Schule des Rades

Hermann Keyserling

Schöpferische Erkenntnis

Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn

Grammatik des Wirklichen

Es gibt sonach zwei grundsätzlich berechtigte Arten, das Denken anzusehen und mit ihm umzugehen: dieses ist wirklich einerseits Mittel zur Beherrschung der Außenwelt, andererseits unmittelbare Lebensform; morgenländisches wie abendländisches Denken führen innerhalb ihres Geltungsbereiches beide der Wahrheit zu. Dieses allein vermittelt Erkenntnis im wissenschaftlichen Verstand, jenes allein wiederum, als Typus genommen, metaphysisches Wissen. Inwieweit beide ihr Ziel bisher erreicht haben, will ich hier nicht untersuchen. Daß sie es auch nur einigermaßen bisher erreicht haben könnten, scheint aus dem prinzipiellen Grunde ausgeschlossen, daß beide Arten des Denkens offenbar einem Lebenszusammenhang angehören, da sie ja beide von fraglos wesensgleichen Geschöpfen ausgeübt werden, weshalb sie sich ergänzen müßten, und solche Ergänzung in der bisherigen Geschichte so wenig nachzuweisen ist, daß es von beiden Seiten heißt: nur die eine Art tauge, die eine schließe die andere als Wahrheitsversmittlerin aus. Wichtige Irrtümer, welche jede bisher beging, liegen offen zutage. Wie sehr wissenschaftliche Kritik dem Orient nottut, erkennt dieser längst selber an: sein Denken ist aus dem Zustand der Mythenbildung nie hinausgelangt und entwächst ihm deshalb sehr schwer, weil, wenn Kritik schon innerhalb nachweislicher Außenwelt nur mühsam zur Feststellung der wahren Verhältnisse gelangt, die Unterscheidung notwendiger Geistesausdrücke von willkürhaften Erfindungen innerhalb des Bewußtseins schier unerfüllbare Anforderungen an die Exaktheit stellt. Hier gibt es gar keine Hilfsmittel von außen her; der Seher des Geistigen kann sich an nichts von ihm unabhängigen orientieren, weil alles, was er erkennt, sich im Bereich seines Geistes und seiner Seele abspielt. Deshalb sind beinahe alle Theorien des Ostens falsch, die allermeisten seiner verstandesgemäßen Erklärungen; und da ein begriffsmäßiges Verstehen der geistigen Wirklichkeit doch nur vermittelst des Denkens als Erkenntnismittels gelingt, so ergibt sich a priori, was überdies Tatsache ist, daß der Osten seine eigene Tiefe in unserem Sinne nie verstanden hat. Insofern ist er über die Stellung des Dichters noch nie hinausgelangt, des Dichters, welcher mehr offenbart, als er versteht. Aus diesen wenigen Gründen allein schon darf die Weisheit des Ostens keinesfalls als letztes Wort der Menschheitsweisheit gelten. Aber umgekehrt fehlt uns modernen Westländern dermaßen der bewußte Kontakt mit der inneren Wirklichkeit, daß unsere kritische Überlegenheit sich, wo es Metaphysisches gilt, als Blindheit darstellt. Hieraus ergibt sich denn die Zukunftsforderung, und zu deren konkreter Grundlegung allein habe ich die Sonderbetrachtung über Osten und Westen angestellt: Will die Menschheit ein höheres Erkenntnisstadium erreichen, dann muß sie über Ost sowohl als West hinaussteigen. Wessen es für uns speziell bedarf, ist weder Veröstlichung noch Bescheidung bei der ererbten Richtung abendländischen Geisteslebens: ein Neues muß entstehen. Beide Betrachtungsarten gehören einem lebendigen Zusammenhange an; dieser erst gibt beiden ihren letzten Sinn. Dieser letzte Sinn muß zur Voraussetzung des künftigen Denkens werden.

Die Menschheit muß über Ost und West hinaussteigen. Zu verschmelzen sind beide deshalb nicht, weil westliches und östliches Denken auf ihrer Ebene letzte Instanzen darstellen, genau so, wie ein gegebener lebendiger Metaphysiker und ein gegebener Zweckmensch. Sie sind beide einseitig, was aber nicht bedeutet, daß sie etwa zusammengelegt werden könnten, sondern daß die Ganzheit des Lebens sich in jedem Falle einseitig ausdrückt. Quantitativ bewertet, kann jeder Menschentypus gleich voll oder erfüllend sein. Vom qualitativen Standpunkt gilt gleiches indessen nicht. Der metaphysisch Bewußte ist dem genialsten Streber, wie niemand bezweifelt, an Wert absolut überlegen. Woran bemißt sich nun aber der Qualitätsunterschied? — Er bemißt sich daran, wie weit jede Sonderbetätigung dem Zusammenhang jeweilig sinnvoll eingegliedert ist. Jeder Mensch muß essen; wer aber dieses zum Zweck des Lebens erhebt, steht unter dem Geistesmenschen, denn der Bedeutsamkeitsakzent ist falsch gelegt. Gewinnstreben ist notwendig; wer aber den materiellen Vorteil als Sinn des Lebens auffaßt, der mißversteht diesen, und sein Mißverständnis führt zu einer minderwertigen Persönlichkeitssynthese. Dies ist keine theoretische Behauptung, sondern ein Erfahrungssatz. Grundsätzlich nicht anders steht es jeweilig mit dem abendländischen und morgenländischen Denken, sofern jedes von ihnen den Sinn des Denkens erschöpfend realisieren soll. Unser Denker-Leben ist kein durchaus sinnvolles, weil das Denken als Mittel zum Zweck auch dort arbeitet, wo solches nicht am Platz ist; das des Ostens ist im gleichen Zusammenhange auch kein durchaus sinnvolles, weil es ausschließlich sinnbildlichen Ausdruck kennt und der Außenwelt deshalb nie wirklich gewachsen wird, wozu Denken doch gleichfalls dienen soll. Nun sind beide Betrachtungsarten organisch verknüpft. Es ist eine gleiche letzte Lebenssynthese, die des erkennenden Menschen, welche beide innerlich ermöglicht; zwischen beiden besteht ein notwendiger Zusammenhang insofern, als jede einer bestimmten Seite der Wirklichkeit gerecht wird, und beider Kenntnis nottut, um die Welt in ihrer Totalität zu fassen. Unter diesen Umständen präzisiert sich die Aufgabe, über West und Ost heraus zu gelangen, offenbar dahin, die Art des Zusammenhanges beider Denkerstellungen festzustellen und dessen Erkenntnis fortan zum bewußten Ausgangspunkt zu nehmen. Diese Art können wir nunmehr bestimmen; hierzu brauche ich nur an den kritischen Ergebnissen meiner Prolegomena zur Naturphilosophie anzuknüpfen. Das Leben ist das metaphysische Prinzip in uns; dieses realisiert sich, indem es sich in der Erscheinung ausdrückt. Seine Ausdrucksmittel hingegen gehören allesamt, ohne Ausnahme, der Natur an, in deren eindeutigem Gesetzeszusammenhang. Nun, zur Natur in diesem Verstand gehört auch das ganze westländische Denken. Dieses führt nie ins Metaphysische hinein, weil es sich ganz im Getriebe der Erscheinungswelt erschöpft, sich auf diese allein, seinem Wesen nach, bezieht, auf sie allein beziehen kann. Umgekehrt bringt das morgenländische nur das Metaphysische, das der Erscheinung zugrunde liegt, sinnbildlich zum Ausdruck und hat gar kein Verhältnis zur empirischen Außenwelt.

Hieraus ergibt sich die Art des Zusammenhanges beider Denkarten, welche wir feststellen wollten: das westliche Denken verhält sich zum östlichen nicht anders, wie das empirische Leben zum metaphysischen. Und aus dieser Feststellung ergibt sich weiter der methodische Weg, über die Einseitigkeiten von Ost und West herauszugelangen: beide Denkarten verhalten sich nicht bloß tatsächlich so zu einander, wie empirisches und metaphysisches Leben — sie müssen so auch bewußt auf einander bezogen werden. Unser abendländischer Geisteskörper, richtig eingestellt und vollendet ausgestaltet, wäre eben der angemessene Körper jenes Geistigen, das, an sich selbst, nur der Orient bisher typischerweise kennt. Oder anders gefaßt: Die Wahrheiten des Ostens verhalten sich zu den Wahrheiten, welche wir wissenschaftlich heißen, wie Sinneszusammenhänge zu grammatikalischen; denn die Welt der Naturgesetzlichkeit mag man füglich die Grammatik des Wirklichen heißen. Jetzt vermögen wir die bisherigen Erkenntnisse, westliche und östliche Art betreffend, in ihrer tiefsten Bedeutung zu fassen. Wenn die Weisheit des Ostens in exakt, und unsere Wissenschaft bis zu einem genau bestimmbaren Punkte oberflächlich war und ist, so liegt dies daran, daß der Osten, nur auf den Sinn bedacht, auf die Gesetze des Ausdrucks gar keine Rücksicht nahm, weshalb er wesentliche Wahrheit beinahe immer in der Form tatsächlichen Irrtums darstellt — daß der Westen, hingegen, seine auf ihrer Ebene richtige Erkenntnis bisher nie auf den diese letztlich tragenden lebendigen Sinn zurückbezog. Das Subjekt ist, so erkannte schon Kant, der objektiven Erkenntnis unübersteigbare Voraussetzung; in bezug auf jenes hat diese allererst Sinn; ein Bedeutungszusammenhang trägt, vom Geist her gesehen, die ganze Natur. Was uns fehlt, ist eben die Erfassung dieses Bedeutungszusammenhanges innerhalb seiner grammatikalisch, richtigen Artikulation. Dieser so naheliegende methodische Schritt über Kant hinaus muß endlich getan werden. Wird er nun aber getan, dann erweist sich die Geistesart, die bisher für den Orient ausschließlich typisch war, zu welcher der Westen bisher gar kein Verhältnis fand als Gattung genommen, als die eigentliche Seele der unsrigen; erschien diese häufig seelenlos, so hatte dies insofern seinen guten Grund. Unsere Seele lebte sich seit dem Anbruch des wissenschaftlichen Zeitalters — so paradox dies klinge — auf besonderem, abliegenden Gebiete aus, was ihr Leben zu einem exzentrischen Phänomen im Rahmen seiner Gesamtheit machte: dem Gebiete der positiven Religion als einem Reich des Glaubens im Gegensatz zum Wissen. Daß dieser Zustand ein ungesunder ist, liegt auf der Hand: unmöglich kann es frommen, das Zentrum des Lebens als exzentrische Nebenerscheinung zu mißdeuten, es muß veroberflächlichend und demoralisierend wirken. Andrerseits würde eine Rückkehr zur intellektuellen Blindheit, wie solche des mittelalterlichen Kosmos eine Voraussetzung war, einen verhängnisvollen Rückschritt bedeuten. Uns bleibt tatsächlich nur der eine Weg, das wissenschaftlich wahre zum Ausdruck des seelisch-wahren zu gestalten. Hier liegt denn offenbar die Aufgabe des kürzlich angebrochenen Neuen Zeitalters in der Geistesgeschichte. Das Problem der Seele stellt sich ganz anders, viel ernster, viel sachlicher möchte man sagen, als je bisher geschah. Hiermit nun wären wir über das Problem von Ost und West, das uns von jeher nur zum Sprungbrett diente, endgültig hinausgelangt. Das eigentliche, entscheidende Problem ist dieses: es muß das Geistesleben, das der Natursphäre angehört, überall auf seinen Sinn zurückbezogen werden. Dann erweist sich als ein Organismus, was bisher nur in zwei sich ausschließenden Typen der Welt bekannt war.

Hermann Keyserling
Schöpferische Erkenntnis · 1922
Morgenländisches und abendländisches Denken als Wege zum Sinn
© 1998- Schule des Rades
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