Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

XII. Heiligung

Solarität und Lunarität

Ich möchte meine Leser bitten, das zu Anfang hingeworfene Bild der besonderen Wellenlänge, welche jedem besonderen Lebensstil als dem Formgewordensein einer bestimmten Synthese der verschiedenen Bestandteile des Menschenwesens entspricht, während der Lektüre dieses ganzen Kapitels im Bewußtsein so lebendig als möglich zu erhalten: so wird es mir am leichtesten gelingen, die überpersönlichen Hintergründe erfüllten persönlichen Lebens, so wie sie sich in diesem Kairós darstellen müssen, konkret zu evozieren, obgleich ich mich abstrakter Darlegungen dazu bedienen muß. Eine der gräßlichsten Folgen des unter allen Intellektualisierten grassierenden Wort- und Buchstabenglaubens ist die, daß sie alle ursprünglich geneigt sind, von gut eingeführter und gangbarer Abstraktion her — absichtlich verwende ich hier die ehrfurchtslosen Worte, die in bezug auf Marktware üblich sind — das Konkrete zu beurteilen, anstatt dieses zunächst als solches zu sehen, so wie es ist, und erst nachträglich einen bekannten abstrakten Begriff darauf anzuwenden. Sinngemäß sollte letzteres überhaupt nur dann geschehen, wenn das Abstrakte unzweifelhaft ganz genau auf das fragliche Konkrete paßt; anderenfalls sollte auf jede Anwendung vorherbestehender Abstraktion verzichtet werden. So wird von Religion, Weltanschauung, Philosophie als wie von ewig seienden platonischen Ideen gesprochen und bestimmte Religion, Weltanschauung und Philosophie — und zusammen mit ihr natürlich auch deren jeweiliger lebendiger Urheber oder Vertreter danach beurteilt, ob und in welchem Grade sie landläufigem Vorurteil entspricht. Hier geht uns einzig der Fall der Religion an. Und da müssen wir denn der Deutlichkeit halber an erster Stelle die bewußtermaßen übertreibende These aufstellen: es gibt überhaupt keine Religion im allgemeinen im heute im Westen allgemein angenommenen Sinne ewiger Sonder-Geistgestalt. Was es zeitlos gültig gibt, ist einzig die Einstellung auf Überpersönlich-Geistiges und Leben aus diesem heraus überhaupt; alle Sonderausdrucksformen sind Raum- und Zeit-bedingte Erscheinungen. Und werden gleiche Worte für Verschiedensinniges verwendet, so hindert das nur rechtes Verstehen, wenn es dasselbe nicht gar unmöglich macht. Über das oben über Einstellung und Aus-dem-Geist-heraus-Leben Gesagte hinaus gibt es überhaupt keinen Generalnenner für altrömische und christliche Religiosität, keinen für buddhistische, islamische und konfuzianische, keinen für altgriechische und indische. Religion und Religiosität im christlichen Verstand sind etwas ganz Bestimmtes, und will man heutigen Menschen wirklich klarmachen, was in dieser Wende auf geistlichem Gebiete vor sich geht, dann darf man nicht sagen, die traditionelle Religion oder Religiosität mache neuer Platz: dann muß man vielmehr sagen, obschon es nicht vollkommen richtig ist — aber der ganze Wert abgezogener und als solcher niemals wirklichkeitsgemäßer Begriffe liegt ja darin, daß sie zu konkretem Verständnis des Konkreten hinleiten —: daß wir augenscheinlich in ein nicht-religiöses Zeitalter einmünden. Eine neuartige Beziehung zum tiefst-Geistigen bahnt sich an.

Im Kapitel Das religiöse Problem von Wiedergeburt legte ich bei der Bestimmung dieses Neuen den Hauptnachdruck auf die Verstehenskomponente; in späteren Reden und Vorträgen drückte ich das gleiche so aus, daß der blinde Glaube von einst fortan zu sehendem Glauben werden müsse. Doch da ich hier, nicht ohne meine Schuld, des öfteren mißverstanden worden bin, so will ich in diesem Kapitel den Nachdruck anders legen. Beim heutigen für die Vorhut der Menschheit charakteristischen Wachheitszustand ist es ganz selbstverständlich, daß alles überhaupt Verstehbare verständlich gefaßt werden muß. Eben darum versteht es sich von selbst, daß alle künftige Religion nicht im Buchstaben und Dogma, sondern in dem ihnen zugrunde liegenden Sinn fundiert werden muß (SE, I, 1, W, B, 2). Es gibt kein bestimmtes Dogma, das nicht durchschaut, kein Wort, in dessen Hintergründe nicht hineingeleuchtet werden könnte; unsere Sprache ist mit der des Weltschöpfers unter allen Umständen inkommensurabel. Wie ich es einmal ausdrückte: wohl mag die Heilige Schrift Gottes Wort enthalten, keinesfalls aber Gottes Sinn. Doch nicht in diesem Logischen liegt der radikale Unterschied gegenüber der christlichen Ära. Gerade diese hat ja von vornherein die Offenbarung auch zu verstehen getrachtet — man gedenke nicht allein des Thomas von Aquin, sondern gerade der frühesten hellenischen und anatolischen Theologen — und schon in frühester Zeit hat sie sogar die geistige Selbständigkeit, welche heute zur neuen Norm wird, als Ziel im Geist vorweggenommen. Das gegenüber der christlichen Ära Neue ist, daß der Nachdruck vom Glauben fort auf das Sein zurückverlegt zu werden beginnt, woselbst er in der Antike lag. Daß also die spezifisch lunare christliche Ära in eine neue Ära solarer Artung einmündet.

Ich benutze die Begriffe solar und lunar, weil diese meinem Leserkreis durch Julius Evolas Rivolta contra il mondo moderno, deren deutsche Ausgabe die Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart herausgebracht hat, neu gegenwärtig geworden sein dürften. Doch beeile ich mich, als erstes zu bemerken, daß ich mich mit Evolas besonderer Konstruktion in keiner Weise identifiziere, und schon gar nicht mit seiner Grundintention. Evola geht vom Vorurteil aus, daß es überall auf Erden ursprünglich eine herrliche sakrale Welt solarer Signatur gegeben hätte, welche später in der Entartung lunar wurde. Diese Auffassung ist nicht gegenständlicher, als die Vorstellung von einem goldenen Zeitalter, aus welchem das Menschengeschlecht im Laufe der Jahrtausende in immer tiefere Niederungen hinabgesunken sei und weiter sinke. Auch bedeutet Lunarität als solche gegenüber der Solarität kein Minderwertiges. Denken wir an unsere Betrachtungen über Kreuz und Adler zurück: nur in des ersteren Zeichen gibt es Wachstum im Geiste der Wahrhaftigkeit und Aufstieg Höherem zu — und das Christentum ist die lunare Religion par excellence. Über das gegenseitige Verhältnis von Solarität und Lunarität ist in erster Instanz nur dies zu sagen. Jene entspricht ursprünglicher Täter-Einstellung; wer in solcher geistbestimmt ist, der verkörpert Geist und strahlt ihn aus, er stellt ihn nicht als ein Außer-Sich vor. Diese entspricht hingebender Einstellung auf ein Außer-Sich; der Lunare verkörpert nicht Geist, sondern er will von ihm ergriffen werden. Er legt allen Nachdruck in sich auf sein Pathos, der Solare hingegen auf sein Ethos. Wir wissen nun, daß Ethos und Pathos Polen im Menschenwesen entsprechen, welche sich wechselseitig bedingen, evozieren, durch Spannung aktiv erhalten und deshalb gleich notwendig sind im Kräftespiel der lebendigen Einheit; wir wissen ferner, daß jede Sonderform des Gleichgewichtes zwischen beiden Polen, welche überhaupt Gleichgewicht bedeutet, als biologisch gleichberechtigt gelten muß: schon darum ist es grundsätzlich verfehlt, den Glaubenden niedriger einzuschätzen als den Seienden. Wer wagt es zu behaupten, der Heilige, der Philosoph sei weniger als der Held, wo alle Werte, an welchen das Menschengeschlecht sich zeitlos orientiert, von jenen Typen gefunden oder geschaffen worden sind? Endgültig nun erledigt Evolas Vorurteile kritische Besinnung auf das wahre Verhältnis von Sein und Glauben — und alle religiöse Lunarität muß auf den Glauben den Hauptnachdruck legen. Wie ich’s schon 1906 im Kapitel Das Problem des Glaubens meiner Unsterblichkeit bestimmte, stellen Sein und Glauben richtige Entsprechungen dar. Auf der Projektionsebene der Vorstellung setzt Glaube eben das, was auf derjenigen unmittelbaren Lebens das Sein ist; umgekehrt ist Sein das Äquivalent des Glaubens auf der Ebene unmittelbaren Daseins. Wie innig dieses Wechselverhältnis ist, erhellt daraus, daß sobald ein solarer Mensch, sonach ein solcher, bei welchem der ganze Nachdruck auf seinem Sein liegt, sich selber vorstellt, er sich als Glaubenden bestimmen muß: in erster Linie glaubt er an sich; und daß umgekehrt jedem Glaubenden das Sein oder Wirklich-Sein seines Glaubensgegenstandes die entscheidende Grundvoraussetzung ist. Und zwar nicht im Sinne des Für-wahr-Haltens, als welches grundsätzlich immer durch Argumente erschüttert werden kann, sondern im Sinne eben des echten Glaubens, das heißt des völlig irrationalen und darum von Argumenten überhaupt nicht berührbaren freien Setzens bestimmter Wirklichkeit. Das also von ihm Gesetzte ist für den wahrhaft Glaubenden ebenso unbedingt da, wie jedes Sein für sich unbedingt da ist. Hier erscheint denn der Glaubende vom Seienden überhaupt nicht grundsätzlich unterschieden. Wesensverschieden ist er desto mehr vom Denkenden, denn dem Denken ist alles, was es feststellt, nur relativ existent; es lebt vom Relativieren, Unbedingtheit kennt es nicht und kann es nicht anerkennen. Darum kann Denken unmöglich Sein fundieren. Aus allem diesem folgt, noch einmal, daß es sich bei Solarität und Lunarität überhaupt nicht um Höher und Geringerwertiges handelt, sondern um verschiedene Einstellungen der Psyche, von denen die eine die andere als Ergänzung voraussetzt, in der Simultaneität oder in der Sukzession, und von denen jede auf besondere Weise eine Auswirkung des ganzen Menschen möglich macht. Rang und Grad dieser Auswirkung hängen nicht von der Einstellung als solcher, sondern der Kraft und Tiefe ab, die sich in ihr manifestiert. Allenfalls gebührt der Lunarität die absolute Vorzugstellung. Dies wäre dann der Fall, wenn objektiv wahr sein sollte, daß Wachsen über das bisherige Menschentum hinaus das eigentliche Ziel des Menschendaseins ist, wenn also Ergriffenwerden für den Fortschritt, und Aufstieg wichtiger ist als Ergreifen, wenn in der Erkenntnis und nicht in Tat und Sieg der eigentliche Sinn des Menschenlebens liegt und in der Verwandlung sein einziges Heil.

Dieses erkenntnistheoretisch Grundsätzliche mußten wir vorausschicken, um verderblichem Mißverstehen vorzubeugen. Nunmehr können wir uns unbefangen dem Problem der neuen Solarität zuwenden, die unserer Überzeugung nach die Lunarität der christlichen Ära für die nächste Zeit abzulösen bestimmt ist. Schon 1911, in dem in jenem Jahre verfaßten Adyar-Kapitel des Reisetagebuches, schrieb ich anläßlich einer Kritik der theosophischen Bewegung, die Menschenwelt münde offenbar in ein extrem-männliches Zeitalter ein: was damals unbegründete Prophetie schien, liegt heute als Tatsache jedermann vor Augen. Der Mann als Grundtypus ist nun eben das, was man solar heißt, gegenüber der als Grundtypus lunaren Frau. Vergegenwärtigen wir uns nunmehr die allgemeine Lebensanschauung, welche gleichmäßig, mit nur sehr geringen Varianten, für alle sakral-solaren Zeiten gegolten hat. Da erscheint das Dasein nicht auf ein fernes Göttliches hingeordnet, sondern Menschen selbst gelten als Götter. Ihr menschliches Sein und Dasein als solches ist geweiht, und nicht zwar von anderem Höheren, sondern an sich. Darum kann es seinerseits weihen; von sich aus heiligt es alles, was es berührt, tut und läßt. Unter diesen Umständen muß von solchen Göttermenschen geführter Krieg ein Heiliges sein, gerade weil er empirisch Greuel bedeutet, und sakrales Menschenopfer Höchstausdruck des Gleichen. Dann muß Sieg nicht materielle Überlegenheit, sondern heiligeren Geist beweisen, weshalb es selbstverständlich ist, daß er alles frühere Recht ipso facto aufhebt und den Sieger zu einem Jüngsten Gericht ermächtigt. Dann muß das Spiel, als Ur-Ausdruck des Geists, ein Heiliges, ein dem sogenannten ernsthaften Leben gegenüber Höherwertiges sein, als was es noch dem kaiserlichen Rom galt. Dann muß gerade grausamem Spiel sakraler Charakter eignen, denn gerade dieses erweist die unbedingte Überlegenheit des Geistessohnes über alle menschliche Schwäche. Dann muß auch Glück Sakralität beweisen, ja, dann müssen Sein, Wille und Glück letztlich ein und dasselbe sein. So gibt es in einer der alten kaukasischen Sprachen nur ein Wort für Glück und Mut. Dann kann der Heldentod nur als mors triumphans vorgestellt werden und Niederlage nur als Gottesurteil. Unter solaren Voraussetzungen ist der Mensch wirklich restlos eins mit seinem Schicksal, dann hat er ein Recht, sich restlos als den zu bejahen, als der er empirisch erscheint, und keines, sich je über sein Schicksal zu beklagen. Dann beweist Stellung entsprechendes Sein, dann erscheint kein Begriff gegenständlicher gebildet, als der des römischen Divus Imperator, von dem das mittelalterliche Gottesgnadentum einen letzten Abglanz aufbewahrt — während die gleiche Auffassung die Sklaverei vollkommen rechtfertigt. Dann bedeutet alle Gerechtigkeit letztendlich Gnade, auf welche zu rechnen niemand je ein Recht hat, genau so wie noch heutigen echt Wort-gläubigen Christen Gottes Gerechtigkeit nichts anderes als Gnade bedeutet. Denn immer wird ihrerseits ein schreckliches Gottesgericht als mögliche Alternative empfunden und undiskutiert als gerecht anerkannt.

In einer solchen Welt erscheint der Geist restlos verkörpert; er wird durchaus personal vorgestellt, keine sachliche Erwägung reicht an sein Wesen überhaupt heran. Aber trotz dieser restlosen Verkörpertheit liegt aller Akzent in echt solaren Zeiten dennoch auf dem Geist. Von Naturalismus findet sich keine Spur. Die Weihe, nicht das Blut als solches, macht den König; der Emporkömmling wird durch seinen heiligen Sieg geweiht, der vormals Legitime geht mit seiner Niederlage der einzig entscheidenden Weihe verlustig. Aller echte Adel entstand in solar gesinnter Zeit, und allemal war der ursprüngliche Sinn bevorrechteten Blutes nicht der, daß einer von sehr vielen vom Erdstandpunkt Hochgeborenen, und ob sie im übrigen noch so vollkommene Esel waren, abstammte, sondern daß einige Geschlechter im Unterschied von anderen von Göttern ihren Ursprung herleiteten und diese geistige Weihe dem Blut besondere Tugend verlieh. Doch verlieh sie ihm solche nur bis zu dem Tag, da Versagen Verlust der Geweihtheit dartat. Besiegte Könige wurden selbstverständlich zu niedersten Sklaven degradiert, und in unserer Zeit bewahrt am meisten vom alt-solaren Gedanken nicht das germanische Vorurteil zugunsten alten Bluts, sondern die chinesische Idee, daß der Enkel den Ahnherrn adelt und somit persönlich verantwortet für die Stellung, die seine längst verstorbenen Vorfahren im Jenseits innehaben. Doch den verständlichsten Beweis für den geistigen Ursprung ursprünglichen Adelsbegriffs bietet die alt-römische Vorstellung des Edelmannes als dessen, welcher ein Recht auf Riten hat. Ritual und Kult galten als die eigentliche Daseinsebene höheren Lebens. Im König oder Kaiser erlebte diese Vorstellung ihre äußerste Aufgipfelung; sein Leben bestand ganz und gar in Riten und Zeremonien. Auch hier bietet Alt-China das extremste Beispiel für den wahren Sinn der Solarität: wenn der Kaiser am Himmelsaltar die heiligen Handlungen richtig ausführt, darin wird es allemal zur rechten Zeit im Jahre regnen; jeder Form-Fehler des Himmelssohns bringt, umgekehrt, die Weltordnung ins Wanken.

Nun ist klar, daß nicht alles Leben also geweiht sein kann. Darum erkennt jede solare Ordnung die Ideen der Hierarchie und des Privilegs als undiskutierte Grundlagen an. Doch privilegiert wird der Absicht nach immer nur Geist; alle echt-solare Hierarchie stuft ihrer Idee nach ausschließlich gemäß wirklicher Überlegenheit im Sinne geistigen Mehr-Seins ab. Es ist hier ganz einerlei, welchem Aspekt des Geistes jeweils der Vorrang zuerkannt wird: dem Mut, dem Glauben, der Heiligkeit, Weisheit, Gerechtigkeit oder künstlerischer Schöpferkraft — für den Vorrang jeder dieser Aspekte gibt es in der Geschichte Beispiele —: das Wesentliche ist, daß niemals als Natürliches, sondern einzig ein als Geist-entsprossen und -verkörpert Vorgestelltes in einer echt solaren Welt den Rang bestimmt. So machte in der großen Zeit des Rittertums die Weihe und nicht schon die Ritterbürtigkeit als solche den Ritter, weswegen dazumal auch niedrig Geborene auf Grund erwiesenen höheren Seins zu Rittern geweiht werden konnten. Mit am deutlichsten erkennt man, wie die Dinge in Wahrheit lagen, an jener Zeit der Götterdämmerung europäischer Solarität, da Papst und Kaiser miteinander rangen. Der Papst kämpfte damals überhaupt nicht für sein Sacerdotium, als welches ihm niemand streitig machte, sondern um das Regnum. Dessen Idee hatte er vom alten Rom geerbt, und tatsächlich ist die römisch-katholische Kirche noch heute, vom Papste her gesehen, eine Institution solareren Geists, als es alle sonstigen Lebensordnungen Europas sind; im besonderen verkörpert die katholische Priesterhierarchie, durch Weihe investiert, als letzte Aristokratie Europas den alten Weihegedanken. Doch der Kaiser erhob seinerseits auf Gleiches Anspruch wie der Papst; er vertrat, solange heiliger Sieg es ihm erlaubte, die alt-römische Idee, daß das Sacerdotium dem Regnum unterstehe; sonach vertrat er das gleiche wie der Papst, nur eben in anderer Gewichtsverteilung. Indem er die Justitia personifizierte, fühlte der Imperator sich nicht minder göttlich inspiriert als der segnende und bannende Pontifex, als Erdbeherrscher aber durchaus Geist-geweiht, nicht von Natur aus zu seiner Stellung bestimmt. So ward jeder Versuch, eine Erblichkeit der Kaiserdynastie zu begründen, von jener Zeit mit vollem Recht als Sakrileg empfunden. Sintemalen nun, die christlichen Voraussetzungen als solche lunar waren, so konnte sich die europäische Solarität unmöglich halten, weder in Gestalt des Kaisers, noch auch in der des Papstes. Mit Heinrich IV. ward das Kaisertum in die Stellung christlicher Demut gegenüber dem Stellvertreter Christi gezwungen, aber gleichzeitig verlor auch der Papst den moralischen Anspruch auf das Regnum: in einer wirklich auf christliche Voraussetzungen bezogenen Weltordnung konnte er allerhöchstens Mittler sein zwischen Mensch und Christus, gleichwie Jesus Christus einmalig Mittler geworden war zwischen Menschengeschlecht und Gott. Je mehr nun im Verfolg die Idee der Weihe an Prestige verlor, desto unaufhaltsamer und schneller setzte Vernatürlichung alles ursprünglich Sakralen ein. Der Adel mit dem gesalbten Fürsten an seiner Spitze, der nur mehr als primus inter pares galt, wurde zum reinen Blutsverband, immer mehr auf sein Kasteninteresse bedacht; alle in Persönlichkeiten verkörperten Aspekte solarer Macht und Gnade versachlichten immer mehr zu Ämtern, wie sie es heute sind, das heißt zu unpersönlichen Machtzentren ohne jeden Weihehintergrund, welchen Geist-geborene Vollmacht schuf. Eine solare Welt kann nur personal sein, eben weil Geist als Substanz nur personal ist, oder aber nicht ist. Jedesmal freilich, wo das Schicksal einen übernatürlich groß wirkenden zu Macht und hoher Autorität berief, lebte für diesen besonderen Fall die alte Bereitschaft, solare Berufung anzuerkennen, wieder auf. Das ist auch heute nicht anders. Doch eine allgemeine Ordnung des Lebens auf Grund auf Erden verkörperten seienden und ausstrahlenden, im Unterschied von in jenseitiger Ferne thronenden und im irdischen Verstande letztlich ohnmächtigen Geistes, konnte nicht wieder aufleben.

Warum überhaupt das christliche Kreuz die solare Adler-Welt besiegen mußte, sahen wir im Leiden-Kapitel. Diese Frage beschäftigt uns in diesem Zusammenhang auch nicht mehr direkt. Doch ist es gut, wenn wir hier einiges von dem nachtragen, was damals unberührt bleiben mußte, denn das wird uns den Weg zur Erkenntnis dessen ebnen, inwiefern Solarität im alten Sinn auf Erden nie mehr wiedererstehen kann. Ohne jeden Zweifel hat es Menschen gegeben, die, verglichen mit allen ihren Zeitgenossen, als Übermenschen wirkten und denen damals die Theorie solaren Rechts auf Macht und Autorität in hohem Grade entsprach. Doch wenn wir den Eindruck haben, als seien die Größten frühester Zeit in später nie wieder erreichtem Ausmaß gewaltig gewesen, so liegt dies zu einem erheblichen Teil daran, daß der Abstand zwischen dem ursprünglich wissenden Genie und der Masse in frühesten Zeiten sehr viel größer noch war als späterhin und daß durch Achtung vor Tatsachen weniger gehemmte Einbildungskraft das Wirkliche unbedenklicher steigerte. Und unter gar keinen Umständen entsprach es je dem Sinn der Wirklichkeit, von dem her, was wenigen gemäß ist, ganze Völker zusammenzufassen. Geistiger Wert, Schicksal, Wille und Glück stehen, mit Ausnahme einiger weniger unter Abermillionen, tatsächlich nicht in dem Verhältnis zueinander, wie dies die großen solaren Zeiten annahmen. Riten bedeuten nicht wirklich das, was die alten Römer in ihnen sahen, Sieg ist nicht Gottesurteil und ermächtigt nie zu einem Jüngsten Gericht. Endlich gilt der Wille eines, soviel einsichtsvoller er sei, als solcher nie für alle — wo immer die innere Freiheit jedes Menschen unberücksichtigt bleibt, ist eine Lebensordnung letztlich widersinnig. So mußte solare Geistigkeit auf die Dauer überall, gerade wo Geistbewußtsein wachblieb, lunarer Platz machen. Gerade um den Glauben an den Primat geistiger Wirklichkeit zu erhalten, mußte auf die Dauer zwischen Natur und transzendenter Geisteswelt unterschieden werden. Nun betete man zu Göttern im Himmel, man betete nicht mehr in Menschen verkörperte Götter an, oder wenn doch noch, so wie dies heute noch gelegentlich in Indien geschieht, in klarer Erkenntnis dessen, daß der Mensch als solcher dank dem Göttlichen, welches hinter ihm steht oder durch ihn hindurchscheint, nicht ehrwürdiger wird. Den Extremausdruck einer lunaren Religion stellt das Christentum dar, allwo ein zu himmlischem Dasein erhöhter Gottmensch alle Eigenschaften solarer Geweihtheit in sich vereinigt, alle anderen jedoch liebend und glaubend der Gnade und Erleuchtung harrend sich ihm hingeben sollen. Und einzigartig tief versinnbildlicht der Christus-Mythos den Übergang von der Erd- zur Geistwelt, so wie er sich von lunarer Einstellung her darstellt. Gott verkörperte sich auf Erden im Menschensohn, der als solcher nichts als Mensch und kein solarer Übermensch war; auf Erden scheiterte dieser, und sein Ende war eins der tiefsten Schmach. Doch gerade das auf sich genommene Kreuz transsubstantierte ihn alsdann zum reinen Gotte. Hier liegt denn auch das geistige Vorbild aller der Mysterien, welche eine Verwandlung und Transsubstantiation des Menschen bewirken sollen.1 Freilich gab es solche schon lange vor christlicher Zeit: ja, wahrscheinlich gab es sie in kleinsten Kreisen Eingeweihter seit dem ersten Einbruch metaphysischen Geists ins seelisch bestimmte Bewußtsein. Nichtsdestoweniger bleibt Christi Tod und Auferstehung aller Mysterien ewiges Prototyp. Die Mysterien bereiteten das vor, was mit dem Christus-Glauben zur historisch bestimmenden Macht ward, und nicht zwar im Sinn von Vorläufertum, sondern in dem, daß enge Kreise von jeher Gleiches wußten und betrieben. Von lunarer Einstellung her gibt es überhaupt nur den Weg der Transsubstantiation, um als Sein, nicht nur als Erlebnis, übermenschlichen Geists teilhaftig zu werden. Von hier aus ersehen wir denn mit letzter Klarheit, inwiefern die christliche Einstellung einen absoluten Fortschritt bedeutete gegenüber der vorchristlichen Solarität, obgleich auch sie als letztes Ziel Transfiguration zu solarem Sein anstrebte: wohl mag es einzelne Gott-Menschen geben — eine Auffassung, die bestimmten Kasten andauernd gotthaftes Sein zuerkennt, ist grundsätzlich nicht Wirklichkeitsgemäß.

So mußte der Weg der Vergeistigung von der Ur-Solarität fort zunächst zu vorherrschender Lunarität führen. Doch andererseits: eines fehlt jeder lunar bestimmten Welt, und am meisten von allen der christlichen: die Ganzheit. Es war logisch unvermeidlich und organisches Schicksal, daß Kirche und Staat und geistliches und weltliches Leben sich immer schroffer voneinander abschieden, sich immer mehr im Ausdruck voneinander differenzierten und in immer unübersteigbarer voneinander abgehegten Gebieten ihren natürlichen Wirkungskreis fanden. So konnte die christliche Welt nicht umhin, sich immer mehr zu entheiligen; so konnte der nicht unmittelbar auf Gott beziehbare Geist nicht umhin, immer mehr zu versachlichen. Im gleichen Verstand entsprach es logischem Fatum, daß Wissenschaft es schließlich unternahm, Religion zu ersetzen, ja daß sie zuletzt die bloße Existenz selbständigen substantiellen Geistes anzweifelte. Ließ dann überdies die Kraft des Glaubens nach, welcher reine Geist-Ordnung wenigstens im Jenseits als lebendig und bestimmend weiter setzte — dann stand das Leben nicht nur entheiligt, sondern direkt entgeistet da.

In einer solchen Welt, die ich nur ganz wenig übertreibend schildere, leben wir heute. Völlig hemmungsloser Krieg, unmenschliche Übermacht der Geldinteressen, Gottlosenbewegung, Intellektualismus und Materialismus, Amoralität, Ehrfurchtslosigkeit dem Menschen, Unverständnis seiner Seele gegenüber — während innerhalb der Mauern ihrer Heiligtümer geistliche Hirten und deren Herden weiter so tun, als sei nichts anders geworden — gehören als Symptome gleicher Krankheit allesamt organisch zusammen. Und da täusche man sich nicht: die traditionelle lunare Welt ist überhaupt nicht wieder aufzubauen. Die Kollektivpsyche hat sich gewandelt. Sie glaubt an die alten Dogmen nicht mehr so fest, als nötig wäre, um jene Zerrissenheit zwischen Geist und Erde, welche der Christenglaube setzte, als wohltätige Spannung auszuhalten. Die heutige Kollektivpsyche sieht im Irdischen kein Vorläufiges und Minderwertiges mehr, überhaupt fehlen heute alle die Voraussetzungen, welche seinerzeit Bekehrung zum Christentum als psychologisch richtige, ja einzig mögliche Lösung erscheinen ließen. Heute sind der Mehrheit der für die Zukunft bedeutsamen Menschen die Nachteile christlicher Lunarität im selben Sinne klar geworden, wie vor zweitausend Jahren diejenigen der heidnischen Solarität. Wohl gibt es Kreise, welche gerade heute von Mysterienwesen in gleichem oder ähnlichem Sinn das Heil erhoffen, wie es tatsächlich am Ende der Antike von ihm kam. Doch diese irren: gerade die Typen, die sich dahin gezogen fühlen, zählen am wenigsten für den weiteren Aufstieg des Menschen­geschlechts dem Geiste zu. Die psychologische Lage ist heute eine ganz andere, als vor zweitausend Jahren, ja sie ist jener in einigen Hinsichten diametral entgegengesetzt (SE, III, A, 3). Heute kann nur Vertiefung und Heiligung der Menschen-Natur, wie sie ist, keine Überwindung dieser als eines Vorläufigen, Heil bringen. Heute liegt gerade das spirituelle Ziel nicht im Himmel, sondern auf Erden. Deswegen liegt das Heil heute auch in keinerlei traditionellen Kult-Übung. Es soll doch gerade die Zerrissenheit zwischen Geist und Erde aufgehoben werden: damit aber wird fernere Bejahung einer Dauerscheidung zwischen Eso- und Exoterischem, Immanentem und Transzendentem, Sakralem und Profanem, geheimem und offensichtlichem Leben unmöglich. Freilich behalten viele Formen ihren Sinn und Wert. Nachdem ich die Schule der Weisheit gegründet hatte, bemerkte ich bald, daß viele, die sich zu mir hingezogen fühlten, ein starkes Bedürfnis nach dem spürten, was in der protestantischen Kirche noch als Liturgie lebt, welches Bedürfnis mir vollkommen fehlt. Und da sagte ich einmal meinem Mitarbeiter am Buch Das Okkulte, Dr. Carl Happich, wenn soviele Menschen das Bedürfnis nach Riten und Exerzitien fühlten, müsse es doch auch welche geben, die dank besonderer Begabung solche zu erfinden fähig wären. Er erwiderte mir: In unserer nächsten Nähe gibt es einen. Den ließ ich mir sofort kommen: es war der jetzige Direktor des China-Instituts zu Frankfurt a. M., Erwin Rousselle. Der besaß in der Tat eine Medizin-Mann-artige Fähigkeit, neue geistige Inhalte in solche Formen zu gießen, wie sie den unbewußten Bildekräften im Menschen entsprechen. Solange Rousselle mein Mitarbeiter war, fanden in Darmstadt Exerzitienkurse statt, welche sich äußerlich von den in alten Mysterienbünden üblichen kaum unterschieden. Aber gar bald gewahrte ich, daß sogar deutlichste und betonteste Neu-Besinnung der alten Formen dieselben nicht als Wege zum Heile neu beleben kann. Das sinnbildliche Leben, welches sie bedeuten, ist nicht mehr das, welches die heutige Vorhut der Menschen aufwärts führen kann.2 Diese Formen bilden heute zurück, indem sie den, welcher sich ihnen hingibt, dazu verleiten, im Geist überlebter Zustände sein Heil zu suchen. Wie überlebt die alten Formen in diesem Sinne sind, beweisen die Geister der heutigen Theosophie und Freimaurerei (um nur diese beiden Bünde zu nennen, aber was ich sage, gilt von schlechthin allen ähnlichen Vereinigungen): da wird ernstlich behauptet, erlangte Grade und Weihen bewiesen spirituelles Vorgeschrittensein, wo ich aus genauer Tatsachenkenntnis apodiktisch behaupten kann, daß Grade und Weihen heute nie mehr das allergeringste in bezug aufs Dasein höheren Seinsniveaus beweisen. Und ebenso bewirken die alten noch so Traditions-geheiligten Formen nicht mehr das, was sie einstmals bewirkten; dies gilt auch vom gesamten christlichen Kultus. Aus allen diesen Gründen ist die traditionelle lunare Welt überhaupt nicht wieder aufzubauen.

Heute sind — wir wiederholen den Satz, an den sich die Betrachtungen über die Mysten dieser Tage anschlossen — der Mehrheit der für die Zukunft bedeutsamen Menschen die Nachteile christlicher Lunarität im selben Sinne klar geworden, wie vor zweitausend Jahren diejenigen der heidnischen Solarität. Und kein echter geistlicher Führer ist heute Myste. Was schon von Jesus und Buddha galt, welche beide über Ritus und Yoga hinausgewachsen waren, gilt heute für alle Pioniere. Von der ganzen weißen Menschheit aber gilt: Zerrissenheits-müde sehnt sie sich nach neuer Ganzheit. Eine Weile versuchte sie, diese Ganzheit ohne Einbeziehung überweltlichen und überpersönlichen Geists zu realisieren. Einmal sollte die individuelle Vernunft die Ganzheit schaffen, später der fortschrittliche Institutionen schaffende Verstand, dann die Wirtschaft, schließlich die Abtragung aller Unterschiedlichkeit durch Nivellierung nach unten zu. Alle diese Versuche sind als gescheitert erwiesen. Da nun eine Wiedererweckung zum Leben gerade von jüngst Verstorbenem psychologisch unmöglich ist, so sehnt sich der beste Teil der Menschen nach einer Wiedergeburt des Höchsten unter dem zurück, was vor dem Christentum die Lebensordnung bestimmte: nach einer neuen Geistesordnung auf Grund des Prinzips der Solarität.

1Als gute Darstellung der Gesamtheit des Mysterienwesens empfehle ich August Horneffers Symbolik der Mysterienbünde, Prien 1924, Kampmann und Schnabel Verlag.
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Das sinnbildliche Leben, in dem allein ich mögliches Zukunftsheil sehe, bestimmte mein 1923 geschriebener, besonders für die Teilnehmer an den von Erwin Rousselle geleiteten Exerzitien-Kursen der Schule der Weisheit bestimmter Aufsatz Vom sinnbildlichen Leben im Weg zur Vollendung, Nr. 7, folgendermaßen:

Sinnbildliches Leben ist als sakrales Leben jeder Kirche oder sonstigen Kultgemeinschaft von jeher bekannt. Hier bedeutet es das Nachleben einer vorgegebenen Heilsordnung. Indem der Christ im Lauf des Kirchenjahrs den Rhythmus des Heilsweges in sich aufnimmt und für sich vertritt, indem er im Ritus die Wandlung vom Natürlichen zum Übernatürlichen im Gleichnis durchmacht, wird sein Erdenleben überhaupt zum Sinnbild des Ewigen. Dieser Vorgang ist aber nicht bloß Darstellung oder Schauspielerei (oder braucht es doch nicht zu sein, so oft er es ist), weil Vorstellung Wirklichkeit schafft und der Glaube an die Wirklichkeitsgemäßheit des Gleichnisses dessen Rhythmus, sofern dieser wirklichkeitsgemäß, dem Leben tatsächlich einbildet. Insofern ist sinnbildliches Leben der Weg zur Sinnesverwirklichung. Derselbe Prozeß nun, der bei einer Gemeinde oder, allgemeiner, Gefolgschaft nur in Form von Nachleben denkbar ist, entrollt sich beim geistigen Führer in der Form von Vorleben. Im letzteren Sinn war jedes Wort, jede Handlung Christi ein Gleichnis. Daß er hierbei betonte, den Buchstaben (das Gesetz) nirgends aufzuheben, sondern nur zu erfüllen, geschah aus zwei Erkenntnissen heraus: erstens, daß neuer Sinn, um sich auszudrücken, grundsätzlich keines neuen Buchstabens bedarf; zweitens, daß gewahrte Kontinuität mit der Vergangenheit, gemäß dem Trägheitsgesetz, die Fortdauer in die Zukunft am sichersten gewährleistet.
Auf der Bewußtheitsstufe nun, welche heute geschichtsbestimmend wird, stellt sich jedem ohne Ausnahme die Aufgabe, im letzteren Sinne allein, dem prometheischen im Gegensatz zum epimetheischen, sein Leben zum Gleichnis zu gestalten. Wohl mag jeder, welchem dies frommt, überdies überkommene Ordnung vertreten, aber diese darf ihm fortan nur Unterbau oder Baustoff bedeuten — genau wie die vorgegebene Bilderfolge unserer Exerzitienkurse, in welche jeder den Sinn hineinzulegen hat, der ihm entspricht. Denn wenn es gilt, neuen, tieferen Sinn dem alten Buchstaben einzubilden, wenn dies das eine ist, was allgemein nottut, dann hat jeder, so gering er auch sei, sein persönliches Leben als allgemeines Sinnbild aufzufassen; dann verantwortet recht eigentlich jeder für jede Gebärde und jedes Wort in gleichem Grad, wie sonst nur Gottessöhne. Denn Sinn verwirklicht sich allein durch Sinngebung, und solche vollzieht sich so allein, daß einer Tatsache eine Bedeutung zugeteilt wird, die sie an sich nicht hatte, wodurch sie eben zum Sinnbild oder Gleichnis umgeschaffen wird. Nun fragt sich: wie ist gewöhnlichen Sterblichen solche Schöpfung möglich? Hier weist eine an sich mißverständliche Formulierung Kants den Weg. Dieser vertrat die folgende ethische Grundmaxime — ich zitiere nur sinn-, nicht buchstabengemäß —: jeder handele jederzeit so, daß seine Handlungsweise zum allgemeinen Gesetz erhoben werden könne. Kant ging nun persönlich zwar von der Voraussetzung einer allgemeingültigen, gleichsam statischen Vernunftordnung aus, die wir nicht anerkennen können. Aber sein Denken wurzelte so tief, daß sein Irrtum auch hier, wie überall, ein Sinnbild absoluter Wahrheit ist, weshalb sein Gedanke auch in diesem Fall, ohne den Geist aufgeben zu müssen, einen Wechsel seines Körpers verträgt. So hatte denn Kant vollkommen recht, sofern er das Folgende meinte: jeder benutze jeden gegebenen Tatbestand, ob getan, ob erlitten, dazu, um durch ihn einen tieferen Sinneszusammenhang zum Ausdruck zu bringen. Da bei Erlebnis und Tat nie das Was, sondern einzig das Wie und das Wer, als Koordinaten der Gesinnung, entscheiden, so sind hier möglicher Sinnesverwirklichung überhaupt keine Grenzen gesteckt. Wer da nun weiter weiß, daß Niederlage und Sieg, vom metaphysischen Zentrum gesehen, gleichwertig sind, weil sie einander als Gegenpole bedingen und fordern, und daß keiner, auch der Mächtigste nicht, insofern frei ist, daß er die Tatsachen berufen könnte, welche ihm passen — von diesen muß schlechthin jeder die meisten als Schicksal hinnehmen —, der kann daran nicht mehr zweifeln, daß es in jedes Macht steht, sein äußerlich noch so geringes Leben zum Gleichnis umzuschaffen und damit sein ganzes Dasein auf ein tieferes Zentrum zurückzubeziehen. Dem wird zugleich klar, daß auch in diesem Zusammenhang die großen Führer der Vergangenheit allen vorgelebt haben: schlechthin jedem könnte (und sollte zugleich) jedes Wort und jede Tat, wie Jesus, zum Gleichnis werden. Um jedoch soweit zu kommen, darf man vor allem eines nicht vergessen: daß, vom Sinne her betrachtet, nur das Original zählt und keinerlei Kopie. Die Bedeutung eines Worts, einer Handlung, bemißt sich ausschließlich darnach, was sie in diesem Falle wirklich bedeutet. Deshalb ist auf der hier gemeinten Bewußtheitsstufe jede Nachahmung, und sei es die Gottes, unmittelbar eine Sünde wider den Heiligen Geist. Nur zu dem ihm Entsprechenden hat der Erwachte irgendein Recht.
Prometheischen Geist, im Gegensatz zum epimetheischen, zu lehren, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Schule der Weisheit, denn nur dieser Geist vermag die Welt zu ändern. In unseren Exerzitien wird jeder dazu angehalten, den vorgegebenen Symbolen die ihm entsprechende Bedeutung einzubilden. Meditationssymbole sind nun auch die Programme unserer Tagungen. Die Verteilung und Folge der Vorträge ist jedesmal so, daß sie als solche einen bestimmten Rhythmus in der Seele des Hörers schafft, welcher sie unbewußt unserem Bildungsziel beschleunigt näherführt. Wenn in Darmstadt Typen auftreten, so geschieht dies niemals, um darzustellen, was ist, sondern um einzuleiten, was werden soll. Und das wirksame Sinnbild ist hier niemals der einzelne Redner, sondern seine Rolle im Zusammenklang. Aus der letzten Tagung ergab sich als Ergebnis, wie zwangsläufig, von mir zum Schluß nur formuliert, die Zukunft des Christentums; aus der gleichen die Heiligung der neuentstehenden Arbeiterwelt. Dies war nicht allein möglich, sondern unvermeidlich, weil jene Tagung keinen Kongreß im üblichen Verstand, sondern eine einheitliche symbolische Handlung bedeutet hat, Leben als Gleichnis jedoch der Urquell ist alles geistbestimmten Lebens als Wirklichkeit.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
XII. Heiligung
© 1998- Schule des Rades
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