt hat. Überall gilt der individuelle Verstand als letzte Instanz; was er nicht anerkennt, erscheint gerichtet, und daß er kurzsichtig oder gar blind sein könnte, fällt niemandem ein. Deshalb steht das Weiterfortleben alles dessen, was von menschlicher Willkür überhaupt abhängt, unmittelbar in Frage. Man male sich einmal aus, was es bedeutete, wenn die bolschewistische Absicht, alle Staatsanleihen, alle Äquivalente überhaupt für ökonomische Werte zu annullieren, auf der ganzen Erde auf einmal ausgeführt würde: damit wäre Eigentumsrecht und alles, was mit diesem zusammenhängt, wirklich vernichtet, denn dieses beruht letztlich auf einer menschlichen Forderung, kann deshalb als solches aufgehoben werden und muß aus der Erscheinungswelt verschwinden, als wäre es niemals dagewesen, sobald der Glaube und das Vertrauen, das sie in dieser festhielten, verloren gingen2. Damit wäre das Gebäude ökonomischen Lebens buchstäblich abgetragen.

Theoretisch ist solches sehr wohl denkbar; theoretisch geurteilt, könnten alle letztlich vom Bewußtsein bedingten Gestaltungen auf diese Weise aus der Welt hinausdekretiert werden, also nicht allein Institutionen wie die Ehe, die soziale Hierarchie usw., sondern die bloßen Qualitätsunterschiede zwischen den Menschen, da ja solche, um sich auszuwirken, der Anerkennung bedürfen — denn sie alle haben ihren Halt an inneren Bindungen, also Vorurteilen, die der Verstand nicht anzuerkennen braucht. Praktisch liegen die Dinge deshalb anders, weil dieser nicht wirklich, physiologisch, die letzte Instanz ist. Das meiste dessen, was der Verstand als Vorurteil verwirft, liegt seinem Wesen (nicht dem jeweiligen, immer vergänglichen Ausdruck) nach so tief im Leben begründet, daß es seine Geltung auf die Dauer immer wiedererlangt. Doch eine gegebene Welt zu zerstören, vermag jener leicht. Auf diesem Wege sind wir nun schon recht weit gelangt. Nun aber kommt das eigentlich Kritische: wir werden, falls keine wirksame Gegenbewegung einsetzt, unabwendbar noch sehr viel weiter auf ihm gelangen, weil, was immer tatsächlich geschieht, das Zerstören dem Bewußtsein nicht als Ziel erscheint. Derselbe Verstand, der alle Vorurteile abträgt, ist andererseits dabei, auf und aus deren Trümmern Idealbilder eines Zukunftszustandes von unbezweifelbarer Schönheit aufzubauen. Dies ist, in der Tat, das Entscheidende: was die Kultur zu begraben droht, vertritt andererseits wirklich, gegenüber allem Vergangenen, die höheren Ideale. Und dieses kann es tun, weil reine Vernunft seine letzte Instanz bedeutet, weil die revolutionäre Menschheit sich gleichsam als Mathematiker zur Realität verhält. Wie diesem die Definition die Wirklichkeit schafft, wie ihm Räume von n Dimensionen genau so existent sind wie der gegebene, so geht auch jener jeder Sinn für die primäre Bedeutung der Welt der Erfahrung ab. Desto besser kann sie im Reich des abstrakt Möglichen konstruieren, desto unbefangener höchste Ideale als erreichbar hinstellen, desto leichteren Herzens behaupten, sie werde das Himmelreich hienieden demnächst verwirklichen. Und dieses Himmelreich vermag sie wirklich besser, als jeder nicht weltfremde Empiriker und Relativist, zu schauen.

Auch der Bolschewismus verspricht im großen ganzen das Himmelreich, seine Ideale sind unbestreitbar hoch, höher als die seiner Gegner. Daher seine unheimlich werbende Macht. — Nun beweist die Erfahrung freilich je und je, daß die Verwirklichung des Absoluten auf Erden am wenigsten frommt, daß, wer engelgemäße Zustände begründet, die Menschheit damit vorläufig zu Teufeln macht. Aber was bedeutet dem Mathematiker die Empirie? — Ehe die Erkenntnis nicht die Vorherrschaft wiedererlangt, daß anderes als Verstand und Verstandeskonstruktion die Lebensgestaltung bestimmt, daß der fixierte Charakter der Seele vielmehr entscheidet, ist an eine Besserung unseres Zustandes nicht zu denken. Der furchtbare Irrtum dieses Zeitalters war, um es in einem Satz zu sagen, der, daß es die Forderung der Freiheit, die der Geist mit Recht vertritt, jene schönste Errungenschaft des sterbenden 18. Jahrhunderts, auf das Seelenleben übertragen hat. Damit verkennend, daß die wesentliche Freiheit des Menschen, um in diesem Medium darstellbar zu sein, ganz anderer Bedingungen bedarf; daß nur die organisierte, nicht die amorphe Seele frei sein kann.

1Vgl. über das russische Wesen meine Einleitung Der russische Christ zum Buche gleichen Namens (München 1922, Drei Masken-Verlag), das eine selten schöne und schön übersetzte Auslese aus den das Christentum betreffenden Stellen in den Werken der großen russischen Meister enthält.
2Vgl. über die geistige Basis aller Ökonomie den Vortrag Wirtschaft und Weisheit in Politik, Wirtschaft, Weisheit. Darmstadt 1922.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Was uns nottut
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