Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Okkulte

Von der richtigen Einstellung zum Okkulten

Glauben und Nichtglauben

Wie soll man sich nun dem Okkulten gegenüber verhalten, auf daß es erkannt werde? Nun, grundsätzlich genau so, wie gegenüber einem Problem der Physik oder Chemie, dies aber will sagen: nicht so, sondern anders, wie dies die Okkultismusgläubigen einerseits, deren wissenschaftliche Kritiker andererseits gewöhnlich tun. Man muß sich vollkommen unbefangen zu seinen Manifestationen stellen, weder glaubend noch nichtglaubend, in einem Zustande zugleich vollkommener Hingabe an das zu Erfahrende und vollkommener innerer Indifferenz. Gerade dies tun nun weder Gläubige noch Zweifler: die einen glauben von vornherein, und die andern nicht. Man mag nun meinen, auf dies persönliche Verhalten käme es nicht an, denn dazu seien die Tatsachen ja da, um etwa vorhandene Vorurteile zu widerlegen. Leider gibt es aber keine Tatsachen für uns, unabhängig von unserer Einstellung zu ihnen. Sie zeigen uns unter allen Umständen nur die Seite, welche wir selbst erwählen; ebendeshalb bedeutet ein Experiment mehr für die Erkenntnis als vielfache zufällige Erfahrung — jenes beantwortet eine bestimmte Frage und diese nicht. Immerhin: materielle Tatsachen hängen in ihrem Sosein mit der gattungsmäßig feststehenden, somit vom besonderen Verhalten des Individuums unabhängigen psychischen Organisation des Menschen so fest zusammen, daß sie die Fragestellung, die ihre Erkenntnis ermöglicht, wo sie verfehlt wurde, zuletzt erzwingen. Anders steht es mit den psychischen und geistigen Tatsachen: diese sind in ihrem Sosein durchaus abhängig, nicht allein von der persönlichen Eigenart, sondern dem jeweiligen Zustand dessen, welcher sie erfährt. Deshalb ist es hier schlechterdings unmöglich, zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen Eingebildetem und unabhängig vom jeweiligen Bewußtsein Bestehendem eine scharfe Grenze zu ziehen.

Da jedes Bild, jede Vorstellung, jeder Gedanke (insofern sie konkret erlebt werden) ein Innerliches ist, mithin die Subjektivität zur Daseinsdimension hat, so ist psychisch Erlebtes als solches aus dem jeweiligen konkreten Bewußtsein nicht herauszulösen; es unterscheidet sich darin grundsätzlich vom äußerlich Gegenständlichen, welchesipso facto Objekt ist und damit die Kriterien selbstverständlich erfüllt, welche objektive Wirklichkeit als solche für die Wissenschaft bestimmen. Trotzdem existiert das an sich Subjektive irgendwie auch objektiv. Von der Gültigkeit der Gedanken, derEvidenz der Bilder, der gesetzmäßigen Wiederkehr der gleichen Vorstellungen bei vielen oder allen abgesehen: das Subjektive eines kann unter Umständen anderen zum unmittelbaren Objekt werden; es gibt Gedankenlesen undIntuition. Ja, die fortschreitende Psychologie neigt immer mehr dazu, in der Welt des unbewußten oder unterbewußten Psychischen eine uns als wache Wesen ebenso bedingende, für sich bestehende Wirklichkeit zu sehen wie in der materiellen Außenwelt1. Nur gehorcht diese eben anderen Gesetzen; sie ist vor allem nicht starr, sondern flüssig und wandelbar; jede Änderung im Zustand des Subjekts verschiebt das ganze Bild. Hier wären wir denn bei dem Punkte wieder angelangt, an dem ich behauptete, sowohl die Gläubigen wie die Bezweifler des Okkultismus verhielten sich nicht so, als wie es geschehen muß, damit dessen Wahrheitsgehalt festzustellen sei. Jene glauben: Glauben aber bedeutet auf psychischem Gebiet schon Schaffen. Es entsteht unter allen Umständen, durch ihn, eine eingebildete Wirklichkeit. Diese scheint, falls wir gewissen Berichten aus Indien Glauben schenken dürfen, unter Umständen so dicht werden zu können, daß sie auch anderen gegenständlich wird. Immerhin bleibt sie technisch einbildungsentsprossen; hier fehlt jede Möglichkeit, die Unabhängigkeit der Existenz eines Phänomenes vom Bewußtsein des Gläubigen, auch wo es von dem der anderen nachweislich unabhängig wäre, mit Gewißheit festzustellen. Wer daher von vornherein glaubt, erfüllt unter keinen Umständen die Bedingungen der Unbefangenheit, welche bei allem Forschen gestellt werden müssen. Umgekehrt wird der, welcher positiv nicht glaubt, mit beinahe absoluter Sicherheit nichts Okkultes, von dessen gröbsten, materialisierten Äußerungen abgesehen, für sich erleben, denn auch das Nichtglauben ist ein schöpferischer Akt. Es bildet einen Panzer, der von bestimmten Erfahrungen ein für allemal abschließt. Allgemein gesprochen: durch jeden psychischen Prozeß, der eine innere Entscheidung schafft, entsteht eine fertige Gestaltung, die gegenüber jedem nur möglichen Objekt einApriori darstellt. Wie außerordentlich plastisch der psychische Organismus in diesem Sinne ist, weiß jeder Psychoanalytiker und jeder Seelenarzt. Buddha lehrte rechtes Denken, rechtes Tun usw. deshalb, weil auf das genaue Wie alles ankommt: jedes schafft eine ganz bestimmte innere Festlegung; ebendeshalb müssen Suggestionen und Autosuggestionen in kaum weniger peinlich genau bedachtem Wortlaut gegeben werden wie Zauberformeln2. Nun, wenn dem so ist, dann erfüllt allein der persönlich weder glaubende noch nichtglaubende Okkultist die Bedingungen, die der Begriff exakter Forschung als solcher setzt; es kommt keiner für die Bereicherung unseres Wissens und Verstehens im wissenschaftlichen Sinn in Frage, was immer er sonst bedeute, der nicht den entsprechenden Zustand innerer Überlegenheit in sich verkörpert. Gleiches gilt nun grundsätzlich nicht minder im Falle äußerer Beobachtung. Psychisch besteht die Distanz zwischen den Menschen nicht, welche Körper von Körper trennt. Wenn Glauben und Nichtglauben in der Seele des Betreffenden verschiedene Voraussetzungen schaffen, so können diese ohne weiteres auch auf andere übergreifen. Sie tun es tatsächlich im Falle jedes sensitiven Objekts. Schon Künstler geraten leicht außer Stimmung, sobald ein ihnen unsympathischer Mensch im Zimmer weilt, d. h. bestimmte ihrer höchsten Fähigkeiten setzen aus. So mag ein skeptischer Beobachter das Eintreten erwarteter Phänomene dank einem Medium ebenso objektiv vereiteln, wie veränderte Temperatur ein bestimmtes chemisches Experiment.

Grundsätzlich Gleiches gilt nun weiter von den Situationen, von welchen auch schon die Künstler, gerade in ihrem Besten, über die Maßen abhängig sind. Es mögen gerade die Vorsichtsmaßregeln in vielen Fällen das Gelingen okkulter Versuche vereitelt haben. Hier kommt eben alles auf die Herstellung der richtigen psychischen Bedingungen an; hier gibt die Stimmung des Hellsehers oder Mediums, wie die des Beobachters, wahrscheinlich den Ausschlag. Aus dieser einen Erwägung wird schon klar, weshalb wir über die okkulten Phänomene, so oft diese beobachtet wurden, noch so wenig wissen. Es werden kaum je die prinzipiellen Bedingungen eingehalten, unter welchen Experimente überhaupt gelingen. Ebendeshalb weigern sich die Interessantesten unter den okkult Veranlagten so hartnäckig, mit sich Versuche anstellen zu lassen. Wer völlig ehrfurchtslos, in der Einstellung des Untersuchungsrichters oder des Detektivs an einen Sensitiven herantritt, der gefährdet buchstäblich dessen inneres Gleichgewicht; der ist tatsächlich nicht würdig, wie solche so oft behaupten, ihr mögliches Können am Werk zu sehen. Jeder Messias fordert zunächst Glauben, sofern er erlösen soll. Er hat damit vollkommen recht, gleichviel, ob er nun tatsächlich einen Erlöser darstellt oder nicht, denn nur im Medium des Gläubigen kann die spezifische Wirkung eines solchen überhaupt eintreten3. Jeder Seelsorger verlangt vertrauende Hingabe: dann allein ist er technisch in der Lage, in die Seele des anderen schöpferisch einzudringen4. Genau aus den gleichen Gründen ist Vorurteilslosigkeit der Experimentatoren die unterste Vorbedingung dafür, daß ein Okkultist sein Bestes überhaupt produziere. Dies gilt ganz sicher von allen Versuchen, die im Wachzustande des Objektes vorgenommen werden und wirklich Geistiges, nicht bloß Materialisationsphänomene und ähnlich Primitives, betreffen. Eigentlich muß auch der Okkultist, nicht anders wie der Religionsstifter, Glauben verlangen; eben deshalb gelingen Séancen eines vertrauten und eingearbeiteten Zirkels immer am besten. Ein pfingstmäßiges Herniederfahren des Heiligen Geists wird ein zufälliger Kreis nur wissenschaftlich Interessierter nie erleben. Insofern liegt hier wahrscheinlich eine Grenze möglicher Wissenschaft überhaupt. Es mag gut sein, daß gewisse geistige Wirklichkeiten, die an sich unabhängig vom Bewußtsein bestehen, sich gleichwohl nie werden unzweideutig nachweisen lassen, weil sie sich nur durch reine Subjektivität hindurch für uns verwirklichen können; vielleicht ist Gottesglauben sozusagen die experimentelle Vorbedingung realer Gotteserfahrung. Doch wie dem auch sei: im Zusammenhang unserer augenblicklichen Betrachtung genügt die Feststellung, daß streng unvoreingenommenes Verhalten des Beobachters die wichtigste wissenschaftliche Vorbedingung zum Gelingen okkulter Versuche ist.

1Vgl. hierzu besonders C. G. Jungs Psychologische Typen, Zürich 1921, Rascher & Co.; desgleichen die ebendort 1918 erschienene Psychologie der unbewußten Prozesse. — Inwiefern das Psychische überhaupt im genau gleichen Sinn wie das Physische zur Erscheinungswelt gehört, legt der erste Vortrag meiner Prolegomena zur Naturphilosophie (1907) dar; eine genauere Bestimmung dieses seines Objektivitätscharakters unternimmt die sehr interessante Studie von Wilhelm Haas, Die psychische Dingwelt (Bonn 1921, Friedrich Cohen). Den Lesern vorliegender Schrift empfehle ich sie noch ganz besonders deshalb, weil sie eine äußerst scharfsinnige Analyse der wahren Bedeutung der Yoga enthält (S. 179 ff.).
2Vgl. hierzu vor allem Beaudouin, Suggestion et Autosuggestion, Neuchâtel 1921; ferner meine Ausführungen in Schöpferische Erkenntnis, S. 455 ff.
3Vgl. hierzu die Betrachtungen im Adyar-Abschnitt meines Reisetagebuchs.
4Vgl. hierzu das über die Technik der Schule der Weisheit im vorletzten Vortrag und im Anhang der Schöpferischen Erkenntnis Ausgeführte.
Hermann Keyserling
Das Okkulte · 1923
Von der richtigen Einstellung zum Okkulten
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