Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

XII. Divina Commedia

Durchgeistigung

Längst haben uns unsere Gedanken über die Bestimmung des Verhältnisses von Geist und Erde, mit welcher diese Meditation anhub, gemäß welcher die Welt des Geistes eine ver-rückte ist, hinausgetragen. Nunmehr liegt uns ob, die Wendung ausdrücklich zu vollziehen. Das Geistige entringt sich der Gana in Form der Verstellung, der Lüge, der Ur-Schauspielerei. Reines Wirklichkeits-unbekümmertes Spiel nach Art des Kinder-Spielens ist sein erster reiner Ausdruck. Die frühesten Verknüpfungen des Geistes mit der Erd-Wirklichkeit aus dem Bewußtsein seiner Souveränität heraus sind willkürliche: sei es, daß das Irdische sein soll, was es nicht ist, sei es, daß eine Gleichung zwischen kosmischem und irdischem Geschehen — wie sie sich im Leben der alten Könige Rhodesiens darstellte — vorausgesetzt wird, die es nicht wirklich gibt. Aus der erkannten oder erahnten Diskrepanz zwischen Geist und Erde, aus dem Leiden an dieser flüchtet der Mensch immer wieder ins reine Theater. Doch hat sich das Geistbewußtsein im Subjekt verfestigt, dann wird eine neue Beziehung zwischen ihm und den Erdkräften möglich: die des Sinnes zum Ausdrucksmittel. Was ein Nebeneinander war, wird zum Ineinander. Und der Geist herrscht von innen her.

Knüpfen wir hier an der Stelle unserer Meditation über den Einbruch des Geistes an, wo wir von den physiologischen Bedingungen möglicher Einbildung des Geistes in das Leben handelten. Das Organische oder Vitale ist dem Menschen nie und nirgends das, womit er sich zutiefst identifiziert. Nicht die geprägte Form, sondern der Ausdruck seiner Züge stellt ihn selbst dar. Aus der vitalen Bedeutung der Rolle folgt, daß nicht der Tatbestand, sondern der Sinn seines Lebens seinem Selbstbewußtsein letzte Instanz ist. Versenken wir uns nun in letztere Bestimmung, dann verstehen wir, warum es im Menschen liegt, über jeden bestimmten Zustand hinauszustreben: ein letzter und abschließender Sinn ist unvorstellbar und unausdenkbar. Deshalb bestimmten die Inder, jene schärfsten und wahrhaftigsten aller Selbstbeobachter, den höchsten Zustand als den, welcher jenseits von Name und Form west. Die meisten haben sich freilich von je über diesen Sachverhalt hinwegzutäuschen gesucht. Die Ur-Angst in ihnen schrie so sehr nach Sicherung, daß die meisten an irgend einem Punkte Halt gemacht und bestimmten Sinn als abschließend wahres Dogma oder als absolut höchsten Zustand oder äußerstes Ziel hypostasiert haben. Doch wie wenig wohl ihnen bei solchen Machenschaften allemal war, beweisen allein die Drohungen, mittels derer sich jede angeblich letzte Instanz zu behaupten versucht hat. Wer nicht glaubt, daß ein bestimmtes Dogma die Wahrheit ist, kommt in die Hölle. Wer die Allerhöchstheit — wie tief ist die Wortbildung! — des Herrschers anzuzweifeln wagt, wird hingerichtet. Es ist eben de facto unmöglich, einen Sinn als schlechthin Letztes auch nur zu imaginieren. Geist ist ebenso wesentlich unendlich, wie alles nicht Geistige endlich ist. Demgemäß öffnet jeder verwirklichte Sinn neue Horizonte. Auf dem Gebiet des Verstehens heißt das: jedes Sinn-Bild kann durchschaut werden, und ist es durchschaut, dann ist seine Letztinstanzlichkeit hin. Auf dem Gebiet aktiven Lebens bedeutet gleiches: keine Erfüllung erfüllt die Sehnsucht, kein Erreichnis den Ehrgeiz. Als Geist will jeder endlos fortschreiten können. Auch hier haben die Inder am tiefsten erfaßt, was von allen Geistbestimmten gilt. Von Leben zu Leben macht der Strebende recht eigentlich Karriere und diese führt über Götter und Über-Götter in die Sphäre des Namenlosen hinan. Deswegen darf man verallgemeinernd sagen: so viel Geist in einem Menschen lebendig ist, so viel Unrast und so viel Unbefriedigtheit besitzt ihn. Es hat tiefen und realen Sinn, wenn sich der Mensch zu wesentlich unerreichbaren Idealen bekennt. Aus dem gleichen Sinn heraus idealisiert er, was er verehrt. Ebendeshalb fühlt er das Bedürfnis, sich Höherem, als er selbst ist, hinzugeben. Von seinen Vorbildern her nun können wir am besten ermessen, auf welches Positive der geistige Mensch hinzielt. Alle Vorbilder, die den Jahrhunderten standhielten, waren die Bilder suprem Durchgeistigter, so verschieden immer das durchleuchtete Natur-Medium war. Nun, dies kann nur eins bedeuten: der Mensch erkennt sich, so wie er werden und sein will, nur in denen wieder, in welchen der Prozeß einen gewissen Abschluß gefunden hat, der mit dem Einbruch des Geists überhaupt ins Menschenwesen anhub. Er erkennt sich in denen allein wieder, in denen das es werde Licht alle Ordnungen des Lebens durchleuchtet und verwandelt hat. Hieraus ergibt sich als logische Folgerung die These: in der Durchgeistigung liegt, vom Menschen her gesehen, der Sinn des Weltprozesses überhaupt.

Ob es der wahre und letzte Sinn des Weltprozesses ist, das werden wir nie erfahren. Wir werden erst recht nie erfahren, ob der Weltprozeß als Ganzes einen Sinn hat. Nichts Grundsätzliches läßt sich gegen einen Pessimismus einwenden, der da behauptet, daß der Mensch einen verfehlten Versuch darstelle innerhalb der Schöpfung. Mit dem Leben steht es unter allen Umständen bedenklich: wo Leben wesentlich Leiden ist, erscheint es keinesfalls aus sich selbst gerechtfertigt — vorausgesetzt, daß hier der Begriff einer Rechtfertigung angewendet werden darf. Doch mit Gewißheit kann behauptet werden, und zwar mit genau so großer Gewißheit, die im Fall des besterforschten Naturprozesses erzielt ist, daß in der Durchgeistigung der Welt Sinn und Ziel des Menschenlebens liegen. Die Quintessenz jeder evolutionistischen Heilslehre enthält Hegels paradoxaler Satz: Gott ist wesentlich Resultat. Es gibt keine einzige Religion, welche wesentlich anderes behauptet, wie immer der Wortlaut ihrer Dogmatik sei. Der modern-christliche Ausdruck dafür ist das Gebot, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Aller Kampf gegen das Böse und Häßliche, gegen Schmerz, Leiden, Krankheit und Tod hat allein unter der Voraussetzung Sinn, daß der Mensch das Leben zu einem anderen machen will, als es ursprünglich ist. So wie die Technik die anorganische Natur dem Gesetz menschlichen Wollens unterwirft, so soll das Leben auf Erden seinen Idealen angemessen werden. Und daß diese Ideale nicht in der Natur begründet liegen, spricht nicht gegen sie — im Gegenteil: eben in der Verwirklichung eines von ihr her geurteilt Neuen und Unbegründeten liegen Sinn und Ziel menschlichen Daseins auf Erden. Und dieses völlig unabhängig von ihrer Realisierbarkeit. Beweisend sind das selbstverständliche Streben und das unwillkürliche Werten für sich allein. Vergessen wir’s nicht: Geist ist wesentlich unendlich. Andere geistbewußte Völker haben ihre konkreten Zielsetzungen nicht aufs Irdische beschränkt; welches immer vom indischen Geist inspiriert oder beeinflußt war, setzte voraus, daß der Mensch im Prozeß der Geistdurchdringung von der Erde zu immer höheren Welten aufsteigt. In diesem Fall nimmt der Mensch die Verbesserung der Erde weniger ernst, als es der Westen tut, doch desto ernster die Vergeistigung an sich: das Nirvana bedeutet nichts anderes als absolute Vergeistigung, in der sich dann freilich das Erdhafte verflüchtigt.

Doch wie immer die jeweilige konkrete Zielsetzung sei: Durchgeistigung an sich war und ist aller geistig Strebenden Ziel; aller Idealismus, alle spirituelle Dynamik hat diesen einen Sinn. Durchgeistigungsstreben bedeutet alles Kulturwollen. Durchgeistigungsstreben tritt schon im Wunsch, die Naturkräfte zu meistern, zutage. Durchgeistigungsstreben bedeutet jeder Versuch, die Gana- und emotionale Ordnung durch eine Ethos-bestimmte zu überschichten. Durchgeistigungsstreben bedeutet vor allem jeder Versuch, dem Erdendasein den Stempel der Schönheit aufzudrücken. Doch was immer im Großen geschähe — ihren eigentlichen Gegenstand hat Durchgeistigung am inneren Menschen. Das spirituelle Ergebnis eines Jahrhunderts der Rationalisierung, Technisierung und Institutionalisierung ist ein einziger Beweis dessen, daß eine Verbesserung der Welt von außen her, unter Absehen vom Zustand des inneren Menschen, unmöglich ist. Im Laufe dieses einen kurzen Jahrhunderts hat sich der Geist so sehr veräußerlicht und ent-äußert, so sehr seine Verwandlungskraft verloren, daß wir heute schaudernd einem Supremat des Toten und der Gesetze des Toten gegenüberstehen, wie es nie früher bestanden hat, seitdem es Menschen gibt. So steht und fällt das Problem der Welt-Vergeistigung mit der Vergeistigung des Menschen. Hier denn setzt die Einheitsforderung des Geistes ein, dessen Sinn wir am Ende der vorhergehenden Meditation analysierten. Der Weg des Geists zu sich selbst ist Konzentration und Integration; diese Begriffe bezeichnen den Weg jeder Einbeziehung des Nicht-Geistigen ins Reich des Geistes. Erste Forderung der Vergeistigung ist da natürlich, daß sich der Mensch selber vereinheitliche. Ursprünglich lebt er viele Daseinsarten. Seine Mineralität, seine Reptilität, das Blut in ihm, die Schichten der Gana, der Delicadeza und der emotionalen Ordnung sind alles zunächst Selbständigkeiten. Und so lebt sich auch das Geistige im Menschen zunächst als losgelöstes Schau-Spiel aus. Deswegen war sein frühester Ausdruck die Lüge. Der Geist fordert Vereinheitlichung aller dieser Vielfachheiten. Er fordert eine Generalintegration. Diese aber kann, wo er bestimmt, nur auf seiner Daseinsebene erfolgen. Das ist die Ebene des Schau-Spiels. So soll alles Leben ohne Ausnahme integrierender Bestandteil eines sinnvollen Ganzen werden, welches der Geist beherrscht. Dieses allumfassende Schau-Spiel, welches Hölle, Erde und Himmel notwendig in sich begreift, ist eben das, was Dante Divina Commedia hieß.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
XII. Divina Commedia
© 1998- Schule des Rades
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