Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

IX. Die emotionale Ordnung

Liebe und Haß

Doch es liegt im Menschen, den Zusammenhang von Hause aus richtig zu erkennen. Dies beweist die Tatsache, daß dies seitens vorurteilslos denkender oder nicht-metaphysischer Völker von jeher geschehen ist. Indien hat die Seele schon in seinem frühesten Schrifttum richtig definiert als den Körper der Gefühle und Begierden. Die alten Griechen kamen nie darauf, die Psyche zu hypostasieren, und ihre richtige Einsicht lebt noch in den frühchristlichen Unterscheidungen von Psyche, Pneuma und Nous fort. Was nun die nicht-metaphysich veranlagten Völker betrifft, so ist charakteristisch, daß Turanier, z. B. Türken und Magyaren unwillkürlich als Herz oder Temperament verstehen, was Westvölker Seele heißen. Doch die eigentliche Probe aufs Exempel bieten die Völker des iberischen Kulturkreises. Das sind die eigentlichen Gana-Völker und insofern die erdnächsten. Der Erde überdies beinahe ausschließlich zugewandt, können sie keine unmittelbare Beziehung zu einem Jenseits haben: alles Wort erleben sie als Fleisch. Eben deshalb nun herrscht bei ihnen die emotionale Ordnung in ihrer heute reinsten Gestalt. Weil sie Erde, Fleisch und Blut durchaus bejahen, schlägt alles Erdgeborene bei ihnen in unvergleichlichem Reichtum aus. Dies zeigt sich auf dem Gebiet der Vitalität, der Potenz, des Empfindungsreichtums. Doch am eindrucksvollsten zeigt es sich auf dem des Gefühls. Die hispanische Welt ist die emotional weitaus tiefste und reichste dieser Zeit. Dies beruht eben auf ihrer Erd-Zugekehrtheit. Ihr, und nicht metaphysischer Tiefe ist es zu danken, daß auch dem modernsten Hispanier das Menschliche mehr bedeutet als alles Sachliche.

Die emotionale Ordnung verhält sich zur Gana-Ordnung, um das Ausgeführte in wenigen Worten zusammenzufassen, so, wie Durchseeltes zu Undurchseeltem, oder wie ein Leben, welches sein bestimmendes Zentrum im Er-Leben durch ein Subjekt hat, zu unbewußtem Getrieben-Werden. Die besondere Ordnung indessen, welche sie darstellt, verstehen wir am besten, indem wir uns noch einmal das modern-physikalische Weltbild vergegenwärtigen. Auch im Kosmos geht alles wesentlich nicht so zu, wie dies dem Verstande ideal erscheint. Zumal der Sternenhimmel, der ob seiner vernunftgemäßen Ordnung so viel bewundert wird, sollte jenem ein Greuel sein. Unendliche leere Räume, durch keinen materiell zu denkenden Äther, aber auch durch keine Fernkraft überbrückt. Hie und da halbchaotische Nebel- und Sternenhaufen; seltener geordnete Sonnensysteme, von denen aber keins beständig ist; gelegentlich Doppelsterne, ja richtige ménages à trois et à quatre unter Himmelskörpern; auch Wandelsterne, vollends unzuverlässige Gesellen. Alles dies dazu noch unter dem Vorbehalt, daß es feste und bestimmte Körper eigentlich nicht gibt. Unter diesen Umständen leuchtet die Möglichkeit einer emotionalen Ordnung immerhin noch besser ein, als die einer kosmisch-materiellen, denn jene verkörpern wir selber, sie ist kein problematisches außer uns. Auch Gefühle wirken nicht in die Ferne, aber sie hängen durch Ansteckung zusammen und wirken von Nähe zu Nähe in allmählicher Übertragung doch so weit, daß geschlossene Gruppen trotz alles internen Streits ohne weiteres a priori als möglich und notwendig denkbar sind. Und die emotionale Ordnung ist auch verständlicher als das, was die Unzahl ausschließlicher Gana-Melodien irgendwie von einem nie zu bestimmenden Ganzen her zusammenfaßt. Denn Gefühle sind wesentlich gerichtet. Wo überhaupt Gerichtetheit vorliegt, und wo es sich nicht um ein einzelnes Atom im leeren Raume handelt, gibt es notwendig Zusammenhang, der unvermeidlich auf die Dauer zu einem Zustand führt, welchen wir Kosmos im Gegensatz zum Chaos heißen. So sind die Sonnensysteme auf die Dauer aus einander ursprünglich nicht zugeordneten Bewegungen entstanden. So bestimmt einmal vorhandener Zusammenhang unter Menschen durch alle Neigung und Abneigung hindurch. Keine Unverläßlichkeit und Wandelbarkeit der Gefühle zerstört ihn; schlägt Liebe in Haß um, so bleibt doch das Band bestehen. Gegenüber dem leeren Raum des Gleichgültigen schaffen Haß und Verrat und Unbeständigkeit nicht minder Zusammenhang wie Liebe und Treue. Erst Gleichgültigkeit zerstört emotionalen Zusammenhang, denn mit ihrem Siege stirbt Gefühl überhaupt.

Aus dem Reichtum und der Vielfachheit möglicher Gefühle nun aber ergibt sich, a priori geurteilt, die Möglichkeit eines festeren oder, genauer, intensiveren Zusammenhangs, als ihn Sterne verkörpern können. Da reicht die Skala von der nur dumpf gefühlten Gana-Verfallenheit über hellsichtige persönliche Liebe bis zum sublimsten Glauben aller erkannten Wirklichkeit zum Trotz. Und immer wieder können neue Gefühle geboren und bestimmend werden, so daß demgegenüber die Möglichkeiten des astrophysischen Weltraums, in welchem Sterne in großer Gleichförmigkeit entstehen und vergehen, gering scheinen. Die antike Freundschaft bildete der Natur einen richtigen neuen Kosmos ein; gleiches galt von der christlichen Liebe. Wie im Mittelalter die persönliche Loyalität von Mensch zu Mensch zum erstenmal zur bestimmenden Macht wurde, da handelte es sich um ein recht eigentlich kosmisches Ereignis. Und nichts Geringeres bedeutet die zeitweilige Verleugnung aller Bedeutsamkeit von Gefühlsbindung und Seele durch Sowjet-Rußland. Dank ihr ist auf einmal eine Welt des Hasses bestimmend geworden, wie wir sie ehedem nur von mythischer Überlieferung her als möglich ahnen konnten. Haß gegen die sogenannte Bourgeoisie hat dort nicht mehr und nicht weniger als ein neues Weltreich mit neuen Gesetzen, ja er hat in nur einer Generation einen neuen Menschentypus erschaffen. Doch vom Historischen abgesehen: wie reich sind in der Gefühlssphäre, die Möglichkeiten psychochemischer Verbindung! Gefühl kann Sinnlichkeit beseelen; es kann sie andererseits ablehnen oder ausschließen. Beim Mann hat die tiefste Liebe meist einen asketischen Zug. Haß kann unbefangen als Positives bejaht werden; dann entsteht eine schöne Kriegerwelt. Haß kann überwunden werden: dann setzt er sich in Feindesliebe um. Wird Haß aus Vorurteil verdrängt, so führt dies auf die Dauer zu Greuel wie denen des Weltkriegs und der Weltrevolution. Ich will hier keinen Katalog schreiben. So undifferenziert die meisten Männer als Gefühlswesen seien — fast jede echte Frau wird von sich aus unzählige neue mögliche Verbindungen und Nuancen entdecken. Nur noch ein Wort zur abschließenden Verdeutlichung der These, daß die emotionale Ordnung sich zur Gana-Welt verhält, wie Durchseeltes zu Undurchseeltem. Das Geschlechtliche an sich gehört der Gana-Sphäre an. Aber was kann es nicht alles bedeuten, je nach dem Ganzen, welchem es eingeordnet ist! Geschlechtsverkehr im Zusammenhang normal-tierischen Begehrens, lasterhafter Lust, wilder Leidenschaft und tiefer seelischer Liebe bedeutet jedesmal ein anderes. Im letzteren Falle gibt die Seele mit ihren Normen dem Körperlichen besonderen, einzigen Sinn. Der wesentliche Zusammenhang mit der Gana aber erweist sich daraus, daß der physische Akt bei wachsender Durchseeltheit der Liebe nicht immer weniger, sondern immer mehr bedeutet.

Was die Sondergesetze der emotionalen Ordnung betrifft, sowie den Rhythmus ihrer Entwicklung in der Zeit, so realisiert der Durchgeistigte am besten, was es mit ihnen für eine Bewandtnis hat, indem er sich in den Verliebtheitszustand versetzt. Der ist zuunterst — in Form der Verfallenheit — ganabedingt; tiefste, dem Bewußtsein unzugängliche Affinitäten bestimmen über Zugehörigkeit und damit, falls diese Gelegenheit hat, sich auszuwirken, Hörigkeit. Seine äußeren Motive schöpft er aus der Sphäre der Empfindung; selbst Rohe erkennen, wo sie verliebt sind, als selbstverständlich an, daß ein delikates oder undelikates Wort, daß eine Erklärung zur Zeit oder zur Unzeit eine Situation allen Vernunftgesetzen zum Trotz real verwandelt. Im übrigen aber stellt der Verlauf einer Verliebtheit in der Zeit eine richtige Melodie dar. Der Rhythmus von himmelhoch jauchzend — zu Tode betrübt (wie alle sonstigen Rhythmen der Liebe in ihrem auf und ab und hin und her, in ihrem Einsetzen und Aufhören) ist gesetzmäßig. Gerade die Abwechslung, die Unstetigkeit im Sinn der Quantentheorie, die mögliche vollständige Verwandlung einer Qualität in andere schafft hier den Zusammenhang. Allgemeiner noch illustriert — um Vollständigkeit kann es mir hier nicht zu tun sein — die Eigen-Ordnung der Gefühle in der Zeit ihr normaler Wandel vom Kindes- bis zum Greisenalter durch die verschiedenen Etappen altersgemäßer Bindung hindurch. Hier läßt sich überdies die objektive Gültigkeit bestimmter Ordnung dadurch erweisen, daß Freiheit sie stören kann und dieses sich alsdann durch das Auftreten pathologischer Deformationen rächt. Dem Kindheitszustand entspricht eine bestimmte Gefühlsbindung an die Eltern. Doch dauert diese über einen bestimmten Zustand hinaus, so führt das zu pathologischem Infantilismus. Gleichsinnig ist Wiederholung erster Lieben krankhaft; das Abnorme des Don Juan, auf das schon in Gana hingewiesen ward, beruht, anders ausgedrückt, darauf, daß er nie vorwärtskommt, immer wieder gleiches erlebt, keine Erinnerung hat und kein Ziel. Das tragischste Phänomen dieser Art verkörpern Eltern, die sich im Einklang mit dem Erwachsen ihrer Kinder nicht mitverändern. Niemand hat hier den Sinn der emotionalen Ordnung tiefer erfaßt, als die alt-indische Weisheit. Knaben und Mädchen sollten keusch sein, dann war Familienleben Gebot. Abschließen aber sollte der Mensch sein Leben als Sanyassin, als Heimatloser. Auf äquivalenter instinktiver Einsicht beruht das Glück angelsächsischer Mütter, die, nachdem ihre Kinder eigene Heime gegründet, froh sind, nunmehr ganz sich selber leben zu können. Die leider allzu häufigen Frauen, die das Verhältnis der jungen Mutter zum kleinen Kind verewigen wollen, werden allemal furchtbar gestraft. Hier, wie im Fall der Verliebtheit, handelt es sich um der Freiheit unzugängliche Bindung, die ihren eigenen Normalrhythmus hat.

Doch ebenso, wie es möglich ist, diesen Rhythmus zu stören, wofür Erkrankung der Sold — einer richtigen Sünde Sold — ist, kann er auch durch Freiheit eingeleitet oder ausgelöst werden. Wäre es anders, Verführung wäre nur auf der Ebene der reinen Sinnlichkeit möglich. Wäre es anders, beim Werben handelte es sich um keine echte Kunst. Wäre es anders, die Frauen verständen nicht so gut auf dem Instrument der Gefühle — nicht bloß der Gana und der Empfindungen — zu spielen. Wäre es anders, das Gefühl wäre, endlich, kein besonderes Unterscheidungs- und insofern Erkenntnisorgan.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
IX. Die emotionale Ordnung
© 1998- Schule des Rades
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