Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

VI. Kant - Prämissenkritik

Wie ich die ersten Etappen meines eigenen Denkerweges schon durchschritten hatte, verstand ich zum erstenmal die großen Meister des Gedankenstils: so sehr gilt auf allen Gebieten, was Pascal Gott den Menschen in bezug auf Gotterleben sagen läßt: tu ne me chercherais pas, si tu ne m’avais déjà trouvé. Es ist wirklich unmöglich, weil eben alle Sinngebung von innen nach außen zu verläuft, etwas Fremdes zu verstehen, das man nicht unbewußt von sich aus kennt; daher die letzte Futilität aller Wissenssammlung, aller Schulung und aller Erziehung, die aus einem Menschen machen soll, was er nicht ursprünglich ist. Meister des Gedankenstils hat es nun im Osten sehr viele gegeben, doch diese kannte ich damals nicht. Im Westen hingegen mit seiner Manie des Explizierens, seinem an Fetischismus grenzenden Wortglauben und seinem Kult des Stils der Sprache unabhängig vom Sinn — was bei solchen, denen keine ursprüngliche Sprachbegabung eignet, als Reaktion besondere Nachlässigkeit im Ausdruck herausfordert, zu welcher Nachlässigkeit auch die Unart des Erfindens unverständlicher Termini technici gehört, die ihn der Mühe deutlicher Bestimmung enthebt — im Westen hingegen hat es im ganzen nur einige wenige Meister des Gedankenstils gegeben. Da ist Kant der allergrößte, und zu dem fand ich jetzt eine nahe Beziehung. Sie ist auch die einzige wirklich nahe geblieben, die ich zu einem deutschen Philosophen gefunden habe. Kants Systematik und Logik und Dialektik und sein ganzes Denken im Rahmen ein für allemal festgelegter abstrakter Schemen konnten mich, so wie ich einmal war, unmöglich ansprechen. Nun aber erkannte ich in Kant den ganz großen Künstler der Fragestellung, der Formung der Probleme, deren sinngerechter Fassung und deren exakter Bestimmung vom jenseits aller Worte belegenen Sinne her. Da mir die mit Kant zusammenhängende Problematik inzwischen ferngerückt ist, drucke ich hier zur genauen Erklärung dessen, was ich meine, in konzentrierter Form die Gedächtnisrede zu Kants zweihundertjährigem Geburtstag wieder ab, die ich damals, 1924, auf der Feier der Technischen Hochschule zu Darmstadt hielt. Zumal diese Rede auch den Zusammenhang meiner Philosophie der Sinneserfassung mit derjenigen Kants besser verdeutlicht, als ich’s heute zu tun wüßte:

Nichts führt oft schneller zu wesenhafter Erkenntnis als die Betrachtung einer Analogie. So wüßte ich keinen besseren Weg zum Verständnis der ewigen Bedeutung Kants als die Erwägung der Frage, warum Johann Sebastian Bach — man verzeihe die paradoxale Formulierung — der ewigste Musiker aller Zeiten ist. Bach ist dies deshalb, weil seine Musik ganz und durchaus eine Musik der Grundtöne bedeutet. Es besteht ein intimer Zusammenhang zwischen der Tiefe der Gedanken und derjenigen der Töne. Wie ein tiefer Gedanke tausend oberflächliche innerlich bedingt, so lassen sich zu einem gegebenen Baß in höheren Lagen schier unendlich viele Melodien ersinnen, während jede gegebene Diskantmelodie auf nur einen Baß zurückweist. Die moderne Musik liegt ganz im Diskant, läßt nur mittelbar Grundtöne ahnen: diejenige Bachs ist ganz Grundton und insofern aller anderen Fundament. Sie bringt jene Urbeziehung zum Ausdruck, welche aller abendländischen Musik als deren Logos spermatikós zugrunde liegt: auf Kantisch gefaßt: das Dasein jener macht diese allererst möglich. Nun: wenn dem also ist, dann muß Bach allerdings unbedingt unsterblich sein, das heißt in einem qualitativ anderen Verstand als alle sonstigen Musiker. Er ist unsterblich, insofern das Werden und Vergehen die Beziehungen, welche seine Musik verkörpert, überhaupt nicht berührt. In jeder neuentstandenen Form lebt doch wiederum Bach als deren tiefste Seele, was sich weder von Beethoven noch gar von Wagner behaupten läßt. Und insofern ist Bachs Fortleben unabhängig sogar von der Geltung seiner eigenen Musik. Als Sondererscheinung gehört diese durchaus dem 18. Jahrhundert als Fortsetzer des 17. an; sie ist zeitbedingt wie nur irgendeine; ihre konkrete Stimmung ist unablösbar von der vom Spätbarock und Rokoko. Allein ihr Unsterbliches klingt durch das Sterbliche so unmittelbar hindurch, daß kein Verstehender bei diesem überhaupt verweilt. Nicht anders steht es mit Kant. Dessen Unsterblichkeit ist gleichfalls qualitativ verschieden von der aller anderen Philosophen. Worin die Unsterblichkeit des Fürsten des Gedankens überhaupt besteht, geht aus den folgenden Erwägungen hervor, die ich an dieser Stelle nur skizzieren kann. Die Bedeutung großer Geister beruht nie auf den tatsächlich-bestimmten Ergebnissen, zu denen sie gelangten, mithin den Grenzen, welche sie steckten — solche werden allemal überschritten und überholt — sondern den Richtungen, welche sie wiesen. Nur diejenigen Geister leben lebendig fort, welche insofern in ihren Ergebnissen nicht erschöpft erscheinen, deren Wesentliches bestehen bleibt, auch wenn man alles Besondere an ihrem Lebenswerk verwirft; die, mit einem Wort, an ihren ursprünglichen Geistesleib nicht gebunden sind, sondern fortlaufende Wiederverkörperung vertragen. Wie ist Plato nicht verschieden verstanden worden! Wie viele Ausdeutungen und Umgestaltungen hat Christi frohe Botschaft nicht erlebt! Eben deshalb, weil dieses möglich war, ist beider Lehre unsterblich.
Ihre Unsterblichkeit beruht nicht darauf, daß jede folgende Zeit, wie sie es meist gewähnt hat, das Ursprüngliche besser verstanden hätte, sondern, daß sie es tatsächlich neu verstand, auf eine Art, welche dem Schöpfer selbst aus historischen Gründen vielleicht unfaßbar geblieben wäre, und daß die Neufassung das ursprünglich Gemeinte doch nicht verfälscht. In der Sprache der Schule der Weisheit ausgedrückt: unsterblich sind einzig die, deren Lehre im Reich des reinen Sinnes ihren Ort hat und die deshalb vom Werden und Vergehen des Buchstabens — denn aller Buchstabe ist dem Gesetz von Geburt und Tod unterworfen — nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Man sieht: die Verhältnisse liegen auf dem Gebiet des erkennenden Geistes nicht anders als auf dem der Musik. Folglich müssen auch hier gleichsam Geister der Grundtöne vorkommen können, die darum vom Werden und Vergehen überhaupt nicht betroffen werden. Deren hat es in der Tat einige gegeben. Auf religiösem und metaphysischem Gebiet sind dies vor allem Christus, Lao Tse, Buddha und einige namenlose Inder. Auf wissenschaftlich-philosophischem steht unter den unbedingt unsterblichen Immanuel Kant allein. Von ihm gilt mutatis mutandis überall das gleiche wie von Bach.
Kants einzigartige Bedeutung ergibt sich völlig eindeutig aus dem folgenden kurzen Gedankengang. Es gelingt auf keine Weise, seine Lehre aus deren Teilinhalten und Sonderfeststellungen abzuleiten, denn diese hat er zum überwiegenden Teil aus dem Wissensschatze der Menschheit übernommen. Umgekehrt folgt sie notwendig, aus einem Guß, aus Kants Fragestellung. Kant fragte: vorausgesetzt, daß es Erfahrung gibt, wie ist dies möglich? Vorausgesetzt, daß die Wissenschaft gültige Erkenntnis vermittelt, wie ist dies ohne Vorurteil zu verstehen? Aus dem also geschaffenen neuen Gesichtswinkel erscheinen nun auch die sonst bekanntesten Tatsachen und Wahrheiten neu, denn sie werden in einen neuen Sinneszusammenhang hineinbezogen. Dieser Zusammenhang ist aber auf der Ebene des Buchstabens, also des Tatsächlichen, des Historischen, des Sterblichen, auf keine Weise festzustellen; dieser gegenüber stellt er ein a priori dar. Nun könnte es sein, daß Kant durch seine Fragestellung die Welt versubjektiviert hätte. Dies ist aber nicht der Fall, denn er hat seine Fragen durchaus richtig gestellt, das heißt sinngemäß sowohl auf das reale erkennbare Subjekt und dessen Wollen als auf die reale zu erkennende Natur hin. So umreißt seine Philosophie die Ureinstellung des erkennenden Menschen im kosmischen Zusammenhang genau so zeitlos wahr, wie Bachs Musik die Ur-Beziehungen der musikalischen Seele zum Ausdruck bringt. — Nun, dank diesem einen Umstand hat Kant den entscheidenden Schritt in der Philosophiegeschichte getan, hinter den kein Denker seither, welcher zählt, zurückgegangen ist, möge er im besonderen noch so anderes lehren. Denn die Frage nach der Ureinstellung des erkennenden Menschen im Weltall hat keiner vor Kant exakt, wenn überhaupt, gestellt.
Deshalb ist Kants Bedeutung auch völlig unabhängig davon, ob man sein besonderes System akzeptiert oder nicht. Sie beruht ganz und durchaus darauf, daß Kant allem nur möglichen Denken eine neue Einstellung gegeben hat, die Einstellung nämlich, von der aus Denken überhaupt allererst ganz fruchtbar werden konnte. Vor Kant unternahm dieses nur zu häufig, was dem Denken als Richtung nicht liegt, oder es überschritt seine naturgesetzten Grenzen, oder aber es wagte sich, von Erwägungen aus anderen Gültigkeitssphären abgehalten, nicht weit genug voran. Seit Kant sind des Denkens Grenzen, damit aber auch seine unbegrenzten Möglichkeiten, wo es solche gibt, bewußt geworden. Seit Kant ist das Denken grundsätzlich richtig eingestellt im Sinneszusammenhang des gesamten Geisteslebens. Damit ist aber dieser Sinneszusammenhang selbst von einer Seite her vollkommen richtig bestimmt. Dies bedeutet nun nichts Geringeres, als daß die Schranke, an welcher alle vorkantische Erkenntnis scheiterte (weshalb blinder Glaube letztendlich beantworten mußte, was den Wissensdrang am meisten beunruhigte), durch Kant grundsätzlich niedergerissen worden ist. Denn wenn wir einmal wissen, wo die Grenzen möglicher Anschauung, möglicher Logik liegen, was Wissenschaft überhaupt bedeutet, dann ist damit eine Erkenntnisinstanz jenseits ihrer erreicht und eine Philosophie der allgemeinen Sinneserfassung ermöglicht, welche das Irrationale wie das Rationale im Zusammenhang zu verstehen erlaubt. Hiermit wäre ich denn zu dem vom Standpunkt unserer Bestrebungen entscheidenden Punkte angelangt. Auch die Philosophie der Sinneserfassung geht, soweit sie theoretisch und kritisch ist, auf Kant zurück. Gemäß dem Obigen liegt darin, daß diese Zurückführung möglich ist, ihre beste Wahrheitsgewähr. Gewiß bleibt sie selbst nicht bei Kants zeitlich bedingten Endstationen stehen; wer im 20. Jahrhundert lebt, kann, ohne zu lügen, nicht im Stil des 18. Jahrhunderts komponieren. Aber gerade, daß Philosophieren heute über Kant hinausführen kann, verdankt es diesem. Kant als erster hat die Frage nach dem Sinn aller Tatsachen als die eigentlich philosophische begriffen. So ist jeder, der vom Sinne aus weiterfragt, Kants Nachfahr. Und weil es bei Kant nur auf den Sinn ankommt, deshalb kann sich auch der, noch einmal, zu ihm bekennen, der seinen Buchstaben verwirft. Kants einzigartige Größe beruht ja gerade darauf, daß zeitbedingte Grenzen das Wesen seiner Lehre überhaupt nicht einschränken, daß seine Philosophie als solche bestehen bleibt, auch wenn sämtliche seiner Sonderlehren fallen müßten. Kant erscheint als Denker, wie kein zweiter, von seiner historischen Verkörperung unabhängig. Deshalb ist er wie kein zweiter unsterblich.
Hierin liegt denn Kants unvergleichliche Vorbildlichkeit. Voll Betrübnis, ja voller Beschämung gedenke ich der vielen, die sich in diesen Tagen der Zweihundertjahrfeier dadurch als würdig zu erweisen glauben, im Zusammenhang mit Kant ihre eigenen Bestrebungen zu erwähnen, daß sie zu seinem Buchstaben als einem Dogma schwören, oder die Mumie seines Geisteskörpers, erfreut ob deren Konserviertheit, einer gaffenden Menge als Schaustück vorführen. Nicht der Kantianer, auch nicht der Neukantianer ist Kants echter Schüler, sondern einzig der, welcher von ihm lernte, wie man von allem Buchstaben fort zum Sinn gelangen kann. Wie man durch die Erkenntnis unverrückbarer Grenzen nicht gebunden, sondern umgekehrt zu grenzenlosem Fortschreiten befähigt wird. Und wie Durchdringung des Sinns der Notwendigkeit freimacht. Der Gedanke des kategorischen Imperativs, von würdigen Geistern richtig aufgenommen, hat einstmals Deutschlands Größe begründet. Seither hat Mißverstehen seiner Idee als identisch mit der rein äußerlichen Pflichtgefühls das gleiche Land vernichtet, denn Pflichtgefühl, ohne gleich großes Verantwortungsbewußtsein vor sich selbst ist die schlimmste Form der Oberflächlichkeit. Mögen die letzten beiden Sätze die Deutschen zum Nachdenken darüber bewegen, wie allein ein Volk seiner größten Söhne würdig wird…

Nach und nächst Kant hat mir nur noch die französische Philosophie Wesentliches bedeutet. Nicht wegen ihres Gedankengehalts, sondern eben weil kritische Philosophie für mich zum Reich der Technik meiner Kunst gehörte und mich das bei meinen Lebzeiten einzig dastehende Stilgefühl der Franzosen im Streben nach eigenem Gedankenstil am meisten fördern konnte. Schon zu Kant hatte mich seinerzeit sein mir von Chamberlain 1901 mitgeteilter Ausspruch gegenüber seinen Hörern an der Königsberger Universität am meisten hingezogen: Sie sollen bei mir keine bestimmte Philosophie, sondern Denken lernen. Inhaltlich kann ein Denker einen anderen, nachdem das Stadium elementaren Lernens überschritten ist, ebensowenig lehren, wie ein Schriftsteller oder Maler einen anderen. Unter den Philosophen des 19. Jahrhunderts nun gab es mehrere von unerhört differenziertem Gedankenstil. Zur Erläuterung bringe ich zwei Zitate aus einem Werk des in meinen Zwanzigerjahren berühmtesten unter diesen, Henri Bergsons, von denen das erste besonders Bedeutsames über mein Problem der Sinneserfassung, insbesondere über die Wahrheit enthält, daß alles Verstehen ein Schaffen ist, insofern Hörer und Leser nie eigentlich Worte wahrnehmen, sondern selbsttätig den Sinn erzeugen:

Pouvons-nous suivre un calcul, si nous ne le refaisons pas pour notre propre compte? Comprenons-nous la solution d’un problème autrement, qu’en résolvant le problème d notre tour? Le calcul est écrit au tableau, la solution est imprimée dans un livre ou exposée de vive voix; mais les chiffres que nous voyons ne sont que des poteaux indicateurs auxquels nous nous reportons pour nous assurer que nous ne faisons pas fausse route; les phrases que nous lisons ou entendons n’ont un sens complet tour nous que lorsque nous sommes capables de les retrouver par nous-mêmes, de les créer à nouveau, pour ainsi dire, en tirant de notre propre fonds l’expression de la vérité mathématique qu’elles enseignent… N’en est-il pas de même de tout travail d’interprétation? On raisonne quelquefois comme si lire et écouter consistaient à s’appuyer sur les mots vus ou entendus pour s’élever d’eux à l’idée correspondante, et juxtaposer ensuite ces diverses idées entre elles. L’étude expérimentale de la lecture et de l’audition des mots nous montrent que les choses se passent d’une tout autre manière. D’abord, ce que nous voyons d’un mot dans la lecture courante, se réduit à très peu de chose: quelques lettres, — moins que cela, quelques jambages ou traits caractéristiques… nous n’entendons qu’une partie des mots prononcés. Mais, indistinctement de toute expérience scientifique, chacun de nous a pu constater l’impossibilité où il est de percevoir distinctement les mots d’une langue qu’il ne connait pas. La vérité est que la vision et l’audition se bornent, en pareils cas, à nous fournir des points de repère ou mieux à nous tracer un cadre, que nous remplissons avec nos souvenirs.

Das zweite Zitat behandelt meine Lieblingsthese, daß nie das Was, sondern das Wie eines Gesagten wirkt:

Laissez de côté les constructions artificielles de la pensée, considérez la pensée même; vous y trouverez moins des états que des directions, et vous verrez qu’elle est essentiellement un changement continuel et continu de direction intérieure, lequel tend sans cesse à se traduire par des changements de direction extérieure, je veux dire par des actions et des gestes capables de dessiner dans l’espace et d’exprimer métaphoriquement, en quelque sorte, les allées et venues de l’esprit. De ces mouvements esquissés, ou même simplement préparés, nous ne nous apercevons pas, le plus souvent, parce que nous n’avons aucun intérêt à les connaître; mais force nous est bien de les remarquer quand nous serrons de prés notre pensée pour la saisir toute vivante et pour la faire passer, vivante encore, dans l’âme d’autrui. Les mots auront beau alors être choisis comme il faut, ils ne diront pas ce que nous voulons leur faire dire si le rhythme, la ponctuation et toute la choréographie du discours ne les aident pas à obtenir du lecteur, guidé alors par une série de mouvements naissants, qu’il décrive une courbe de pensée et de sentiment analogue à celle que nous décrivons nous-mêmes. Tout l’art d’écrire est là. C’est quelque chose comme l’art du musicien; mais ne croyez pas que la musique dont il s’agit s’adresse simplement à l’oreille, comme on se l’imagine d’ordinaire. Une oreille étrangère, si habituée qu’elle puisse être à la musique, ne fera pas de différence entre la phrase française que nous trouvons musicale et celle qui ne l’est pas, entre ce qui est parfaitement écrit en français et ce qui ne l’est qu’approximativement: preuve évidente qu’il s’agit de tout autre chose que d’une harmonie matérielle des sons. En réalité, l’art de l’écrivain consiste surtout à nous faire oublier qu’il employé des mots. L’harmonie qu’il cherche est une certaine correspondance entre les allées et venues de son esprit et cellcs de son discours, correspondance si parfaite que, portées par la phrase, les ondulations de sa pensée se communiquent à la nôtre et qu’alors chacun des mots, pris individuellement, ne compte plus: il n’y a plus rien que le sens mouvant qui traverse les mots, plus rien que deux esprits qui semblent vibrer directement, sans intermédiaire à l’unison l’un de l’autre. Le rhythme de la parole n’a donc d’autre object que de reproduire le rhythme de la pensée.

In der gesamten Weltliteratur kenne ich wenig schärfer Gedachtes und auch nur annähernd gleich meisterhaft Ausgedrücktes. Darum ist es bei meiner Veranlagung nur natürlich, daß ich in meinen kritischen Jahren neben und nach Kant nur Bergson als Meister der Kritik gelten ließ — dies völlig unabhängig von den spezifischen Lehren beider Denker. Den Unterschied zwischen diesem und jenem sah ich hauptsächlich in dem Unterschied zwischen dem esprit de Finesse und dem esprit géométrique, so wie Pascal diese Begriffe bestimmte und verstand.

Für meine Entwicklung waren die Gedankengänge, die ich zuletzt zitierte, besonders wichtig, denn deren Wesentliches hatte mir Bergson schon 1910 im Gespräche mitgeteilt. Ich erinnere mich da besonders seiner Antwort auf meine Frage, ob er an zum ersten Male Niedergeschriebenem viel ändere: Die Worte ändere ich hie und da, nie jedoch die Kommas. An diesem Paradoxon begriff ich zuerst das ursprünglich Musikoide meines eigenen Schreibens, wenn ich mich so ausdrücken darf, und das Bewußtwerden des Sinnes ermöglichte mir fortan schnelleres Fortschreiten auf eigener Bahn. Meine Arbeitsweise war und ist ganz anders als diejenige Bergsons. Dieser trug sein Buch so lange, über dessen Inhalt nachdenkend, in sich herum, bis daß es zur Geburt reif war in nahezu vollendeter Gestalt. Es ist dies das beste Beispiel des lebendig-Gebärens bei einem Denker, das ich kenne, obschon auch Kant ähnlich geschaffen haben muß: sonst hätte er die Kritik der reinen Vernunft nicht, wie überliefert wird, in sechs Wochen heruntergeschrieben. Ich nun schaffe ganz und gar aus dem Unbewußten heraus, und Nachdenken stört mich im Austragen des in mir Werdenden, anstatt es zu fördern. Gleich einer schwangeren Frau fühle ich in solchen Zeiten das Bedürfnis, Bizarrstes in mich aufzunehmen, und ich vermeide beinahe ängstlich, über Probleme, mit denen ich in meinem Unbewußten ringe, überhaupt zu lesen, geschweige denn über sie zu reden. Von meiner Psychologie her begreife ich überhaupt nicht, wie schöpferische Geister über in ihnen Wachsendes reden und in solchen Zeiten mit Kollegen verkehren können.

Mein Erstlingswerk entstand, wie berichtet, spontan als irrationales Ergebnis einer Liebesenttäuschung; was da auf dem Papier einströmte, dessen war ich mir vorher überhaupt nicht im Zusammenhang bewußt gewesen. Die Unsterblichkeit hat ihren Ursprung in einer Vision des wogenden Meers bei Antium (siehe den Schlußabschnitt jenes Buches) und die Stimmung des Ganzen konnte ich festhalten, trotz alles erforderlichen mir-Einverleibens trocken-gelehrten Materials, dank Polarisierung mit einer Frau, die ich als Wassernixe erlebte. Das Reisetagebuch kam folgendermaßen zustande. Während der Reise hielt ich mich die ganze Zeit über vollkommen Welt-offen, entsagte jeder Reflexion und schrieb dann einiges von dem, was mir einfiel, in Tagebüchern nieder. Doch nur rein sachliche Beschreibungen und reine Stimmungsbilder habe ich vom dazumal Notierten beim Schreiben des Buches überhaupt benutzt. Ich suchte bewußt überhaupt keine Erinnerungen in mir wachzurufen, ich lebte nur jahrelang in einer bestimmten Einstellung und Stimmung, möglichst abgeschieden von allem Kontakt mit Menschen, in möglichst kongenialer, von Etappe zu Etappe wechselnder landschaftlicher Umgebung (so habe ich Indien zum größten Teil in der Sahara geschrieben, Japan in Toskana, China und Amerika in Biarritz), und was dann innerlich in mir reif war, das floß mir, wenn die Stunde dazu gekommen war, als Überraschung in die Feder und dabei in so ausgetragener Gestalt, daß ich später wenig mehr daran zu ändern fand. In meiner Periode größter Produktivität, von 1920 bis 1928, verlief der Schöpfungsprozeß meistens so, daß mir irgendeinmal ein bestimmter Titel im Zusammenhang mit einem bestimmten Datum einfiel: das bedeutete erfahrungsgemäß, daß ein meinem Bewußtsein noch Unbekanntes, welches dem Titel entsprach, zu dem Zeitpunkte geburtsreif sein würde. Aber bei allen Arbeiten nach dem Reisetagebuch habe ich nach der ersten Niederschrift doch sehr viel umformen müssen; als reines Gnadengeschenk, wenn ich mich so ausdrücken darf, ist mir einzig und allein das Reisetagebuch beschieden worden. Doch das bedeutet nicht, daß ich bei diesem Buche gar nicht gearbeitet hätte: ich überprüfte den Text wieder und wieder, fand nur sehr wenig an der ersten Niederschrift zu ändern. Bei allen Büchern nun habe ich nach der ersten Niederschrift das getan, was Bergson vor ihr leistete. Ich habe fort und fort um das rechte Wort, den rechten Satz gerungen, um Intention und Erscheinung, Sinn und Ausdruck soweit als irgendmöglich zur Kongruenz zu bringen. Hier nun gelange ich zu dem, was ich oben das Musikoide meines Schreibens hieß. Viele gute Schriftsteller haben behauptet, ich sei selber ein schlechter, und wahrscheinlich haben sie, von den üblichen Normen her geurteilt, recht. Mir nun bilden sich die Sätze und Zusammenhänge nach rein musikalischen Gesetzen. In meinen zwei ersten Büchern hatte dies sehr oft zu echter (von den meisten nie bemerkter) Versbildung geführt, vor allem aber zu dem, daß sich mir die Sätze, welche ich alle zunächst höre, skandieren; darum bedeuten auch mir, wie Bergson, Interpunktion und Raumverteilung (Absätze, große Initialen usw.) mehr als die Wortwahl. Bei diesem Skandieren habe ich sicherlich oft andere valeurs der Worte und Satzbildung ignoriert; doch das bedeutet mir nichts. Ebensowenig habe ich je sonderlichen Wert auf besonders gewählte und reiche Sprache gelegt; ich habe vielmehr, je mehr ich mich konzentrierte, mit einem desto geringeren Wortschatz auszukommen gelernt. Je tiefer ein Sinn nämlich erfaßt wird, desto mehr nähert man sich dem Schnittpunkt möglicher Sinnkoordinaten; desto weniger Worte bedarf es deshalb — desto mehr aber andererseits der richtigen Worte und Wortzusammenstellungen. Hier ruht das Geheimnis der schwer je zu erreichenden, geschweige denn zu überbietenden Anregungskraft archaischen Schrifttums. Endlich habe ich auf Korrektion im Ausdruck immer weniger Wert gelegt. Liegt der Nachdruck auf dem Sinn, zumal dem vierten Stockwerk desselben, in dem sich die meisten wenig zu Hause fühlen, soweit sie es überhaupt kennen, dann kommt alles auf Übertragung eben dieses Sinnes an. Das kann unter Umständen in inkorrekter Sprache besser gelingen als in so korrekter, daß der Leser dazu verführt wird, sich nach-denkend dem natürlichen Gefälle des Üblichen zu überlassen, wobei ihm dann gerade das entgehen muß, worauf es ankommt. Aus dem gleichen Grunde habe ich unbefangen in vielen Sprachen geredet und geschrieben. Es ist nicht richtig, was vielfach behauptet wird, ich beherrschte sie alle; da ich niemals irgendeine Grammatik und sehr selten ein Wörterbuch je zur Hand genommen habe, kann das gar nicht sein. Wohl aber weiß ich, ob in noch so inkorrekter Form, in vielen Sprachen genau das und nur das zu sagen, was ich meine.

Aus dem Zusammenhange dieses Kapitels dürfte der Weg deutlich zu übersehen sein, der mich zu meiner eigensten Art der Ausstrahlung dessen, was in mir zur Manifestation drängt, geführt hat. Da ich Naturwissenschaften studierte, war ich mir in meinem dunklen Drange des rechten Weges wohl bewußt; desgleichen als ich Schriftsteller im üblichen Sinne, dann kritischer Philosoph zu werden versuchte. Damals wußte ich nicht, welche bestimmte Form der Äußerung mir gemäß war — aber die Richtung, in welcher ich jeweils vortastete, die wies mir unbewußte Ahnung des mir Angemessenen. Im Verkehr mit Wolkoff wurde mir zum ersten Male einigermaßen bewußt, wie ich mich einzustellen hätte, um ich selbst zu werden. Doch ganz richtig intuierte ich damals nur meinen Weg zum Ausdruck; von Sinneserfassung als eines qualitativ anderen als es kritisches Begreifen ist, gar von Spiritualität im Gegensatz zu Intellektualität, ahnte ich bis 1911 überhaupt nichts. Mein Weg ist einer von außen nach innen zu gewesen. So wurde mir meine eigene Hauptfunktion, die Intuition, erst bewußt, nachdem ich deren Problem längere Zeit meditiert hatte. Jeder Mensch muß eben seinen besonderen Rhythmus befolgen. Jedes Lebensalter stellt andererseits besondere Fähigkeiten in den Vordergrund. Ich war lange guter Beobachter der Außenwelt, bevor ich der Innenwelt gewahr ward. Ja ganz deutlich wurde mir die Tatsache, daß ich vorzüglich in einer Welt der inneren Bilder lebe, erst 1924, da bei Assoziationsexperimenten sich herausstellte, daß ich zutiefst rein visuell bin und unablässig innere Bilder produziere, an denen sich mein Bewußtsein in Wahrheit orientiert. Im gleichen Sinne bestimmter Folge war ich lange Kritiker, bevor ich unmittelbar erlebender Metaphysiker werden konnte. Da ich in den Prolegomena zur Naturphilosophie die Metaphysik als Leben in Form des Wissens bestimmte, war ich der Wahrheit theoretisch schon recht nahe gekommen — leben konnte ich sie jedoch noch nicht. Aber in dieser Periode der Vorbereitung habe ich andererseits meine gesamten Fähigkeiten am meisten auf das Problem des Ausdrucks konzentriert. Daher kommt es wohl, daß die Prolegomena von 1910 mein wohl bestgeschriebenes abstrakt-philosophisches Buch geblieben sind und daß ich die Anmut (im Sinne selbstverständlichen Fleischgewordenseins des Geistes) des Reisetagebuchs, das ich nur ein Jahr später zu schreiben begann, nie wieder erreicht habe. Nichtsdestoweniger verstehe ich auch die Bedeutung des Wortes heute, 1940, tiefer als ich sie damals verstand, wo ich es am leichtesten meisterte. In der Sprache als solcher liegen alle Tiefen möglichen Verstehens und möglicher Realisierung beschlossen. Schwerlich wußten deren früheste Urheber etwas davon, daß sie, indem sie Sinn bloß aussprachen, diesen eben damit der Welt der Erscheinung einbildeten. Das Aussprechen — das ist das dem Substantiv Wort allein ganz gemäße Adjektiv — hat mehrere Haupttugenden, welche zugleich als dessen Hauptaspekte verstanden werden können. Erstens wird Sinn durch dasselbe im empirischen Leben wirklich und damit wirksam; gestandene Liebe ist ein qualitativ anderes als verschwiegene. Zweitens schafft das Wort Wirklichkeit im Sinne des Johanneischen im Anfang war das Wort und der finnischen Sage, daß der erste große Sänger Sonne und Mond und Wälder und Seen in die Welt sang. In der Umkehrung kann das Wort Wirkliches abreagieren, das heißt entwirklichen; hierauf beruht das Heilende der Ohrenbeichte, des Bewußtmachens des Psychoanalytikers sowie so mancher sogenannten Flucht in die Öffentlichkeit. Drittens — für den Philosophen kommt dieser Aspekt in erster Linie in Frage — evoziert das rechte Wort in anderen bis dahin unbewußt gebliebene eigene Wirklichkeit. Endlich verändert Erkenntnis real und objektiv die Welt. Wie sehr dies die angewandte, in Technik umgesetzte Einsicht vermag, beweist die ganze moderne Welt in ihrem Aufbau- und in ihrem Zerstörungsvermögen; neuerdings vor allem leider in letzterem. Aber auch die nicht angewandte, nur ausgesprochene Erkenntnis verändert die Welt real. Indem sie die Geister und Seelen verwandelt oder ihrem Streben neue Voraussetzungen schafft und neue Ziele weist, setzt sie Kräfte in Bewegung, welche den stärksten Naturkräften ebenbürtig, ja im Höchstfall — wie solches von Zauberern und Wundertätern berichtet wird — überlegen sind. Die vorgeschrittenste Physik neigt zur Annahme, daß die Art der Naturvorgänge in letzter Instanz real von der Eigenart des Beobachters und Nach-Denkers abhängt. Das mag mehr oder weniger so sein oder auch nicht. Sicher aber bedeutet die Ablösung der verschiedenen Philosophien, wie dies Rudolf Steiner zuerst in seiner, bisher völlig unbekannt gebliebenen, aber an Bedeutung alle mir bekannten überragenden Philosophiegeschichte dargelegt hat, nicht die Ablösung unverbindlicher Ansichten, welche die Wirklichkeit überhaupt nicht affizieren, sondern einen integrierenden Bestandteil des Weltgeschehens, welcher im Höchstfall der richtunggebende sein kann, so wie dies von jeher von den Schöpfungsgedanken der Götter oder der Gottheit angenommen worden ist.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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