Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte

Evolution des Unbewußten

Aber die Symbolik der Geschichte läßt sich noch weiter und tiefer im Wirrsal der Tatsachen verfolgen. Die Oberschichten Rußlands haben vollkommen versagt; nur unter den allerradikalsten Persönlichkeiten dieses Riesenlandes finden sich große Talente. Ebenso fehlt es innerhalb der reaktionären Kreise Deutschlands — wohl zu unterscheiden von den Konservativen —, soweit man sehen kann an jeder Begabung. Und unter den Dynasten beweist die Art, wie die Revolution und ihre Folgen auf sie gewirkt haben, daß die meisten tatsächlich reif waren zu ihrem Sturz. In China ist nun staatsphilosophischer Grundsatz, daß eine Dynastie nicht allein moralisch, sondern auch juristisch erledigt ist, sobald sie als Fähigkeit versagt. Dies ist wunderbar tief gedacht, wie das meiste in China, das sich auf die menschliche Gemeinschaft bezieht. Sobald nämlich eine historische Gestaltung keinen Sinn mehr hinter sich hat, dann ist sie wesentlich abgestorben; sie ist in der Lage eines Körpers, welchen das Leben verließ.

Wohl mag sie sich jahrhundertelang trotzdem halten, wie das schon zu Mohammeds Zeiten erstarrende Byzantinerreich bis zum Ansturm der Türken bestehen blieb, weil in der Eigenbewegung der Natur als solcher kein Anstoß liegt, der eine Veränderung einleiten müßte: so mögen Sterne Jahrmilliarden entlang um die gleichen Mittelpunkte kreisen. Kommt aber ein Anstoß von außen, dann zerfällt die ganze Herrlichkeit mit einem Schlag. Dies erfolgt mit so ungeheurer Selbstverständlichkeit und wirkt auf die allermeisten, gleichviel wie sie persönlich stehen mögen, so sehr als Krisenlösung, daß schon kurz nach der Katastrophe kaum jemand mehr glauben mag, das Alte hätte jüngst erst gewaltige Macht verkörpert. Dies galt zu unserer Zeit vom zaristischen Rußland. Kaum war es gefallen, erschien es bereits allen Lebendigen als Unmöglichkeit, weshalb keiner, welcher Rußland nur einigermaßen kennt, an eine Restauration des Alten glaubt, was immer dort in Zukunft werden möge. Gleiches galt grundsätzlich, wenn auch in viel geringerem Grad, vom wilhelminischen Deutschland. Es lag kein Sinn mehr dahinter, d. h. seine Formen bedeuteten für das historische Bewußtsein nichts mehr, mochten sie, im übrigen, an sich noch so kräftig erscheinen. Warum aber bedeuteten sie nichts mehr? Weil die entsprechenden Erbanlagen, Lebensanschauungen, Gewohnheiten und eingefahrenen Willensrichtungen den geistigen Mächten des Zeitalters keinen möglichen Körper mehr boten.

Seit anderthalb Jahrhunderten wird gegen die im Mittelalter unbeanstandete Kastenordnung angekämpft, und heute zerfällt sie wohl. Alle die, welche zählen, fühlen, daß dies in der Ordnung ist. Aber weshalb? Weil die natürliche Vererbung die Eigenschaften nicht perpetuiert, welche heute über die Bedeutung entscheiden. Heute kommt es auf Initiative, Überblick, Verstand, Geschmeidigkeit an — kein noch so großer Charakter ist ohne diese Eigenschaft fortan zur Führerschaft berufen1 —, sie aber lassen sich, soweit unsere bisherige Erfahrung reicht, nicht züchten. Die Eigenschaften hingegen, die in der Ritterzeit den Ausschlag gaben, wie Mut, Charakterfestigkeit als solche, normale politisch-taktische Begabung, lassen sich wirklich züchten; deshalb hatte der Ständestaat seinerzeit Sinn. Nun bedeutet Sinn auf geistigem Gebiet das gleiche wie Leben. Sobald einer sein Dasein als sinnlos empfindet, hört sein Streben auf (vgl. S. 183). Dies drückt sich historisch so aus, daß die Klassen und Typen, die keinen Antrieb mehr hinter sich haben, erstarren; sie werden zum Äquivalent einer toten Sprache, eines toten Rituals. Sie erstarren auf die Dauer so sehr, daß selbst eine etwa vorhandene höchste Begabung den Weg zur Initiative in diesem Medium nicht findet, und wenn überhaupt, dann nur im Durchbrechen des traditionellen Rahmens. So standen zu wirklich revolutionären Zeiten die Begabtesten aus den alten Kulturschichten instinktiv auf der Seite der Erneuerung.

Dies galt von La Fayette, Mirabeau, Talleyrand; es galt im höchsten Grad von Bismarck, dessen Einführung des allgemeinen Wahlrechts ein viel Revolutionäreres bedeutete als alles, was in Deutschland seit 1918 geschah; dies gilt im heutigen Rußland von Lenin, Lunatscharsky, Tschitscherin, von den großen Vorbereitern der Revolution, welche sämtlich dem Adel angehörten, zu schweigen. Die Völker- und Klassengeschichte bietet genau das gleiche Bild dar wie die der Kunst. Ein veralteter Stil findet auf die Dauer keine bedeutenden Vertreter; d. h. kein Begabter erwählt ihn, und wird er in ihn hinein geboren und durchbricht ihn nicht, so kann er nichts bedeuten (vgl. S. 55). Die Veränderung des Zeitsinns muß nun offenbar eine empirische Grundlage haben, und diese gilt es jetzt zu fassen, damit das bisher Erkannte uns nicht nur verstandesmäßig deutlich, sondern auch vorstellbar werde. Diese Grundlage hilft das Beispiel der Kunstentwicklung, an dem wir gerade halten, am besten bestimmen: diese erweist unzweideutig das Dasein eines kollektiven Unbewußten, jener zunächst mysteriösen Wesenheit, welche die analytische Psychologie postuliert, und die auch wir schon anzuerkennen gezwungen wurden (vgl. S. 56). Gustav Pauli hat gezeigt2, wie der Kunststil immer um eine Anzahl von Jahren der Entwicklung vorgreift: ein neuer Zeitgeist offenbare sich am frühesten durch das Medium der Künstlerseelen hindurch. Man könne die führende Malerei deshalb als Barometer ansehen; die philosophischen, religiösen und politischen Veränderungen folgten unfehlbar, nur in langsamerem Tempo, den künstlerischen auf deren Wege nach. Dies bedeutet zunächst, daß die neueingreifenden Sinneszusammenhänge sich zuerst den empfindlichsten Organismen innerhalb jeder Generation offenbaren, welches eben die künstlerischen sind. Es bedeutet aber weiter, und darauf will ich hier hinaus, daß die Veränderung der geltenden Sinneszusammenhänge an einer entsprechenden Veränderung der Seelen ihren empirischen Ausdruck hat.

Nur im Ausdruck wird Sinn ja wirklich; man versteht nur durch schon Verstandenes hierdurch, kann nur von bestimmt gegebener Basis her bestimmtes Neues schaffen (vgl. S. 268 ff.): die konkrete Wirklichkeit, welche die angeführten abstrakten Wahrheiten in diesem Fall betreffen, ist ein grundsätzlich gleichsinniger Seelenzustand bei allen Menschen einer gleichen Raumzeiteinheit. Im Oberbewußtsein mag nur Verschiedenheit zutage treten; das Unterbewußtsein aller ist gleichartig und hängt offenbar zusammen, denn sonst könnte keine nachweisliche Zeitgeisteinheit bestehen. Aus dieser Perspektive betrachtet, verkörpert die Geschichte eine unaufhaltsame Evolution des Unbewußten entsprechend den sich verändernden Bedeutungszusammenhängen; diese Evolution, von Generation zu Generation immer wieder überraschend, ist dasselbe, auf empirischer Ebene betrachtet, wie die Veränderung dieser; sie ist deren sinnlich greifbarer Ausdruck. Sie ist aber unaufhaltsam ebendeshalb, weil es sich um unbewußte Entwickelung handelt. Bewußte Entwickelung kann man durchkreuzen, unbewußte nicht. In diesem Fall schon gar nicht, weil sie Generationen auf einmal betrifft, die sich, sich selbst meist unbewußt, gegenseitig suggestiv beeinflussen.

Hierher rührt, von der erkenntnistheoretischen abgesehen, die empirische Unmöglichkeit, historisch etwas zu bedeuten, wofern die Willensrichtung dem Zeitsinn nicht entspricht3: da jeder Sinn, um verstanden zu werden, entsprechend ausgebildete Verstehensorgane erfordert, so muß er machtlos bleiben, wenn er zum kollektiven Unbewußten der Zeit in keinem Korrelationsverhältnis steht. Jetzt leuchtet wohl ganz ein, wieso es möglich ist, den Geist einer Zeit aus reinem Symbolverständnis heraus richtig zu lesen: das Geistige ist die Seele des Empirischen (vgl. S. 27), und da es diesem gegenüber das Primäre darstellt, so irrt man sich viel schwerer, wenn man unmittelbar auf den Sinn und nicht auf den sich unter dem Einfluß äußerer Zufälle unaufhaltsam verschiebenden äußeren Ausdruck achtet. Wer den Sinn als solchen schaut, kann zweifelsfrei bestimmen, was auf die Dauer möglich ist — und Unmögliches verwirklicht sich nie. Wenden wir uns von hier aus zum Konkreten zurück. Der alte deutsche Staat brachte nicht allein keine namhaften Führer hervor — er konnte gar keine hervorbringen. Weshalb? Weil bei der geisttötenden und willensschwächenden Routine, die seinen Betrieb beherrschte, alle Männer von Initiative ins Wirtschaftsleben gingen. Dort wimmelt es entsprechend von Köpfen und Charakteren. In Rußland gewährt zunächst nur politischer Radikalismus vorhandener Begabung nicht bloß äußere, sondern sogar innere Ausdrucksmöglichkeit, denn alle Formen von früher her sind tot. Daher die völlige Aussichtslosigkeit für alle unverwandelten russischen Emigranten, je wieder etwas in ihrer Heimat zu bedeuten.

In England erhält sich ein Mittelschlag an der Spitze, welcher in klugem Kompromißlertum eine Überstürzung der Entwicklung verhindert, entsprechend dem Tatbestand, daß das Britische Reich, das der Weltkrieg zweifelsohne mehr verwandelt hat als irgendein Land — denn das eigentliche England ist jetzt nur mehr ein englisch sprechendes Gemeinwesen unter anderen, von denen bald die Jüngeren bedeutungs- und politikbestimmend sein werden — seine Wandlung langsam und stetig zu vollziehen in der glücklichen Lage ist. Nun aber Frankreich? Frankreich steht heute als reaktionärstes aller Länder da, und doch fehlt es dort nicht an Begabungen, im Gegenteil. Dies hat den folgenden Sinn. Frankreich stellt heute eine Insel dar aus alter Zeit inmitten einer neuen Welt. Als einziges Land Europas mit seinen lebendigen Wurzeln in die Antike zurückreichend, ist es zu ausgestaltet, um sich noch weiter zu verändern. Um dessen wieder fähig zu werden, wird es bedeutender Blutauffrischung bedürfen, die während des Weltkriegs möglicherweise auch schon stattgefunden hat, aber vor zwei Menschenaltern kaum historisch wirksam werden kann. So findet es in sich, wie es 1914-18 den Mut der Verzweiflung fand, seither den Antrieb, sich bis aufs äußerste zu verteidigen. Es ist insofern in gleicher psychologischer Lage, nur mit umgekehrten Vorzeichen gleichsam, wie ein aufstrebendes Volk — es will seine Welt der Welt oktroyieren. So verfolgt es gerade jetzt die altrömische, in Napoleon wiederverkörperte Tradition, wo dieser Geist seine europäische Äußerungs­möglichkeit verliert; so treibt es ganz folgerichtig reine Gewaltpolitik und will nichts, unter keinen Umständen, von Europas Erneuerung wissen. So mag es sich noch eine ganze Weile als künstliche Vormacht halten. Ereignet sich aber irgendeinmal ein Ausgleich zwischen den so verschiedenen Barometerständen Frankreichs und der übrigen Welt, dann wird es unaufhaltsam, wenn auch für sich selbst vielleicht lange unmerklich, in relative Bedeutungslosigkeit zurücksinken. Denn läßt es den neuen Weltgeist überhaupt in seinen Körper hinein, dann wird sich dieser als den neuen Aufgaben nicht mehr gewachsen erweisen.

1Vgl. hierzu die Einleitung zu Politik, Wirtschaft, Weisheit, auch R. N. Coudenhoves bereits zitierte Broschüre Adel. Mit deren Inhalt identifiziere ich mich keineswegs, aber ich halte ihre Verbreitung für wichtig als Ferment. Gerade durch den berechtigten Widerspruch, den sie hervorruft, hindurch wird sie fortschrittsfördernd wirken.
2In Die Kunst und die Revolution, Berlin, Bruno Cassirer.
3Noch ein Beispiel hierzu aus dem Gebiet der Kunst: Worringer behauptet, die bildende bedeute heute nichts mehr; was einstmals sie bedeutete, gälte jetzt vom universellen Buch — und hat wohl recht damit, trotz aller vorhandenen Talente. Er hat aber recht nur deshalb, weil die Bedeutung das Primäre ist. Folgerichtig sind die modernsten Maler typischerweise klug, im Gegensatz zu ihren ebenso typischerweise tumben großen Vorgängern, und neigen zur Literatur.
Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Zweiter Zyklus:I. Die Symbolik der Geschichte
© 1998- Schule des Rades
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