Schule des Rades

Hermann Keyserling

Die neuentstehende Welt

Philosophie und Weisheit

Urgrund des Lebendigen

Hierzu muß ich weit ausholen und zunächst die Bedeutung der Theorie von einem neuen Gesichtspunkt aus ins Auge fassen. Wir fanden (vgl. S. 82 ff.), daß das Problem des Fortschritts anders liegt, als das 19. Jahrhundert wähnte nicht Ideen als solche sind letzte historische Instanz, sondern deren Wirkungskraft hängt vielmehr davon ab, inwieweit sie jeweils lebendige Wirklichkeiten repräsentieren. Betrachten wir nunmehr den gleichen Zusammenhang von einer anderen Seite, so muß uns auffallen, daß Theorie überhaupt nicht annähernd die Bedeutung hat, die ihr der Zeitgeist noch zuspricht. Als Einsteins Relativitätstheorie zuerst vom allgemeinen Bewußtsein rezipiert wurde, kam selten ein Ballgespräch vor, das deren Umwälzendes nicht zum Gegenstand gehabt hätte, und nur Philosophen äußerten allenfalls Bedenken, ob es sich, selbst unter Voraussetzung ihrer vollkommenen Zweckmäßigkeit, um ein gar so Umwälzendes handle. Vom vitalen Standpunkt haben sie recht behalten. Mögen uns Einsteins Voraussetzungen dem vollkommenen Naturbegriff, welchen Wissenschaft als Ideal anstrebt, noch so viel nähergebracht haben — an unserem Welt-Erleben im doppelten Verstand unserer wirklichen Einstellung im kosmischen Zusammenhang und unseres unmittelbaren Verhaltens in und zu ihm, ändern sie nichts. Welche Erwägung von selbst zur anderen hinüberleitet, daß auch die Tat des Kopernikus nicht so viel bedeuten dürfte, als wir’s zu glauben gelernt haben. Mag sie dem Menschen indirekt zu größerer Macht über die Naturkräfte verholfen haben — in seiner wirklichen (nicht bloß als theoretischer Ansatz bestehenden) Einstellung ist er genau so geozentrisch geblieben, wie er es vordem war, wenn er nicht gar, dank ihr, geozentrischer geworden ist: der Grieche, der sich in Abhängigkeit vom kosmischen Schicksal fühlte, fühlte insofern zweifelsohne kopernikanischer als jeder Moderne, dem sein persönliches Urteil letzte Instanz ist. — Ein anderes Beispiel. Die Folgen des Weltkriegs haben klipp und klar erwiesen, daß es einen grundsätzlich sehr geringen Unterschied macht, ob unter kapitalistischen oder sozialistischen Voraussetzungen regiert wird. Wo immer letzteres der Fall war, erwies das Resultat, daß eine Neu-Ordnung an sich nur eine neue Grundlage und Konjunktur für die Betätigung des Strebens nach Privatbesitz schafft. Diese Erfahrung beweist, daß wesentliche Neuordnung der Besitzverhältnisse in erster Linie voraussetzt, daß der Besitztrieb an Übermacht verloren habe; woraus weiter folgt, daß, wenn letzteres der Fall ist, der Charakter der äußeren Ordnung unerheblich ist. — Ich beschränke mich auf diese zwei Beispiele. Sie genügen zur Verdeutlichung der Tatsache, daß das abstrakt-Geistige auch nicht annähernd so viel bedeutet, wie das 19. Jahrhundert wähnte.

Besagt dies nun, daß das Geistige gleichgültig wäre? Es bedeutet ein anderes: daß der übliche Begriff vom geistig Wirklichen zu sehr an der Oberfläche haftet. Was das Geistige zum Geistigen macht, ist sein Sinnhaftes. Gelingt es irgendwo zu zeigen, daß ein bestimmtes Geistiges einen anderen Sinn hat, d. h. einen anderen Ort im allgemeinen Sinneszusammenhang des Lebens einnimmt, als bisher angenommen ward, so ist damit allein ein tiefer Geistiges grundsätzlich als wirklich bestimmt. Was die betrachteten Beispiele als Forderung nahelegen, ist deshalb nicht ein Ersetzen der Philosophie durch Psychologie, sondern das Erklimmen eines philosophischen Standpunkts, der den Idealismus im weitesten Verstand vom Sinn her als Teil eines größeren Ganzen zu überschauen gestattet. War Philosophie schon für Kant implizite die Lehre von der richtigen Akzentlage im Sinneszusammenhang des Lebens, so muß sie, um sich zu vollenden, die absolut letzte dem Menschengeist zugängliche Sinnesinstanz zum Ausgangsorte nehmen. Von dieser aus erweist sich nun sofort, inwiefern der Ansatzpunkt des idealistischen Denkens ein verfehlter war. Was sich als besondere theoretische Lehre abziehen läßt, ist nicht das Ganze der Geisteswirklichkeit; von den wirklichen Geisteskräften sind die theorieschaffenden nur ein Teil. Wohl sind richtige Erkenntnis- und Gegenstandstheorie, richtige Logik, Phänomenologie usw. sowohl erfüllbare als auch notwendige Forderungen: unsere geistige Organisation verlangt einseitige Beleuchtung, um bestimmte Seiten des Wirklichen allein für sich zu sehen, und eine regelrecht vorgenommene Abstraktion, die aus dem Zusammenhang des Wirklichen nicht hinausführt, bringt allemal vorhandene Verhältnisse zum Ausdruck. Nichtsdestoweniger sind ihre Ergebnisse als solche künstliche Gebilde. Und wird der Sinneszusammenhang des Geists in ihnen zentriert, so bedeutet dies eine Projektion des Wirklichen auf eine imaginäre Fläche. Dies ist der eigentliche Grund, warum keine Theorie sich je als wahr erwiesen hat — keine Theorie kann wahr sein; im günstigsten Fall ist sie vollkommen zweckmäßig. Aus dem gleichen Grunde hat keine Welterklärung je geleistet, was sie leisten sollte: da solche nur denkbar ist auf der Ebene herausgestellter Theorie, also vom verstehen-wollenden Menschen her gesehen, nicht im Zentrum der erlebten Wirklichkeit, sondern auf exzentrisch gelegener Projektionsfläche, so ist eine Welterklärung als letzte Instanz überhaupt undenkbar. Je vollständiger sie wäre, desto unverständlicher, d. h. ihrem eigentlichen Sinn mehr widersprechend müßte sie ausfallen, so wie schon jede vollständigere Erklärung des physikalischen Weltalls unvorstellbarer und unbegreiflicher ausfällt. Ihre letzten Prinzipien müßten noch künstlichere Gedankendinge sein, noch mehr imaginären Größen vergleichbar, wie diejenigen der Physik.

Doch was herausstellende Theorie zu leisten ewig unfähig ist, kann der Sinneserfassung gelingen. Diese fragt überhaupt nicht nach Prinzipien, sie geht unmittelbar auf den Sinn. Dieser ist der wirkliche Urgrund des Lebendigen; er offenbart sich dem entsprechend befähigten Geist ohne alle Vermittlung nicht anders, wie sich die Wirklichkeit des Sichtbaren dem geöffneten Auge offenbart. Ist ein Geist nun im kosmischen Zusammenhang richtig eingestellt, so kann er auch nicht umhin, ihn in der vom Menschenstandpunkt richtigen Perspektive zu sehen; falsche Perspektive ist Folge schiefer, d. h. exzentrischer Einstellung. Konzentrische Einstellung ist andererseits die ursprünglich gegebene; ihr eignen, mutatis mutandis, alle die Vorzüge, die den euklidischen Raum gegenüber allen sonst konstruierbaren auszeichnen — wahrnehmen und verstehen tut der Mensch das Räumliche, was immer er denke, nur im Rahmen von drei Dimensionen. Nun ist wohl klar, warum es Sinneserfassung zu allen Zeiten gab, auch wo zur angemessenen Welterklärung alle Voraussetzungen fehlten: wir leben, bevor wir theoretisieren; Bewußtwerden ist von allem Erklären können unabhängig; Wissen ist andererseits als normales Verhältnis zwischen der realen Gegebenheit und dem realen aufnahme- und denkfähigen Subjekt organisches Urkönnen. Ist ein Zusammenhang wirklich, und ward er als solcher bewußt, so kann der sonst Primitivste; von dem aber dieses gilt, die Erkenntnisse spätester Wissenschaft vorwegnehmen und den Gelehrtesten an verstehendem Urteil übertreffen. Denn weiter als bis zur Evidenz führt kein Beweisen; dieses bedeutet nie mehr als einen sichernden Umweg zu intuitivem Wissen.

Hermann Keyserling
Die neuentstehende Welt · 1926
Philosophie und Weisheit
© 1998- Schule des Rades
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