Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen

Bestimmung

Aus den letzten Worten ging hervor, daß das Kollektive und Gemeinschaftliche an sich ohne spezifisch geistige und spirituelle Bedeutung ist, doch daß es solche Bedeutung gewinnen kann. Wie geschieht das? Es hat Zeiten gegeben, da sich das Spirituelle unmittelbar durch das Kollektive hindurch offenbarte. Das waren die Zeiten, da zuerst die großen Kulte, darauf die großen Mythologien geboren wurden. Die Forderung dieser spirituell bedingten Gemeinschaft lebt in der Idee der Kirche fort, deren ursprünglichen Charakter der Begriff der russischen Theologie Ssobornostj am besten wiedergibt, weil er ein funktionaler ist: er bedeutet wörtlich Kathedralentum, Konziltum und Gesammeltheit zugleich, das heißt einen geistlichen Gemeinschaftskörper, in welchen sich einerseits der Heilige Geist ergießt und welcher andererseits dem Geistigen aller Menschen immerdar der Übermacht des Nicht-Geistigen gegenüber einen besonderen Körper gewährleistet, welcher ausschließlich gemäß den Normen des Geistes lebt. Die religiös begabtesten Völker der bisherigen Geschichte kannten und kennen nun zwar den Begriff der Kirche nicht. Zweifelsohne entspricht sie keiner religiösen Notwendigkeit. Ihr Dasein hat, soweit ich sehe, drei Seinsgründe: das frühchristliche Dogma, daß der Gottessohn sie zum Heil der Menschheit instituiert hätte, aber mehr noch den römischen Juridismus, der alle Ordnung ein für allemal fixiert sehen will und den germanischen Institutionalismus, der alle lebendigen Impulse so schnell als möglich in Anstalten und Einrichtungen auffängt. Doch so vieles an der Kirche empirisch bedingt sei: die Idee, welche der Ssobornostj zugrunde liegt, ist für alle Menschen wahr.1 Geist fordert überall Einheit; er vereinheitlicht das Vielfältige in der Dimension der Intensität. Doch das ist nur der eine Aspekt des Zusammenhangs: andererseits be-geistet Geist von innen her alle Vielfalt, in die er eingebrochen ist. Damit vereinheitlicht er sie real von innen her. Und damit manifestiert sich eine neue Gemeinsamkeit oder Gesammeltheit, die in ihrer kirchlichen Verkörperung zum Unterschied von sonstigen auf deutsch Gemeinde genannt wird und der Idee nach alle Menschen umfassen soll, zwecks Verwirklichung des göttlichen Heilsplans, die aber in Wahrheit von jeder Organisation unabhängig ist. Über die Idee der ausgestalteten Kirche hat vom Begriffe der Ssobornostj her Berdjajew das Schönste und Tiefste geschrieben, was ich kenne. In seiner Philosophie des freien Geistes heißt es (S. 376/77):

Die kirchliche Erfahrung beginnt damit, daß ich die Enge, die Verschlossenheit meiner seelischen Welt überwinde, wenn ich in die Einheit der großen geistigen Welt eintrete, wenn ich Spaltung und Trennung überwinde, wenn ich Raum und Zeit überwinde. Das geistige Leben ist metaphysisch sozial, nicht individualistisch. In der kirchlichen Erfahrung bin ich nicht allein; ich bin zusammen mit allen Brüdern im Geist, die allerorten und zu aller Zeit gelebt haben. Ich selber bin eng und weiß wenig. Meine Erfahrung umfaßt nicht die Fülle und Vielgestaltigkeit des Seins und viele bestimmende geistige Begegnungen habe ich allein nicht gehabt. Ich kann aber aus mir selber heraustreten, metaphysisch die Grenzen meiner Selbst überschreiten; ich kann an der Erfahrung der mir im Geiste Verwandten, an der überpersönlichen Erfahrung teilnehmen. In der religiös-kirchlichen Erfahrung, in der Begegnung mit Christen ist der Mensch nicht einsam; hier bleibt er seiner Enge nicht überlassen; er ist mit allen jenen zusammen, die wann je diese Erfahrung gemacht haben, er ist mit der ganzen Christenwelt verbunden, — mit den Aposteln, mit den Heiligen, mit den Brüdern in Christus, mit den Verstorbenen und den Lebenden. Der Kirche gehören nicht nur die Generationen der Lebenden an, ebenso real gehören ihr die Generationen aller Verstorbenen an; sie alle sind in der Kirche lebendig; es besteht reale Gemeinschaft mit ihnen. In der Kirche, im Geiste der Gesammeltheit, ist das Klopfen eines gemeinsam-einigen Herzens zu spüren.

Auch die auf die zitierten folgenden Auseinandersetzungen Berdjajews sind sehr beherzigenswert. Nichtsdestoweniger bleibt die Kirche als solche eine zeitbedingte Erscheinung, und das ewig Wahre, welches sie verkörpert, ist an keine traditionelle Form ihrer gebunden. Am neutralsten und zugleich gegenständlichsten bezeichnet man die ideelle Einheit, welche die Kirche verleibt, indem man sie Menschheit heißt, das Wort so verstanden, wie dieses Schillers Begriff einer Menschheit im Menschen impliziert und wie ich ihn in meiner Unsterblichkeit als Krönung meiner Gesamtschau des Lebens neu bestimmt habe. Denn auch die Menschheit ist ein rein Geistiges, auf der empirischen Ebene nicht Nachweisbares.

Der also verstandene Menschheitsbegriff begann in dem Augenblick, da in Europa Verstehen den blinden Glauben abzulösen begann — also mit der sogenannten Aufklärung —, die Idee einer Kirche als der einzig möglichen Verkörperung des Geists als solchen abzulösen. Im Lauf des letzten Jahrhunderts verflachte er indessen immer mehr; er verfälschte sich; zuletzt wurde er vollkommen falsch. Er verlor seinen ganzen spirituellen Gehalt; das Universale wurde als das Allgemeine mißverstanden, an die Stelle des geistigen Sinnes trat die Quantität und an die der Ideale des Seelenheiles und der Selbstverwirklichung trat immer mehr das des größten materiellen Nutzens oder Behagens für die größte Zahl. Kein Wunder, daß die Idee der Menschheit im Verlauf dieses Prozesses den größten Teil ihres Prestiges einbüßte. Auf der empirischen Ebene gibt es überhaupt keine Menschheit, sondern nur Völker, Gruppen und Einzelne mit ihren Sonderinteressen. Und wer dieses Verhältnis mißversteht, wer spirituell-Wahres in eine Sprache zu übersetzen versucht, die es nicht auszudrücken vermag, von dem gilt die italienische Formel: traduttore traditore. Tatsächlich haben seither erschreckend viele um der Menschheit willen an Völkern und Menschen schwärzesten Verrat geübt (RM, II). Nichtsdestoweniger präexistiert die Menschheit, als rein geistige Wesenheit verstanden, auf ihrer eigenen Ebene allen Einzelnen nicht allein, sondern vor allein aller engeren Gemeinschaft. Auf diese Wesenheit bezogen sich alle Gebote Christi; in ihrem Namen gebot er seinen Nächsten zu lieben, ob Freund oder Feind, denn im Geist sind tatsächlich alle Menschen eins. Doch auch die indische Alleinslehre mit ihrem tat twam asi meinte Gleiches. Auf die Menschheit allein bezieht sich der geistige Gerechtigkeitsbegriff: es gibt keine Gerechtigkeit, die als Verwirklichung dieses in jedem lebendigen absoluten Ideals anerkannt würde, welche nicht oberhalb aller Einzelnen nicht allein, sondern auch aller Völker, Glaubensgemeinschaften und Weltanschauungen thronte. Gleiches gilt nun von allen instinktiven Wertungen. Menschheitsaufgaben, Menschheitswerte, Menschheitsfortschritt, Zierde der Menschheit, der Menschheit zur Ehre gereichen sind Vorstellungen und Begriffe, deren Inhalt jedem Geistbewußten evident ist. Nur auf die Menschheit, in der Tat, und niemals auf engere Kreise, beziehen sich die sogenannten absoluten oder ewigen Werte. Das heißt, sie beziehen sich überhaupt auf nichts Empirisches, sondern einzig und allein auf den tiefsten geistigen Ur-Grund jedes Menschen, welcher weder besonders, noch allgemein, sondern universal ist. Das ausnahmslose Dasein dieses Phänomens bei allen, welche die fragliche Bewußtseinsstufe erreicht haben, beweist denn, was wir zu Anfang nur behaupteten: nämlich daß bei der heutigen psychischen Struktur des Menschen die gleiche metaphysische Wirklichkeit, die sich im mythologischen Zeitalter dem Kollektiven und durch dieses hindurch offenbarte, sich mittels der Einzigkeit des Einzelnen manifestiert; daß Christus diesen Dimensionswechsel durch sein Auftreten, seine Persönlichkeit und seine Lehre eindeutig bestimmte, ist der wahre Grund dessen, warum man mit seinem Erscheinen im Okzident mit Recht eine neue Ära anbrechen läßt. In meiner Sprache ausgedrückt: mit Christus war eine neue Etappe im Prozeß des Einbruchs des Geists erreicht. Doch dieser Prozeß dauert an, geht weiter und vorwärts; und andererseits beginnt er mit jedem Menschenleben neu. In jedem Einzelnen ist dieser Prozeß es, auf den sich der wahre Fortschrittsbegriff bezieht (SE, s. Register). Immer mehr sucht der Geist durch das einzige Individuum hindurch alles Menschenleben zu durchdringen. So kann man heute schon sagen: innerhalb jeder Familie, jedes Volkes, jeder Glaubensgemeinschaft vollendet sich ausschließlich der, welcher als soziales Wesen, in seinem Beruf, mittels seiner Sonderbetätigung Menschheitswerte verwirklicht. Damit wird denn eben das Kollektivum be-geistet, welches ursprünglich und von sich aus eine untermenschliche Bindung darstellt.

Aber freilich erscheinen deren Forderungen nun transfiguriert. C. G. Jung hat in seiner Studie Vom Werden der Persönlichkeit (in Wirklichkeit der Seele, Zürich 1934, S. 194) das schöne deutsche Wort Bestimmung gar sinnvoll seinem ursprünglichen etymologischen Verstand gemäß verwendet — nämlich als Be-Stimmung — und dabei gezeigt, daß dieses Wort unleugbare Wirklichkeit wissenschaftlich exakt beschreibt. Überaus viele derer, welche sich einer Bestimmung bewußt waren und sind, erlebten und erleben dieselbe als Zu- und Anspruch einer dem Ich fremden Stimme. Dies hat seinen guten Grund: wird geistige Persönlichkeit geboren, oder was Gleiches bedeutet: bricht Geist in ein schon gestaltetes Seelengefüge ein und konstituiert sich als dessen Kern, dann besteht zunächst ein bewußt als solcher empfundener Unterschied zwischen dem Ich und dem neuen Zentrum, das sich eben als Stimme aus dem Inneren kundgibt. Es gibt viele Grade und Arten solcher Spaltung, je nach dem Niveau, auf dem sich geistige Persönlichkeit bildet; es gibt viele Formen möglicher Synthese. Eine der höchsten beschreibt die Erklärung Pauli nicht ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Die allerhöchste, von der wir unter westlichen Menschen wissen, deckt sich mit Meister Eckharts Begriff eines Entwordenseins; Eckhart verstand darunter Be-Geistung des ganzen Lebens durch reinen Geist, dank welcher aller Nicht-Geist im Menschen seine Selbständigkeit und selbständige Bedeutung verliert. Sehr wenige haben auch nur des Sokrates Daimonion-Erlebnis gehabt, von dem des Paulus zu schweigen. Andererseits aber fühlt schlechthin jeder, welcher in irgendeinem Grade geistige Persönlichkeit ist, oder unterwegs zu ihr, daß er eine Be-Stimmung hat; und jeder solche lebt ihr an erster Statt; in ihr sieht er den persönlichen Sinn seines Lebens.

Was ist es nun mit diesem persönlichen Sinn? Er bezieht sich allemal auf im üblichen Verstand Persönliches und Gemeinschaftliches zugleich. Andererseits aber bezieht er sich weder auf die persönlichen Wünsche des Individuums noch auf empirische Gemeinschaftsforderungen. So sehr ist dies der Fall, daß hier in bezug auf erstere Jesu Aufschrei auf Gethsemane das Prototyp darstellt, und daß beinahe alle großen Be-Stimmten im Gegensatz standen zu dem, was die Gemeinschaft von ihnen wollte; so lehnte der gleiche Jesus, obgleich er sich als Messias fühlte, die traditionell festgelegte Rolle eines solchen ab. Niemals deckt sich die Be-Stimmung mit dem Beruf im üblichen Sinn, nie mit einer empirischen Kollektivaufgabe. Allemal handelt es sich, wie wir es früher im Gegensatz zum Berufe hießen, um Berufung, welche auf die sozialen und kollektiven Triebe und Notwendigkeiten niemals zurückzuzuführen ist. Die Bestimmung und Berufung bezieht sich allemal auf jene Gesammeltheit, deren Anerkennung als einer supremen Realität der Seinsgrund des Kirchengedankens ist; demnach handelt es sich allerdings um ein Persönliches, doch um ein sozusagen Trans-Personales oder Trans-Subjektives (W, I, B, 1, C, 3); wohl um ein Kollektives, doch um ein vom Standpunkt aller empirischen Gemeinschaft Trans-Kollektives. Besteht zwischen diesen beiden Kollektiven überhaupt eine notwendige Beziehung, dann liegen die Dinge so, daß sich geistig-Universales mittels des generell-Kollektiven ausdrückt. Erst am Ende dieses Buches können und wollen wir dieses zugleich Trans-Personale und Trans-Kollektive, diese letzte Instanz und diesen Urquell zugleich aller Metaphysik und Religion, als eigentliches Thema behandeln. Doch da es sich hier um Wahrheiten handelt, die in noch so vorläufiger oder unexakter Fassung niemandem fremd sind, so können wir in diesem Zusammenhang von einem Teile dieser ausgehen. Wir sagten, die metaphysische Wirklichkeit sei zugleich transpersonal und transkollektiv: eben deshalb ist Be-Stimmung nicht nur allemal, sondern wesentlich historisch: persönliche Einzigkeit und kollektive Erforderlichkeit treffen sich in der Erfüllung einer geistigen Aufgabe, welche sich so nur jetzt und hier stellt. Dieses Zusammentreffen ist es, was das griechische Wort Kairós meint innerhalb des gleichmäßigen Flusses der Zeit. Hier offenbart sich eine tiefe und wesentliche Beziehung zwischen rein-Persönlichem und für alle Gültigem. Es ist eben die Beziehung, die ihren für die bisherige Menschheitsgeschichte klassischen Ausdruck im Christus-Mythos gefunden hat.

Nichtsdestoweniger ist es niemals das Geschichtliche oder die geschichtliche Bedeutung, auf die es beim persönlichen Leben letztlich ankommt, und dies sogar im Fall historisch wirklich bedeutsamer Personen nicht. Diesen Aspekt hat Wilhelm Rößle in seinem Buch Heroische Politik (Jena 1934) so glücklich beleuchtet, daß ich ein Zitat daraus hersetze:

Nur da, wo sich Persönlichkeit mit einer Geschichtsaufgabe trifft, ist Geschichte der Persönlichkeit günstig. Sie ist in diesem Fall bereit, das Persönliche ins Überpersönliche zu steigern. Sonst aber schätzt sie Persönlichkeit nicht, sondern liebt die gleichförmige Masse als Werkzeug eines Führers oder eines stummen Willens. Persönlichkeiten gedeihen im Schatten der Geschichte oder im Kampf mit ihr, selten in ihrem Zug. Ergebnisse der Geschichte kommen zwar dem Einzelnen zugut, aber sie werden meist gegen ihn errungen. Ein Abbild davon ist das Verhältnis des Einzelnen zum Staat. Er wächst an ihm, dieser unterdrückt ihn aber auch für seine Zwecke. Er gibt dem Einzelnen Halt und Haltung, Form und Gepräge, Rahmen und Grund, er liefert ihm aber auch Schema und Schablone, Uniform und Kommando.

Das Miterleben großer Zeiten bedeutet in der Tat für das persönliche Schicksal der überwältigenden Mehrzahl aller Menschen gar nichts. Schicksalsträger aber fühlen sich desto demütiger als Personen, je klarer sie sich ihrer Sendung bewußt und je stärker sie als Charaktere sind: sie fühlen, ihr Persönliches als solches zählt überhaupt nicht. Sind sie geistig voll erwacht, dann stellen sie die Frage sehr anders, als dies Verehrer und Neider erwarten. Sie fragen: wie lebe ich mein persönliches Leben, indem und trotzdem ich historischer Faktor bin? Der wahrhaft Be-Stimmte tut das, was er tut, niemals um des Kollektivums willen, sondern um sein persönliches Schicksal zu erfüllen, welches in diesem Falle zufällig auch ein historisches ist. Von diesem Höhepunkte möglichen Wirkens vom Sinne der Gemeinschaft her können wir denn letztgültig bestimmen, wie sich der Einzelne zur Gemeinschaft verhalten soll. Von sich aus, nur und einzig von sich, seinem Persönlichsten her, soll er alle Gemeinschaftsprobleme stellen und alle Gemeinschaftsforderungen erfüllen. Das empirische Kollektivum ist kein Über-, sondern ein Unter-Individuelles. Und führt kein Fortschritt über dieses hinaus, gehört das Unter-Individuelle als lebendige Grundlage des Individuellen mit zu jedes Einzelnen Seele, kann dieser sein Höchstes dann allein geben, wenn er, trans-subjektive Bestimmung erfüllend, Sprachrohr des Kollektiven ist und dieses seiner Eigenart gemäß als Ausdrucksmittel nutzt, so ändert das dennoch nichts an dem, daß der Einzelne und Einzige auch in Gemeinschaftsfragen von sich her denken muß. Solches aber bestätigt ihn nicht in seinem Egoismus, im Gegenteil: dann verschwindet das Selbst, auf welches sich der Begriff der Selbstsucht bezieht. Nicht jedoch, um in der Masse unterzutauchen, sondern umgekehrt: die Masse erfüllt sich alsdann real im Einzelnen. Insofern sind es tatsächlich die ganz großen Einzelnen, in denen sich der Sinn des Menschenlebens erfüllt.

Solche Identität zwischen Bestimmung und persönlichem Wollen ist nicht sehr großen Menschen freilich unerreichbar. Von den meisten gilt mehr oder weniger das, was bei fast jedem von seinem äußeren Beruf gilt, von denen keiner je persönlicher Neigung vollkommen entsprach. Sogar bei sehr Großen der Geschichte bestand gewöhnlich bis zum Schluß eine höchst merkwürdige Spaltung zwischen Bestimmung und Neigung. Die meisten Be-Stimmten entsprachen buchstäblich dem, was die Bezeichnung Sprachrohr der Menschheit meint: sie leisteten ihre Aufgabe, doch persönlich interessierten sie sich kaum für sie. Nur an ihrer Wirkung sahen sie, daß sie echt waren und wahr sprachen und recht taten, und fühlten sich dergestalt gleichsam sekundär ihrer eigenen Bestimmung verpflichtet. So äußert sich die Menschheitseinheit oft recht eigentlich als Puzzle-Spiel. Kein Fragment hat seinen Sinn in sich, und doch gehören alle zusammen. Dieses meine ich nicht allein im Verstande des gleichzeitigen Auftretens großer Religionsstifter und Weiser, wie solches als Welt-Kairós um 500 v. Chr. statthatte, und nicht allein in dem, daß einer von Haus aus einer Berufung leben kann, die er nicht kennt und die noch ungeborene Umstände zugleich erfordern und erweisen werden: ich meine es im buchstäblichen Verstande eines Puzzle-Spiels. Um dieses Geheimnisvolle einigermaßen verständlich zu machen, bringe ich zum vorläufigen Abschluß dieser Betrachtungen — denn erst das Ende des Buches kann den wahren Abschluß bringen — die wundersame Erzählung Der Schatz, welche Martin Buber in seine Chassidischen Bücher aufgenommen hat — denn nur Bilder können hier Einleuchten der Wahrheit bewirken. Die Geschichte lautet wie folgt:

Den Jünglingen, die zum erstenmal zu ihm kamen, pflegte Rabbi Bunam die Geschichte von Rabbi Eisik Sohn Rabbi Jekels in Krakau zu erzählen. Dem war nach Jahren schwerer Not, die sein Gottvertrauen nicht erschüttert hatten, im Traum befohlen worden, in Prag unter der Brücke, die zum Königsschlosse führt, nach einem Schatz zu suchen. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, machte sich Rabbi Eisik auf und wanderte nach Prag. Aber an der Brücke standen Tag und Nacht Wachtposten, und er getraute sich nicht zu graben. Doch kam er an jedem Morgen zur Brücke und umkreiste sie bis zum Abend. Endlich fragte ihn der Hauptmann der Wache, auf sein Treiben aufmerksam geworden, ob er hier etwas suche oder auf jemand warte. Rabbi Eisik erzählte, welcher Traum ihn aus fernem Land hergeführt habe. Der Hauptmann lachte: Und da bist du armer Kerl, mit deinen zerfetzten Sohlen, einem Traum zu Gefallen hergepilgert! Ja, wer den Träumen traut! Da hätte ich mich ja auch auf die Beine machen müssen, als es mir einmal im Traum befahl, nach Krakau zu wandern und in der Stube eines Juden, Eisik Sohn Jekels sollte er heißen, unterm Ofen nach einem Schatz zu graben. Eisik Sohn Jekels! Ich kann’s mir vorstellen, wie ich drüben, wo die eine Hälfte der Juden Eisik und die andere Jekel heißt, alle Häuser aufreiße! Und er lachte wieder. Rabbi Eisik verneigte sich, wanderte heim, grub den Schatz aus und baute das Bethaus, das Reb Eisik Reb Jekels Schule heißt. — Merke dir diese Geschichte, pflegte Rabbi Bunam hinzuzufügen, und nimm auf, was sie dir sagt: daß es etwas gibt, was du nirgends in der Welt, auch nicht beim Zaddik finden kannst, und daß es doch einen Ort gibt, wo du es finden kannst.
1Ausführlich ist das Problem der Kirche in den Kapiteln Das religiöse Problem und Der letzte Sinn der Freiheit von Wiedergeburt behandelt worden.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen
© 1998- Schule des Rades
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