Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur

Wandlung des Bestehenden

Ziehen wir die weit ausgesponnenen Geistesfäden nunmehr auf die gegebene praktische Zeitaufgabe hin zusammen. Die Welt, die uns gebar, ist im Untergang begriffen; es stellt sich die Alternative, ob sie ganz abgetragen werden soll oder aber versucht werden, sie langsam in eine neue, bessere zu verwandeln. Die zweite allein kommt in Frage. Daß die Aufgabe grundsätzlich erfüllbar ist sowie im Falle jedes einzelnen Menschen, sahen wir. Wie steht es nun aber mit ihrer Durchführung im großen? Hier liegen die Dinge freilich weniger einfach, als die Übersichtlichkeit des logischen Zusammenhangs erwarten läßt. Schnell ist nichts zu erreichen, und im großen kann das, was nottut, bestenfalls erst spät zur bestimmenden Wirklichkeit werden. Ein so ungeheures Karma schlimmster Art hat das vergangene Jahrhundert ins Rollen gebracht, dieses verjüngt und vervielfältigt sich seinerseits, seit dem Weltkrieg, in so schauerlicher Generation, daß der Abbauprozeß im großen überhaupt nicht aufzuhalten ist. Das Ungemach, das bisher einzelne Völker und Klassen befiel, wird zunächst langsam auf ganz Europa übergreifen. Das ist unabwendbares Schicksal im Sinne dessen, was ich in Worauf es ankommt ausführte: wofür sie sich einmal entschieden, dessen Folgen müssen Völker wie Menschen tragen, bis daß diese durch inzwischen Neuentstandenes und Neueingreifendes durchkreuzt und aufgehoben wurden; letzteres aber kann gerade in unserem Fall unmöglich bald geschehen. Was heute im Tageskampfe steht, wird sich unausweichlich gegenseitig aufreiben.

Der übernommene, in Leidenschaften verkörperte, aus der Furcht vor dem Scheitern immer neue persönliche Kräfte saugende Impuls ist da so mächtig, und deren Summierung, in Völkern, Parteien, Interessegruppen verleibt, wirkt ihrerseits so stark auf jeden einzelnen zurück, daß Nichterfüllung des Schicksals im großen leider nicht in Frage steht. Diese Erfüllung kann aber nur im Untergang bestehen. Eine andere ist deswegen ganz undenkbar, weil kein Tageskämpfer um das mögliche Ziel kämpft. In der Politik wie im Geschäft muß zwischen solchen Zielsetzungen, welche den Umsatz, und solchen, welche den möglichen Reingewinn betreffen, wohl unterschieden werden: nur wer unmittelbar unter richtiger Unkostenberechnung auf diesen hinarbeitet, kann gedeihen. Nun gehören die derzeit sichtbar bestimmenden historischen Kräfte ausschließlich dem Umsatz an. Nicht allein sind alle Gefühle wesentlich endlich, so daß sich das Haßgeborene bald überlebt haben wird — die Ideale, um welche bewußt gekämpft wird, sind als solche sämtlich unverwirklichbar. Weder wird die Welt von übermorgen bolschewistisch noch sozialdemokratisch noch wilonistisch sein, von den verjährten Hoffnungen der Nationalisten und Imperialisten ganz zu schweigen. Der mögliche Reingewinn dieser Zeit wird völlig anderen Charakter tragen, als ihn die Umsatz-Zielsetzungen erwarten lassen. Gemäß dem Gesetz des historischen Kontrapunkts läßt jener sich einigermaßen konstruieren: der extreme Demokratismus dieser Zeit leitet ohne Zweifel eine neue aristokratische Geschichtsära ein; der zeitweilige Sieg der blinden Masse bereitet eine Hochkonjunktur für Bildung vor, Quantitätsvergötterung wird in Ehrfurcht vor Qualität ausklingen; die Rivalität der Nationen in eine paneuropäische oder gar allgemein-westländische Solidarität, wie es solche seit dem Mittelalter nicht mehr gab1.

Was Radikale erstrebten, wird, soweit es erstrebenswert war und zu realisieren ist, von Konservativen verwirklicht werden. Die Ideale, um welche heute seitens der Massen gekämpft wird, bedeuten eben bestenfalls vorläufige Verkörperungen des Erneuerungsstrebens, welches als solches noch blind ist. Erklärlich genug: so oft die Menschheit in Konvulsionen gerät, wird die Geschichte zum blinden Naturprozeß. Wie die Natur Millionen von Keimen hinaussät, auf daß einige wenige Tausende zur Reife gelangen, so geraten dort unzählige Denk- und Willensrichtungen in Konflikt, von denen, die meisten aus leidenschaftlicher Übereiltheit, aus kurzsichtigem Entscheid heraus geboren sind, von welchen deshalb nur ganz wenige und auch diese nur, soweit sie sich gründlich zu wandeln wissen, die Revolutionszeit überdauern. Da nun jeder Mensch nur ein Leben zu leben hat und sich in Zeiten herrschender Leidenschaft besonders schnell verzehrt, so folgt schon hieraus allein, daß dieselben Menschen, welche dem Umsatz leben, für den Reingewinn nur in Ausnahmefällen in Betracht kommen. Deswegen stellt sich die Frage, wie das, was nottut, jetzt gleich im großen zu verwirklichen sei, vernünftigerweise überhaupt nicht; sie stellt sich ebensowenig, wie die mit ihr zusammenhängende, wie die heute maßgebenden schon festgelegten Menschen dem Sinn dieser Ausführungen entsprechend verwandelt werden könnten: für den Neuaufbau der Welt kommen offenbar andere Menschen in Betracht als die, welche sich am Umsatz erschöpfen. Jener hat unabhängig vom Abbau zu erfolgen.

Insofern gilt es, trotz unserer früheren Erkenntnis, daß der Abbau grundsätzlich nicht notwendig ist, um zu Höherem zu gelangen, praktisch nicht einmal, jenen aufzuhalten (vgl. S. 88); viel eher könnte seine Beschleunigung erwogen werden. Doch wie langsam oder schnell der Prozeß verlaufe: in wenigen Jahrzehnten werden die Kämpfe dieser Zeit erledigt, deren Ziele ad absurdum geführt, deren Vorkämpfer verstorben sein. Dann müßte ein Vakuum nachbleiben, wenn indessen nicht, unberührt vom Tageskampf, das Neue erwachsen wäre, welches einmal an die Stelle des amortisierten Alten treten wird. So allein erwächst Neues überhaupt. Nie verjüngen sich schon Altgewordene; auch die Reifen verwandeln sich nicht mehr. Aber als die Alten noch in der Vollkraft standen, setzten sie selbst die Generation in die Welt, welche ihr später feindlich entgegentreten und sie schließlich ablösen wird, eben deshalb dazu geschickt, weil die Alten sie vom vorzeitigen Tageskampfe fernhielten. Deshalb beginnt das Neue gemäß der chinesischen Staatsweisheit nicht erst beim Tode des Alten zu wirken, sondern grundsätzlich um zwei Drittel einer Menschenlebenszeit vorher: seine Reife allein fällt mit der sichtbaren Erscheinung zusammen. Abseits vom Tageskampf allein kann nun gerade das heute Erforderliche werden. Gerade heute kommt es, historisch betrachtet, auf die Wandlung der beherrschenden Mehrheiten besonders wenig an, weil diese sich besonders schnell erledigen werden. Bevor seine Stunde kam, vermag kein Neues sich durchzusetzen.

Ist diese aber für das nunmehr Erforderliche gekommen, dann wird es besonders freie Bahn vorfinden, wenn es nur da ist und die Zwischenzeit benutzt hat, sich für seine historische Aufgabe vorzubereiten. Da es sich hier um das Entstehen von nichts Geringerem als einem neuen tieferen Menschentypus handelt und folglich nicht allein eines Gewächses, im Gegensatz zum Gemächte überhaupt, sondern einer Gestaltung, deren Entstehen eine außerordentliche Wandlung des Bestehenden von innen heraus voraussetzt, so kann der neue Typus auf lange Zeit hinaus nur in besonders wenigen Exemplaren da sein. Aber das schadet nichts. Bis die Streiter dieser Übergangsepoche alle gefallen sind, wird seine Zahl groß genug sein, um historisch zu bestimmen. Selbst wenn es auch dann erst wenige sein sollten, wird es genügen: man wird die suchen, welche den neuen, jetzt endlich erkannten Erfordernissen entsprechen. Die Führer werden da sein, und auf sie allein kommt es zu aller Zeit an. Es wird genau so kommen, wie es schon einmal kam. Wie entstand das Mittelalter? Niemand vermag es zu sagen2. Das Chaos der Völkerwanderung befand sich nach gebührender Zeit, sonst aber wie plötzlich durch sein genaues Gegenteil abgelöst: den schönsten Kosmos, welcher je Europa geziert; auf die Äußerlichkeit des Hunnen-Bolschewismus folgte nach Jahr und Tag eine früher nie geahnte, bestimmende Innerlichkeit. Dies wurde dadurch möglich, daß während des Chaos Zellen von Menschen anderen Geistes, als solche sich in jenem austobten, erwuchsen, Zellen, die sich im Stillen mehrten, verzweigten, ein zunächst unsichtbares Netzwerk schufen — bis daß ihre Nachkommen zuletzt, in Form einer neuen, alles bedeckenden Flora, die auf der Asche restlos verzehrter Vergangenheit besonders üppig aufblühte, allen sichtbar wurden.

1Vgl. hierzu, alles Nähere betreffend, mein Buch Politik, Wirtschaft, Weisheit, Darmstadt 1922, und die Studie Deutschlands Beruf in der veränderten Welt in Philosophie als Kunst.
2Auf eine sehr interessante, gerade für uns bedeutsame Einzelheit dieses Werdeprozesses habe ich auf S. 162 von Politik, Wirtschaft, Weisheit hingewiesen.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:I. Seins- und Könnenskultur
© 1998- Schule des Rades
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