Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VI. Weltfrömmigkeit

Mut zur Entscheidung

Wenden wir uns jetzt endgültig der konkreten Aufgabe zu, welche sich jedem Menschen persönlich stellt. Zur ersten Einführung diene ein Zitat aus dem Epilog zu meinem Erstlingswerk, dem Gefüge der Welt, das ich als Dreiundzwanzigjähriger schrieb — man verzeihe es dem Manne, der schon so manches Jahr mehr als ein halbes Jahrhundert Leben hinter sich hat, wenn er sich der Wiederanknüpfungsmöglichkeit mit erster Jugendleistung freut:

Die ganze Wahrheit, die Beziehung der Menschheit zum Weltall, die Wahrheit, die jedem gemäß wäre, weil sie alle Einzelwahrheiten umfaßte, kann in abstracto nie bestimmt werden; denn sie ist unendlich, grenzenlos. Die größtmögliche Vielheit denkender Geister wird sie nie und nimmer abgrenzen können; denn aus der Vielheit läßt sich die Einheit, aus dem Werden das Sein nicht unmittelbar erschließen. Vom Standpunkte der Vielheit ist die Wahrheit ein Werden — ohne Endziel; aber sie wird lebendig und seiend und wirklich innerhalb der Grenzen der genialen Persönlichkeit… Was ist es, was das Genie zum Weltweisen macht? — Die größte Geisteskraft an sich bietet dafür keine Gewähr; denn sie kann das Weltall in so besonderer, für andere Augen verzerrter Perspektive schauen, daß die Menschheit bei aller Ehrfurcht und Bewunderung durch die tiefsten Einsichten solcher Männer keine Erkenntnisförderung erfährt. So sind gerade exzessive Begabungen sehr oft vollkommen unverständlich, mehr verwirrend denn aufklärend. Jedes Philosophen erlebte Weltanschauung ist für diesen notwendig und insofern wahr, ob aber für die Menschheit? — Höchst selten, wie die Erfahrung lehrt. Welcher Art müßte der Mann sein, dessen persönliche Wahrheit für die Menschheit gelten könnte? — Der Mensch kann nur das erfahren, was er erfahren muß, wie jeder Organismus nur auf dasjenige reagiert, was ihn selbst, sein Leben, abgrenzt und bedingt. Je bedingter er ist, desto größer sind seine Fähigkeiten, desto schärfer seine Waffen, desto feiner sein Empfinden. So ist der Kulturmensch unendlich bedingter als der Wilde, der Ästhet in ungeheurem Maße abhängiger von der Art seiner Umgebung als der Philister. Und wenn wir uns nun dessen erinnern, daß kein Genius aus sich selbst heraus zu schaffen vermag, daß die Spontaneität nur auf empfangene Eindrücke reagiert, nur das gestaltet, was sie erlebt, daß die vollkommene Geistesschöpfung zu ihrer Möglichkeit gegenseitige Wahlverwandtschaft und Kompensation von Phantasie und Stoff voraussetzt — nach dem Worte Flauberts le secret des chefs-d’œuvre est là, dans la concordance du sujet et du tempérament de l’auteur; wenn wir weiter wissen, daß der Mensch nur davon beeindruckt werden kann, was ihn bedingt, beschränkt, sein Leben ermöglicht: dann muß bei einem Genius, der für die Menschheit denken kann, dessen Einsichten so umfassend sind, daß sie als objektive Wahrheit geglaubt werden dürfen, wohl folgende Voraussetzung erfüllt sein: sein Geist ist der gesamten Natur wahlverwandt, denn er ist von ihrer Gesamtheit bedingt. — Der Weltweise — der bedingteste Mensch! Das heißt, von der anderen Seite her betrachtet, der weiteste Geist. Goethe schreibt: Wer in dem immer fortdauernden Streben begriffen ist, die Sachen in sich, und nicht, wie unsere lieben Landsleute, sich nur in den Sachen zu sehen, der muß immer vorwärtskommen, indem er seine Kenntnisfähigkeit vermehrt und mehrere und bessere Dinge in sich aufnehmen kann. In der Tat, aus sich selbst kann keiner heraus, und darum ist jedes Streben nach farbloser Objektivität unfruchtbar und nur solchen förderlich, welche keine wahre innere Förderung erfahren können. Darum sind alle Wahrheiten individuelle. Ihr Wert hängt aber von der Art dessen ab, der sie erkannte. Das Ich der meisten ist so eng, daß es nur sich selbst umfaßt — solche Leute können natürlich nur sich in den Sachen sehen. Das Ich kann aber auch soweit sein, daß es das Universum umspannt und insofern die Natur in sich zu schauen vermag. Auf die Weite, mit anderen Worten das Maß und den Grad der Eindrucksfähigkeit des Geistes kommt es an. Diese aber ist dem Grade der Bedingtheit genau proportional.

Zur zweiten Einführung diene ein Hinweis auf das Darmstädter Zentrum, welches den Namen Schule der Weisheit führt, dessen Sinn bis heute nur von ganz wenigen verstanden worden ist. Ich gründete diesen Mittelpunkt besonderer Artung aus der Überzeugung heraus, daß heute die Zeit einseitigen Denkertums, persönlichen Partikularismus und aller überkommenen Scholastik endgültig um ist. Nur Erweiterung des Menschen über seine bisherigen Grenzen hinaus kommt noch als ontologischer und insofern echt-philosophischer Wert in Frage; alle Philosophie, welche noch von den Voraussetzungen, deren Quellen im 17. und 18. Jahrhundert liegen, von fernerer Zeit zu schweigen, ausgeht, ist von Hause aus Papierkorb-reif, so klug die Verjährtes vertretenden Geister immer seien. Denn es sind die ersten Voraussetzungen, welche eine Weltphase von einer früheren abscheiden; zwischen beiden liegt immer ein Unstetigkeitsmoment, das durch keine Entwicklungs-Konstruktion anders als fiktiv überbrückt wird. So gilt es heute in erster Linie neue Voraussetzungen zu schaffen. Diese können heute aber nur in Menschen eines neuen weiteren Typus, in keinen abstrakten Theorien bestehen. Nun erfolgt alle Neuschöpfung auf Erden gemäß dem Schema der Polarisation: nur indem sich bedeutende lebendige Menschen als solche, ganz einerlei was und wie sie theoretisch denken, miteinander polarisieren, kann in den Seelen der Protagonisten selbst sowohl als derer, die am Prozeß als Mit-Erlebende teilnehmen, eine Mutation eingeleitet werden. Die Schule der Weisheit hat sich grundsätzlich nie für irgendeine bestimmte Theorie als solche interessiert, sondern nur für die Echtheit der Menschen, die beliebige vertraten. Sie hat in ihrem Bannkreis niemals geduldet, daß diskutiert, das heißt um Bestehendes gekämpft wurde, sondern solche Einstellung gefordert und geschaffen, daß verschieden-Seiende (nicht bloß verschieden-Denkende!) schöpferisch aufeinander einwirkten, wie Mann und Weib (A, Einführung), und damit an einander anders und weiter würden. Die Schule der Weisheit hat niemals anerkannt, daß irgend jemand allein im Recht sein könnte, sondern sie hat gelehrt und im Leben gezeigt, daß und wie jeder echte Mensch mit Recht einen ganz bestimmten Ort im Geisteskosmos einnimmt, und daß alles darauf ankommt, diesen richtig zu erkennen und von solcher Einsicht her in rechte Beziehung zu ihm zu treten. Sie hat vom ersten Tage an und durchaus gelehrt, daß das denkerische Individuum das letzte nicht ist und daß ein Überindividuelles hinter jedem Einzelnen mit seinen An- und Einsichten steht. Damit aber hat sie jeden, welcher zu solcher Befreiung rief und berufen war, den Weg aus dem Gefängnis seines kleinen Ich hinausgewiesen. Die Schule der Weisheit lehrt ihre Schüler mittels der von ihr geschaffenen Technik bewußt gerichteter Polarisation, jedes Du zum Ich hinzuzunehmen, sich vollkommen jedem anderen zu öffnen und so ihr Leben auf höherer Ebene zu begründen, als es die ist, wo sich die Fragen der einzig richtigen Weltanschauung, des absolut Rechthabens usw. stellen. Damit aber lehrt sie das genaue Gegenteil von Relativismus: sie weist vielmehr den Weg zu bestimmtem Sein und bestimmter Weltanschauung höherer Ordnung, in der sich die meisten überkommenen freilich erledigen. So ging die Schule der Weisheit von vornherein bewußt davon aus, daß es heute einen neuen konkreten Menschen zu schaffen gilt, einen Menschen höherer Art, und daß neben dieser gewaltigen Aufgabe alle Schulfragen überhaupt nicht ins Gewicht fallen. Plastische Sinnbilder für den erforderlichen Polarisationsprozeß, aus welchem Einheiten höherer Ordnung hervorgingen, schufen die großen Darmstädter Tagungen, wo bedeutende Menschen im Rahmen eines bestimmten Generalthemas orchestriert, d. h. vom Ganzem her nach Persönlichkeit und geforderter Fragestellung genau eingestellt, in musikalisch-organischen Zusammenhang gebracht wurden: wer diese Tagungen wirklich erlebte, in dem wurde allemal Neues und Weites wach, der fühlte sich befreit, beschwingt und über die Ebene seiner bisherigen Daseinsform, auf kurze Zeit wenigstens, hinausgehoben. Doch auch mein ganzes sonstiges, so ganz untheoretisches, nur auf Impulse-austeilen eingestelltes Wirken verfolgt das gleiche Eine Ziel: die Vertiefung und Erweiterung des Menschen durch Polarisierung mit allem, was es gibt, seien es Theorien, Künste, Männer, Frauen, Völker, Zeiten, Revolutionen und Schicksalsschläge.1 — Dieses Zentrum konnte ich allein in Deutschland gründen, weil eben nur hier das germinale Gemüt als Normalerscheinung lebt, welches die organische Voraussetzung des Neuwerdeprozesses darstellt, welchen allein ich in dieser Wende ernst und wichtig nehme. Diese Wahrheit wird nicht im mindesten dadurch in Frage gestellt, daß der Sinn der Schule der Weisheit in Deutschland weniger als irgendwo anders bisher begriffen worden ist: der deutsche Geist erlebt mehr in vorstellender Rückschau, als in der unmittelbaren Gegenwart.

Nachdem wir nun also, vom Autobiographischen her, das grundsätzliche Problem, welches jeden angeht, konkretisiert haben, wird es unschwer gelingen, die großen Züge dessen, was in diesem Kapitel noch zu sagen bleibt, in kurzen und dennoch unmittelbar einleuchtenden Sätzen zusammenzufassen. Es ist nicht wahr, daß heute eine neue Religion, eine neue Weltanschauung, ein neues soziales Programm als solches der Menschheit das Heil bringen könne. Und es ist nicht nur darum nicht wahr, weil, wie ich’s schon vom Reisetagebuche an vertreten habe, die Zeiten bestimmter Dogmen deshalb um sind, weil sie samt und sonders durchschaut werden können, weswegen es nur noch die Ebene des Sinnes und nicht mehr diejenige bestimmter Form ist, auf welcher sich weltzeitgemäßes Geistesleben konstituieren kann: es ist vor allem deswegen nicht wahr, weil heute nur Neuwerden des ganzen integralen Menschen Heil bedeutet. Die beste innere Vorbedingung zu diesem Neuwerden nun aber ist weder Religiosität, noch metaphysischer Tiefsinn, noch guter Wille in sozialem Verstand, sondern Weltfrömmigkeit. Vom Offenbarungsbegriffe her werden wir das, was letztlich not tut, am leichtesten verständlich machen. Kant lehrte: Alles Wissen stammt aus der Erfahrung. Besser hieße es — hier greifen wir das schon im ersten Kapitel verlautbarte Leitmotiv wieder auf —: alles Wissen stammt aus Offenbarung, weil letzterer Begriff nicht allein alles das einschließt, wie derjenige der Erfahrung auch, sondern überdies die Möglichkeit, daß etwas sich nur dann offenbart, wenn es selber will. In unserer Tradition nun wird der Offenbarungsbegriff ausschließlich auf den transzendenten Geist, das Objekt der Religion, angewandt: kein Wunder, denn der Einbruch dieses völlig Erd-Fremden in die vorherbestehende Erdenwelt (SM, XI) war ein so gewaltiges Ereignis, daß es noch heute in der Menschheitserinnerung erschütternd fortwirkt. Aber tatsächlich muß sich die Natur einem genau so offenbaren wie Gott, auf daß man sie erkenne. So war das naturwissenschaftliche Zeitalter recht eigentlich das der Offenbar-werdung der bisher nicht beachteten äußeren Erd-Wirklichkeit. Mit der Revolte der Erdkräfte ward auch die innere Erd-Wirklichkeit des Menschen diesem als ihm persönlich zugehörig bewußt. Gerade jetzt, da ich dieses schreibe, ist die Zeit reif für die Erkenntnis der Vielfalt und Vielschichtigkeit des Menschenwesens, welche dieses Buch schildert. Doch was es letztlich gilt, ist, den ganzen oder integralen Zusammenhang als solchen, welcher den Menschen macht, so wie er ist, differenziert und unlöslich zugleich, zu erleben. Mit anderen Worten: nach der einseitigen Offenbarung des Geists, nach der ebenso einseitigen Offenbarung der Natur gilt es zur integralen Offenbarung zu gelangen. Dies nun ist einzig und allein auf dem Wege des radikalen Realismus zu erreichen, welchem die Forderung unmittelbaren Innewerdens aller Wirklichkeit, so wie sie ist, entspricht. Solches radikalen Realismus ist aber einzig und allein der Weltfromme fähig, welcher das Weltall als Mutterleib erlebt und sich ihm vertrauensvoll hingibt, um an ihm und mit ihm mehr zu werden. Wir müssen ganz und gar und vollkommen überzeugt ja sagen zum oft zitierten Nietzsche-Satz, der Mensch sei etwas, das zu überwinden ist. Wir müssen uns der Welt öffnen, wie sich noch kein Menschentypus ihr geöffnet hat. Dann wird das Neu- und Tiefer- und Weiterwerden ganz von selbst erfolgen.

Doch eben diese frohe Botschaft schließt auch die kompensatorische Warnung ein. Selbstverherrlichung, Selbstgerechtigkeit, Selbstbespiegelung bedeuten absolute Hindernisse auf dem Wege zur Selbstverwirklichung, und dies nicht allein aus den von jeher erkannten und betonten geistigen oder moralischen Gründen, auf welche hier gar nicht einzugehen ist, sondern aus dem physiologischen Grund, daß diese Haltungen innerlich festlegen, abschließen und absperren. Mag die vollendete Frau recht haben, die ihre nicht mehr zu steigernde Schönheit nur pflegt, oder das Endprodukt alter Kultur, das sich nur mehr verfeinern, aber nicht mehr wandeln kann und dementsprechend nur End-Werte anerkennt — für Germinales verkörpert einzig künftige, niemals gegenwärtige Form das Ziel. In bezug auf den Geist wußte dieses von jeher jede große Religion und jede tiefe Ethik; daher deren Imperative. Als Geist ist kein Menschenwesen jemals festgelegt, denn der Geist ist wesentlich frei, und je mehr er sich von Naturbanden enthaftet, desto mehr äußert sich und desto machtvoller behauptet sich seine schöpferische Initiative. Doch fortan sollte jeder noch Entwicklungs- und Wandlungsfähige entsprechende Imperative für sein ganzes Wesen anerkennen. Es ist in keiner Hinsicht und auf keiner Ebene nötig, sich bei den Grenzen zu bescheiden, die man in sich vorfindet. Greifen wir hier nochmals auf das in der Einführung Gesagte zurück: es beweist Irr-Sinn, um der gefährdeten Seele willen die Errungenschaften der Wissenschaft und Technik verleugnen zu wollen — das einzig sinngemäße Ziel ist vielmehr, den inneren Organismus den erweiterten äußeren Möglichkeiten entsprechend zu verändern, zu erweitern und zu vertiefen. Es gilt also gerade, auch den Körper zu verwandeln, anstatt zu versuchen, durch Einkapselung das traditionelle Seelentum zu retten. — Hat aber also Nicht-Festgelegtheit im Sinn größtmöglicher Weltoffenheit das Ziel zu sein so folgt daraus mitnichten, daß charakterlose Ablehnung jeder Entscheidung das Ideal wäre. Es folgt daraus vielmehr das genaue Gegenteil. Durch alle Betrachtungen dieses Buchs hindurch erklang als Grundmotiv alles Fortschritts- und alles Vollendungsstrebens das Soll, sich alle Wirklichkeit genau als das einzugestehen, was sie ist, und alle ganz so anzuerkennen, wie sie ist. Das nun erfordert kein Ausweichen vor Entscheidungen: es fordert, im Gegenteil, jeden Augenblick gewärtigen und höchsten Mut zur Entscheidung. Nur nicht zur Entscheidung für gegebene Grenzen als ein Positivum, sondern als klar erkannte und anerkannte Grundlagen zu einem Mehr- und Besserwerden, ein wie Beengendes und Schlimmes sie an und für sich auch seien. Und es handelt sich auch nicht um Entscheidung für neue feste einfürallemalige Grenzen, sondern für eine so große und starke innere Freiheit, daß sie jedes Vorläufigkeits-, Unsicherheits- und Vergänglichkeitsgefühl aushält; daß sie es — um das Wesentliche in einem Wort zu sagen — aushält, daß es überhaupt keine letzten Worte gibt, daß alles und jedes im Menschenleben nur Etappe ist und sein soll.

Um ein wie umwälzend Wichtiges es sich bei dieser Umstellung des Problems handelt, erweist am schnellsten und einleuchtendsten wohl eine kurze Betrachtung über den Willen, recht zu haben oder im Recht zu sein. Unser zweites Kapitel machte klar, daß Recht als solches nie Anderes noch Besseres bedeutet als Fixierung, weswegen die Behauptung, unbedingt im Recht zu sein, grundsätzlich ein Bekenntnis zu spiritueller Ungerechtigkeit darstellt. Wie viele Menschen vertragen es nun, ein Unrecht einzugestehen, oder auch nur anzuerkennen, daß sie nicht absolut im Rechte sind? Wie viele sind fähig, sich freudig zu entschuldigen oder freiwillig wiedergutzumachen, wofern sie anderen Unrecht antaten? Selbst unter Edelgesinnten gibt es da erschreckend wenige. Das liegt daran, daß sie sich an ihr Recht als an die ihnen einzig mögliche innere Form, die ihnen den Halt gibt, klammern, daß sie zu schwach sind, um sich in schwebender Freiheit sicher zu fühlen, daß sie befürchten, psychischen Selbstmord zu üben, wenn sie ihr Recht preisgeben — so gut sie meist selber wissen, daß es sich hier um kein Recht im Sinne von Gerechtigkeit handelt. Von hier aus erscheint zunächst klar, warum Jesus, welcher einzig spirituellen Aufstieg als Wert anerkannte, den Gerechten vor allen Menschentypen hassen und Sündbewußtsein als erste Bedingung der Erlösung fordern mußte: nur wer sich nicht an die Grenzen seines gegebenen Zustands klammert, kann mehr werden, als er war. Doch genau Gleiches gilt auf schlechthin allen Ebenen. Insofern es nun dem Menschen bitter schwerfällt, das Recht seiner Beschränktheit nicht zu behaupten, ist klar, daß viel mehr Charakter und sehr viel mehr Mut zur Entscheidung dazu gehört, seine Grenzen preiszugeben, als dazu, noch so tapfer für sie zu kämpfen. Denn jenes erfordert den unnatürlichsten aller Mute: den Mut zur unbedingten Wahrhaftigkeit. Von Natur aus neigt jeder dazu, sein Erkenntnisvermögen und seine Entschlußfähigkeit in den Dienst seiner Gana zu stellen. So fallen jedem ohne die geringste Gedankenanstrengung beliebig viele Gründe und Hintergründe ein, welche sein Sosein und Tun unter allen Umständen rechtfertigen.

Eben hier nun liegt, wenn nicht der tiefste, so doch der unterste Sinn des Soseins beinahe aller bisherigen Moral- und Rechtssysteme und einer der Urgründe fast aller durch Denken zustande gekommenen Weltanschauungen. Sie alle sind insofern Kinder der Selbstbelügung und nicht des Wahrheitsstrebens. Sie alle sind insofern Ergebnisse entweder von Aberglauben oder Vorurteil oder endlich von fälschendem Nachdeuten. Solche Unwahrhaftigkeiten bedeuten nicht bloß ein Minus an Wahrheit und Richtigkeit — in erster Linie sind sie konkrete Gestaltungen innerhalb der Psyche, welche den Menschen von seiner eigenen Wirklichkeit sowohl als derjenigen der Welt buchstäblich, das heißt genau wie dies materielle Schranken tun, absperren. Hier liegt, vom Erdenleben her geurteilt, der lebendige Grund des ganzen Wahrhaftigkeitsideals. Grundsätzlich ist zunächst nicht einzusehen, warum beschönigender Lüge in dieser häßlichen Welt nicht der Vorrang zukomme, und tatsächlich hat sich der Geist auf Erden nicht allein zuerst, wie in den Meditationen gezeigt ward, als Ver-Steller manifestiert — die meisten das Subjekt des Menschen betreffenden Geistkonstruktionen sind noch heute Kinder der Lüge. Nichtsdestoweniger bedeutet der Weg des Menschen­geschlechts von der ursprünglichen Tierhaftigkeit zu ausschließlichem Menschsein einen einzigen Feldzug gegen Aberglauben, Vorurteil und Mißdeutung. Dies muß so sein, weil eben der Mensch wesentlich das weltoffene Tier ist und er deshalb rechte Einstellung zur Welt und Gleichgewicht innerhalb derselben nur dann findet, wenn nichts ihn am wahrhaftigen Erleben aller Wirklichkeit hindert, so wie diese ist. Hindern daran aber tut in seinem Fall die eigene Unwahrhaftigkeit. Freilich ist auch beim Menschen seine Welt die Art von Wirklichkeit, welche Uexküll die spezifische Merkwelt eines Organismus heißt; das bedeutet Kants ewig gültiger Satz: Meine Welt ist Vorstellung. Doch die menschliche Merkwelt ist, im Unterschied von derjenigen aller Wesen, welche wir sonst kennen, nicht ein einfürallemaliger Ausschnitt aus dem Universum, sondern potentia dessen Totalität. Was der Mensch nicht durch angeborene Organe an ihm erlebt, das kann er sich durch Instrumente oder Denken oder Phantasieleistung zugänglich machen; insofern ist seine angeborene Art zu schauen buchstäblich Weltanschauung. Deswegen kann er sich, je mehr er sich als Mensch und zum Menschen entwickelt und abklärt, desto weniger bei Aberglauben, Vorurteil und Mißdeutung bescheiden; und dies zwar nicht aus bloßem Erkenntnistrieb, sondern aus gebieterischer Lebensnotwendigkeit seines gesamten Wesens. Von hier aus sehen wir denn, inwiefern die Fortschrittsideologie doch unbedingt und ewig recht hat. Es war wirklich ein seinem Wesen nach stetiger, wenn auch zeitlich oft unterbrochener Prozeß des Niederlegens verbauender, beengender und verfälschender Schranken, welcher mit Sokrates anhebend das Denken emanzipierte, welcher Prozeß im Kampf der Aufklärung gegen Bindung durch Buchstabenglauben, als welcher immer Aberglaube ist, auch wo er recht hat, seinen bisherigen Höhepunkt erlebte. Doch eben hierher gehört der Kampf gegen jede Unechtheit und gegen jede Unvollkommenheit. Falsch kann nicht nur Erkenntnismäßiges, falsch kann auch ethische Norm und Zielsetzung, kann die Qualität von Wille und Gefühl, ja ästhetische Erscheinung sein: alle Unvollkommenheit im Ausdruck, welche die Auswirkung des tiefsten Menschenwesens hemmt oder fälscht, gehört in die Sphäre des Irrtums oder der Lüge. So bedeuten alle Fortschritte zu ethisch und religiös Besserem genau so sehr Schritte voran auf dem Wege zu vollkommener Weltoffenheit, wie dies vom Fortschritt auf dem Weg exakter Erkenntnis gilt. Vor allem gilt dies gerade vom Christentum, dessen tiefsten Sinn das Kapitel Leiden ausführlich behandeln wird: die von Jesus gepredigte Nächsten-Liebe, zu welchen Nächsten alle Menschen gehören sollten, bedeutete gegenüber der lieblosen Abgeschlossenheit aller heidnischen Gruppen in erster Linie gesteigerte Weltoffenheit. Blicken wir nun kritisch zurück, so sind alle Kämpfe um freiere Menschlichkeit bisher Sondergefechte gewesen: sie richteten sich gegen bestimmte Sonderschranken. Integrale, allumfassende, überallhin gerichtete Weltoffenheit war in der bisherigen Geschichte noch niemals Ziel. Dieser den Weg zu bereiten, ist die Aufgabe der jetzt heranwachsenden und reifenden Generationen. Es gilt im Geiste der Weltfrömmigkeit zur integralen Offenbarung zu gelangen. Zu einer Offenbarung, welche dem Menschen nicht nur alles, was ihn von außen her affiziert, offenbar macht, sondern auch seine sämtlichen inneren Kräfte weckt, die ihm fortan alle gleich nahestehen und gleich bewußt sind, seien sie irdischer, mineralischer, pflanzlicher, tierischer, seelischer oder göttlicher Artung; so daß der Mikrokosmos, welcher der Mensch ist, wirklich zum Bewußtseins-Spiegel würde des Makrokosmos. So kann denn die Gabe und Pflege der Weltfrömmigkeit am schnellsten zu dem führen, was wir von Beginn dieses Buches an als Hauptziel alles künftigen Fortschrittsstrebens hinstellten: zu einer Verpersönlichung des Sachlichen, zu einer Intimisierung des öffentlich Herausgestellten, zu einer Vermenschlichung des auf dem Wege der Insektifizierung Verderbenden, zu einer neuen Vorherrschaft der persönlichen Seele und des persönlichen Geists — nur jetzt nicht unter Verleugnung oder Ablehnung des Nicht-Seelischen und Nicht-Geistigen, sondern unter Einbeziehung alles, was dem Menschen zugehört, in seine Persönlichkeit. Denn alle Umsätze im Eihaften des Gemütes sind intimster Art. Keine Form entsteht hier, die nicht Ergebnis und Ausdruck integralen Erlebens wäre. So bedeutet denn der Höchstausdruck germinalen Gemütes, die Weltfrömmigkeit, so naturistisch diese an sich sei, auch den besten, ja den einzig möglichen Ansatzpunkt zur Erlangung neuen höheren Geist-Bewußtseins und zur Heranbildung einer neuen, höheren und freieren Religiosität.

1Die klarste Erkenntnistheorie meiner besonderen Methodik enthalten die Kapitel De la juste désignation, De la concentration, De Part oratoire, De la polyphonie und besonders Du mystère de la polarisation meines französischen Buchs Sur l’art de la Vie (Paris 1936, Librairie Stock). Alle Grundgedanken, welche meinerseits in Darmstadt über die Zielrichtung der Schule der Weisheit ausgesprochen wurden, stehen in Schöpferische Erkenntnis und Wiedergeburt, die gesammelten Tagungsvorträge 1920-1927 in den Leuchter-Büchern 1920-1927 (im Reichl Verlag, Darmstadt, veröffentlicht), sonstige genaue Berichte und Abwandlungen der Themen in den Heften des Weg zur Vollendung, von denen bisher 25 erschienen sind. An Material zur Rekonstruierung des noch so Einmaligen fehlt es also nicht. Programmatisches über die Schule der Weisheit, welche heute genau so fortbesteht, wie sie geplant war, obschon sie von 1930 bis 1935 wenig von sich hören ließ, enthält deren Prospekt, welcher von deren Geschäftsstelle, Darmstadt, Prinz-Christians-Weg 2, auf Wunsch versandt wird.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VI. Weltfrömmigkeit
© 1998- Schule des Rades
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