Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Epilog:Der Sündenfall

Erlösung vom Sündenfall

Kein Mythos ist jemals falscher ausgedeutet worden. Gilt auch nur eine der landläufigen Erklärungen, dann ist er irrsinnig. Schauen wir die unter Juden und Christen üblichste mit dem unmittelbar im Sinnbild verkörperten Sinn zusammen, dann erscheint uns die ganze explizite Schöpfungsgeschichte als falsch erzählt. Ist Gott das, als was ihn die Genesis darstellt, dann ist nicht der Mensch sondern Gott gefallen, denn ein solches Verhältnis der creatura zum creator, wie dies des Menschen Abfall von Gott bedeuten würde, widerspricht dem vorausgesetzten Gottesbegriff. Umgekehrt kann der erste Mensch, wenn überhaupt, nur sich selber, nicht Gott gegenüber gesündigt haben, denn der freie Wille ward ihm mitgegeben, und entschied er zu seinem Verderben, dann trug er damit vor sich selbst allein die Schuld. Doch es lohnt sich garnicht, bei überkommener Theologie zu verweilen: versenken wir uns lieber in den im Wortlaut und Wortgehalt lebendig-lebenden Sinn des uralten Mythos, auf Grund dessen das Essen vom Baum der Erkenntnis den ersten Menschen aus dem Paradies vertrieben und alles spätere Unheil und Elend zur Folge gehabt hätte. Was offenbart sich uns da? Nun, mir erscheint das Sinnbild bei aller Vieldeutigkeit inbezug auf den Grundsinn völlig eindeutig: in dem Augenblicke, wo der Mensch eben das zu unterscheiden lernte, worin auch für Gott der wesentlichste aller Unterschiede liegt, fiel er aus dem Zusammenhang der undifferenzierten Natur heraus. Diese war nicht gut oder böse, sondern beides auf einmal; die Deutung, daß sie ursprünglich nur gut gewesen wäre, widerlegt das bloße Dasein der Schlange und Gottes Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Da der Mensch vor dem Essen vom Baum der Erkenntnis nichts erkannte, so erlebte er das Falsche und Böse als solches nicht. Er war psychisch, mittels sicherer Reflexbogen und Instinkte, gleichermaßen harmonisch in die Gesamtschöpfung hineinverwoben wie Pflanze und Tier.

Die Fähigkeit denkenden Unterscheidens erwachte nun aber ohne gleichzeitige Veränderung des Gesamtwesens solcher Art, daß neue Harmonie ohne Unstetigkeitsmoment die alte abgelöst hätte; denn die Umwelt des Menschen war eine viel weitere geworden als die irgend eines Tiers und erforderte zu ihrer Meisterung allseitig neue Bereitschaften. Dann aber war die Erkenntnisfunktion als solche allzu unentwickelt. So verleugnete er erstens seinen geistigen Urgrund — das bedeutet Adams Ungehorsam gegenüber Gott. Dann legte er sich, anstatt die Welt zu verstehen, so wie sie wirklich ist, auf Vorurteile fest — hie gut, hie böse, was erlaubt ist, ist wahr, was verboten, falsch. Als böse empfand er zuerst seine naturgemäße Nacktheit, die er durch Erfindung der ersten Künstlichkeit, des Blättergewandes, zu überwinden suchte. Sodann erfand er die Sündhaftigkeit der Liebe. Nachdem damit die Harmonie des Paradieses endgültig zerstört war, schuf der Mensch keine neue zwischen sich als fortan initiatorischem Wesen und der zu nutzenden Natur, sondern er entwertete willkürlich die Arbeit zu Not und Pein und sah im natürlichen Tode gar der Sünde Sold.

Das Entscheidende bei diesem Wandel war, das stellt der überkommene Mythos unverkennbar dar, der Fall des Menschen aus dem Zustand allseitig lebendiger Beziehung zur Welt und Gott in einen Zustand der Isoliertheit. Immer weniger erkannte er die Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist, immer mehr dachte er, von Vorurteilen als Voraussetzungen ausgehend, nach, und so entfremdete er sich innerlich immer mehr der Natur und Gott zugleich. Konstruieren wir die fernere biblische Geschichte von der Vertreibung an bis zur Erscheinung Christi frei dem Sinn gemäß nach, so finden wir ungefähr dies. Es herrschte das lebensfeindliche Gesetz, die tote Satzung. Und dies tat es nicht einmal unbedingt: immer wieder zerstörte Ver-Brechen die künstliche Neuordnung. Aufruhr und Unterdrückung zusammen machten immer mehr Elementarkräfte frei, die außer Zusammenhang mit dem Ganzen verheerend wirkten. An Erkennen dachte bald niemand mehr, auch an friedliche Schöpfung nicht. Schon Kain erfand die Schrecknisse des Krieges zusammen mit dessen Verherrlichung — wo kein anderes Wesen der Gesamtschöpfung den Krieg kennt. Schon Abel verkörperte das seither typisch verbliebene Zusammenbestehen von Gutmütig- und Ahnungslosigkeit. Bald darauf erfand Onan die Unzucht, die den Menschen auch noch physiologisch isoliert und binnen kurzem — die damaligen Menschen lebten ja so lang, daß noch Noah den Adam gekannt haben muß, falls dies Entfernung nicht verhinderte — war das Menschengeschlecht so außer Rand und Band, daß Gott nichts anderes übrig blieb, als die ganze Gesellschaft zu ersäufen und mit einen nicht nur gottesfürchtigen, sondern auch tierliebenden, das heißt der Natur weniger entfremdeten Menschen einen neuen Versuch zu unternehmen. Doch auch an diesem wurde er nicht recht froh. Indem er ausgerechnet die Juden als Volk auserwählte, wodurch deren Anlage gemäß die ganze Weltordnung durch die Beziehung Gebot-Ungehorsam eindeutig bestimmt ward, gestattete er, daß die äußerst-denkbare Spannung zwischen Gott und Menschen zur Norm wurde, wodurch der Abgrund zwischen Natur und Geist noch weiter wurde. Die Menschenwelt ward zu einer vollkommen starren Rechtsordnung, die überdies den Nachteil hatte, der Natur überhaupt nicht Rechnung zu tragen. Alles an ihr war Künstlichkeit. Da blieb zuletzt Gott nichts übrig, als seinen eingeborenen Sohn hinzugeben — damit den ersten Fall, der ja auch ein Fall Gottes war, übertrumpfend — welcher des Menschen Sünde restlos auf sich nahm, und durch die Verkündung des Primats der Liebe dem Glauben an alle starre Norm das Fundament nahm…

Diese ganze Reihe impliziert schon das Sinnbild vom ersten Sündenfall. Alle Besiegung der Sünde durch Christus, dessen Gestalt schon früheste Propheten vorauserkannt hatten, setzte den Sündenfall Adams und Evas, so wie er uns überliefert ist, voraus. Was wir hier nun nachzeichneten, war nicht nur biblische, erst recht nicht nur hebräische Geschichte, sondern Menschengeschichte überhaupt, so wie sie noch heute verläuft, und alle Probleme, die mit dem Essen vom Baum der Erkenntnis und dem Verlust des Paradieses gesetzt sind, bestimmen heute noch das Menschenschicksal. Denn auch der Opfertod des Gottessohnes hat nicht geleistet, was er leisten sollte. Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist nun einmal das Differentialkennzeichen des Menschen. Gott hätte ein anderes Geschöpf als Krone seiner ersten Schöpfung schaffen sollen, wenn irgend eine Form von Heteronomie dauernd Segen bedeuten sollte. So beginnt denn mit dem Sündenfall jene Geschichte, die, schauerlich wie sie ist, den einzigen Weg möglicher Selbstentwicklung auf Erden eines seinem Geist nach freien, sonst aber erdgebundenen Wesens bedeutet. Und deren letztentscheidendes Motiv ist des Menschen Sehnsucht nach Höherem.

Die nächsten beiden Bücher werden die hiermit als erforderlich erwiesene Kritik der Geschichte und Kritik der Sehnsucht bringen. Hier sei noch so viel am Mythos vom Sündenfall richtig gestellt, weil diese Korrektur dem als Ganzheit vorläufigen Bild, welches dieses erste Buch bietet, die letzte Rundung gibt. Was den Menschen aus der paradiesischen Harmonie hinausverwies, war garnicht richtiges Erkennen, sondern falsches Denken. Jede Pflanze erkennt richtig, jedes Tier, denn Erkenntnis bedeutet nie anderes noch mehr als rechte Gleichung zwischen Subjekt und Gegenstand, weshalb es genau sowohl physiologische, instinkthafte, empfindungs- und gefühlsmäßige, intuitive und okkulte Erkenntnis gibt als verstandesgemäße. Es ist der Irrtum und die Irrtumsmöglichkeit, die auf diesem Gebiet den Menschen machen und auszeichnen. Die Irrtumsfähigkeit entstand nicht durch den Verlust der Fähigkeit zu richtiger Sinnesempfindung, richtiger Gefühlsreaktion, richtiger Schau, sondern durch das Eingreifen und bald Vorherrschend-Werden der außer Zusammenhang waltenden und vom Menschen falsch beurteilten Denkfunktion. Deren Sinn und Grenzen sind noch nie verstanden worden. Bis das aber der Fall ist, wird es keine Erlösung vom Sündenfalle geben.

Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
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