Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

III. Houston Stewart Chamberlain - Weltanschauung

Wenn ich heute, nach und aus beinahe vierzigjährigem Abstand, zu verstehen versuche, warum Chamberlains Grundlagen des XIX. Jahrhunderts bei Erscheinen auf mich wie auf unzählige andere so ungeheuer stark wirkten, so finde ich die kürzeste Erklärung in dem, was er mir selber einmal über sich sagte: Ich bin kein Wissenschaftler und kein Philosoph, sondern ein Weltanschauer. (In solchen Unterscheidungen war Chamberlain überhaupt groß: zum Beispiel indem er Goethe als Natur erforscher dem Naturforscher gegenüber- oder entgegenstellte; mit einer Silbe schuf er da die richtiggestellte Bezeichnung in chinesischem Sinn für das Neuartige des Goetheschen Naturwissenschaftlertypus.) Es begann damals, in der Tat, die Abstimmung der Seelen vieler auf eine neue Wellenlänge. Denn die rein sachliche Fragestellung der Wissenschaft befriedigte nicht mehr. Gleiches galt von der epigonenhaften idealistischen Philosophie, die, anstatt die Existenz- und Seinsfrage aufzuwerfen und zu beantworten, sich bei Erkenntniskritik als Ziel alles Philosophierens beschied: gleiches von einem Kulturideal, dem das Wissen um geistige Werte letzte Instanz war, gleiches sogar schon vom heute sogenannten Intellektualismus, dessen Problem sich damals freilich bewußt nur wenigen stellte. Wer irgendwie lebendig war, begann einer alles relativierenden Objektivität müde zu werden und sehnte sich nach einer persönlichen Beziehung zur Welt. Diese fand eine nicht geringe Zahl schon damals in der Rückbekehrung zu einem religiösen Bekenntnis, dem sie sich für immer entwachsen geglaubt hatte, oder in der Intensivierung ihrer lebendig verbliebenen Religiosität. Einige eiferten Nietzsche nach im Unterfangen, die alten Wertetafeln zu zerbrechen. Doch weder die Rekonvertiten noch die Nietzscheaner bedeuteten damals im großen viel. Die Mehrheit gerade der zu neuem Anfang grundsätzlich Befähigten war so imprägniert von Wissenschaft und kritischer Philosophie, daß für sie das Harnack-Wort galt: Nur Bildung führt zur Unbefangenheit zurück. Es gab für sie keinen direkten Weg zu positivem Glauben und zu naivem Erleben; eine mehr persönliche Beziehung zur Welt konnten sie nur über neue Erklärung, neue Deutung finden, die ihnen ihr Wissen zunächst, als erste Etappe, zu rein persönlichem Besitz machte. Der Johannes der Täufer einer neuen rein persönlichen Beziehung zur Welt konnte dementsprechend nur ein enzyklopädischer Geist sein, der sich aber für sich durch alle Kritik hindurch zu neuem Dogmatismus durchgerungen hatte; denn jedes positive Bekenntnis muß offenbar dogmatisch sein. Diesem Wunschbild nun entsprach Houston Stewart Chamberlain als Anlage und Erreichnis so, wie selten ein Mensch einem Wunschbilde entsprochen hat. Erstens war er eine wirklich große Persönlichkeit. Dann war er ein persönlich Glaubender. Endlich und vor allem war er ein leidenschaftlicher Leser und Verfolger aller wissenschaftlichen und philosophischen Forschung, sowie aller guten Literatur in allen Sprachen, ein Gebildeter, wie es zu seiner Zeit gleich hohe schon wenige mehr gab: insofern konnte ihn jeder Gebildete nicht allein, sondern auch jeder Bildungshungrige bejahen; nur der Fachmann hatte Ursache, ihn abzulehnen. Chamberlain bekannte sich leidenschaftlich zu allen geistigen Werten der Vergangenheit: dadurch schuf er sich Ansehen auch bei denen, welche seine besonderen Anschauungen nicht teilten. Nun aber kommt das, was zu Chamberlains Massenerfolg geführt hat: er war wesentlich rezeptiv. Ich weiß von keinem zweiten bedeutenden Menschen, bei dem Gelesenes so sehr die gleiche Rolle gespielt hätte, wie bei anderen persönliche Forschung und Einfälle.

Eigene Einfälle hat nämlich Chamberlain in seinem ganzen Leben äußerst wenige gehabt. Doch wenn er morgens auf der Leiter in seiner Bibliothek herumstieg und in seinen Büchern blätterte, fielen ihm immer die Zitate ein, mit denen er später dann hauptsächlich operierte. Über das aus den angeführten Schriften Zitierte hinaus hat Chamberlain bis auf verhältnismäßig seltene Ausnahmen, in seinem späteren Leben zum mindesten, nur wenig von ihren Verfassern gelesen; er war insofern der unmoralischeste Leser und Zitierer, von dem ich weiß. Aber er fand allemal und unweigerlich die Zitate, deren er bedurfte, und von denen aus sann und konstruierte er dann selber weiter. Hierbei aber verfuhr er nicht kritisch und nicht analytisch — die betreffenden Fähigkeiten gingen ihm, wie schon gesagt, in Anbetracht des Umfangs seines Geistes in erstaunlichem Grade ab — sondern überschauend, zusammenfassend, organisierend. Nun beschränkt sich die geistige Originalität der Allermeisten auf Ähnliches: wie sollte es sie da nicht beglücken, wenn ein ihnen Gleichgearteter den unzweideutigen Eindruck eines großen Geistes machte? Dies nun war Chamberlain tatsächlich. Wenn ich heute, nach vierzig Jahren, zurückblicke, so muß ich anerkennen, daß ich seither in Europa unter Geistigen keine größere Persönlichkeit gekannt habe. Er war Vollmensch, renaissancehaft-vital, nicht dem Geistigen verfallen, sondern dasselbe von oben her beherrschend, als wäre er sein eigener Mäzen. Aber er war kein großer Geist in irgendeinem zu seiner Zeit üblichen und anerkannten Sinn. Hier denn fassen wir den Kern des Problems von Chamberlains Johannes-des-Täuferstum. War er geistig rezeptiv, so war er produktiv als leidenschaftlich Überzeugter. Aus Überzeugung war er bei allem objektiven Wissen in seiner Entscheidung und seinem Urteil subjektiv. Insofern war er genau so sehr Dogmatiker wie nur irgendein Kirchenvater. Hieraus ergab sich dann Chamberlains Weltanschauertum. Er war wirklich kein Wissenschaftler und kein Philosoph, sondern ein Drittes, das unter Deutschen ebenso Wesentliches bedeuten kann, wie anderen Völkern Religion.

Und dabei hatte Chamberlain als Persönlichkeit den Stil nicht des Geistigen, sondern den eines großen englischen Herrn, dessen hobby es war, Ägypten zum Beispiel England vorzuziehen; der ein reiches und weites Gedankenreich scheinbar desinteressiert und frei durchreiste, in Wahrheit jedoch mit kühnem Eroberersinn und zähem Besitzwillen sein eigenes Reich gründete und festhielt. Solch ein persönlich besessenes Reich war ihm die Weltanschauung, für die er lebte, letztlich. Daher seine Unduldsamkeit für alles, was nicht in dieselbe hineinpaßte, daher seine hochmütige Kälte gegenüber allem Fremden. Chamberlain war merkwürdig hart im Sinne richtigen englischen Klassenbewußtseins. Gemäß dessen Sinne schied er sich von denen, die nicht auf gleicher Ebene zu ihm gehörten, ab. Was jedoch seinen Sinn für Volkstum betrifft, so lagen hier die Dinge bei ihm genau so, wie bei den meisten derer, welche Massenbewegungen eingeleitet haben oder von ihnen als Leitsterne rezipiert werden: sein herausgestellter Sinn für das Gemeinschaftliche kompensierte tiefstinnerliche Einsamkeit. Chamberlain gehörte zu den allereinsamsten Menschen, die ich je gekannt habe. Wegen seiner beinahe krankhaften Hypersensibilität — so nannte er sie selbst — scheute er in seltenem Grade direkten Kontakt. Und wo er ihn haben mußte oder auch wollte, da schützte er sich durch äußerste Distanzeinhaltung oder Distanzierung. Auch seine Schroffheit bedeutete hauptsächlich Schutzwehr gegen die eigene Verletzbarkeit. Die innere Möglichkeit zu solcher Haltung war gleichfalls rein-englisch und nur-englisch, sie hatte nichts mit dem gemein, was sich bei deutschen Geistigen so oft als Abscheidung und Abgeschiedenheit ausdrückt. Chamberlain war ein extremer echt englischer Individualist. Seine Kampagnen für deutsche Weltgeltung und Weltbedeutung aber hatten keinen anderen Sinn wie der Imperialismus Rudyard Kiplings. In solchem Imperialismus, und in nichts anderem, bestand das Wesen von Chamberlains Liebe für Deutschland — wenn ich hier von der Wahlverwandtschaft mit ihm in der einen Hinsicht des Primats der Weltanschauung absehe, der an sich mit Rasse und Volkstum ursprünglich gar nichts zu tun hat — die Liebe des Fremden und Fremdgebliebenen. Nie hat Chamberlain Deutschland so gesehen, wie es wirklich ist. Allzuoft hat er an einem Wunschbilde gehangen, an das er desto ehrlicher glauben konnte, als er keine wirkliche Beziehung zur deutschen Natur hatte. So gibt es einen Brief oder Artikel, in dem er prophezeite, Wilhelm der Zweite würde einmal den Ehrentitel Wilhelm der Deutsche tragen. Überhaupt sah Chamberlain Wilhelm II. völlig falsch; er überschätzte ihn maßlos. Ähnlich wie bei Chamberlain erklärt sich überhaupt die meiste Vorliebe für fremde Völker und Länder: sie stellen die zuverlässigsten Projektionsflächen für Eigenes dar.

Zur Zeit, da ich dieses schreibe, fehlt nahezu alle richtige Sicht für solche Zusammenhänge. Weil Chamberlain für Deutschland optiert und für das Deutschtum viel bedeutet hat, muß er mit Deutschland nahe verbunden gewesen sein: nichts könnte weniger zwingend sein als solche Folgerung. Betrachten wir das Sonderproblem des für das Deutschtum bedeutsam gewordenen Engländers einmal im Zusammenhang planetarischen Geschehens, dann ist das Folgende zu sagen. In dieser Wendezeit stellt, mehr noch als in der durch die Französische Revolution versinnbildlichten, das Fremde als solches ein befruchtendes Element allerersten Ranges dar. Im Endergebnis jener kamen die Fremde und das Fremde hauptsächlich der Literatur zustatten. In seiner Histoire de la Littérature Française (Paris 1936, Librairie Stock, p. 9) schrieb Albert Thibaudet bezüglich der während der Französischen Revolution Geflohenen:

Les élites emigrées vivent tragiquement. Elles sont contraintes à une vie hazardeuse, solitaire, humiliée. Elles sont amenées par l’exil à l’épreuve de reviser leurs valeurs, et à en connaître, ou à en créer d’autres. Les Dieux qu’ils ont emportés prennent contact et font alliance avec d’autres Dieux. Sainte-Beuve, expliquant que l’originalité de Chateaubriand lui vient de son déracinement, dit: C’est à cela du moins que servent les révolutions; elles triomphent en déracinant, elles rompent ce qui se suit de trop prés, et recommencent le grand mélange. Il y a chance pour qu’au sortir de là il se produise quelque chose d’original et de nouveau. Il y a les émigrés qui perdent leur pays et ceux qui en découvrent d’autres. Il y a les émigrés qui n’ont plus de societé et ceux qui s’en font une nouvelle, il y a les émigrés qui n’ont pas de jeunesse et ceux qui créent une jeunesse. Trois dissonances, qui produisent chacune leur étincelle de vie littéraire.

Die ganze große spätere französische Literatur — die Zeit der Revolution selbst und das Imperium hatten nur Platitüden hervorgebracht und verherrlicht, und nahezu zwanzig Jahre blieb die französische Geistestradition beinahe vollständig unterbrochen — erwuchs aus dem Kontakt mit einer weiteren Welt, und gleiches bedeutete es, daß die als für Frankreich am wichtigsten erwiesenen Geister Fremde waren: der Italiener Napoleon, die Genfer Benjamin Constant und Madame de Staël, der Piemontese Joseph Marie de Maistre. Revolutionszeiten, und seien sie noch so national gemeint, bedingen in erster Linie Einschmelzung der bisher gültigen Grenzen, und neue bilden sich nie so schnell, daß das Fremde nicht eindringen oder das Eigene nicht ausstrahlen könnte. Und auch ihr tiefster Sinn, sofern eine Revolution die Entwicklung vorwärts treibt, liegt in solcher Einschmelzung, denn ein Neuwerden gibt es beim Lebendigen nur vom Undifferenzierten, nicht vom schon Ausgestalteten her und echten Fortschritt beim Menschen ausschließlich in der Richtung des Weiter- und nie des Engerwerdens. Beinahe alle Revolutionäre legen auf die Tatsache ihrer Jugend oder ihrer Repräsentativität für eine neue Generation besonderen Nachdruck: das beweist eine Naivität, die man Kämpfern freilich zugutehalten muß. Unvermeidlicherweise folgen doch Jüngere auf Ältere, immer ist die nächste Generation anders als die vorhergehende — doch braucht sie in keiner Hinsicht besser noch vom Standpunkt der Gemeinschaft zukunftsträchtiger zu sein. Und im Zusammenhang des Ganzen bedeutet der Vorstoß des Neuen allemal anderes, als was die Stoßtruppen meinten. Im Fall sehr einseitiger Bewegungen darf man sogar sagen, daß deren größte weltgeschichtliche Bedeutung in den ausgelösten Gegenbewegungen liegt. So haben recht eigentlich die Türkenvorstöße das europäische Bewußtsein geschaffen, soweit es existiert, hat Luther vor allem die katholische Kirche regeneriert, waren der Terror und der Gewissenszwang und der Imperialismus der Französischen Revolution mit ihrem Ausklang in den Napoleonischen Kriegen die eigentliche Wiege des liberalen Zeitalters, welches von 1815 bis 1914 gewährt hat. Die sichtbarste Ursache von Revolutionen ist meist der Einbruch neuer Ideen oder die Aufnahme eines neuen Glaubens. Doch da aller Geist wesentlich universell ist und empirische Grenzen verleugnet, so ergibt die Lockerung aller Abschlüsse und alles Abschließens zwangsläufig ein Übergreifen von beiden Seiten her. Schon der Krieg bringt Völker einander näher als der Handel; sind Ideen im Spiel, als welche nicht totgeschlagen werden können und sogar aus dem Tode ihrer jeweiligen Vertreter ihre größte Kraft schöpfen, dann bewirkt der Wille zum Abschluß oder zur Exklusivität zwangsläufig sein Gegenteil. Einerseits hat die Übertragbarkeit von Ideen ihren Exponenten in ihrer Universalität; andererseits führt der Wille zum Nur-Eigenen zwangsläufig zu wachsender Schrumpfung und Isolierung, so daß gerade die Engherzigkeit auf die Dauer der Weitherzigkeit zugute kommt. Endlich ist das zu erwägen, was ich im Eingangsvortrag zur Darmstädter Tagung 1922 Spannung und Rhythmus zuerst verlautbarte (abgedruckt in Wiedergeburt, S. 25 ff.). —

Unter den heutigen Verhältnissen stellt nicht Allseitigkeit, sondern vielmehr Einseitigkeit den kürzesten Weg dar zur Totalität. Die geistige Welt hängt unter allen Umständen zusammen. Solange aber ihre Bewegtheit im Stadium des Durcheinander, des Chaos verharrt, kann es sich nur darum handeln, jede einseitige Bewegung so energisch durchzuführen, daß das Ganze eben dadurch gezwungen wird, durch Satz und Gegensatz hindurch einer höheren rhythmischen Einheit zuzuschwingen. Freilich ist Einseitigkeit nur unter Voraussetzung von Jugend und Blindheit möglich; aber eben diese Voraussetzung trifft historisch und bis heute durchaus zu. Von hier aus erlebt denn das alte Gebot, daß man vor allem sich selber treu sein soll, eine Bestätigung, die seinen Sinn zugleich verwandelt. Von hier aus wird ganz klar, inwiefern die heutige Völkerfeindschaft, wie alle Tieferen ahnen, die Schwelle bedeutet zur künftigen Menschheitssolidarität, und Nationalismus, vom Standpunkt Paneuropas, gegenüber allem Internationalismus, das Günstigere ist… Dementsprechend beruht unser Vorzug nicht auf unserer vermeintlichen Universalität oder gar Vollendung — als ob wir uns in dieser Hinsicht auch nur entfernt mit dem Osten vergleichen dürften! — sondern auf der Einseitigkeit der Bewegung, die wir verkörpern. Unsere Kultur ist die einseitigste und unliberalste, die es je gab. Sie ist aber zugleich die bewegteste, dynamischeste aller Zeiten. Daher unsere Bedeutung. Wir durchschüttern die Welt mit den gewaltigsten Spannungen, welche je bisher in die Geschichte eingriffen. Unser Rhythmus bringt den ganzen Erdball außer Gleichgewicht und schafft dadurch die Zusammenhänge, deren bewußtes Dasein die erste Voraussetzung bedeutet einer künftigen Menschheitssolidarität. Dank uns erst werden die bisher abgeschlossenen und selbstgenügsamen Kulturen des Ostens menschheitsbedeutsam. Wenn heute Missionare vom Ganges und vom Gelben Strom zu uns herüberreisen, so bedeutet dies gleichsam die Rückflut nach der großen Flut, welche wir über jene stillen Landschaften gebracht haben. Wir vertreten, noch einmal, die einseitigste und zugleich stoßkräftigste Kultur, die es je gab; deshalb ist Heroismus die uns einzig gemäße Gesinnung, deshalb bringt pazifistische und passivistische nichts Bedeutendes bei uns hervor. Inwiefern dürfen wir uns aber, von wegen unserer extremen Einseitigkeit, für vor allen auserwählt halten? Denn unsere Auserwähltheit geht aus dem Bisherigen nicht notwendig hervor. Nun, weil unsere Spannung so groß und unser Rhythmus so übergreifend ist, daß dieser, unter der Voraussetzung des wesentlichen Zusammenhangs der Menschenwelt, auf die Dauer das Ganze vereinigen muß, wodurch unsere Einseitigkeit sich letztendlich selber aufhübe. Wir führen durch unsere Einseitigkeit eben jene Allseitigkeit herbei, eben jenes Jenseits von rechts und links, die jedem metaphysisch Bewußten als Ideal eines Menschheitszustands vorschwebt. — Kehren wir jetzt zum allgemeinen Problem der Krisen als solchen zurück. Krisen beginnen allemal lange bevor sie sichtbar und deren spätere Dominanten bewußt werden. Die, welche innerlich von ihnen betroffen werden, werden unruhig wie Zugvögel vor Beginn der Wanderzeit. Es zieht die Geister in die Fremde hinaus, von der Fremde hinwiederum werden sie begierig aufgenommen. So begann das, was schließlich als Französische Revolution ausbrach, mit der Begeisterung französischer Philosophen für englische Zustände und amerikanische Geschehnisse und der Rezeption eines Genfer Denkers durch die Pariser Gesellschaft. Das nachrevolutionäre Frankreich aber ward, wie gesagt, vor allein vom Geist der Emigration bestimmt, an dem in abgewandelter Form auch alle partizipierten, die an den Napoleonischen Kriegen teilgenommen hatten, und alle damals eingewanderten Fremden, an deren Spitze Bonaparte stand.

In ungeheuer vergrößertem Maßstab kennzeichnet Gleiches diese Zeit und die diesmalige Krise, weil diese wirklich eine Weltkrise, eine Krise des ganzen Planeten ist. Die Weltrevolution bedeutet für den ganzen Erdball das, was die Französische Revolution nicht einmal für ganz Europa bedeutet hat. So begann denn — die geistig schöpferischen und deshalb hypersensiblen Menschen spüren und verkörpern allemal Jahre vor den übrigen, was im Werden ist — schon um die Jahrhundertwende das, was seit dem Weltkriege in allen Hinsichten geschichtsbestimmend geworden ist: das Repräsentativ-Werden von Fremdem und von Fremden für ihren eigenen Zustand. Vom Standpunkt der Weltgeschichte beurteilt, fand sich Chamberlain genau in diesem Sinn in Deutschland, adoptierte umgekehrt ein Teil dieses den eingewanderten Engländer. Den äußersten Eindruck dessen, was seinerzeit Chamberlain trieb und andere wiederum ihm zutrieb, verkörpert wahrscheinlich mein Reisetagebuch mit seinem Motto: Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum. Denn dieses sogenannte Tagebuch, an dem ich von 1911 bis 1918 gearbeitet habe, und an dem ich während meiner Weltreise selbst am wenigsten schrieb, bedeutet nichts anderes als den künstlerisch gestalteten Niederschlag der Wechselwirkung zwischen dem von Menschen bewohnten Gesamtplaneten und einem Einzelnen; ich sage Wechselwirkung, obgleich im Reisetagebuch nur von der Wirkung des Planeten auf mich die Rede ist, weil in dessen Einstellung auch alle die Reisen vorgebildet sind (wie sie denn nur dank der Existenz des Reisetagebuchs äußerlich möglich wurden), die ich in späteren Jahren unternahm, um anderen Völkern zu sich selbst zu helfen. Zuerst ließ ich mich gleichsam überfremden, um ganz ich selbst zu werden, dann überfremdete ich wiederum die, welche mich, von sich aus gesehen, zum gleichen Zweck zu sich beriefen. Die gegenseitige Fremdheit aber war allemal das Produktive. Seitdem nun die Weltrevolution einsetzte, spielt das Land-Fremde oder Art-Fremde überall, nicht allein im bolschewistischen Rußland, eine Rolle, wie es diese seit dem Untergange der Antike nie mehr gespielt hat. Wie es die Rezeption eines syrischen Glaubens war, dank dem unser Mittelalter möglich wurde und als Endergebnis das moderne Europa entstand, genau so liegt es heute mutatis mutandis auf schlechthin allen Gebieten. Es ist ein Vorurteil, daß naher Kontakt notwendig zu Mischung führe: er führt häufiger zu gleichsam elektrolytischer Scheidung. Gleich wie Halbjuden häufig viel jüdischer sind als reine Juden, so erwuchs das germanische Selbstbewußtsein am Kontakt mit dem Romanischen und Slawischen. Selbstbewußtsein, wie Bewußtsein überhaupt, leuchtet auf dem Hintergrunde des Gegensatzes auf, und es gibt keine als schärfer gespürten Gegensätze, als diejenigen in einem. Daher die ungeheure Anzahl Fremder unter bedeutenden Menschen, die bei ihrem Adoptivvolk gerade eine nationale Rolle gespielt haben. Im übrigen gilt heute dies: mag irgendwo auch hermetischer Abschluß gewollt werden: die bloße Möglichkeit und Notwendigkeit häufigeren und schnelleren Reisens für die Begabteren und das bloße Dasein des Rundfunks für alle machen ihn illusorisch. Viele halten Sowjetrußland für hermetisch abgeschlossen: mag das in bezug auf die Einflüsse der traditionellen europäischen Kultur bei der überwältigenden Mehrheit der Russen tatsächlich der Fall sein — gegen Osten kann keine Rede von einem Abschluß sein, und Rußland gehört heute zu Asien. Im Fall der zur Zeit, da ich dieses schreibe, herrschenden Schicht Rußlands aber genügte das Bekenntnis zur Internationale mit dessen praktischen Folgen dazu, um sie mehr Horizont-erweiternden Einflüssen auszusetzen, als solche je früher auf Russen eingewirkt haben.

Doch so entscheidend die Rolle der von der Mehrheit Verschiedenen in Wendezeiten ist — ihr Schicksal ist allemal ein tragisches, zum mindesten im Verstand intimer Tragödie. Napoleon I. spielte schon bald nach seiner Entthronung kaum überhaupt eine Rolle im französischen Bewußtsein, von den Juden der Weltrevolution wird Gleiches im allerhöchsten Maße gelten. Männer wie Chamberlain aber gewinnen niemals das Gefühl wirklicher Zugehörigkeit, welches gerade alles Leiden und Mit-Leiden so sehr erleichtert. Zutiefst war und blieb er Engländer; so mußte ihm bei seiner Option für Deutschland der deutschenglische Krieg etwas Entsetzliches bedeuten. Und wer sich des Saulus, des späteren Paulus, energischer Tätigkeit vor seiner Bekehrung erinnert, in der er so ganz der exklusive Hebräer war, wird nicht dem Wahn verfallen, daß es ihm leicht fiel, seine Lebensaufgabe im Heiden-Apostolat zu finden, zumal dies ihm die Verachtung und den Haß und bitterste Verfolgung seitens derer eintrug, denen allein er sich blut- und artgemäß zugehörig fühlen konnte.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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