Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum

Eros und Logos

Ist ein wesentlicher Fortschritt vom Geist her zu realisieren? — Sämtliche Erfüllungen unserer Geschichte tun es dar. Die grundsätzliche Erkenntnis der ersten Betrachtung dieses Zyklus (S. 180) soll heute ihren historischen Erweis und zugleich eine genauere Bestimmung finden. Alle geistige Entwickelung bedeutet Klärung und geht auf vollkommene Klarheit aus. Klarheit ist nun tatsächlich das Ziel auch im Zusammenhange wesentlichen Fortschreitens; bei allem Dunklen handelt es sich um Vorläufiges; die übliche Geschichtskonstruktion, sogar in ihrer Hegelschen Zuspitzung, ist insoweit richtig. Das Klare ist mehr als das Dunkle, wie das Artikulierte mehr ist als das Inartikulierte, das Gemälde mehr als die Skizze, weil eben der Weg aufsteigender Entwicklung einsinnig verläuft und der vom Sinn zum vollendeten Ausdruck in der Explizierung des Impliziten besteht. Zu allen Übergangszeiten mit den ihnen entsprechenden schwülen Stimmungen traten dunkle Exzentriker, Wunderwirker, Mystagogen, Magier auf, die von geheimem Wissen oder überschwenglichen Gefühlen her die Welt erneuern wollten und vor Klärung und Verdeutlichung als vor Entweihung warnten. Aber nie noch haben solche Entscheidendes bewirkt, nie noch hat die Geschichte an ihnen angeknüpft; groß gesehen, hätten sie ungeboren bleiben können. In Indien bedeutet Buddha die größte historische geistig-seelische Macht; neben ihm zählt kein Yogi und kein Siddha; Buddha, der erbarmungslos Klare, Positive, beinahe modern wissenschaftlich Exakte, allem Dunklen und Schwülen Feindliche, welchem Erwachen aus allen Träumen das Endziel war. Alles historisch Nachweisbare in Indiens Geistesleben seither geht tatsächlich auf ihn zurück, gleichviel, ob es ihm freund war oder feind; denn Buddhas Einfluß, nichts anderes, hat den Brahmanismus regeneriert, genau wie Luther, jener zweite große schwärmereifeindliche Positivist, zweitausend Jahre später, durch die Reaktion, die er hervorrief, den ohne ihn sicher endgültig verdorbenen Katholizismus erneuert hat.

Nicht Empedokles, sondern Sokrates ward zum Vater der westlichen Philosophie, nicht das östliche Mysterienwesen, sondern das schlichte und praktische Weltkind Jesus hat der Geschichte einen neuen entscheidenden Antrieb mitgeteilt. Die Humanisten haben mehr bedeutet wie Paracelsus, Kant mehr als Hamann und Swedenborg, und neben Goethes scheinwerferischer Lichtgestalt werden alle Mysten des 18. und 19. Jahrhunderts bald vergessen sein. Nur von staatsmännisch überlegener Warte aus ist die Geschichte richtig zu beurteilen; nur große Wirkungen zählen. Deshalb ist das Exzentrische kaum beachtenswert. Kein Geheimbund, keine Sekte, kein theosophischer Zirkel als solcher verändert die Welt; solche bereiten bestenfalls die großen Impulse vor, oder aber sie kanalisieren sie. Als wahre Erneuerer läßt die Geschichte erfahrungsgemäß nur solche gelten, welche in keiner Hinsicht unter ihrem Zeitniveau standen, in keiner einen Rückschritt verkörperten, vielmehr von der höchsten bisher erreichten Seinsstufe her den Weg zu höheren wiesen. Hier lasse man sich durch die Welt- oder Kulturfeindlichkeit mancher Größter nicht beirren: diese Feindschaft ging allemal von einem höchsten Standpunkt der Weltüberlegenheit aus, welchen Tatbestand das Beispiel Tolstois, obgleich dieser kein Größter war, modernen Menschen am besten verdeutlichen dürfte. Beim wahren Fortschritt nun, der sich geschichtlich nachweisen läßt, handelt es sich jedesmal um geistig Faßbares, denn Klärung, Erfüllung, Vollendung läßt sich als solche verstehen.

Nicht allein was die großen Weisen an neuen Impulsen brachten, auch die der Genies des Gefühls sind, soweit sie einen Fortschritt einleiteten, nur auf geistige Werte hin, so aber vollkommen zu würdigen. Nur deshalb bedeutet Christus das, was er bedeutet hat, weil in seiner Lehre ein tieferes Verstehen des Lebenszusammenhangs verkörpert war. Der Gefühlswert seiner Liebe als solcher hätte nichts bewirkt. Gefühl als solches ist nur in Form von Ansteckung übertragbar, und Ansteckung ist, rein technisch betrachtet, allein zwischen Orts- und Zeitgenossen möglich. Was die christliche Liebe zur Erneuerin machte gegenüber dem Heidentum, war nicht ihre Eigenart als solche, sondern das tiefere Verstehen, das sich in ihr ausdrückte. Wahrscheinlich hat Jesus selbst nicht allzuviel von dem gefühlt, was die Gefühlsmenschen unter seinen großen Nachfolgern ihm andichteten1; er war wesentlich Willensmensch, hart und menschenverächterisch; letzteres gilt von fast allen großen Wohltätern der Menschheit, und muß es tun, weil nur der anderen zu helfen vermag, der sie erkennt und bei seiner Hilfeleistung vom wahren Sein, nicht von Illusionen ausgeht. Christi Liebe war in Wahrheit eine neue Gesamteinstellung zum Leben von tieferem Verstehen her, die unter anderem auch den Gefühlskörper beseelte und in einer vorwiegend emotionalen Zeit, wie solche nach dem Untergang der Antike anbrach, naturgemäß hauptsächlich neue Gefühle erzeugte. Auch Gefühle haben ihr Rationales; die neueste Psychologie rechnet sie geradezu zum vernünftigen Teil des psychischen Organismus2, wie denn das weibliche Fühlen zweifelsohne ein nahezu ebenso Logisches darstellt wie das männliche Denken; wirklich alogisch sind Gefühle dort allein, wo sie auch, von ihrem Standpunkt aus betrachtet, blind und unsinnig scheinen.

So handelt es sich bei Christus, im Gegensatz zu den vielen Schwarmgeistern, die jene Jahrhunderte hervorbrachten, in erster Linie um einen Impuls der Klarheit. Daß er es selbst so verstand, erhellt schon daraus allein, daß er sich das Licht der Welt nannte. Das Lichtsymbol, das mit allen Bringern neuen Glaubens ohne Ausnahme verknüpft wird, beweist allein, worin die eigentliche Bedeutung auch religiöser Genien besteht. Nur insoweit ein Impuls vom Geist kommt, kann er nämlich eine Veränderung einleiten; hat aber einmal ein solcher eingesetzt, dann vermag keine noch so lange Periode historischen Rückschritts seine Wirkung wirklich aufzuhalten, weil es sich hier um ein Ferment handelt, dessen Reaktion sich, einmal begonnen, nicht rückgängig machen läßt. Im Zusammenhang einer Betrachtung über den Sinn des Weltkriegs schrieb ich seinerzeit3:

In welchem Sinne wirkte das Auftreten Christi Gutes, oder das Hereinbrechen der französischen Revolution? Zu Anfang gewiß nicht in faktischem Verstand und ebensowenig lange noch nachher; man mag sogar füglich zweifeln, ob der Fortschritt auf der Ebene der Tatsachen, welche beide Ereignisse jeweilig eingeleitet haben, bis heute als beträchtlich gelten darf. Doch sie haben den Geist der Menschen verändert, ihr Bewußtsein von den Dingen; dies aber ist das Allerwichtigste, denn nur ein verändertes Bewußtsein von den Dingen vermag diese selbst schließlich zu verändern. Es ist leider nur zu wahr, daß der Geist die Materie überaus langsam formt; aber nichts anderes formt sie überhaupt. Die Gesetze begannen erst an dem Tage Gerechtigkeit widerzuspiegeln, als den Menschen aufging, was Gerechtigkeit bedeutet. Institutionen als solche sind ein Nichts; die vollkommensten, welche man sich vorstellen mag, bedeuten an sich nicht mehr wie äußere Schalen, welche der erste Ausbruch von Leidenschaft zerstäubt, wofern sie keinen entsprechenden Grad geistiger Einsicht zum Ausdruck bringen. So konnte die vollkommene Zivilisation des alten Roms nicht dauern, weil diese zu beschränktes Verstehen verkörperte. Demgegenüber hat der Keim tiefster Einsicht, welchen Christus Barbarenseelen einpflanzte, diese zu unbegrenztem Fortschreiten fähig gemacht. Im gleichen Verstand ward jede fernere höhere Stufe dank dem erstiegen, daß ein Strahl tieferer Einsicht sich ins Leben ergoß. Als die Menschen ihre geistliche Autonomie erkannten, da reformierten sie die Kirche; als ihnen ihre Bürgerrechte klar wurden, da verbesserten sie ihre Verfassungen. Umgekehrt kam es jedesmal zum Niedergang, wenn das Verstehen hinter den Tatsachen zurückblieb. Noch nie sind spirituelles Verstehen und dessen Ausdruck innerhalb der Erscheinung auf gleicher Höhe gewesen. Zu Beginn unserer Ära war jenes überaus tief, das Niveau der äußeren Kultur jedoch gar niedrig; heute scheint diese jener unermeßlich überlegen. Dies erklärt die beispiellosen Schrecken dieses Kriegs.

Auf Verstehen, freilich kein abstraktes, sondern lebendiges, im ganzen Menschen verkörpertes, kommt eben alles an. Jede erfolgte Klärung schafft eine innere Entscheidung, welche das Lebensproblem neu und besser stellt; denn so und so viel Richtiges und Wahres versteht sich fortan von selbst (vgl. S. 136), wodurch das Niveau des Vorausgesetzten sich erhebt und neue Perspektiven sich eröffnen. Gewiß sind nicht alle Impulse der Klarheit als solche verstanden worden; vom christlichen gilt vielmehr bisher das Gegenteil. Aber insofern haben sie sich auch nicht durchgesetzt. Bisher hat Christus hauptsächlich trotz Religion und Kirche, die seinen Namen tragen, segensreich gewirkt; die große Christus-Periode kann erst kommen, nachdem der Impuls, den er verkörpert, ganz verstanden sein wird. Hier ist der Ort, das uralte Problem des gegenseitigen Verhältnisses von Eros und Logos einmal grundsätzlich zu stellen. Ich verzichte dabei auf jede metaphysische Theorie: auf was diese beiden Symbole letztlich zurückweisen, weiß ich nicht, und unbeantwortbare Fragen zu beantworten, lehne ich ab. Die Menschheit wäre weiter, als sie ist, wenn alle Großen von alters her den gleichen Grundsatz befolgt hätten, wenn Plato und Plotin und im Osten die großen Inder nicht erklärt hätten, was verstandesmäßig mit den vorhandenen Begriffsmitteln nicht zu fassen war. So haben sie ihre Intuitionen nur verfälscht oder wenigstens ihre gläubigen Nachfolger dazu verführt, in fragwürdiger Theorie metaphysische Erkenntnis zu sehen. Freilich bedarf es unter allen Umständen des begrifflich klaren Ausdrucks, wenn irgend etwas ganz verstanden werden soll, aber der muß sich eben finden aus dem Sinn der Sache heraus, und gerade dieser wird verfehlt, wenn früher über ihn reflektiert wird, als er sich dem Körper des schon Verstandenen organisch hat einbilden können.

Zunächst gilt es, sich still in den Sinn des Gemeinten zu versenken, zu dem sich intuitionsmäßig unabhängig von allen Begriffen das richtige Verhältnis finden läßt: diese Versenkung führt ihrerseits zur richtigen Begriffsbildung, wie Gleiches den bildenden Künstler zur entsprechenden Naturdarstellung führt, wie das Auge seinerzeit am Licht erwuchs. Denn Begriffe sind recht eigentlich Organe. (S. 5). Ich verweile deshalb, noch einmal, nicht dabei, was die Symbole des Logos und des Eros letztlich bedeuten mögen; ich will bloß Gewisses konstatieren. Hier nun läßt sich das Folgende sagen: Zweifelsohne gibt es insofern eine Grundkraft oder ein Grundprinzip, das alle Schöpfung innerlich bedingt, welches irrational ist und in der Liebe, deren Wesen Bejahung abgesehen vom Wert ist, seinen uns geläufigsten und für uns verständlichsten Ausdruck findet4, als das, was die Griechen Eros hießen, die in bestimmter Richtung äußerste Grenze möglichen Weltverstehens darstellt. Und ebenso gewiß weist alles Geschehen unser Denken auf ein geistiges Prinzip zurück, welches zwar niemals ohne Eros schöpferisch wird, jedoch diesem allererst sein Ziel weist. Dessen Wesen ist, soweit wir es fassen können, Sinn. Wie Logos und Eros sich letztlich zueinander verhalten, darüber, noch einmal, kann ich nichts Gewisses sagen; ich weiß auch nicht, was diese Symbole letztlich bedeuten. Daß das Göttliche bald als Eros, bald als Logos verstanden wird, je nach dem Temperament, legt die Vermutung gleichtiefer Verwurzelung und letztendlichen Zusammenhangs nahe, wenn nicht gar metaphysischer Identität. Für uns wichtiger ist ein anderes und dafür Gewisses: der Logos, und er allein, bedeutet das Prinzip der Initiative und der Übertragbarkeit auf geistigem Gebiet.

Jede Liebe ist ein Neues und doch das Ewige-Gleiche; hier ist kein Fortschritt denkbar. Die Gefühlsmenschen unter den Heiligen haben durch ihr Fühlen als solches die Menschen auch nicht weitergebracht; jeder Bhakti als solcher stellt eine Monade ohne Fenster dar. Keine Anmutung, wie die katholische Kirche die künstliche Erweckung von Gefühlen heißt, vermag die leibhaftige Liebe eines Franz von Assisi wiederzuerwecken, denn diese war wesentlich ein Einmalig-Einziges. Deshalb gibt es gar nicht die tiefere Liebe als Gefühl, die sich durchs Christentum über die Welt ergossen haben soll. Was an jener Liebe übertragen werden konnte und kann, ist ihr Sinn, ihr Ausdruck und der Weg ihres Entstehens, mithin ihr Logisches. Die Anmutung ist als solche kein gefühlsmäßiger, sondern ein geistiger Vorgang. Deshalb stammen sowohl das Fortschrittliche wie das Fortwirkende überall, auch wo es sich um wesentlich Alogisches handelt, vom Logos her. Der Logos allein ist auch der Träger des Prinzips der Freiheit. Eros ist schlechthinnige Verfallenheit, Gebundenheit, Schicksal; vom Logos her gibt es ein freiwilliges Anderswerden. Man lasse sich hier ja nicht durch den Gnadebegriff beirren: soweit es sich um Schicksalhaftes handelt, sind wir natürlich unfrei; überkommt uns einmal die Liebe, dann sind wir ihr verfallen. Aber wir können uns ihr aussetzen, sie pflegen, zum Sterben, zum Entstehen bringen. Wir können uns eine Zustandsänderung vorsetzen, uns selbst und andere entsprechend einstellen und erziehen. Wir können eben damit die Kräfte des Eros lenken.

Das Problem des Verhältnisses vom Logos zum Eros ist, noch einmal, theoretisch nicht abschließend mit Gewißheit zu lösen; praktisch löst es sich so, daß wir durch jenen allein bewußt am Schöpferischen des Kosmos teilhaben; für uns, als freie Wesen, ist der Logos die Angel der Welt. Am kosmischen Eros hat nur das Unbewußte teil, und sei dieses noch so übermächtig — es reicht nicht in die Sphäre unseres Selbst- und Identitätsgefühls hinein, und direkt können wir bei ihm nicht ansetzen, auch wo wir von ihm wissen. Umgekehrt können wir’s überall vom Logos her. Wo immer wir verstanden haben, verwandeln wir uns von Objekten zu Subjekten des Schicksals, sei dies jeweilig in noch so geringem Grad der Fall, denn freilich reicht auch das tiefste Menschenbewußtsein nicht bis zum Grund der Welt. Insofern kann man nun weiter sagen, daß der Logos oder einfach die Einsicht das eigentlich Schöpferische ist. Freilich erfolgt die Schöpfung jedesmal durch den Eros, aber auslösen tut sie der Logos, und darauf kommt es für uns an. Hier gelangen wir denn, noch einmal, jetzt zum Ende seiner abschließenden Lösung, zum Problem der Übertragbarkeit, die nur dem Logoshaften eignet. Liebe muß jeder selbst erleben, um ihrer teilhaftig zu werden; was andere fühlen, bedeutet nichts für mich. Doch was einer erkannt hat, kann jeder andere sofort verstehen, falls der Sinn nur im Ausdruck realisiert war.

Dieser Satz führt uns nun zur Behandlung einer Seite des letzteren Problems, zu welcher wir seinerzeit, weil wir anderswoher kamen, keinen Zugang fanden. Allerdings muß jeder jedesmal den Sinn in den Ausdruck selbst hineinlegen, denn einen anderen Weg der Sinnesverwirklichung, als den von innen nach außen, gibt es nicht (vgl. S. 186). Aber ist ein vorliegender Ausdruck genau angemessen, dann ruft er reflektorisch die entsprechende Sinnesschöpfung aus dem hervor, der des Verstehens fähig und der verwandten Sprache mächtig ist. Also handelt es sich bei objektiv feststehenden neuen Erkenntnissen, bei neuen Formulierungen doch um mehr als an sich leere Hüllen: sie wirken wie Organe, vermittels derer jeder unwillkürlich den ihnen entsprechenden Gegenstand wahrnimmt. Auch das Licht existiert für den Menschen nicht unabhängig von dessen Auge, alle aber, welche gleichgebaute Augen haben, nehmen, auf Gleiches hingewandt, auch Gleiches wahr. Ebendeshalb bedarf es des genau angemessenen Ausdrucks für jede Sinneserkenntnis; nur das richtig organisierte Auge sieht unverfälschtes Licht. Neue objektive Erkenntnisse, neue bessere Formulierungen haben also an sich einen Wert, unabhängig von ihrem Verstandenwerden, wenn auch noch keinen Sinn; denn ihr Dasein schafft in vielen eben die innere Wirklichkeit, die zunächst nur einer erfand. Ebendeshalb ist ihr Wert ein dauernder.

Was einmal geschrieben dasteht, bleibt dem Erdinventar so lange eingefügt, als die Schrift besteht. Wird diese dauernd gelesen, so wirkt sie, wie solches Bibel, Koran und die sonstigen Menschheitsbücher beweisen, auch dauernd fort. Wird sie gar endgültig verstanden, so gehört sie fortan zum Organismus der Menschenseele und wird damit vom Verstehensobjekt zum -organ, also der Voraussetzung weiteren Verstehens. Jede neue Erkenntnis schafft aber sofort ein neues Libido­gefälle, d. h. die Kräfte des Eros erhalten einen neuen Sinn, finden neue Betätigungsmöglichkeit. Die geistige Energie, bisher in starren Formen festgehalten, sucht einen neuen Weg, und dieser ruft alle Lebensgeister wach. Daher das Befruchtende, das in einem einzigen neuen Gedanken, ja einer einzigen neuen Formel liegen kann. Man gedenke der zahlreichen guten Bücher, die Sigmund Freud angeregt hat, bei welchen es sich z. T. um bessere handelt, als der Begründer der Psychoanalyse selbst sie schrieb: jene verdanken alle dem Umstand ihre Entstehung, daß dieser neue Gedankengänge eröffnet hat. Man gedenke der Tatsache, wie ganze Generationen von Denkern und Erfindern sofort die Bahnen schöpferisch weiterverfolgen, welche ein einzelner Großer zuerst fand und von deren Möglichkeit niemand vorher etwas ahnte. Unbewußt, unterbewußt weiß jeder vielleicht alles: bewußtes Wissen bewirkt nur der entsprechende äußere Ausdruck, und liegt solcher vor, dann strömen alle die geistigen Energien durch ihn aus, die sich vorher nur stauen konnten. Der Logos ist unser Tiefstes, weil wir durch ihn den schöpferischen Kräften des Alls von uns aus die Richtung geben können. Gewiß mag Gott vor allem die Liebe sein, ohne Zweifel ist Realisierung im Gefühl den allermeisten ein gewaltigeres Erleben als geistige Erkenntnis. Allein diese bedeutet mehr. Sie kann den Eros auslösen, fassen und insofern schaffen. Des Weltenschöpfers Macht mag man sich immerhin als Eros deuten, ihr Sinn ist Logos — und was wäre die Schöpfung ohne Sinn? Der Logos ist tatsächlich, vom Bewußtsein aus geurteilt, das Tiefste. Er ist das Prinzip der Freiheit. Gäbe es nur Eros, so gäbe es nur Schicksalsverfallenheit. So liegt im Logos, nicht außer ihm, auch die Überwindung des Rationalismus, welchem vorläufige Einsicht gar zu leicht verfällt. Aus dem Alogischen erklärt sich nichts, es ist bloß da; alles Wirkliche ist freilich nicht logoshaft. Aber vermittels der Ratio läßt sich das Gebiet des Irrationalen feststellen und abgrenzen, so daß dem Logos bleibt, was des Logos ist, und dem Eros, was des Eros. Vielleicht ist der Logos an sich neben dem Eros ein ganz kleines Ding. Dies mag wohl sein. Es ist der Entschluß einer Sekunde, der Millionenheere aufmarschieren läßt; eine neue Gleichung, etwas Tinte auf einem abgerissenen Blatt Papier, hat das Weltbild schon mehrfach verändert. Auf gleicher Kleinigkeit beruht letztlich die Allmacht Gottes, falls es sie gibt, auf ihr jedenfalls unser bißchen Freiheit. Dieses Bißchen macht überdies unser ganzes Menschentum aus, und dieses ist schon Herr der Natur …

1Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist das Buch Karl Weidels Jesu Persönlichkeit, eine Charakterstudie, 3. Aufl. Halle 1921, Karl Marhold, desgleichen, trotz seiner sachlichen Unrichtigkeit, Hans Blühers Aristie des Jesus von Nazareth, Prien 1922, Kampmann & Schnabel. Vgl. auch meine Besprechung beider Bücher im 4. Heft des Wegs zur Vollendung.
2Vgl. Jungs Psychologische Typen l. c.
3On the Meaning of the War. Hibbert Journal (Oxford) vom April 1915 (in englischer Sprache).
4Über das Wesen des Eros hat unter Modernen weitaus am bedeutendsten Hans Blüher geschrieben. Dies sage ich trotz der großen Fehler, an denen seine Werke kranken, über welche ich mich in der Bücherschau des 4. Hefts des Wegs zur Vollendung näher ausgelassen habe. Von Blüher stammt die obige Definition des Eros. Die beste bisherige Anwendung der Blüherschen Gedankenrichtung auf geistiges, zumal religiöses Gebiet sehe ich in Werner Achelis Buch Die Deutung Augustins, Prien 1921, Verlag Kampmann & Schnabel.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Erster Zyklus:III. Antikes und modernes Weisentum
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