Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Der Sinn des ökumenischen Zustands

Geistbewußter Mensch

Beim ökumenischen Zustand handelt es sich somit um einen richtigen neuen organischen Zustand, in den das Menschengeschlecht hineinwächst. Er ist an sich — diese Erkenntnis, die erst das nächste Kapitel begründen wird, sei hier schon ausdrücklich betont — noch kein Träger geistiger Werte. Daß die Bolschewisten, die den Tatbestand so richtig einschätzen, mittels seiner direkt kulturfeindliche Tendenzen verwirklichen, insofern sie das Tiefste im Menschen leugnen und bekämpfen, ja vielfach satanischem Geist zur Herrschaft zu verhelfen trachten, beweist allein, daß die Welt des Sinnes und der Werte in der Natur an sich nicht enthalten sein kann. Ein Zustand ist nie mehr als ein Verwirklichungsmittel des Geists. Aber als solches nun stellt der ökumenische freilich ein reicheres dar, als irgendein früherer, denn in ihm organisiert sich das bisher reichste Erbe an Menschheitserfahrung. Dieser Seite des Problems müssen wir uns nunmehr zuwenden. Wir sahen, daß es eine objektiv bestehende kosmische Erinnerung gibt. Nichts Geschehenes und Erfahrenes geht verloren. Wir sahen weiter, daß die Ausbildung der Intellektsphäre die alten Kulturen vernichtet, weil der neue reichere Zustand die überkommenen Synthesen sprengt. Schauen wir nun diese Erkenntnisse mit den besonderen Ergebnissen dieses Kapitels zusammen, so können wir genau bestimmen, was dieser Prozeß bedeutet. Es bildet sich eine neue kompliziertere Synthese als Voraussetzung aller besonderen Lebensbetätigung, in Analogie damit, wie in der anorganischen Natur Ätheronen zu Elektronen, diese zu Atomen, diese wiederum zu Molekülen und diese endlich zu komplizierten Körpern, die fortan als selbständige Einheiten fungieren, sich zusammenschließen, und auf organischem Gebiete Einzelzellen zu vielfältigen Organismen. Während aber auf physischem Gebiet von einem Höherstehen des Komplizierten dem Einfachen gegenüber ohne Vorurteil nicht die Rede sein kann, weil jeder anlegbare Maßstab aus fremdem Gebiete stammt, ist der Begriff eines Mehr des Zusammengesetzten auf psychischem durchaus sinngemäß; weil er es ist, deshalb allein konnte er gefunden und, als ob sich dies von selbst verstünde, auf das Körperliche übertragen werden. Eine Deszendenztheorie der Psyche analog der Darwinschen aufzustellen, werde ich mich wohl hüten. Weder entwickelt sich alles ursprünglich Einfache notwendig dem Höheren zu, noch verläuft diese Entwickelung, wo sie statthat, stetig, noch erscheint lange und endgültige Rückbildung jemals ausgeschlossen. Der Kausalreihen sind zu viele, die das Geschehen bestimmen, dieses verläuft im allgemeinen nicht geradlinig, sondern in Form von Zyklen, und die Ursachen der Metamorphosen der Organismen liegen augenscheinlich mehr im Kosmos, dieses Wort sowohl astronomisch als astrologisch verstanden, als in ihrer tellurischen Umwelt und ihnen selbst. Für diese Auffassung spricht in der Menschenwelt sehr eindeutig der oft so ungeheure Unterschied in der Veranlagung von Vätern und Söhnen und das plötzliche gruppenartige Auftreten früher seltener oder nie dagewesener Begabungen bei den verschiedensten Völkern.

Nichtsdestoweniger steht auf psychischem Gebiet die reichere und differenziertere Synthese ganz unzweideutig über der einfacheren, denn gerade dem, was wir unter Höherstehen verstehen, entspricht hier der Tatbestand. Und ebenso unzweideutig gibt es Zeiten und Orte, wo sich, bei vermutlich unveränderter physischer Anlage, höhere psychische Synthesen bilden. Dies geschah vormals nur im Fall von Sonderkulturen. Heute geschieht es innerhalb der ganzen Menschheit. Und dieses kann geschehen, weil die allgemein erreichte neue Bewußtheit- und Intellektualisiertheitsstufe eine Fruchtbarmachung der kosmischen Erinnerung in bisher unerreichtem Grad und Sinne möglich macht. Auf dieser Stufe kann und muß sich einerseits die Menschheit zur Einheit einer Kollektivseele zusammenschließen, welche Einheit von sich aus, wie wir sahen, bestimmte Differenzierungen und Integrierungen bedingt; auf ihr wird andererseits, da nun der Logos dominiert, das Kompliziertere zum Körper allgemeinen Höherstehens, denn die Zielstrebigkeit und Aufwärtsgewandtheit des Geists stellt nun eine bestimmende Komponente der Gesamtpsyche dar, was früher nie der Fall war. Insofern könnte es fortan, falls kosmische Zufälle dies nicht verhindern, einen stetigen Fortschritt geben, von dem in der Vergangenheit nichts zu spüren ist. Von hier aus wird nun klar, inwiefern die Verarmung des Bewußtseins, welche die Automatisierung bestimmter Prozesse in bezug auf diese bedingt, kein Negatives, sondern ein Positives bedeuten kann. Sie hören ja nicht zu sein auf, sie bedeuten bloß keine Bewußtseinsprobleme mehr, da ihre Problematik sich selbsttätig löst. Schon auf der physischen Ebene begegnet uns das gleiche Phänomen: je höher ein vielzelliger Organismus steht, ein desto größerer Teil der Prozesse, in denen sich das Ganze geringeren Lebens erschöpft, verläuft automatisch, als subalterner Vorgang.

In bezug auf die Psyche drückte ich den Tatbestand an anderer Stelle so aus, daß die Lebensprobleme nie zu lösen, sondern nur zu erledigen sind: die einzig mögliche positive Lösung bestehe allemal darin, daß ein neuer positiver Zustand entsteht, von dem aus sich die bisherigen Probleme, die nun an subalterner Stelle ungelöst den Lebensprozeß im Gang erhalten, sich zu stellen aufhörten1. Auf dem konkreten Hintergrunde unserer jetzigen Betrachtungen dürfte vollkommen verständlich erscheinen, was ich damals meinte. Wenn die Probleme der Nationalität, der Konfession, der Demokratie usw. sich vom ökumenischen Zustande aus nicht mehr stellen, so bedeutet dies, daß dieser auf Grund der erledigten alten Problematik zur Stellung und Lösung neuer Probleme befähigt ist. Das bewußte Leben kann nie mehr als einen Ausschnitt der inneren und äußeren Wirklichkeit betreffen. Deshalb versteht es sich recht eigentlich von selbst, daß vom neuen Zustand aus gewisse Zusammenhänge aus dem möglichen Gesichtskreis verschwinden. Hier liegt eine Ursache dessen, daß die Jugend von heute viele Probleme der früheren Generationen nicht mehr versteht, während dies andrerseits auch damit zusammenhängt, daß alle Bestandteile einer Psyche nicht in jeder Synthese manifest werden können, genau wie in jedem Organismus aus Gründen, die wir nun zu begreifen beginnen, ein Teil der Gene, welche in ihm leben, latent bleiben müssen; diese treten dann in späteren Lebenseinheiten erneut hervor. Aber der neue Zustand ermöglicht andererseits eben die Stellung neuer, und insofern sich alte in ihm erledigen, höherer und größerer Probleme.

In der Menschenseele bestimmt heute der Geist, und dessen Möglichkeiten liegen auf anderer Ebene, als die Gegebenheiten der Natur, die ihm nur das (freilich erforderliche) Verwirklichungsmittel bedeutet. Das Genie geht in selbstverständlicher Schau von der Erkenntnis solcher Zusammenhänge aus, die der Durchschnittsmensch als höchste Möglichkeit nur ahnt; Adel ist, wie Rudolf Kassner einmal geistreich sagte, vor allem Ökonomie an Erfahrung; alte Kulturvölker sind, solange ihre Vitalität auf der Höhe und ihr Zustand dem Zeitgeist gemäß ist, jungen absolut überlegen, weil ihre Instinkte dort einsetzen, wohin rohere allenfalls Überlegung führt. Jeder höhere Zustand bedeutet insofern ein höheres Niveau bestehender Sinnesverwirklichung. Aus allen diesen Erwägungen heraus ist nun wohl abschließend klar, daß der ökumenische Zustand, trotz des vielfach Abschreckenden seines ersten, heute allein sichtbaren Anfangsstadiums, mehr bedeutet, als bloß eine Veränderung des bisherigen: er bedeutet in erster Linie organisches Fortgeschrittensein. Ja, gerade gegenüber dem jüngst vergangenen Zustand bedeutet er dies. Das Fortschrittszeitalter war, wie ich in der Schöpferischen Erkenntnis des näheren ausführte, vor allem ein grammatikalisches Zeitalter. Die jenes kennzeichnende Einstellung auf das bloße Weltalphabet, die Tatsachen als solche, war nur als Schülereinstellung positiv zu bewerten. Der ökumenische Mensch wird wieder in der Lage sein, unmittelbar aus dem Sinn heraus zu leben. Des Buchstabierens Herr, wird er sein Hauptaugenmerk wieder darauf richten, in der erlernten Sprache etwas zu sagen. Im ökumenischen Zustand kann sich der homo faber, um Danzels treffliche Bestimmung zu übernehmen, auf höherer Basis aufs neue in den homo divinans umwandeln2. Zeichen dessen ist allein schon das Überhandnehmen intuitiver, okkulter und magischer Begabung sowie das neuerwachte Verständnis für psychologische, d. h. lebendige Wirklichkeit im Unterschied von den toten Herausstellungen des Geists. So ermöglicht dieser Zustand erst die Verwirklichung der höchsten Menschheitswerte, zumal des Werts der Weltüberlegenheit.

Wie die bloße Möglichkeit in Wirklichkeit überzuleiten ist, soll das nächste Kapitel zeigen. Hier nur noch ein Wort mehr der organischen Betrachtung. Der ökumenische Zustand ist in erster Linie ein von selbst gewordener, überkommener; er ist in neue Form gefaßte, verjüngte Erinnerung. Daraus folgern viele, er sei nicht mehr als ein Schicksal, das wir einfach erfüllen müssen. Diese vergessen, daß lebendige Erinnerung eben lebendig und folglich wandelbar ist. Das Ererbte ist in jedem Augenblick Bestandteil eines Werdenden, sich Wandelnden. Insofern Leben wesentlich Sinn ist, verwandelt es unaufhaltsam alle Tatsachen neu; es gibt auch dem schon Geschehenen immer wieder neuen Sinn, indem es die verklungenen Töne des Lebens durch Fortkomposition in neue Melodiezusammenhänge hineinbezieht. Aus diesem Grunde gibt es ganz gewißlich das, was dem Begriff einer Vererbung erworbener Eigenschaften so schwer zu fassen gelingt. Mechanischem Denken wird diese niemals einleuchten, weil es unmöglich begreifen kann, daß nicht allein Vergangenheit Zukunft, sondern auch Zukunft Vergangenheit schafft. Aber im Leben ist es nicht anders. Wo der Geist noch nicht zu dessen Dominante erwuchs, dort bedeutet der verwandelnde Faktor gegenüber den Faktoren der kosmischen Einflüsse und der Vererbung wenig. Wo einmal die Geistbewußtseinsstufe erreicht ist, dort kann er zum Hauptbildner der Wirklichkeit werden. Neue Sinngebung schafft durch ihre neuen Herausstellungen eine neue Umwelt, der sich das Bestehende dann anpaßt. Auf den geistigen Menschen wirken Vorstellungen und Ideen grundsätzlich nicht anders wie Chemikalien auf Protozoen. Der neue Zustand des Elternorganismus beeinflußt den Keim, ob direkt oder, im Sinn von Danysc, dadurch, daß sich das von Hause aus Unveränderte in anderer Umwelt anders entwickelt3. Ewig bleibt das Leben im Fluß. Es ist immerdar Neuschöpfung. Deshalb ist Fortschreiten trotz alles Fatums immer möglich. Jedes Fatum ist seinerseits in neues Fatum verwandelbar. Und zwar im Fall des geistbewußten Menschen vom Menschen her. Man muß nur wissen, wo der mögliche Ansatzpunkt liegt.

1Vgl. den Zyklus Spannung und Rhythmus im Leuchter 1923, welcher die ganze hier konkret behandelte Frage vom prinzipiellen Standpunkt ihrer Lösung zuführt.
2Vgl. den Aufsatz des Grafen Hardenberg Okkulte Gesetzmäßigkeiten im Leuchter 1926 (Gesetz und Freiheit).
3Vgl. La genèse de l’énergie psychique, Paris 1921.
Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Der Sinn des ökumenischen Zustands
© 1998- Schule des Rades
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