Schule des Rades

Hermann Keyserling

Mensch und Erde

Der Mensch aus kosmischer Schau

Charisma

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns zunächst noch einmal den ungeheuren Grad unserer Erdgebundenheit bewußt machen. Es ist schlechterdings unmöglich, die Schöpfung als solche zu verstehen, denn alle Erkenntnisorgane sind diesseits ihrer entstanden, in bezug auf ihre Vollzogenheit. Keine Problemlösung jenseits des Ich als Voraussetzung ist für uns Erdenmenschen überhaupt denkbar. Keine Erkenntnistheorie, die auf Erden geschrieben ward, gilt für den entkörperten Geist, weshalb die Herren Schulphilosophen im Jenseits besonders viel Überraschungen erleben dürften. Alle Probleme ohne Ausnahme, die wir stellen können, sind von der Erde her gestellt, an irdische Möglichkeiten und Unmöglichkeiten gebunden. Wir können das Leben nicht verstehen. Wir können den Tod nicht verstehen. Diese beiden Unverständlichkeiten stecken die Grenzen des Gebietes ab, innerhalb dessen sich alle sinnvollen Fragestellungen bewegen. Wahrscheinlich gibt es insofern überhaupt keine Antworten auf unsere Jenseitsfragen — nach dem Tode gibt es den Tod nicht mehr. Ferner können wir nur das erfahren, zu dem wir spezifische Organe besitzen. So verdanken wir alle Offenbarungen, deren Wirklichkeit in irgendeinem Verstand durch die Wirkung als erwiesen gelten kann, Individuen sonderlicher Organisation, die wir insofern nicht nachkontrollieren können.

Gelehrte, die auf Grund dieser oder jener logischen Überlegung über Jenseitiges Behauptungen aufstellen, etwa dahin, daß es ein Reich des Sollens gebe, oder aber keinen Gott, denn dessen Dasein hübe die Freiheit des Menschen auf, sind lächerliche Figuren. Auch der Anspruch der modernen Phänomenologen, reale Wesensschau zu lehren, ist nicht ganz ernst zu nehmen: von der Einstellung her, welche deren Vertreter einnehmen, dringt man günstigstenfalls bis zur letzten ratio cognoscendi vor, niemals zur ratio essendi. Die ist nur seinsmäßig, durch reale Selbstvertiefung zu erreichen, als Folge welcher dann neue Wirklichkeiten unmittelbar erfahrbar werden. Es gibt eben keine Instanz jenseits der Charisma einer spezifisch irdischen Organisation, die spezifische unmittelbare Erlebnisse ermöglicht, und es gibt keinen anderen Erweis dieser als ihre Auswirkung. Das eine allgemeingültige Gesetz für alle Ebenen ist das der Kongruenz von Sinn und Ausdruck. Soll göttlicher Sinn in die Erscheinung treten, so bedarf es auch göttlicher Erscheinung; daher die so wahre christliche Idee vom Gottmenschen. Im übrigen ist die Wirkungslosigkeit im Guten jeder bloß denkerischen Philosophie durch die Geschichte erwiesen. Die Wirkung des größten deutschen Denkers, Hegel, war unmittelbar heillos: ihr verdankt zuerst der preußische Etatismus, sodann die Sozialdemokratie und endlich der Bolschewismus seine Entstehung. Das irdische Charisma ist noch aus einem anderen Grunde Grunderfordernis: wo es fehlt, fehlt auch die irdische Wirkungsmöglichkeit. So hat es zweifellos tiefe Geister gegeben, die als Medien von Überweltlichem wußten. Doch insofern sie Medien waren und keine Meister, blieben sie ohnmächtig. Eben deshalb liegt die Welt noch heute im argen (wenn wir für dieses Mal die christlichen Voraussetzungen übernehmen wollen). Es ist nicht die Schuld der armen Welt, die ja nicht weiß, was sie tut, sondern derer, die, sofern sie es besser wußten, nicht stark genug die Verpflichtung in sich fühlten, sich ihr verständlich zu machen. Jedes Wissen setzt einen besonderen Zustand voraus. Und da darf man wohl sagen: der unsrige ist wesentlich dadurch definiert, daß wir Bestimmtes nicht wissen und nicht verstehen können. Ja ich persönlich glaube, daß wir es auch nicht wissen sollen. Alle großen Religionen standen auf dem Standpunkt, daß nur Eingeweihte wissen dürften. Die anderen sollten glauben. Aber das bedeutet eben, daß sie nicht wissen durften. Und wirklich: wüßten wir genau, daß es Unsterblichkeit gibt, daß man gar aus seinem Leibe beim Tode fein gemütlich herausschlüpft, wie aus einem modernen Frauenkleid, könnten wir verstehen, was Sterben heißt, verlöre da der Tod nicht seinen ganzen Sinn? Mich dünkt: im Geheimnis als solchen liegt ein tiefer Sinn. — So bleiben wir denn gerade auch als Verstehende letztlich erdgebunden.

Doch ändern wir nunmehr die Fragestellung, dann gibt es doch eine echte kosmische Schau. Nämlich vom Satz her, daß der Mensch Maß und Mitte der Welt ist. Dieser Standpunkt der Mitte ist dem Menschen einnehmbar dadurch, daß er in sich selbst, rein innerlich, rein subjektiv, aber doch ganz wirklich, das Innere des Kosmos verkörpert und insofern der Innenansicht dieses fähig ist. Hier und insofern hat er in der Tat Kontakt mit dem Kosmos als Wesen, nicht als Erscheinung. Hier gilt die Schelersche Scheidung von Wesen und Wirklichkeit. Aber sie gilt doch nicht insofern, als Wesen wirkungsunfähig wäre, entsprechend der Theorie vom machtlosen Geist: dieser stellt doch an sich nur eine Abstraktion dar des irdischen Menschen. Vielmehr kann gerade das Wesen auf Grund des Korrespondenzgesetzes von Sinn und Ausdruck wirksam werden und sich an der Wirkung als wirklich erweisen. Es ist eine durch alle Geschichte bewährte Erfahrungstatsache, daß je tiefere Schichten des eigenen Wesens einer durchdringt, je tiefer er sich selbst versteht, desto weiter der Umfang des Wirklichen wird, mit dem er in unmittelbaren Kontakt kommt, im Raum und in der Zeit. Es gibt zweifellos geistige Fernwirkung, so völlig unverständlich sie sei. Und was die Wirkung in der Zeit betrifft, so kann der Ungläubigste nicht leugnen, daß die schlichten Worte Christi noch heute Heilswunder wirken. Wird der Mensch sich selbst Maß und Mitte insofern, als er mit seinem eigenen Geisteszentrum persönlichen Kontakt gewinnt, dann bewähren sich seine äußerlich noch so unscheinbaren Worte als Zauberformeln. Dann kann der äußerlich Schwächste den äußerlich Mächtigsten besiegen. So hat Jesus Christus schon nach wenigen Jahrhunderten das übermächtige Römische Reich besiegt. Doch wer so weit ist, der ist dann auch immer selbstlos. Der will nichts mehr für sich. Dem ist das Selbst-Opfer Selbstverständlichkeit. Denn der erlebt primär, daß sein erdenmenschlicher Sinn sein eigener tiefster Sinn nicht ist1. So ist denn kosmische Schau auf Grund der (historisch erwiesenen Tatsache der) Möglichkeit eines realen Hinauswachsens über das empirisch-Menschliche möglich. Dies aber — und nunmehr gelangen wir zum letzten, was den Ausdruck kosmische Schau endgültig rechtfertigt — auf Grund der Tatsache, daß dieses Hinauswachsen über das Leben hinausführt.

1Vgl. die Ausführung dieses Gedankengangs im Kapitel Tod und Ewigkeit von Wiedergeburt.
Hermann Keyserling
Mensch und Erde · 1927
Der Leuchter · Achtes Buch
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME