Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IX. Leiden

Weg zum Heil

Kein Mensch heutiger Bewußtheitsstufe, welcher das Schwabenalter erreicht hat, ist als geistig-seelisches Wesen ernstzunehmen, sofern er leugnet, daß dieses Leben ursprünglich und wesentlich leidvoll ist. Die meiste Jugend ist von den sie jeweils beherrschenden Trieben und Impulsen besessen, die sie damit ganz ausfüllen und vergessend einander ablösen, so daß es vergleichendes und urteilendes Erleben vital nicht gibt. Zwischen dreißig und vierzig, wo sich die Umstellung vollzieht von einem Dasein gern zugestandenen Nehmens zu dem verantwortenden Gebens, mag dieser Prozeß mit seinen erreichbaren positiven Zielen die Aufmerksamkeit dermaßen bannen, daß der Gemeinplatz Schwierigkeiten sind dazu da, um überwunden zu werden echtes Erleben vollständig spiegelt: vom vierzigsten Jahre ab kann nur der Oberflächliche, der Feige oder Verlogene sich verhehlen, daß der weitaus größere Teil dieses Lebens leidvoll ist. Für Nicht-Erfüllung der Forderung, sich dieses einzugestehen, bietet auch aktivistischer Zeitgeist keine Entschuldigung wer überhaupt den Anspruch darauf erhebt, als Persönlichkeit ernstgenommen zu werden, der darf sich keiner äußeren Konjunktur je innerlich anpassen; für den ist die Wahrhaftigkeitsforderung unbedingtes Gebot. Für den Wahrhaftigen aber gibt es überhaupt keinen Zeitgeist, der seine Weltanschauung beeinflussen oder gar bestimmen könnte. So wie Welt und Leben einmal, von einer bestimmten realen Erlebnis-Basis her erfahren, sind, so sind sie, völlig einerlei, wieviel von dieser Wirklichkeit geltende Religionen, Philosophien und Programme zeitweilig abblenden oder verfälschen mögen.

Daß der Buddha, der erste vollkommen erwachte Mensch, welcher den Mut hatte, vollkommen wahrhaftig sich selbst gegenüber zu sein, um dieses unbestreitbaren Tatbestandes willen nicht unabhängig von aller Konfession allen Menschen als eins der allergrößten Vorbilder gilt, beweist allerdings, wie wenige Menschen als moralische Persönlichkeiten ernstzunehmen sind. Wie das verstehende Bewußtsein zuerst erwachte und bald darauf dessen gewahr ward, welch furchtbarer Art die Wirklichkeit ist, in welche unerbetenes Schicksal den Menschen hineingestellt hat, da ging der größere Teil der Schöpferkraft der Psyche sehr natürlicherweise zunächst daran, Mittel und Wege zu ersinnen, um durch Täuschungs-Mechanismen und -Manöver die Erträglichkeit des blinden Urstandes auf sehender Basis so gut als möglich wieder herzustellen. Und da die meisten Menschen auch heute nicht die Kraft haben, die Wirklichkeit so zu ertragen, wie sie ist, so leben noch heute die meisten ein zum größeren Teil auf Fiktionen beruhendes, wenn nicht gar durchaus von Fiktionen regiertes Leben. Doch von Jahrhundert zu Jahrhundert bedeuten solche künstlich Erblindete weniger — von denjenigen ganz zu schweigen, die einen überlebten Zustand natürlicher Blindheit fortvererben. Von Jahrhundert zu Jahrhundert ist das Menschengeschlecht immer mehr im Erwachen begriffen, geben die jeweils wachsten immer mehr den historischen Ton an. Seitdem aber das Organ des Intellektes voll entwickelt ist, erweist sich häufig schon von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, ja in kritischen Phasen gar von Jahr zu Jahr mit wachsender Deutlichkeit, daß einzig Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit den Weg zum Heil bereiten. Immer ausschließlicher zählen innere Entscheidungen. Immer schneller werden bloß von außen her herbeigeführte rückgängig gemacht — man denke an Deutschlands Wiederaufstieg seit Versailles —, immer kürzere Beine haben alle Lügen, immer kürzere Zeit hält sich Vorspiegelung falscher Tatsachen als geglaubte Wahrheit; Zwangsbekehrung gibt es heute schon als verläßlichen historischen Faktor überhaupt nicht mehr. Nicht anders nun steht es mit dem spezifischen Gewichterechter Eingestelltheit gegenüber fehlerhafter. Immer erfolgreicher erweist sich Weitblick, immer werbungskräftiger Weitengefühl, immer verhängnisvoller Engigkeit. Vormals wurden Illusionen nicht allzu teuer bezahlt, denn eine erledigte Illusion machte nur einer anderen Platz, und die Frage der nackten Wahrheit stellte sich nicht oder kaum: heute drängt sich die Wahrheit als zwangsläufige Folge auf, falls der Mensch sie allzulange nicht berücksichtigt. So waren die Schrecknisse des Weltkriegs und der Weltrevolution die Straf-Antwort der tiefsten Menschennatur darauf, daß einige Völker sich eingebildet hatten, daß man von den Fiktionen her, daß der Mensch ursprünglich gut und grenzenlos fortschrittsfähig sei, das Leben gestalten könne. So können wir heute, durch bittere Erfahrung belehrt, apodiktisch behaupten: der Weg der Lüge und der Selbstbelügung ist für den Menschen kein Weg zum Heile mehr, in welchem Sinn auch immer. Die neubestimmende Synthese von Wahrheit und Wahrhaftigkeit verbietet sogar, überhaupt noch zwischen Mitteln und Zwecken zu scheiden. Vom spirituellen Standpunkt kann zwischen beiden — wir sagten es schon in anderem Zusammenhang — selbstverständlich nicht unterschieden werden: hier ist allenfalls, wie Berdjajew einmal schrieb, den Mitteln der Primat zuzusprechen, denn deren Wahl kennzeichnet einen Menschen sicher richtig, während Ziele selten in so großer Annäherung erreicht werden, daß man von ihnen auf die tiefste Intention schließen darf. Doch ist einmal die Synthese von Wahrheit und Wahrhaftigkeit bestimmend geworden, dann gilt Gleiches auch auf empirischem Gebiet.

Was wir hier sagen, faßt die Einsichten, welche wir früher in bezug auf erforderliche Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit gewannen, unter der Akzentlegung neu zusammen, welche der Buddha-Lehre ihren besonderen Grundton gibt. Und das ist freilich möglich. Erleben im menschlichen Verstand setzt Wachsein überhaupt voraus, wahrhaftiges Erleben einen Grad von Wachheit, welcher deutlich zu unterscheiden erlaubt, integrales Welterleben jedoch, so wie wir es forderten, ist möglich nur im Zustand jenes vollkommenen Erwachtseins, welchen der Buddha als Heilsziel predigte. Gehen wir nun also vom Begriff der Wachheit aus, dann können wir die diesen Zusammenhängen zugehörigen Einsichten der beiden vorhergehenden Kapitel folgendermaßen um-fassen: seitdem der Geist überhaupt in die Menschennatur einbrach, und fortschreitend mehr so, je tiefer und vollständiger er sich ihm einbildet, gibt es nur mehr einen Weg, das Heil zu finden: den Weg zu bejahtem vollkommenem Erwachen. Nur vollkommenes Erwachen und kein Rückfall in die Blindheit kann das leidende Menschenwesen erlösen, denn vollkommenes Erwachen allein schafft das Gleichgewicht zwischen Selbst und Welt, welches dem tiefsten Menschenwesen gemäß ist. Grundsätzlich aber war dem vom ersten Augenblick an so, wo der Geist in dieses einbrach: deswegen ward das Wahrhaftigkeitsideal schon in der ersten Morgenröte des Geistbewußtseins als Kardinaltugend herausgestellt nicht allein — es leuchtete auch von vornherein, noch so unverstanden, als solche ein. In empirischem Zusammenhange geurteilt ist nicht einzusehen, warum Wahrhaftigkeit besser sein soll, als Belügung anderer und seiner selbst. Die meisten Wahrheiten sind unerfreulich, die ganze emotionale Ordnung und das ganze Gebiet der Delicadeza sind auf das Wahrheitsideal weder zurück- noch hinaufzubeziehen (SM, VIII, IX). Nichtsdestoweniger drängt sein tiefstes einsames Wesen jeden Menschen, der sich seiner auch nur ahnungsmäßig bewußt ist, über jede Festlegung auf übersteigbarer empirischer Ebene hinaus. Ein solcher fühlt: Ich soll das Leben ganz so sehen, wie es wirklich ist, denn im Tiefsten will ich es. Ich soll ein neues inneres Gleichgewicht finden in der Wahrhaftigkeit, denn ich muß es tun, um meine Selbstverwirklichung zu erreichen. Doch zur Erfüllung dieses Gebots ist auch der tiefste Mensch als Ganzheit von Hause aus nicht reif; nur eine Metamorphose schafft in ihm den geforderten und zugleich ersehnten neuen Zustand. Dieser Prozeß aber ist schmerzlich. Hier liegt der ganze tiefe Sinn des Leids.

Der Buddha ist, wenigstens im Westen, menschlich selten verstanden worden, weil alle Lehre vom Leide und vom Mitleid von der Mehrheit unwillkürlich im Geist irgendeines Sentimentalitätsanspruchs verstanden wird, und der Buddha augenscheinlich gänzlich unsentimental war. Seine Lehre vom Leben als Leiden und von der möglichen Aufhebung des Leidens hatte eben überhaupt kein Wohlbefinden im irdischen Verstand zum Ziel: aufs Erwachen allein und auf den Weg zu ihm war sie bedacht. Doch als der große Exoteriker, der er war, benutzte er als praktische Angel seiner hohen Vervollkommnungslehre den Wunsch, welchen tatsächlich jeder hegt: das ist eben der Wunsch nach Aufhebung des Leidens. Die Unvermeidlichkeit des Hinnehmen-müssens auferlegten Leidens konnte er dabei auf Grund der traditionell-indischen Karma-Lehre erträglich erscheinen lassen. Der letzteren moralischen Anästhesierung bedürfen wir heutigen Abendländer nun nicht. Wir sind heute innerlich stark genug, um diese üble Wirklichkeit so zu sehen, wie sie tatsächlich ist, und um dort keine Wiedergutmachung zu erfinden, wo nüchterne Erkenntnis keine zu erwarten nahelegt.

Körperlicher Schmerz als solcher ist, vom Geiste her beurteilt, natürlich vollkommen sinnlos und damit ein reines Übel. Seine ursprüngliche biologische Bestimmung ist die eines Warnungssignals. Doch es tut unverhältnismäßig viel mehr weh, denn was als Warnung frommen kann: da bedeutet Anästhesierung und Narkotisierung die einzig sinngemäße Korrektur einer offenbar unvollständigen Leistung der Natur. Es gibt wenige unsinnigere Behauptungen als die, daß die Natur immer weise und im Rechte wäre. Mag sie’s vielleicht bei Pflanzen und Tieren sein: beim Menschen — wir sahen’s zuerst bei Behandlung des Moralproblems — leistet sie nur einen Teil dessen, was zu erträglichem Gleichgewicht vonnöten ist; hier muß Einsicht vollenden, was Natur nur anfing. Was nun auf dem Gebiet des Körpers gilt, gilt gleichermaßen auf dem von Geist und Seele: Schmerz an und für sich ist auch hier vollkommen sinnlos. Wer da bei seinem Sosein geistig verweilt, wie es z. B. die vielen Literaten taten, die um die Jahrhundertwende durch Leiden am Leben Tiefsinn zu beweisen trachteten, der ist im schlimmsten Sinne oberflächlich, denn auf der Ebene des ursprünglich gegebenen Tatsächlichen gibt es keine geistigen Probleme. Doch auch auf dem Gebiet der Seele fehlt jede ursprüngliche Problematik: solche entsteht allemal dadurch allein, daß freier Geist an sich Sinnlosem einen Sinn erteilt. Hierum in erster Linie handelt es sich bei allen Deutungen des Leidens im Sinn von Karma, Prüfung, Läuterung, Strafe, Sühne. Freilich kann Leiden auf jede dieser Weisen aufgefaßt werden, und dann wirkt es auch so, doch die Auffassung schafft hier den ihr gemäßen Tatbestand, auch dort, wo sie sinngemäß erscheint: sinngemäß ist sie nämlich immer nur in bezug auf den leidenden geistbestimmten Menschen, und dann schafft der Sinn aus sich heraus die ihm gemäßen Tatsachen, welche ohne ihn nicht wären. Die meiste Deutung aber ist überhaupt kein Ausdruck von Geistbestimmtheit, sondern nur von Schwäche. Dem Menschen als intellektuellem Wesen ist logische Begründbarkeit recht eigentlich Lebensnotwendigkeit: so hält er Unerklärbarkeit aus ähnlichen Gründen schwer aus, wie als körperliches Wesen physischen Schmerz. Deswegen ist ihm die erste beste Erklärung so leicht gut genug, wenn sie nur alles sofort und ohne Umschweife erklärt, ohne daß er sich dabei durch Nachdenken anzustrengen hätte, und damit die Beschwerde behebt. Daher allgemein die Unausrottbarkeit des Aberglaubens: der tiefste Sinn des Aberglaubens — wir sagten es bereits — ist der, daß er auch dort Kausalzusammenhänge setzt, wo keine vorliegen, und dabei Zusammenhänge solcher Art, wie sie primitiver Intellektualität am schnellsten einleuchten. Um freie Sinngebung einem an sich Sinnlosen gegenüber handelt es sich nun, noch einmal, im Fall des Leidens auch dort, wo die Deutung zutrifft, denn das Leid als solches, als bloß Wehetuendes, entbehrt schlechterdings jedes Sinns; es ist nur als Naturtatsache da. Deswegen bedeutet Verweilen beim Leiden als solchem auch vom Standpunkt der Seele, im Unterschied vom Geiste, Oberflächlichkeit. Eines tiefen Menschen würdig ist einzig solche Haltung, welche das Sinnlose als sinnlos gelten läßt und die Erkenntnis aushält, daß nicht alles in Rücksicht auf menschliche Wünsche geschaffen worden ist und daß es auf Erden viel schlechthin Sinnloses gibt.

So sind denn die meisten großen Worte, welche von jeher dem Schmerze und dem Leid an sich gewidmet wurden, hohl. Fast deren gesamtes Pathos beruht auf dem sehr unpathetischen Umstand, daß sie es dem Hörer oder Leser ermöglichen, sein eigenes dumpfes Leiden in der klaren Vorstellung von fremdem abzureagieren, welches fremde Leid erfreut, eben weil es nicht das eigene ist, so daß ein Quentchen Schadenfreude die an und für sich nicht geringe Wollust der Rührung würzt. Hier hat der männliche Heldengeist, der es schimpflich findet, überhaupt beim Leiden zu verweilen, unbedingt recht; nur irrt er, insofern er sich für spezifisch männlich hält: Frauen ertragen Leiden in der Regel viel standhafter als Männer, ob sie gleich leichter weinen. — Allerdings aber kann Leiden, wie Meister Eckhart sagt, das schnellste Roß sein, welches den Reiter zum Ziele trägt. In diesem und nur in diesem Sinn, welchen wir bald genau bestimmen werden, muß jeder, welcher ein tiefes persönliches Leben führen will, durch das Leid hindurch. Das ist das Mysterium magnum des Kreuzes.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IX. Leiden
© 1998- Schule des Rades
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