Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

III. Houston Stewart Chamberlain - Nationalsozialismus

Doch jetzt muß ich mich ausdrücklich dem für den Historiker interessantesten Aspekt der Bedeutung Chamberlains zuwenden, welcher zur Zeit, da ich dies schreibe, schon festzustellen ist: Chamberlain ist ohne Zweifel der wichtigste geistige Wegbereiter der nationalsozialistischen Bewegung gewesen. Nachträglich ist mir manches vergessene Erinnerungsbild aus ferner Vergangenheit neu eingefallen, welches auch mir eine richtige Prognose ermöglicht hätte, wenn mir das Problem damals wichtig und dringlich erschienen wäre. Wie Chamberlain vom Fürsten Eulenburg zur Begegnung mit Wilhelm II. nach Liebenberg berufen ward und nachher in Berlin mit Adolf Harnack zusammenkam und dieser ihm Einwände in bezug auf das Tendenziöse seiner historischen Schau machte, da sagte Chamberlain (ich habe das von Harnack): Ich will gar nicht in erster Linie auf den Geist, sondern auf den Willen wirken. Das hätte auch ein Propagandist des Dritten Reiches sagen können. Und so beurteilte J. F. Lehmann (der auch zwei Jugendwerke von mir verlegt hatte) richtiger als ich Chamberlains Katholizismus-Feindschaft als wesentlichen Anti-Ultramontanismus (ich faßte sie damals als atavistisch-englische no-popery-Gesinnung auf, was sie freilich auch), und gleichsinnig richtiger als ich Chamberlains Antiliberalismus als anti-undeutsch und nicht als reaktionär. In meiner Wiener Zeit nannte er sich selber manchmal, scheinbar scherzend, den Grundleger, doch ich spürte es wohl: er fühlte sich wirklich als Grundleger eines neuen Deutschlands. Aber damals glaubte ich nicht daran, daß äußerer Erfolg Chamberlains Selbstgefühl bestätigen würde. Später bin ja auch ich zeitweilig vom Erfolg nicht nur getragen, sondern verblendet worden. Auch von mir galt mutatis mutandis über ein Jahrzehnt, was mir Rabindranath Tagore 1921 in Darmstadt seufzend sagte:

Ein wahres und echtes Leben habe ich zuletzt dazumal geführt, da ich in einem Hausboot auf dem Ganges lebte. Seitdem ich den großen Erfolg gehabt habe, bin ich rast- und ruhelos geworden. Immer wieder treibt es mich hinaus in eine mir andererseits widerwärtige Menschenwelt wie einen Tiger, welcher Menschenblut getrunken hat.

Aber 1901 wußte ich schon, was ich jetzt wieder und sehr viel besser weiß, daß aller Pragmatismus falsch ist im Prinzip, weil zwischen Geist- und Erdnormen kein Entsprechungsverhältnis besteht. Der wesentliche Mensch ist zugleich der wesentlich Nicht-Erfolgreiche. Dies gilt nach innen zu und von innen her, aber darauf allein kommt es bei allem geistbestimmten Leben an. Darum empfindet der Wesentliche auch äußerlich unleugbaren Erfolg nie so, wie ihn die anderen sehen. Mein Großvater, dessen Leben selten gesegnet schien und der auch keinen Ehrgeiz hatte, welcher unbefriedigt geblieben wäre, sagte einmal, als jemand ihm nahelegte, doch seine Erinnerungen niederzuschreiben: Wozu? Eigentlich ist doch mein Leben nur eine Serie von Mißgeschicken gewesen. Ich bin noch keinem Künstler begegnet, welchen eine schlechte Kritik nicht mehr beeindruckt hätte als tausend gute. Caesar hat sicher erlebnismäßig das von ihm nicht Erreichte allein gespürt, und gleichsinnig fühlt jeder echte Heilige sich als desto unzulänglicher, je heiliger er tatsächlich wird. Der Geist braucht eben die Spannung zum Irdischen, um sich fortschreitend zu verwirklichen; ist ein Mensch wirklich einmal satt, dann ist es geistig und geistlich aus mit ihm. Dementsprechend sorgen dann entweder eigene Fehlhandlungen — und solche bedeuten schon, in Anbetracht der gegebenen kurzen Lebensfrist und sonstigen realen Möglichkeiten, zu hoch gesteckte Ziele — für Erfolglosigkeit, oder aber die Mitwelt sorgt für sie. Auch Chamberlain ist ja gestorben, bevor er seitens der großen Massen, auf welche zu wirken ihm Bedürfnis war, seinem Selbstgefühl entsprechend, anerkannt wurde. Zum Ausgeführten tritt, die Spannung steigernd, der weitere Umstand, daß Pläne bei wesentlichen Menschen niemals auskommen. Ich kenne keinen irrsinnigeren Glauben als den, daß Geschichte je zu Planwirtschaft verwandelt werden könnte. Wer an den Neid der Götter glaubt, ist sehr viel wirklichkeitsnäher, als wer da wähnt, das, was er für vernünftig hält — und welches oft auch wirklich das Vernünftige ist — könne auf lange Sicht das Werden bestimmen. Die Weltbewegung verläuft in so vielen Dimensionen und nach so vielen Richtungen auf einmal, daß es desto notwendiger anders kommt, als man denkt, je tiefere Kräfte irgendwo am Werk sind. Napoleon plante nicht Kaiser zu werden, und er ward Kaiser, sein klar vorangeschlagenes Weltreich zerbarst jedoch gar schnell. Caesar wollte nicht König werden, und er ist der Urtyp geworden des abendländischen Kaisertums. Nun muß aber jeder planen, der überhaupt nach außen wirken will: folglich muß der Wesentliche proportional seiner Wesentlichkeit Enttäuschungen erleben. Zu letzterem kann unter Umständen auch das Glück gehören: nie war ich unglücklicher als während der fetten Jahre meines großen Erfolges, und ähnlich scheint Goethe empfunden zu haben, obwohl dieser bei Lebzeiten, außer in Form von Anerkennung seitens verhältnismäßig weniger Auserwählter, auch nicht annähernd so erfolgreich gewesen ist wie in unseren Tagen ein Gerhart Hauptmann, von einem Furtwängler zu schweigen.

Dieser allgemeine Tatbestand hat nun aber noch eine Seite, von welcher her betrachtet er vollends irrational erscheint. Das dritte Kapitel des Buchs vom persönlichen Leben beschloß ich mit einer skizzenhaft hingeworfenen Vision der Geschichte als eines Puzzle-Spiels: von irgendwoher kommen da die Ausschnitte aus dem Ganzen einander zugeflogen und passen dann bis ins letzte zueinander, wo sie ursprünglich miteinander nichts zu tun zu haben schienen: genau so verhalten sich Erfolg und historische Bedeutsamkeit zum Persönlichen jedes Wesentlichen, das heißt jedes Menschen, welcher von innen heraus ein eigenes Leben lebt und nicht in der Teilnahme an anderem Sinnerfüllung findet. Wilhelm Michel hat einmal gesagt, der Augenblick des Sturzes des tragischen Helden sei der, wo er am meisten er selbst ist; und vorher im gleichen Zusammenhang: dauernden Erfolg könnte niemand haben, weil er dann über unendliche innere Möglichkeiten verfügen müßte, der Erfolg aber sei allemal Funktion des Zusammenwirkens von äußeren und inneren Möglichkeiten. Das ist tief gesehen und richtig bemerkt. Der Erfolg liegt an den anderen — und warum sollte einer überhaupt mit anderen übereinstimmen? Tatsächlich tut es einer, sobald er anders als die Mehrheit ist, auch nur in seltenen Fällen. Nichts falscher als die Behauptung, jeder Wesentliche setze sich zwangsläufig durch. Wohl tut dies der Tüchtige — doch was ist schon tüchtig-Sein? Es bedeutet nur mehr-Können im Rahmen oder auf der Ebene von allgemein Erforderlichem. Der wesentliche Mensch ist nun immer ganz anders als alle anderen; in ihm erreicht der Individuationsprozeß der Natur seinen Höhepunkt. Da aber gilt, mehr als auf allen Gebieten, der Satz, daß die Natur nicht nur unökonomisch, sondern skrupellos leichtsinnig und verschwenderisch verfährt. Hunderttausende von außergewöhnlichen Menschen läßt sie von Jahr zu Jahr geboren werden; die allermeisten unter ihnen sterben, bevor sie erwachsen sind; von den wenigen Überlebenden aber erfüllen nur die ganz wenigen ihre ganze Bestimmung, bei welcher Anlage und allgemeine Erfordernisse zusammentreffen. Dies erfolgt denn genau gemäß dem Bild vom Puzzle-Spiel. Es hat — um zum Problem dieser Studie zurückzukehren — das Kosmos-Fragment Chamberlain zum anderen Fragment Nationalsozialismus gestimmt. Diese Feststellung gilt unbeschadet der anderen, daß Chamberlain Wegbereiter des Nationalsozialismus war. Denn es ist niemals notwendig, geschweige denn unvermeidlich, daß andere von einem bestimmten Geiste rechtzeitig Kenntnis nehmen — sehr häufig, vielleicht in der Regel, passiert das nicht. Hierbei ist noch das Folgende zu erwägen: von seinem eigenen Standpunkt oder Wesen her kann einer genau so gut zeitloses Vorbild wie historischer Vorläufer sein; das zeitlose Vorbild wirkt grundsätzlich zu aller Zeit und allerorts gleich polarisierend — man gedenke des Buddha — oder in willkürlichen Abständen zu bestimmten Zeiten, die in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Nur eine bestimmte Menschenart — es ist die, welche ich in Philosophie als Kunst die zeitlichen Geister hieß — paßt überhaupt in ein Schema hinein, zu dessen Konstruktion die Begriffe von Generation und Fortschritt sinnvoll benutzt werden können. So ist es absolut nicht notwendig, daß eine als ununterbrochene oder nur kurz unterbrochene Kausal- oder Generationsreihe zu deutende Aufeinanderfolge statthat; sehr oft verläuft die Entwicklung kontrapunktisch und dann folgt auf ein Spiel ein Gegenspiel, welches die Ergebnisse jenes nicht selten für immer aus der Welt schafft. Mögen da späte Historiker noch so plausible Filiationsreihen zwischen dem, wie das eine vom anderen hätte abstammen können, nachweisen — tatsächlich hat es keine Abstammung gegeben. Sehr viele der meistgeglaubten Entwicklungsreihen, die in den Schulen gelehrt werden, bedeuten insofern reine und willkürliche Konstruktionen.

Nun aber können wir den allerletzten Sinn des Sinnbildes vom Puzzle-Spiel herausholen: für den, welcher den ursprünglichen Zusammenhang vollständig übersieht, gehören die Fragmente, die sich, kausal oder genetisch geurteilt, noch so zufällig zusammenfanden, dennoch zusammen! Hierzu gibt es überhaupt keine Erklärung naturalistischer Art: hier handelt es sich um das, was die christliche Theologie als providentiellen Vorgang deutet. Die neutralste Interpretation dieses Zusammenhangs wäre, soweit ich sehe, die folgende: damit unter Hunderttausenden von Puzzle-Fragmenten nicht nur eins zu den anderen paßt, sondern tatsächlich zu ihnen findet, muß eine Macht eingreifen, von der her geurteilt die auf Erden gespielte Rolle eine Sendung ist. In diesem Sinne hat nun tatsächlich jeder, dem eine historische Rolle zu spielen aufgegeben war, das Gefühl einer Sendung gehabt; hier wüßte ich in der ganzen Geschichte von keiner einzigen Ausnahme: das Gefühl mag nicht von vornherein vorhanden gewesen sein, allemal ist es erwacht, bevor es durch Tatsachen gerechtfertigt erschien. Dies läßt sich nur erklären durch das primäre Dasein jener geistigen Menschheitseinheit, deren große Umrisse ich im Kapitel gleichen Titels von Wiedergeburt skizziert habe, die durch den Urzusammenhang der Menschen (vgl. das Kapitel gleichen Namens im Buch vom persönlichen Leben) hindurch wirkt. So hängt das, was keiner Kausal- oder Generationsreihe angehört, von der Sendung und damit vom Geist her notwendig zusammen, und als Träger einer Sendung fühlte Chamberlain sich im höchsten Grad.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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