Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

I. Gesundheit

Akzeptierung des Schicksals

An dieser Stelle können wir das richtige Gesamtbild des Menschen, soweit Verstehen es nachzeichnen kann, natürlich noch nicht geben. Deswegen lassen wir die meisten Rätsel, welche die Tatsache, daß der Mensch eine Beziehung ist, mit voller Absicht bis auf weiteres ungelöst. Dafür können wir jetzt schon die Hauptkonsequenz aus dem Erkannten in bezug auf die beste praktische Einstellung gegenüber dem Gesundheits- und Krankheitsproblem ziehen. Der Mensch muß damit anheben, oder aber sich dazu durchringen, daß er sich ganz, in seiner Totalität, so akzeptiert und anerkennt, wie er ist. Er muß dies grundsätzlich, in seiner allgemeinen Einstellung tun: demgegenüber ist es unwesentlich, ob er sich selbst ganz richtig und wirklich vollständig sieht oder nicht. Worauf es ankommt, ist die an sich selbst gestellte und nach bestem Vermögen erfüllte moralische Forderung, sich keinerlei Illusionen zu erlauben. Auf der heute vom Menschen erreichten Wachheitsstufe bedeutet jeder vermeidbare Irrtum Lüge und wirkt entsprechend schädigend auf ihn selbst zurück. Im übrigen aber ist Selbstbelügung seiner unwürdig geworden; der Geist sollte heute bei jedermann über die Ur-Angst (SM, II) genügend Herr geworden sein, um den Anblick der Wahrheit auszuhalten. Ringt sich der Mensch nun zu der skizzierten allgemeinen Haltung durch, dann äußert sich die erzielte Illusionslosigkeit nicht in der Stimmung traurigen Enttäuschtseins, sondern in der Serenität, welche der gefaßte tapfere Entschluß, Leben und Schicksal so auf sich zu nehmen und zu tragen, wie sie einem auferlegt sind, ganz von selbst gebiert. Dann ergibt sich eine rein positive Einstellung zum Leben, die ihren Ort oberhalb der Polarität ja-nein hat. Dann wird der Mensch fähig zu allem, was ihm offenbar wird, ja zu sagen. Daraus aber ergibt sich zum erstenmal die Möglichkeit, das Leben durchaus zu verpersönlichen: Akzeptierung des Schicksals und rein positive Einstellung zu ihm bezeichnen nämlich den einen und einzigen Weg dazu, an sich Nicht-Persönliches in Persönliches umzuschaffen.

Wir wollen das Wesentliche, was hier zu sagen ist, durch eine paradox klingende These einführen, weil Paradoxa als Explosive wirken (MS, 244) und darum, wo sie einschlagen, Vorurteile unmittelbar sprengen: der Mensch trachte gegenüber seiner Seele und seinem Körper alle Forderungen des — Altruismus zu erfüllen. Dem persönlichen Geist-Wesen steht das ihm zugehörige Nicht-Ich nicht näher, sondern ferner, als fremdes Geist-Wesen. Jeder trägt am Verlust eines geliebten Menschen schwerer als an einer Amputation am eigenen Leib. Ist starker körperlicher Schmerz schwerer auszuhalten als seelischer, so verwundet, er andererseits das Persönlichkeitsbewußtsein überhaupt nicht. Für solche, welche ihr Zentrum wirklich im Geist haben, gibt es vieles, was sie ganz selbstverständlich höher schätzen als ihr Leben: Ehre, Glaube, Überzeugung, Aufgabe, Pflicht. Die bloße Tatsache, daß der Satz, das Leben ist der Güter höchstes nicht, eigentlich jedem unverbildeten Menschen einleuchtet, beweist, wie wenig sich ursprüngliches Selbstbewußtsein mit dem Nicht-Ich identifiziert: erst Reflexion verändert nachträglich die ursprüngliche Werteskala. Aus dem hier kurz zusammenfassend Ausgeführten ist nun wieder und wieder gefolgert worden, man habe hart und rauh mit dem Nicht-Ich umzugehen. Diese Folgerung ist genau so falsch, wie die des puritanischen Moralisten, welcher den, der dem Sittengesetz nicht ganz Genüge tut, verfolgt und ihn durch Strafe zu bessern unternimmt: hier wie dort kann nur Liebe heilen und Heil bringen. Jesus predigte Sym-pathie mit dem Sünder, weil er zweierlei erkannte: erstens, daß kein Mensch wirklich vereinzelt dasteht, so daß jeder, ob er es wisse oder nicht, tatsächlich mit teil hat und mit trägt und mit schuld ist an allem Übel wie an allem Guten; zweitens, daß es diesen zunächst unpersönlichen Tatbestand durch Hinaufhebung ins Bewußtsein und durch Gefühlsbetonung zu verpersönlichen gilt. Erst wenn die Person für sich anerkennt, und damit als sich persönlich zugehörig erlebt, was sonst außerhalb des Erlebniskreises verbliebe, ist nämlich ein Kontakt geschaffen von Seele zu Seele und von Geist zu Geist; und erst, nachdem solcher Kontakt besteht, kann ein Geist dem anderen Geist, eine Seele der anderen Seele helfen. Denn wer das Sanktum fremder Persönlichkeit nicht anerkennt, wird von ihr nimmer in dieses zugelassen — hier aber entscheidet persönliche Freiheit, letztinstanzlich. — Nun, im formal genau gleichen Sinne kann nur Sym-pathie das rechte Verhältnis herstellen zwischen dem Kern des Menschen und seinem Schicksal im weitesten Verstand, zu dem an erster Stelle seine Leiblichkeit gehört. Einzig und allein eine gleiche Generosität, wie man sie einem lieben Freunde gegenüber übt, welchen man klar als denjenigen erkennt, welcher er ist, und mitsamt allen seinen Schwächen liebt, vermag nicht allein das Fatum, das der Körper darstellt, erträglich zu machen, sondern auch zu dessen Überwindung zu führen.

Es ist eines der merkwürdigsten Phänomene der Geschichte, daß immer wieder Generosität gegen andere gepredigt worden ist, aber kaum je, daß ich wüßte, Generosität gegen sich selbst. Und doch ist die zweite ohne die erste niemals echt, denn jeder, wie er sich auch stelle, ist nun einmal sich selbst der Nächste. Das Mißverständnis hängt wohl damit zusammen, daß die Elementarneigung aller Menschen, andere zu verurteilen, eine tief verwurzelte Tradition von Vorurteilen geschaffen hat, welche es schwer macht, zwischen Ichsucht, self-indulgence und Generosität zu unterscheiden; so muß jeder anstandshalber so tun, als hasse oder verachte er sich oder nehme zum mindesten sich selbst weniger ernst als andere. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie schauerliche Folgen solcher Generositätsmangel auf moralischem Gebiete zeitigt. Was nun dasjenige der Gesundheit betrifft, so liegen die Dinge so, daß nur Generosität sich selbst gegenüber es dem Menschen überhaupt innerlich möglich macht, die Tatsache zu ertragen, daß an den körperlichen Vorgängen so vieles unvollkommen und häßlich ist, daß schon der Zustand, welchen der Geist als Mindestnorm fordert, seltene Ausnahme ist, und daß es, genau genommen, so etwas wie Gesundheit überhaupt nicht gibt. Überdies ermöglicht nur solche Generosität, dem Gesundheits-Ideal soweit als angängig nahezukommen. Solange der Mensch sein Körperliches im mindesten verurteilt, entzieht er ihm die Vitalisierung, welche positive Aufmerksamkeit einleitet; solange merkt er auch nicht, wessen er zum Wohlsein bedarf. Man gedenke nur der typischen verkümmerten und früh alternden Leiber hochgebildeter Menschen des 19. Jahrhunderts im Vergleich mit den heute typischen: es ist die Bejahung des Körpers, welche die neue Schönheit schafft. Dies aber geschieht folgendermaßen. Sobald ein Mensch sich freundlich ganz als den annimmt und anerkennt, der er tatsächlich ist, ohne irgend etwas verbessern zu wollen, bevor er verstanden hat, öffnet er sich dem Nicht-Ich und schafft ein Band der Sympathie, welches den Ur-Zusammenhang des Menschenwesens ins Bewußtsein hebt — jenen Zusammenhang, zu dessen integrierenden Bestandteilen Geist, Seele, Verstand, Gefühle, Empfindungen, Fleisch, Gana, Reptilität, Mineralität usw. und letztlich die ganze Welt gehören. Damit werden alle Verdrängungen aufgehoben, oder wenigstens deren Hauptursache wird damit behoben, und aus gleichgültigem Nebeneinander- oder gar Gegeneinanderstehen wird harmonisches Zusammenwirken. Nunmehr ist es für jeden ein leichtes, oder sollte es wenigstens sein, die Formel des besonderen Rhythmus und Zusammenklangs zu finden, die seinem persönlichen Gleichgewichtsmangel entspricht. Hat sich aber einer einmal entschlossen zu ihm bekannt, dann ist zugleich die elementarste und allgemeinste Ursache alles Rechtens mit dem Schicksal, aufgehoben. An dieser Stelle und von ihr her erfaßt man wohl am besten, eine wie ungeheure seelische und geistige Bedeutung der Körper haben kann. Eins der sichersten Ergebnisse der modernen Seelenforschung ist die Entdeckung der Individualpsychologie, daß ein sehr großer Prozentsatz alles Minderwertigkeitsgefühls auf Organminderwertigkeit beruht. Sicher bedeutet auch Leiden an der eigenen Häßlichkeit — und dies zwar genau so bei Männern wie bei Frauen — eine wesentliche Ursache seelischgeistiger Verbildung. Erst wo der Mensch sich selbst genau so generös akzeptiert, wie er ist, wie dies das Christentum dem Nächsten gegenüber fordert, entsteht Einklang, der sich dann unweigerlich auch äußerlich kundtut. Wirklich schöne Seelen wirken dank dem verklärten Ausdruck ihrer Züge immer auch körperlich schön. Doch bei diesem harmonisch-kontrapunktischen Einklang handelt es sich, noch einmal, allemal um eine strikt persönliche Gleichung. Jenseits der Mineralität und untersten Animalität gibt es keine allgemeingültigen Formeln und Normen. Und ebensowenig gibt es allgemeingültige Ideale. Das berühmte mens sana in corpore sano gilt nur für das primitive Gleichgewicht des schlauen Bauern, welcher der echte Römer zu sein nie aufhörte. Jeder höhere Zustand hat übernormale Beeindruck- und Ergreifbarkeit zur Voraussetzung, dementsprechend Labilität und insofern Gefährdetheit. Jede Bedeutungssteigerung des Seelischen im Gesamtzusammenhang nimmt dem Körperlichen etwas von seiner Robustheit. Und je mehr Geist das Leben durchdringt, desto schärfer manifestiert sich die Spannung zwischen seinen Normen und denen der Gana. Dies bedeutet aber nicht, daß ein durchgeistigtes Wesen deshalb notwendig weniger gesund wäre: seine spezifische Gesundheit ist anderer, komplizierterer Art. Und sicherlich ist die Labilität des Geistbestimmten vom Standpunkt schlechthin aller Ideale der Schwerbeweglichkeit des Tölpels vorzuziehen — ganz abgesehen davon, daß, wie wir sahen, gerade seine Zartheit und Sensibilität den waffenlos geborenen Menschen allen anderen Organismen hat überlegen werden lassen. Es ist ebenso widersinnig, den Muskelmenschen über den Nervenmenschen zu stellen, wie die Instinktsicherheit über die Vergeistigung. Was auf der Stufe des Menschen dem tierischen Instinkt entspricht, als welcher dem Menschen selbst auf unterster Entwicklungsstufe so sehr fehlt, daß er, auf seine Instinkte angewiesen, längst ausgestorben wäre, ist die Intuition — der Intuitive aber stellt eine Stufe ober-, nicht unterhalb des Intellektualisierten dar.

Was wir hier ausführten, stellt grundsätzlich die Innenansicht des gleichen dar, wovon die Konstitutionslehre die Außenansicht zu bestimmen sucht. Aber diese Innenansicht ist die ungleich wichtigere. Von außen her ist nämlich nur Allgemeingültiges, weil unbegrenzt Wiederholbares, sicher festzustellen, alles Persönliche aber ist einmalig. Selbstverständlich kann auch ein anderer als man selbst dieses Einmalige fassen: hierin liegt das Charisma des großen Arztes. Doch das für das persönliche Leben entscheidend Wichtige ist gerade, daß man es selber faßt. Solange man sein Sein im allermindesten auf Objektives heftet, auf allgemeinbestimmbare Krankheit, allgemeingültige Kuren usf., bleibt die Einstellung sich selbst gegenüber eine oberflächliche. Denn so lange denkt man nicht eigentlich an seine Gesundheit, sein Schicksal, sein Leben. Solang akzeptiert man sich nicht ganz so, wie man ist, solang bezieht man nicht die ganze Natur und nicht die ganze Welt, die zu einem gehört, in sich hinein. Nun bedeutet die Einstellung zur eigenen Gesundheit den Angelpunkt alles persönlichen Lebens. Deswegen begann ich mit ihm das Buch über dessen Gesamtproblem. Wer hier echte Nächstenliebe zu üben gelernt hat, der wird sie auf allen Gebieten und allen gegenüber zu üben wissen.

Hier ist nicht der Ort, speziell Medizinisches und Therapeutisches zu behandeln (VJ, I und W, II, 3 und 4). Doch sei zur Einführung des Weiteren wenigstens schlagwortartig darauf hingewiesen, wie sehr jede Gesundheit eine strikt persönliche Gleichung darstellt. Die vom Heilstandpunkt wohl wichtigste Eigenschaft körperlichen Lebens besteht in dessen Fähigkeit, den Organismus gegen Schädigendes zu immunisieren. Diese nun scheint in ihren Möglichkeiten nahezu grenzenlos. Was König Mithridates zum entsetzten Staunen der Römer leistete, wird heute von Personen, die sich durch Gewöhnung gegen jedes Schlangengift immunisiert haben, weit übertroffen. Überdies beruht jeder Zustand, welchen wir höher heißen, auf Immunität gegenüber dem, was niederen Gift ist. Chinesen bringen es fertig, durch Kochsalzgenuß Selbstmord zu üben: darin liegt gewiß kein Argument für salzlose Kost. Sterben Primitive so leicht an Alkohol, so spricht das an sich nicht gegen dieses Anregungsmittel, sondern gegen die Widerstandskraft der Primitiven. Auch Denken wirkt auf viele als Gift. Im übrigen ist jedes Gift ambivalent: in bestimmten Dosen wirkt jedes lebenssteigernd, nicht -gefährdend. Alles Gerede über absolut gute und absolut schlechte Gewohnheiten ist endgültig als Unsinn erledigt, seitdem Ludwig Flügge gezeigt hat,1 daß die schwierigste Immunisierung die gegen Wohlleben ist; deswegen sterben sozial schnell aufgestiegene Geschlechter so sehr schnell aus; deswegen sind die ältest-kultivierten, so in Europa die der regierenden Fürsten, soweit sie nicht erbkrank sind, die gesundheitlich zähesten. Nie noch gab es menschliche Hochkultur auf Erden auf der Grundlage von Affen- oder Papageiendiät, als welche die von Bircher-Benner und seinesgleichen wohl ohne Unbilligkeit bezeichnet werden darf. Beinahe alle sind in klimatisch oder sonst irgendwie ungünstigen und deshalb an die Eigenkräfte des Organismus hohe Anforderungen stellenden Regionen aufgeblüht. Kann nämlich das Lebendige einerseits gegen Schädigung immun werden, so bedarf es andererseits, je höhere Leistung es vollbringen soll, desto mehr der Anregung. Diese eine Erwägung erledigt jede Theorie, welche Reizmittel verpönt. Das elementarste Reizmittel ist die Gefahr. Das zweitsicherste bedeutet die Schwierigkeit; deren Verarbeitung zu einer bewußt geübten Technik heißt man Askese. Aber in genau gleichem Sinne ist grundsätzlich auch nichts gegen Alkohol und Tabak zu sagen. Es war eine wahrhaft providentielle Begebenheit, daß Noah gerade, da die Krisenzeit der Sintflut hereinbrach, entdeckte, daß und wie aus Trauben Wein zu keltern ist. Vom Standpunkt höheren Lebens läßt sich viel mehr gegen den nüchternen Alltag sagen als gegen den Rausch. Die Entstehung eines höheren Zustands hat allemal zur Voraussetzung, daß die Fixierungen niederer sich lösen. So dürfen wir in diesem Zusammenhang abschließend behaupten: gilt es ein höheres Leben zu leben, dann ist alles das gut, und sei es an sich ein Gift, was die Lebensgeister anregt und steigert, alles jedoch schlecht, was herabmindert oder unfrei macht.

Hieraus ergibt sich denn mit abschließender Klarheit, daß das, was gesund und Gesundheit ist, sobald man die Frage auf anderer als der allerelementarsten Ebene stellt, nur in Funktion einer strikt persönlichen Gleichung bestimmt werden kann. Vielleicht darf ich hier, anstatt viele verschiedene Beispiele aneinanderzureihen, ein klein wenig aus meinem Leben erzählen. Die Mehrheit meiner Vorfahren hat kaum je Gemüse gegessen; und ich für meine Person bin der Ansicht, daß der Weltschöpfer indisponiert war an dem Tag, da er diese Art Nahrung erschuf, denn es gibt kein Gemüse, welches mir wirklich mundete. Nichtsdestoweniger ließ ich mich, als eine Streptokokkeninfektion gar nicht weichen wollte, von einem Ärzte überzeugen, es mit der Gerson-Diät zu versuchen, das heißt mit völlig fleisch- und salzloser Kost; seine Überlegung, die mich verführte, war die, daß die gleichen Mikroben, die sich in meinem fleischfressenden Leibe wohlfühlten, denselben vielleicht perhorreszieren und fluchtartig verlassen würden, wenn er sich in einen vegetarischen verwandelte. Nach zwei Monaten genauester Befolgung dieser Diät fühlte ich meine Vitalität zum erstenmal in meinem Leben herabgemindert; ich befand mich in ernsterer Lebensgefahr als je vorher, denn so anfällig ich bin, meine Vitalität hilft mir wieder und wieder über jede Infektion hinweg, und die Vitalität, jene schwer näher zu bestimmende Kraft, welche Verschwendung fordert und mit ihr wächst, welche übermütig jedes gegebene organische Gleichgewicht zerstört, weil sie des gewiß ist, jederzeit ein neues schaffen zu können, und der gegenüber die Unfähigkeit zum Kranksein wie Geiz wirkt, ist die eigentliche Lebensbasis jedes Schöpferischen. Beinahe ein halbes Jahr verging, ehe ich die nachteiligen Folgen jener Kur überstanden hatte. Nikotin schadet mir, denn es regt mein Zirkulationssystem auf eine Weise an, die den Gesamtrhythmus beeinträchtigt. Ähnliches gilt von jeder körperlichen Betätigung bis auf Reiten und Wandern; ich sage Ähnliches, weil physische Anstrengung meine Körperkräfte nicht stählt, sondern sie aus dem Gleichgewicht bringt, so muskelstark und ausdauernd ich im übrigen sei. Dagegen habe ich noch nie geistige Übermüdung gekannt. Reichhaltigster Alkohol- und Kaffeegenuß schadet, mir nicht — im Falle des letzteren natürlich nur dann nicht, wenn er nicht koffeinfrei ist; das Koffein ist das Förderlichste am ganzen Kaffee, und seine Verbannung gibt den verdauungsschädlichen Ingredienzien die Oberhand — im Gegenteil. während jeglicher längere Verkehr mit in tieferer Hinsicht mir nur inkompatiblen oder auch mit mich allzusehr langweilenden Menschen wie ein richtiges Gift auf mich wirkt. Jede lange nicht unterbrochene Lebensroutine, und dies zwar desto mehr, je näher sie dem Ideal eines gesunden Lebenswandels kommt, entspannt meinen Organismus und läßt ihn altern: nur ein gehöriger Exzeß kann ihn alsdann wieder auf seine normale Höhe bringen. Überhaupt halte ich in meinem Fall eine bestimmte Dosierung von Exzessen für die einzige Routine, welche ich durchhalten darf. Das gilt natürlich auch auf psychischem Gebiet. Wie viele Stunden erhöhter Fruchtbarkeit verdanke ich — Wutanfällen, die man bekanntlich nie haben soll, schon gar nicht, wenn man Philosoph ist! Solche Durchschüttelung und Durchrüttelung des ganzen Organismus bringt bei mir das Unbewußte am schnellsten an die Oberfläche und in Aktion. Sodaß ich mir, wo ich das Gefühl habe, produzieren zu können, oft willkürlich Anlaß zum Ärger schaffe, falls gerade keiner vorliegt. Für das Lebenswichtigste halte ich die Abwechslung, auch im Fall von Medikamenten; was letztere betrifft, so stellt sich bei mir spezifische Immunität dermaßen schnell ein, daß jedes bald unwirksam wird; im übrigen aber hat langjährige Erfahrung mir bewiesen, daß jede unerwartete Veränderung, zumal wenn sie eine richtige Überraschung darstellt, auf den Körper ähnlich wirkt wie eine starke Anregung auf Seele und Geist. Dieser Umstand erklärt, weshalb so viele verschiedene und entgegengesetzte Kuren wirksam sind und warum die Popularität dieser oder jener so sehr von der Mode abhängt: deren Rhythmus ist allemal physiologisch, ja kosmisch wohlbegründet, denn das Gleichgewicht aller Kräfte im Weltall verschiebt sich, noch so infinitesimal, von Jahr zu Jahr, und das löst allemal unwillkürliche Umstellung auch im Menschen aus. Jede Gefahr, jede Aufregung, jede Gemütsbewegung wirkt auf mich auf die Dauer lebenssteigernd; ich bin insofern der lebendige Gegenbeweis zur Ärztebehauptung, daß alles Ungesunde vermieden werden soll. Sterben werde ich bestimmt zu meiner Stunde, und diese hängt von keinerlei Normalisierung ab. Grundsätzlich gilt diese von jedem, nur wechselt die Bedeutung des rein Persönlichen mit dessen spezifischem Gewicht. Sehr wenig individualisierte Menschen sind innerlich nur Objekte der Umwelt, oder aber Vertreter ihrer Rasse. In letzterem Zusammenhang ist die Todesstunde dadurch bedingt, ob sie Träger von Langlebig- oder Kurzlebigkeitsgenen sind. Doch je geistiger ein Mensch, desto mehr gilt Théophile Gautiers Behauptung il n’y a que les bourgeois qui crevâssent, das heißt nur Philister gehen unabhängig davon ein, welche geistige Bedeutung ihrem Tod und ihrer Todesstunde eignet. Kein geistbestimmter Mensch will länger leben, als dem spezifischen Sinne seines Daseins entspricht; keiner wird aber auch an Zufällen sterben, die seinem persönlichen Schicksal nicht entsprechen. Wie sehr das der Fall ist, beweisen des Astrologen K. E. Krafft statistische Untersuchungen: sogar im Kriege fallen nur ausnahmsweise Menschen, deren Horoskop dies gar nicht vorsieht;2 wer länger leben soll, wird beinahe immer wie durch ein Wunder gerettet. Heute glaube ich überhaupt nicht mehr an allgemeine Gesundheitsregeln, sobald es sich um einigermaßen begabte Menschen handelt. So glaube ich auch nicht an das heute besonders mächtige Vorurteil zugunsten größtmöglichster Ertüchtigung. Die Eingeborenen Kamtschatkas halten Beispielloses an Kälte und Entbehrung aus: doch sie vermögen nur noch dies. So können Neger allein in den Tropen wie Neger arbeiten: sie sind dafür geistig über einen früh erreichten, sehr niedrig gelegenen Punkt hinaus entwicklungsunfähig. Freilich gibt es auch geistbedingte Ertüchtigung; solche trifft man am ausgebildetsten unter den Yogis von Tibet.3 Diese bringen es fertig, durch Konzentration der psychischen Energien ihren Körper so warm zu erhalten, daß sie nackt während des ganzen Jahrs auf sechstausend Meterhohen Schneebergen leben können; sie vermögen auch im Trancezustand tagelang, ohne zu ermüden, als Läufer mit Pferden zu wetteifern. Aber erstens sind wenige Europäer zu solcher Übung fähig, und zweitens können, meine ich, geistige Fähigkeiten nutzbringender verwendet werden.

Absichtlich unterbrach ich den Lauf ernster Betrachtungen durch diesen leichter getönten Exkurs, weil wir nunmehr die Forderung der Generosität gegen sich selbst in einer neuen Hinsicht präzisieren müssen: nie darf die Gesundheit todernst genommen werden; nur freundlich ironische Haltung macht alle schöpferischen Energien frei und schafft zugleich ein wirklich haltbares Band zwischen Selbst und Nicht-Ich. Bei der ungeheuren vitalisierenden Kraft, die in der Betonung durch Aufmerksamkeit liegt, wirkt nämlich jede falsche Betonung, von Überbetonung zu schweigen, gleichgewichts-zerstörend. Gesundheit ist nun tatsächlich niemals die Hauptsache, wie solches leider soviele Eltern und Erzieher der ihnen anvertrauten Jugend suggerieren. Wer letzteres behauptet, den widerlegt die bloße Existenz des Todes. Im übrigen macht erst die gerügte Einstellung unvermeidliches Leiden völlig unerträglich. Erschreckend viele Menschen müssen Entsetzliches an Leiden und an Schmerz erdulden. Doch das eine, was gerade nicht hilft und frommt dabei, ist das Schwernehmen, und das Einzige, was wirklich erleichtert, ist Absehen von der Krankheit. Es ist widersinnig, mit Postulaten des Geistes an den Körper heranzutreten und diesen nicht so hinzunehmen, wie er ist. Und zwar gilt dies nicht allein hinsichtlich besseren Ertragens von Schmerz und Leid: es gilt vor allem deshalb, weil Krankheit eines der wirksamsten Reizmittel ist. Heute steht wissenschaftlich fest, daß viele große Begabungen durch Infektionskrankheit zwar nicht geschaffen, wohl aber dank ihr erst zu der Höchstentwicklung gelangt sind, welche die Nachwelt bewundert. Hier mündet denn die Erkenntnis, daß das Leben zur Intensivierung und Höherentwicklung der Reize bedarf, in die bereits ausführlich dargelegte allgemeine und tiefere ein, daß der Mensch ein wesentlich komplexes, vielschichtiges und vielfaches Wesen ist, dessen Zurückbeziehung auf einen Generalnenner in keinem Fall gelingt. Wie die Außenwelt dem Organismus gegenüber Lebensmittel und Reaktiv zugleich ist, so ist es in vieler Hinsicht der Körper der Seele, sind es beide dem Geiste gegenüber. Und gerade darin liegt in bezug auf das unvermeidliche Leiden der größte Trost. Wenige allzu gesunde Menschen haben ihre ganze Vitalität zur Geltung gebracht, wenige das Detachement, die Serenitäterreicht, die, nachdem einmal der Auflösungsprozeß des Körpers angehoben hat, die einzige Gewähr inneren Glückes ist. Die besondere Haltung, in welcher das einzige Dauer-Heil liegt, bedeutet aber in allen Fällen und in all ihren Ausdrucksformen letztlich dies: daß der Mensch das an sich Nicht-Persönliche als solches erkennt und anerkennt und dann durch Beziehung auf den persönlichen Kern rein und ausschließlich persönlich macht.

An dieser Stelle wird denn klar, daß es in hohem Maße zu begrüßen ist, daß psychische und geistige Heilmethoden immer mehr an Ansehen gewinnen. Nicht, daß die menschliche Mineralität im allgemeinen nicht am besten mit Chemikalien in Ordnung zu bringen wäre, und der Körper mittels somatischer Behandlung: worauf es ankommt, ist, daß der Nachdruck grundsätzlich immer mehr auf das Subjektive hinüberverlegt wird. Unter allen Umständen liegt er de facto auf dem Subjektiven: das beweist die bloße Tatsache, daß Ärzte notwendig sind, und in qualitativer Hinsicht deren durch ihre Erfolge bewiesene Rangordnung. Der Arzt heilt allemal als Subjekt, welcher äußerliche Mittel nur anwendet, und leistet einer sehr viel mehr als andere, bis zu der Grenze echter Wunderkur, so liegt das eben am Rangunterschiede zwischen den Subjekten. Aber hier ist es uns nicht um Heilkunde zu tun, sondern um Steigerung und Vertiefung des persönlichen Lebens. Da ist denn klar, daß jeder als Ziel verfolgen muß, zu seiner Körperlichkeit eine solche Haltung zu gewinnen, wie es den großen Arzt fremden Körpern gegenüber kennzeichnet: eine verstehende, liebende, heilenwollende, aber wesentlich darüberstehende. Dieses Ziel ist erreichbar, weil das Selbst tatsächlich mit dem Körper nicht zusammenfällt. Es gilt aber gerade die Haltung des Arztes sich selbst gegenüber zu gewinnen, weil nur diese eine durchaus bejahende ist. Wer immer sich in anderer Form über seine Gebrechen erhebt, der scheidet sich gewaltsam von Teilen seines Wesens ab und verliert damit an Persönlichkeit, anstatt zu gewinnen.

1Ludwig Flügge, Die rassenbiologische Bedeutung des sozialen Aufsteigens und das Problem der immunisierten Familien (Göttingen 1925, Vandenhoek & Rupprecht))
2Von Kraffts bisher nur verstreut und fragmenthaft veröffentlichten Ergebnissen und Anschauungen findet man relativ am meisten in seiner Astro-Physiologie, über gesetzmäßige Beziehungen zwischen dem Gestirnstand zur Geburtszeit, der Bewegung der Gestirne und dem Ablauf der Lebensvorgänge im menschlichen Körper (Leipzig 1928), seiner Astro-Bionomie, Eigenart, Ziele und Grenzen erfahrungswissenschaftlicher Erforschung der Beziehungen zwischen den Gestirnen und irdischen Lebenserscheinungen (Jahrbuch für kosmo-biologische Forschung, Band I, Augsburg 1928). Am allgemeinsten und eingehendsten zugleich führt in die Krafftschen Forschungen sein Buch Typokosmie, über Urbilder und Sinnzeichen, vom Walten des Sprachgeistes (Düsseldorf 1934, Verlag der Zenit [Dr. H. Korsch]) ein.
3Man lese hierüber die wissenschaftlich absolut ernstzunehmenden Beschreibungen der Ergebnisse tibetanischer Yoga von Alexandra David-Néel nach.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
I. Gesundheit
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME