Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

II. Die Ur-Angst

Passivität und Verstellung

Aus der Ur-Angst folgt das Böse. Ursprünglich, von der Erde her beurteilt, gibt es weder Böses noch Gutes, sondern einfach das Ur-Leben, so wie es ist; und kein Wesen wünscht dieses aufrichtig anders, denn damit müßte es sein Ur-Leben fortwünschen, wo dieses Voraussetzung seines Wünschen-Könnens ist. Doch die erste Welle der Angst, welche noch so dunkles Bewußtsein belichtet, verwandelt das Dasein in ein Böses. Von der Folter her leuchtet der Sinn des Vorgangs am besten ein. Wie im Anfang der Mord war und nicht der natürliche Tod, so geht die Sucht des Quälens der zum Vernichten vor. Dies aber aus der Ahnung letzten Nicht-Vermögens. Alle Folter ist Ausdruck geahnter Ohnmacht: der Ohnmacht, den anderen die Angst auskosten zu lassen, welche der Folterer zuunterst spürt. Dem Unbewußten genügt die Vernichtung nicht — es bedarf der ewigen Pein des anderen zur eigenen Sicherung. Wie nun die Folter Produkt der Angst ist, so ist das Böse nicht erste Ursache, sondern erste Folge.

Die Ur-Angst verleiht aus sich heraus dem Ängstigenden erschreckende Attribute. So entstanden in den Zeiten, da die Natur noch im Großen so frei erfand, wie heute im ganz Kleinen unsere Phantasie, die objektiven Schreckgebilde. In Wahrheit scheinen alle schrecklichen Geschöpfe weit schrecklicher als sie sind; wahrscheinlich ist der (nach allen menschlichen Maßstäben bemessen) vollendet tückische südamerikanische Schlammteufel vor Gott ein aufrichtigeres, ehrlicheres und wohlwollenderes Geschöpf als der gutherzigste Philister. Aber ist einmal Angst der Mutterschoß der Gestaltung, dann muß er Erschreckendes gebären.

Wo nun aber die Welt des dritten Schöpfungstages nicht erschreckend ist, dort ist sie verführend. Damit gelange ich zum Ur-Ausdruck des Bösen. Das abgründige Leben ist Erleiden ohne Eigenbetätigung. Das erste Werdens-Bewußtsein führt nicht zur Frage, was tue ich?, sondern was geschieht mit mir?. Die Frage, war ich das alles? von Goethes Helena nach Aufrollung ihrer Geschichte durch Phorkyas drückt das Ur-Erstaunen aus. Zuerst wußte das Leben vom Schicksal und nicht vom Willen. Die erste Möglichkeit nun, die sich auf Grund erwachter erster schwacher Initiative bot, dem Schicksal zu entrinnen, bestand im sich-Verstellen im ganzen Doppelsinn des deutschen Worts. Daher die Urlüge. Zuerst trat das Geistige auf Erden in Gestalt des Schauspielers auf. Der Lurch spielte den Schlamm, die Larve das Laub oder den Ast, der Schmetterling, die Hornisse. Der erste Impuls des Wilden ist überall, die Wahrheit zu verhehlen. Warum heißt man die Schlangen falsch — sie, die trägsten und einfallsärmsten aller Tiere? Weil man sich, so oder anders, in ihnen täuscht. In Butanton bei São Paulo in Brasilien, dem berühmten Reptilienheim, überraschte mich der lässig-gemütliche Ausdruck der schrecklichsten Giftschlangen; sie lagen da wie befriedete fette Mütter von zwanzig Kindern. Während die harmlosen ständig auf dem Qui-vive waren, wildwütig dreinschauten und bei der geringsten Reizung blitzschnell angriffen. Auf meine entsprechend gestellte Frage erwiderte man mir, ich könnte mit leidlicher Sicherheit von gefährlichem Äußeren auf Harmlosigkeit schließen und umgekehrt. So darf man, verallgemeinernd, behaupten: im Anfang war nicht der Mann, sondern das Weib, und nicht die Wahrhaftigkeit, sondern die Lüge. Den Urgründen nahe Frauen verkörpern selbst auf den höchsten Höhen der Kultur noch heute die Seinsart des Ur-Lebens. Ob solche Frauen je mit gutem Gewissen die Wahrheit reden, weiß ich nicht: sicher lügen sie nie mit schlechtem, außer vielleicht dort, wo Kindererziehung technisch Wahrhaftigkeit verlangt. Allein die Mutter ist ein anderes als das Weib; als Mutter wirkt die Frau von ähnlich höherer Ebene her, wie der ex cathedra entscheidende Papst unfehlbar ist gegenüber dem fehlbaren Privatmenschen. Und in anderer Dimension erhebt sich die Ehe-Frau, die den Sinn der Ehe erfaßt, oder die Freundin als echte Schicksalsgefährtin über die Ebene ursprünglicher Weiblichkeit; sie lebt aus geistigem Zusammenhang heraus. Doch nichts ist verfehlter, als von diesen geistdurchdrungenen Lebensformen her auf die Ur-Anlage zu schließen. Das Ur-Weib ist von geistigen und ethischen Motiven völlig ungehemmt. Es wurzelt durchaus in der Welt des dritten Schöpfungstags. Deshalb bedeutet Schönheit bei der Frau so viel gegenüber dem wenigen, was sie beim Mann bedeutet: das Anziehende drückt wirklich sie selbst aus, nicht, wie beim Manne, die Gattung, mit welcher das Individuum nur in dem, was es nicht wesentlich auszeichnet, zusammenhängt. Deswegen hat die Frau von Hause aus keinen moralischen Instinkt. Deswegen ist ihr eigenstes Lebenselement Verstellung. Deshalb verkümmert sie in ihrer Weiblichkeit in jeder Welt ausschließlich bestimmender Wahrhaftigkeit, so wie es heute die nordamerikanische ist. Deshalb verfällt der Mann dem Urweibe und ihm allein, denn dieses packt ihn dort, wohin Geist und Freiheit nicht hinunterreichen.

Kein Wunder, daß ausschließlich geistige Religionen in ihrer heroischen Frühzeit das Weib böse schlechtweg schalten. Als böse gilt ursprünglich das Falsche, nicht das Vernichtende. Nur Verrat und hinterhältiges Überlisten beurteilt naives Bewußtsein als böse, Töten in offenem Kampf hingegen als edel und folglich gut. So erscheint nicht nur die Ränke des Weibes böse — ihre ganze verstellende und verführende Art, sich zu behaupten, muß böse wirken. Aber das Weib ist doch nur böse, insofern das Ur-Leben böse ist. Was heute als spezifisch weiblich gilt, ist Urlebens-Art: die Ur-Ohnmacht, die sich als Passivität äußert, die Ur-Ängstlichkeit und die Ur-Lüge.

Diese Eigenart des Ur-Lebens tritt heute auf dem Kontinent, welchen der Geist des dritten Schöpfungstags bestimmt, am reinsten in die Erscheinung. Vom allgemeinen Sinn des Ur-Bösen her verstehen wir ganz, was es mit der Reptilität des Südamerikaners für eine Bewandtnis hat. Kurz vor seinem Tode, beinahe als sein Vermächtnis, schrieb der große Bolivar:

No hay fé en America, ni en los hombres, ni en las naciones. Sus tratados son papeles; sus constituciones, libros; sus elecciones, combates; la libertad, anarquia; y la vida, un tormento.1

La vida un tormento — das Wort besagt mehr als Qual, mehr als Marter: sein Grundton bedeutet Höllenqual. Für Bolivar, der alle Zusammenhänge vom Standpunkt des Politikers übersah, erschöpfte sich alles Leben in seiner Unterwelt. Das Urbild des Südamerikaners als politischen Tieres ist der compadrito. Dessen Begriff stammt aus den Vorstädten von Buenos Aires. Der compadre, der Gevatter oder Pate, spielte im Leben des Gaucho, dessen hochmütig-einsame Armut an einem edlen Freundschafts-Ethos seinen einzigen sozialen Halt fand, eine ausschlaggebende und durchaus schöne Rolle. In Buenos Aires indessen wurde das vom Gaucho übernommene Gevattertum in verderbter Form zum Bindemittel der besonderen Unterwelt, die das natürliche Gefolge und Aktionsmittel des südamerikanischen Häuptlings darstellt, und in diesem Sinne verwende ich den Begriff des compadrito für die entsprechende Menschenklasse des ganzen Erdteils. Der südamerikanische Häuptling, der caudillo, im Fall des Sieges im Großen der Diktator, ist kältestes Kaltblut. Er ist undurchdringlich, schweigsam, mehr Zauberer als Held, abwartend und passiv, bis daß der Augenblick blitzartigen Zugreifens kommt. Er vergißt nie, ist rachsüchtig, ränkevoll, zäh, unter höflichster Oberfläche gefühllos grausam, kurz das, was das Wort taimado in Südamerika (nicht in Spanien!) bedeutet; ist der Caudillo großen Formats, dann eignen ihm die großen Eigenschaften der Riesenschlange. Doch sein natürliches Gefolge ist reptilienhaft im niedersten Verstand. Bestechliche, Verleumder, Erpresser, Sykophanten, Speichellecker, Gleißner und bereitwillige Werkzeuge für dunkle Machenschaften gibt es überall: nie jedoch schaute ich Menschen dieser Art, welche in allen Demokratien prosperiert, deren Grundgebärde dermaßen häßlich wäre, und die im zähschleimigen Zusammenhang ihrer Gevatternschaft unter sich und ihres Kliententums dem Häuptling gegenüber so sehr als Unterwelt wirkten, wie in Südamerika. Dank der Nähe ihrer Seele zum kalten Untergrund tragen sie den Ausdruck des Ressentiments, der Lüge, des Verrats und der möglichen Rache so offen zur Schau, wie Molche ihr Molchtum. Nichtsdestoweniger, oder vielmehr eben deshalb aber sind sie harmloser als ihre Artgenossen aus Breiten bestimmenden Warmbluts: als Molche, die sich in einer Molchwelt daseinsberechtigt fühlen, haben sie gutes Gewissen, indem sie häßlich sind. Und die Ur-Angst lebt hier der Oberfläche so nahe, daß sie nur, wenn sie sehr schwer gereizt werden, Gefährliches wagen. Die Compadritos sind ferner für Verstehen und gütige Behandlung empfänglich, wie Eidechsen für Sonnenwärme, und wer sie als das nimmt, was sie sind, und das heißt vor allem: sich nie und nimmer auf die Wirksamkeit moralischer Motive in ihnen verläßt, kann Freude an ihnen erleben. Nichtsdestoweniger ist diese Unterwelt der Compadritos im selben Sinne böse wie die Krötenwelt.

Im gleichen Sinne bieten die Frauen Südamerikas eine vollendet-einleuchtende Illustration der Wahrheit, daß im Anfang nicht der Mann war, sondern das Weib. Beispiellos hemmungslos, wenn auch eben deshalb unschuldig und selten gefährlich, entfaltet sich in ihnen das Böse, welches das erstgeborene Kind der Ur-Angst ist. Nirgends gibt es mehr Indiskretion, mehr und giftigere üble Nachrede als drüben seitens der Freundin über die Freundin. Wohl keine Frau der Erde nützt gleich meisterlich alle Möglichkeiten der Passivität und Verstellung aus. Keine fängt so spinnenhaft den Mann ein, mißbraucht so skrupellos und schlau die Unauflöslichkeit der Ehe zu seiner Drangsalierung. Nirgends bedeutet Treue so oft nichts als Trägheit; eine Argentinierin sagte mir einmal:

Bei uns ist die Treue eine Krankheit.

Und begeistert stimmten alle argentinischen Männer zu, als ein Franzose meinte: merkwürdig viele Südamerikanerinnen seien entweder Schildkröten oder Vipern. Nirgends schlagen weibliche Gefühle so selbstverständlich beim geringsten Anlaß um, nirgends ist der Untergrund der stärksten Leidenschaft so kalt. Damit bestreite ich nicht die hohen Eigenschaften und vor allem Möglichkeiten der Südamerikanerin: das Gesagte beweist nur ihre Ur-Weiblichkeit, dank der sie besonders verführerisch ist. Es beweist ferner, daß ihr Böses, als ur-naturhaft, niemals letztes Wort ist. Das Märchen weiß es wohl: das Tier, das auf dem Bauche kriecht und Erde ißt, ist oft eine verwunschene Prinzessin.

1Es gibt kein Treu und Glauben in Amerika, weder bei den einzelnen, noch den Nationen. Seine Verträge sind Papierfetzen, seine Verfassungen Bücher, seine Wahlen Schlachten; seine Freiheit ist Anarchie, und sein Leben eine Qual.
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
II. Die Ur-Angst
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