Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Der kritische Gesichtspunkt

Phänomenalität

Man suche nur nichts hinter den Phänomenen:
sie selbst sind die Lehre.
               Goethe

Kritik gibt es nur und kann es nur gehen von der Einstellung des Betrachters her; vom Erlebenden und Handelnden her ist Kritik unmöglich. Damit sind sinnvoller Kritik überhaupt, nicht nur der wissenschaftlichen, unüberschreitbare Grenzen gesteckt. Andererseits aber gibt es nichts, was sich, sofern es gegeben ist, nicht auch betrachten ließe. Insofern ist eine Kritik nicht nur der Erkenntnis und nicht nur des Menschen, sondern des Gesamtinhalts und -gehalts des erfahrbaren Weltalls möglich.

Die obigen Sätze enthalten das erste Axiom jeder möglichen gegenständlichen Weltschau und jedes möglichen gegenständlichen Weltbegriffs. Das zweite Axiom gibt das folgende Satzpaar Goethes angemessen wieder:

Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt gesetzt und mit solchen Organen begabt, daß er das Wirkliche und nebenbei das Mögliche erkennen und hervorbringen kann. Alle gesunden Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um sie her.

Die Theorie der Unwirklichkeit dieser Welt, die auf dem halben Weg zur Selbstbesinnung plausibel genug erscheint, und von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag so viele Verfechter gefunden hat, daß sie in vieler Augen geradezu als Grundlehre des Idealismus gilt, hält einer gründlichen Prüfung und einer ausgereiften Kritik nicht stand. Wohl bezeichnet die gegebene Wirklichkeit zu ihrem größeren Teile vom Standpunkt des denkenden Menschen weder eine logische noch sonst eine Notwendigkeit; wohl sind wir außerstande, irgendeine Gegebenheit, abgesehen von ihrem Vorgestelltwerden, betrachtend zu erfassen, wohl sind uns insofern nur Erscheinungen zugänglich, deren Eigentümlichkeiten für uns durch unsere Organe und Erkenntnisformen bedingt sind: aber aus diesem Bestimmungen folgt nimmermehr, daß unsere Welt eine unwirkliche sei. Vielmehr hat Kants kritische Lehre, daß unsere Welt Vorstellung und deren Bestandteile Phänomene sind, genau den gleichen Sinn, wie die Überzeugung des gesunden Menschenverstandes von der Wirklichkeit des Gegebenen. Schon Kant nämlich, der Begründer des transzendentalen Idealismus, hat es richtig erkannt und ausdrücklich ausgesprochen: die transzendentale Idealität ändert nichts an der empirischen Realität. Es gibt nämlich nichts, weder unter den Gegenständen, noch unter den Empfindungen, Gefühlen und Gedankendingen, was nicht zur Vorstellungswelt gehörte; was für mich da sein soll, muß mir bewußt geworden sein, und das betrachtende Bewußtsein kennt nur Erscheinendes. Deswegen kann es nicht gelingen, solang man bei der Betrachtung eines Gegebenen bleibt und dieses aus seiner Gegebenheit zu begreifen strebt, Erscheinendes von Nichterscheinendem abzuleiten. Denken mag ich freilich was ich will; nur vermittelt unabhängig von der Gegebenheit operierendes Denken niemals andere Erkenntnis, als das Denken selbst betreffende. Es ist recht eigentlich sinnlos, von einem Weltbegriff, der außer Zusammenhang mit der Erfahrung gewonnen wurde, auszusagen, daß er richtig sei, auch wenn er keinem Denkgesetze widerstreitet.

Bleiben wir nun bei der Art des Philosophierens, deren Ergebnisse richtig oder falsch sein können, so gelangen wir, als Betrachter, was wir auch unternehmen mögen, zu keinem Jenseits der Erscheinungswelt. Alle früheren Versuche, hinter die Erscheinungen zu blicken, sind gescheitert und allen künftigen steht das gleiche Schicksal bevor. Schopenhauers Lehre z. B., die äußere Natur sei ein bloßes Gehirnphänomen, wird durch die einfache Überlegung ad absurdum geführt, daß dieses weitenschaffende Gehirn ein Teil ebendieser Außenwelt ist, als deren Realgrund daher nicht angenommen werden darf; und seine Doktrin, einzig wirklich sei der Wille, wie er die Grundlage des Selbstbewußtseins bildet, schlägt der handgreiflichen Tatsache ins Gesicht, daß diese Grundlage des Selbstbewußtseins ein empirisches Phänomen gleich allen anderen ist. Schopenhauers Willensmetaphysik bedeutet das fragwürdige Unternehmen, aus einer gegebenen Erscheinung, deren absolute Wirklichkeit dekretiert wird, alle übrigen Gegebenheiten, die genau der gleichen Sphäre angehören, aber sämtlich unwirklich sein sollen, abzuleiten; sein Illusionismus hat keinerlei tragfähiges Fundament. Und gleiches gilt von jeder anderen Metaphysik, die aus einem auserwählten Wirklichen heraus die sonstige Wirklichkeit zu konstruieren, oder von jenem her über den absoluten Charakter dieser zu entscheiden unternimmt. Es ist ganz unmöglich, auf dem Wege der Introspektion zu nicht-phänomenalen Voraussetzungen zu gelangen, es ist ein verzweifeltes Beginnen, von einer metaphysischen Wirklichkeit her die Unwirklichkeit der Erscheinungswelt dartun zu wollen. Und mit den nichtmetaphysischen Weltanschauungen, welche zwar von einer nicht-phänomenalen Unterlage der Phänomene nichts wissen wollen, gleichwohl aber die Phänomenalität als Subjektivität verstehen, also im objektiven Verstand als Unwirklichkeit, ist es nicht besser bestellt. Denn diese enden, wenn sie folgerichtig sind, entweder bei der absurden Stellung des Solipsismus, oder aber bei jener Kosmologie abenteuerlichster Art, welche die objektive Welt aus subjektiven Empfindungen aufzubauen unternimmt. Durch letztere ist augenscheinlich gar nichts für die Erkenntnis gewonnen, da sie die empirische Wirklichkeit wohl unbeanstandet stehen läßt, aber auf eine Weise erklärt, die jedes Verständnis ausschließt: wie soll man zum Begriff einer Gegebenheit gelangen, wenn man sie zuerst als objektiv bestehend voraussetzt, dann aber als subjektive Spiegelung definiert, welche Ding an sich wäre1 und keinerlei Gespiegeltem entspräche? Es ist eben unsinnig, die objektive Unwirklichkeit der Erscheinungen zu behaupten, da Erscheinungen das einzige sind, was sich im betrachtenden Bewußtsein überhaupt nachweisen läßt, und die bloße Tatsache eines Bewußtseins, die jeder Denkende wohl oder übel voraussehen muß, an das Dasein eines Bewußtwerdenden gebunden ist; die Realität der Phänomene haben wir, wie wir uns auch stellen, wie immer wir sie deuten mögen, vorauszusehen. Wir müssen voraussetzten, daß sie wirklich da sind, genau wie wir selber da sind; daß das Bewußtsein nur Abbilder ihrer liefert, präjudiziert nicht das Mindeste über ihr selbständiges Sein, sofern dieses aus anderen Gründen erwiesen erscheint, denn Bewußtsein-haben bedeutet eben Spiegeln-können, d. h. in Bilderform von dem erfahren, was irgendwie auch für sich existiert. Jedes für mich postuliert ein korrelatives für sich, gleichviel ob dies im übrigen bewußt oder unbewußt, unselbständig oder selbständig, natur- oder bloß menschengeist-bedingt sei. Die hiermit umschriebene phänomenale Wirklichkeit, die einzige, die uns auf dem Wege der Erfahrung zugänglich ist, umfaßt aber die gesamte Vorstellungswelt. Sie umfaßt die Gegenstände, die wir sinnlich wahrnehmen, die toten wie die lebendigen; die Begriffe, die wir an ihnen bilden, die freien Schöpfungen der Phantasie. Es besteht für die allgemeine Phänomenologie, für die Wissenschaft vom Daseienden überhaupt kein prinzipieller Unterschied zwischen anorganischen und organischen, zwischen physischen und psychischen Erscheinungen, zwischen objektiv nachweisbaren Gegenständen und subjektiven Trugbildern; alles, was es gibt, ist ihr im gleichen Sinne Phänomen und folglich im gleichen Sinne wirklich. Von ihrem Standort aus gehört die innerlich-seelische Welt der gleichen Wirklichkeitsebene an, wie die äußerlich-ausgebreitete; Kulturgestaltungen sind ihr genau im gleichen Verstande real, wie die Naturformen. Wer etwa Ideen für ein minder Wirkliches halten sollte als die Kräfte der Physik, der überlege doch einmal, worin denn überhaupt Wirklichkeit sich äußert: sie äußert sich in der Wirkung oder, allgemeiner, der Wirkungsfähigkeit. Und da erscheint es denn doch mehr als bedenklich, den Ideen Jesu Christi oder Buddhas geringere Wirklichkeit zuzuerkennen als der Schwere oder dem osmotischen Druck. Wenn etwas im höchsten Sinne wirklich ist, dann sind es geistige Mächte, denn diese vermögen die Welt nicht bloß festzuhalten, sondern auch vorwärtszubewegen, sie bringen Neues hervor; sie erscheinen aus diesem Gesichtswinkel noch wirklicher sogar als lebendige Menschen, obschon sie letztlich auf diese zurückgehen mögen. Freilich setzt die Wirkung von Ideen aufnahmefähige Geister voraus, wo diese fehlen, dort vermögen sie nichts: aber ganz im gleichen Sinn ist das Licht seiner spezifischen Existenz nach an sehende Augen gebunden, und der Akkord an ein hörendes Ohr. Schlechthin jede Wirklichkeit setzt, um sich als solche zu bewähren, seitens dessen, was nicht sie ist, Auffassungsmöglichkeit voraus; darin unterscheidet sich die materielle in nichts von der geistigen. Andererseits steht aber auch bei keiner ein Für-sich-Sein in irgendeiner Form überhaupt in Frage. Dies gilt auch von den subjektivsten unter ihnen, denn wenn das Bewußtsein solche auch selbsttätig erschafft, so sind sie, einmal erschaffen, eben doch da. Gedanken und Gefühle, Einbildungen und Wollungen sind genau so reale Wirklichkeiten wie die Gegenstände, die wir betasten können, denn sie sind als Tatsachen wirksam, sind nachzuweisen und abzuleiten. Wir dürfen also sagen: Phänomen ist alles oder nichts, und Phänomenalität ist gleichbedeutend mit in der Betrachtung erfahrbarer Wirklichkeit.

Daher kann es nie und nirgends des Forschers Aufgabe sein, das Wirkliche aus dem Schein herauszulösen — er weiß nichts von unwirklichen Erscheinungen: sein Problem ist einzig die Feststellung des Tatbestandes und dessen erschöpfende begriffliche Fassung. Diese Feststellung ist nun freilich weniger einfach, als es den Anschein hat, und der Begriff ist nicht ohne weiteres zu gewinnen. Eine Tatsache steht erst in dem Augenblick fest, wo sie nach Umfang und Charakter bestimmt wurde, und ist erst dann begriffen, wenn sie im Zusammenhang übersehen werden kann. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit als gültig vorausgesetzter Bestimmungsmethoden und einer gesondert herauszustellenden Ordnung, die den Zusammenhang der Phänomene übersichtlich macht. Ein Gespenst zum Beispiel ist freilich nichts Unwirkliches; seine Wirklichkeit, im Fall es jemandem erschien, erkennt der kritischste Forscher unbedingt an. Um jedoch festzustellen, ob es tatsächlich gesehen wurde, wird er Untersuchungen anstellen, von denen er voraussetzt, daß sie die Frage entscheiden können, und um den Tatbestand zu begreifen, wird er ein System ersinnen, das den Zusammenhang der möglichen Realität des Gespenstes mit allen sonstigen Realitäten zu überblicken gestattet. Im vorliegenden Fall wird er zwischen der Wirklichkeit im Sinn des psychologischen Erlebnisses und der im Sinn der äußeren, objektiv festzustellenden Natur unterscheiden und vielleicht zur Entscheidung gelangen, daß das Gespenst nur im ersteren Verstande wirklich ist, im Rahmen der Natur hingegen keinen Plan findet und folglich als Halluzination zu begreifen ist. Ohne ein System solcher Art ist überhaupt kein Begriff zu gewinnen, es sind aber, grundsätzlich gesprochen, unendlich viele Systeme möglich, die im gleichen Sinne anwendbar erscheinen, und sich nur durch den Grad ihrer Zweckmäßigkeit dem Wert nach unterscheiden. Das elementarste von allen ist das auf äußeren Merkmalen fußende, das System als vollständiger Katalog, ein rein statisches Gebilde, das nur den äußerlich gegebenen Tatbestand umrahmt und nichts von dessen Gesetzen zum Ausdruck bringt. Die Zweckdienlichkeit eines solchen ist gering, in mnemotechnischer Hinsicht höchstens kann es nützen, es spielt daher kaum eine Rolle in der Wissenschaft. Nur dynamische Systeme, d. h. solche, welche die allgemeinen und konstanten Beziehungen zwischen verschiedenen und wechselnden Erscheinungen festhalten und womöglich einen augenblicklichen vollständigen Überblick über alles nur mögliche Geschehen innerhalb aller konstruierbarer Räume und zu allen erdenklichen Zeiten gestatten, entsprechen wirklich den Anforderungen des Erkenntnisstrebens. So hat sich die am weitesten vorgeschrittene Naturwissenschaft, die Physik, über das Konkrete schon vollständig erhoben und arbeitet ausschließlich mit abstrahierten Beziehungen zwischen Symbolen, die ihrerseits nicht für Gegenstände, sondern für Relationen stehen. Aber diese Vereinfachungen, Verdichtungen und Zurückführungen führen doch nirgends aus dem Rahmen der ursprünglichen Gegebenheit in eine andere Welt hinaus: kein Begriff der Physik, so abstrakt er auch sei, entspricht einer nichtphänomenalen Wirklichkeit. Atome, Elektronen, Ätherwirbel, unsichtbare Massen und Bewegungen, soweit es solche unabhängig von ihrem Gesetztsein gibt und sie nicht konstruierte Hilfsannahmen der Wissenschaft bedeuten, sind Erscheinungen wie andere auch; sie sind genau so wirklich und genau im gleichen Sinn, wie die zusammengesetzten Phänomene, durch deren Analyse sie entdeckt wurden. Freilich gehören viele Annahmen der Physik nicht in die Sphäre der objektiven Wirklichkeit: es sind Werkzeuge der Forschung, Hilfsmittel, Erkenntnisschemen; solche Wesenheiten sind wirklich nur als Geistesgebilde, das sie anerkennende Bewußtsein ist ihr Seinsgrund und ihr einzigstes Gebiet, in den Rahmen der objektiv zu erforschenden Welt gehören sie nicht hinein. Aber dies bedeutet nicht, daß sie keine Erscheinungen wären, sondern daß sie in engerem Sinn Erscheinungen sind als die Phänomene, zu deren Bewältigung sie dienen. Phänomenologie überhaupt bleibt die Wissenschaft unter allen Umständen, aus dem Umkreis der Phänomene hinauszuführen geht über ihre Kraft. Goethe hat der Forschung im allgemeinen einen Wahlspruch gegeben, den jeder einzelne Forscher zum seinigen machen sollte, denn ein besserer läßt sich nicht ausdenken. Er lautet:

Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: sie selbst sind die Lehre.

Die Phänomenologie kann nun naiv oder kritisch sein, und letzteres in verschiedenem Grad und Umfang. Naiv ist sie, insofern sie bei der bloßen Feststellung des Tatbestandes Genüge findet, ohne nach dessen Sinn zu fragen; kritisch, soweit sie auf Sinn und Stellung der Phänomene Rücksicht nimmt und das Einzelne im Zusammenhang betrachtet. Naiv ist jede Einzelwissenschaft als Spezialdisziplin, da sie den Ausschnitt der Wirklichkeit, der ihr Forschungsobjekt ist, als solchen hinnimmt und seine Stellung im Gesamtbilde der Welt nicht in Frage stellt, innerhalb dieses Ausschnitts aber verfährt sie kritisch, indem sie nämlich den Zusammenhang der Phänomene und ihre Ordnung festzustellen und zu entwirren unternimmt. So ist die Psychologie qua Psychologie naiv, denn sie läßt die Stellung der psychischen Erscheinungen innerhalb der Totalität des Gegebenen außer acht, kritisch hingegen auf ihrem abgegrenzten Gebiet, insofern als sie eine Halluzination zum Beispiel von einem äußeren Eindruck unterscheidet. Es liegt nun auf der Hand, daß eine allgemeine Phänomenologie überhaupt nur insofern von Wert sein kann, als sie kritisch ist, da hier das Spezialgebiet, welches vorausgesetzt wird, eben die Totalität als solche ist, und die Spezialaufgabe darin besteht, den Zusammenhang sämtlicher Phänomene zu begreifen. Und hieraus ergibt sich sofort und als erstes die Notwendigkeit einer Kritik der Vernunft. Es besteht nämlich ein überaus merkwürdiges Verhältnis zwischen den Dingen und der Art, wie sie uns begreiflich werden. Aus der scheinbar unverfänglichen Tatsache, daß wir nicht vermittelst der Dinge selbst, sondern vermittelst menschlicher Symbole, der Begriffe, denken, ergeben sich Erscheinungen wunderlichster Art: zum wissenschaftlichen Verständnis der Natur, die als solche, in ihrem Dasein und Sosein, jedem Kinde ohne Umwege gegeben ist, sieht der Verstand sich genötigt, von Grundsätzen auszugehen, deren Gültigkeit aus der Erfahrung nicht erschlossen werden kann, Hypothesen aufzustellen, deren Verifikation meist unmöglich ist, und mit Wesenheiten als mit Wirklichkeiten zu operieren, die in der Gegebenheit unmittelbar nicht nachzuweisen sind. Es ist aus der Erfahrung nicht zu erweisen, daß die Substanz sich erhält, daß die Frage nach der Ursache überall berechtigt ist, daß zweimal zwei vier und nicht fünf ergeben müssen; es läßt sich nicht entscheiden, ob es wirklich einen Äther gibt, um so mehr als seine postulierten Eigenschaften nicht zum geringsten Teil gedankliche Absurda sind; es ist bei aller Phantasie nicht zu verstellen, wie die vielfache Natur aus einfachen Ureinheiten bestehen, das heißt also, wie Ungleichartiges aus der Summierung gleichartiger Teile zustandekommen soll. Und doch wäre ohne unerweisbare Grundsätze überhaupt keine Erfahrung möglich, ohne Äther­hypothese keine befriedigende Lichttheorie und ohne eine Atomistik, die der Zerteilbarkeit willkürlich an einem bestimmten Punkte Grenzen setzt, kein handliches Natursysteme. Es ist also möglich, auf Grund eines unerweislichen Allgemeinen alles Besondere zu erweisen, durch Erdachtes das Gegebene zu erklären, in der Fiktion die Wirklichkeit vorwegzunehmen. Wie wenig die Begriffe der Wissenschaft mit dem Gegebenen gemein haben, wie willkürlich und schlecht fundiert sie immer scheinen mögen: sobald wir die Ergebnisse ins Auge fassen, müssen wir zugeben, daß ihre Annahme berechtigt war — denn die Ergebnisse des Denkens stimmen mit den Daten der Erfahrung überein. Unter diesen Umständen ist es jedenfalls das erste und wichtigste Problem der allgemeinen Phänomenologie, zu erforschen und festzustellen, wie sich die Gedanken zu den Dingen verhalten. Denn da unser Weltverständnis auf Begriffen fußt, und diese mit den Gegenständen nicht identisch sind, so hängt der Sinn jeder Theorie überhaupt vom Sinn der Begriffe ab. Wie verhält sich die Wissenschaft der Phänomene zum Inbegriff der Phänomene? Denn auch die Theorie ist ein wirkliches Phänomen. — Diese grundlegende Frage entscheidet die Kritik des Erkenntnisvermögens. Diese bekümmert sich, kurz gesagt, nicht um die Ergebnisse, sondern um die Voraussetzungen möglicher Wissenschaft.

Wichtig ist nun, zu begreifen, daß der Standpunkt der Erkenntniskritik keiner anderen Sphäre angehört als der des exakten Naturforschers. Er unterscheidet sich von dem letzteren allein durch seine Höhenlage, und damit durch die Weite des Gebiets, das er beherrscht. Er übersieht nicht allein die Außenwelt, wie sie dem Menschen erscheint, er überschaut noch dazu den erkennenden Menschen im Zusammenhang mit ihr. Unter den objektiven Beziehungen, die in der Wirklichkeit gelten, begreift der kritische Philosoph die Beziehung zwischen Weltall und Menschengeist mit hinein. Diese aber stellt er auf genau dem gleichen Wege fest, wie der Experimentator ein physikalisches Phänomen, und genau im gleichen Sinn, wie dieser, ersinnt er die deutende Theorie. Unter Philosophen ist Kant als erster ein kritischer Forscher gewesen, er als erster hat nicht durch metaphysische Dekrete, sondern auf dem Wege exakter Analyse seine Ergebnisse gewonnen, und sein Scharfsinn war so groß, daß die geistigen Grundlagen seiner Theorie noch heute, prinzipiell unerschüttert, feststehen. Diese Grundlagen sind die folgenden: unsere Welt ist Vorstellung, von den Erkenntnisformen bedingt und gestaltet; die Anschauungsformen und Denkkategorien sind Bedingungen, die Begriffe Werkzeuge der Erkenntnis; sie bedeuten keine extraphänomenalen Realitäten irgendwelcher Art, sondern Rahmen, in welche wir die Wirklichkeit einordnen, oder Organe, mit der wir sie fassen müssen, sofern wir sie verstehen wollen. Ohne Erkenntnisschemen, die zweifelsohne in der menschlichen Natur ihren Grund haben, ist begriffliche Erkenntnis par définition unmöglich.2 — Auf diese Weise erklärt sich das paradoxe Verhältnis, das jeden aufmerksamen Forscher stutzig machen muß — das Verhältnis, daß die Wissenschaft nicht zum geringsten Teil mit Begriffen operiert, deren Naturgemäßheit fragwürdig bleibt, ja daß sie oft dank Symbolen, die an sich selbst nicht zu verstehen und kaum zu denken sind, zu richtigen und verständlichen Ergebnissen gelangt: da Begriffe Werkzeuge sind, da sie nur für ein Verhältnis des perzipierenden Geists zu den Gegebenheiten stehen, so können sie sogar, unbeschadet ihrer Brauchbarkeit, an sich selbst des Sinnes entbehren.3

1Ganz konsequent in dieser Auffassung ist meines Wissens nur William Kingdon Clifford gewesen, dessen (deutsch bei I. A. Barth in Leipzig erschienene) Abhandlung: Von der Natur der Dinge an sich aus diesem Grunde lesenswert ist. Aber denkt man gewisse Gedankengänge Ernst Machs zu Ende, so gelangt man notwendig zur gleichen Gesamtansicht.
2Hier und in allem Folgenden halte ich mich an den Geist und nicht an den Buchstaben der Kantischen Kritik; dies sei an dieser Stelle ein für alle Male ausgesprochen. Es ist, wo es sich um wahrhaft große Gedanken handelt, nicht nur ungerecht, bei durch das Zeitalter bedingten und insofern gewissermaßen unpersönlichen lrrtümern zu verweilen, sondern vor allen Dingen zwecklos und schädlich, da für uns Lebende nur das Positive in Betracht kommt und anhaltende Betrachtung des Unzulänglichen die Auffassung des Wahren beeinträchtigt.
3Diesen Gedanken hat Vaihingers Philosophie des Als-Ob am konsequentesten durchgeführt. Letzteres Werk, das mir übrigens erst 1920 bekannt geworden ist und meine Ausführungen von 1907 und 1910, die sich in mehreren Punkten mit den Vaihingerschen decken, folglich nicht hat beeinflussen können, wäre eventuell zu besserem Verständnis des Vorliegenden nachzulesen, obschon darin eine ursprünglich fruchtbare Betrachtungsart, weil zu weit durchgeführt, in eine verfehlte Synthese einmündet.
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
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