Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

X. Mütter - Mutterland

Warum aber habe ich dieses Kapitel, wenn die Dinge dergestalt liegen, Mütter und nicht Mutter betitelt? Weil kein Mensch, bei welchem die Physis und das physisch Vererbbare nicht die ausschlaggebende Rolle spielten, nur eine Mutter gehabt hat, ebensowenig wie nur einen Vater. Und weil darum die richtige Bestimmung der Bedeutung der leiblichen Eltern nur aus viel weiterem Zusammenhang heraus erschöpfend gelingen kann. Bei mir als Kosmopathen ist dies im höchsten Grad der Fall. Ursprünglich dazu veranlagt, nur weiteste Zusammenhänge unmittelbar wahrzunehmen, gelange ich nur durch Abblendung und Abstraktion zur Realisierung enger und beschränkter. Bei Todesfällen ergriff mich von Kind auf an erster Stelle das Sterben überhaupt — spät erst, in vielen Fällen nie, konnte ich das Traurige des Sonderfalles fühlen. So ist mir beim Tode meines Vaters der stärkste Eindruck einerseits das allgemeine Gefühl gewesen, daß ein soeben noch einen bestimmenden Mittelpunkt bildender Mensch für immer aus dem Kreise der Lebenden verschwunden war. So trauerte ich später scheinbar wie um einen Allernächsten, um einen im Weltkriege Gefallenen, mir innerlich fernstehenden Vetter, weil mir an ihm das Tragische der Niedermahd der jungen Generation ganz klar wurde. So wurde mir meine eigene Beziehung zu meinen Eltern in ihrer Wahrheit erst nach einem Umwege um die Welt gleichsam bewußt. Als Kind sah ich in aller Blutsverwandtschaft ein zufälliges Verhältnis, welches anzuerkennen mir aus Geistesgründen schwerfiel. Schon mit zehn Jahren leuchtete mir das an seine Mutter gerichtete Jesuswort Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? als evident ein: so erdfern war mein frühestes Bewußtsein. Desto tiefer realisierte ich den Sinn der Verwandtschaft später. Und da die Umkehrung der üblichen Perspektive Einblicke in sonst dunkle Zusammenhänge gewährt, halte ich für sinnvoll, daß ich vor Zuspitzung dieses Kapitels auf sein eigenstes Thema einen Exkurs vornehme, welcher diesem einen kosmisch weiten Hintergrund verleihen wird.

Das Urbild des Vaters ist für den geistbestimmten Menschen nicht der Phallus, sondern der geistliche Vater, der Guru. Und das Urbild der Mutter nicht die Gebärerin des Körpers, sondern die seelische und damit den Geist mit dem Irdischen verknüpfende Macht, welche ihn in bestimmter Gestaltung dem empirischen Dasein und Geschehen einordnet. Der Allgemeinbegriff, der diese Macht am wenigsten falsch faßt, ist derjenige der Tradition. Denn aus deren und keinem anderen Leibe wird das allemal einzige Menschenwesen, welches jeweils zur Welt will, auf allen nur denkbaren Ebenen geboren; sie formt und erzieht ihn. sintemalen das Lebenszentrum beim Menschen als Gattung nicht im Körper, sondern in der Seele liegt, spielt physische Vererbung bei ihm dann allein die gleiche Rolle wie bei Tieren, wenn sie der Verkörperung und Fortpflanzung bestimmten Seelentums zur Grundlage dient. Darum kann es wohl Fortpflanzung bestimmten Seelentums ohne Blutvererbung geben, nie jedoch ohne fortlebende Seelenart. Sobald die geistig-seelische Überlieferung aussetzt oder abreißt, hört der Rassentypus zu bestehen auf. Dann bleiben nur die biologischen Elemente einer Veranlagung übrig. Die aber sind beliebiger Anordnung auf beliebiger Existenzebene fähig, und es sind gerade die einmalige Anordnung und das einmalige Niveau, welche einen bestimmten Typus schaffen. Nur in ganz urtümlichen Verhältnissen, in denen Elementartriebe entscheiden, kommt es vor, das im Blut als solchem Niveau vorgebildet liegt — und auch da trügt der Schein zumeist, denn sobald Mut und Natur-Überlegenheit dominant sind, liegt der Nachdruck auf dem Geist, welcher nicht von der Erde ist. Darum konnten in der antiken wie in jeder entsprechenden Ordnung aus echten Herren schon in einer Generation echte Sklaven werden. Gleichsinnig erleben wir es heute im Zuge der Weltrevolution, daß ein traditionell höherer Typus nach dem anderen ausstirbt und ein neuer, dem gleichschaltenden Kollektivgeist entsprechender bei den Trägern exklusivster Erbmasse an deren Stelle tritt. — Im Idealfalle fallen beide Vererbungslinien — die leibliche und die geistig-seelische — zusammen. Diesen Fall verkörpert das Ideal der Menschenmutter. Eine Mutter jedoch, die keine Seelenbildnerin im Geist der Überlieferung ist, verdient den Namen gar nicht. Hier liegt der einzig haltbare Rechtsgrund dessen, warum uneheliche Kinder ehelich geborenen in keiner gesunden Gesellschaftsordnung gleichgestellt worden sind.

Sintemalen nun aber bei der Vererbung auf der Tradition der eigentliche Nachdruck ruht, kann es sehr wohl sein, und ist es im großen sogar häufig so gewesen, daß je nach den Umständen die Kirche die Hauptmutter war, oder die bestimmte Standesüberlieferung, wie die des Königtums, des Adels, der Armee, die Universitas als Alma Mater, oder die als geistbestimmte Seelenform verstandene Rasse, die Sprache oder das Mutterland. Um mit der letzteren Form von Muttertum zu beginnen: Vaterland ist eine irreführende Bezeichnung, denn die Wirklichkeit, auf welche sie hindeutet, ist ganz wesentlich mutterhaft, wenn auch die mütterliche Tradition auch in diesem Falle, wie in jedem anderen, ursprünglich väterliche Züge nicht nur überhaupt, sondern als Dominanten einschließt und manche eigentlich dem Manne zukommende Funktionen ausübt; doch soviel gilt von der leiblichen Mutter auch. Darum ist der französische Ausdruck Mère patrie sowie der spanische Madre patria gegenständlich, nicht jedoch der deutsche eines Vaterlandes; im Deutschen berücksichtigt das Wesentliche allein der auf Engstes bezogene Begriff der Heimat. Kein Vaterland hat je aus seinem Geist heraus auch nur einen Menschen von Einzigkeitscharakter, als welcher jeder Mensch wesentlich ist, gezeugt, wohl aber hat ein Mutterland alle Menschen, sogar die Nomaden geboren und in den meisten Fällen zu dem gestaltet, was sie wurden. Hier liegt der Wirklichkeits-Hintergrund des modernen Nationalismus. An sich ist die Nationalität eine reine Abstraktion und als solche ein Intellekterzeugnis; darum spielte sie auch vor der Aufklärung keinerlei Rolle; alle im 20. Jahrhundert in diesem Zusammenhang geschichtsbestimmenden Begriffe sind, für sich genommen, ungegenständlich und Gebilde des Reichs der Künstlichkeit. Aber insofern der Nationalitätsbegriff eine Tendenz zum Mütterlichen versinnbildlicht, entspricht ihm Wirklichkeit. Tatsächlich strebt die atomisierte und dadurch von ihren Wurzeln abgeschnittene Menschenmasse dieser Zeit zum Wurzelhaften zurück, und dieses kann natürlich nur ein echt-Mutterhaftes sein. So wird denn das nur-Deutsche, nur-Amerikanische usw. im gleichen Sinne überschätzt, wie jede primitive, in ihrem Manne aufgehende Mutter einen Wert darin sieht, wenn die Kinder wie ein Fünfmarkstück dem anderen dem Vater gleichen. Aber dieses hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Gemeinschaftsgefühl zu tun, welches die Menschen ursprünglich aneinander bindet. Was ich mit dem letzten Satz meine, bezieht sich zum Teil auf die These Dostojewskis, seine Nation bedeute jedem einzelnen seinen Weg zu Gott. — So darf man denn abschließend sagen: der Mensch als konkreter substantieller Geist wird hineingeboren in bestimmtes Blut und eine bestimmte Landschaft; sind diese zu einer lebendigen Einheit verschmolzen, was durchaus nicht der Fall zu sein braucht, dann handelt es sich um echtes Mutterland, aus welchem dementsprechend echte Völker und echte Kulturen hervorwachsen. Und nicht anders wird der Mensch in eine bestimmte Sprache hineingeboren, die seinem Geist im gleichen Sinne, wie die Frau dem spermatischen Impulse des Mannes und das Mutterland den Geistern derer, die in dasselbe hineingeboren werden, die besondere Form gibt mit allen dieser innewohnenden Möglichkeiten und Grenzen. Wie wenig ursprünglich der lebendige Geist an eine ursprüngliche Sprache gebunden ist, beweisen (unter sehr vielen) völlig eindeutig die folgenden drei Erwägungen: erstens, daß sehr wenige Rassen der nachweisbaren Geschichte zur Zeit ihrer Höhepunkte die Sprache redeten, mit welcher sie ihren Aufstieg begannen. Zweitens, daß es möglich ist, verschiedenste, ja einander völlig fremde Bluteinheiten durch Schaffung von Spracheinheit nachträglich einander seelisch wenn nicht anzugleichen, so doch sehr ähnlich zu machen; so hat der spezifisch römische Bolschewismus, welcher sämtliche Lokalsprachen seines Herrschaftsbereiches ebenso unbarmherzig ausrottete, wie der russische andere Unterschiedlichkeiten, aus sich heraus die romanischen Völker erschaffen. Drittens, daß gerade zu geistigsten Zeiten die Sprache des Geistes und der Geistigen eine andere war als die des Volkes: so das Sanskrit in Indien, das Lateinische im mittelalterlichen Europa, zuletzt das Französische in den Oberschichten unseres Kontinents, die ihren Stil im 18. Jahrhundert fanden. Die Bekehrung zu einer bestimmten Kirche oder sonstigen Religionsform vollends ist ein so häufiges Ereignis, daß sich hier die Frage der Zugehörigkeit in einem anderen Sinn als eben in dem der Inkarnation, die nur in einem Mutterleib erfolgen kann, vernünftigerweise gar nicht stellt. Nach dem über Mutterland, Sprache und Konfession Gesagten brauche ich auf die anderen in Frage kommenden Ausdrücke möglichen Muttertums nicht einzugehen. Der richtig verstandene Geist inspiriert auf allen Ebenen, er haucht seinen Odem ein. Mehr jedoch tut er als Schöpfer nicht. Wohl hat jeder Logos spermatikós sein eigenes Form- und Entwicklungsgesetz, doch dieses liegt auf der Ebene des Sinnes oder des Ursprungs, jenseits derjenigen aller Tatsächlichkeiten, auf letzteren ist jeder von sich aus noch so bestimmte Logos unendlich vieler Inkarnationsarten fähig. Darum darf man sagen: alle empirische Gestaltung übernimmt die Mutter im oben bestimmten breitesten Verstand, welche vom männlichen Prinzip entweder jeweils oder in einer früheren Generation befruchtet wurde.

Weil dem so ist, spielt das mütterliche Prinzip auf allen Ebenen eine sehr viel größere Rolle, als ihm meist zuerkannt wird; es regiert nicht nur alles physische, sondern auch alles psychische Gestaltwerden und alle Gestalterhaltung. Darum liegt ein Mißverständnis darin, des Geistes Ur-Bild gerade in Zeus-Jupiter zu sehen. Uranos (um an der an der Antike orientierten astrologischen Symbolik festzuhalten) ist Prototyp des zeugerischen Geists in seinem rastlosen Schöpfer- und Zerstörertum, seinem alles-durchdringen-Können und seiner Unfaßbarkeit. Jenseits des Uranos-Prinzips aber ist der Geist überpersönliche, durch kein Attribut in seinen Wirkungsmöglichkeiten eingeschränkte, übergegensätzliche Strahlkraft, von deren Ursprung mit Sicherheit nur soviel auszusagen ist, daß sie in unermeßlicher Distanz von allem Empirischen ihren Ort hat und als Distanz wirkt (vgl. hierüber das Kapitel Heiligung des Buchs vom persönlichen Leben). Der Geist ist also ursprünglich Gottheit und damit Heiliger Geist. Demgegenüber ist Jupiter gleich seiner germanischen Entsprechung Wotan gar nicht distant und nicht einmal zeugerisch, denn er (und seinesgleichen in allen Zeiten und Breiten) wird typischerweise sechzig- bis siebzigjährig vorgestellt, von erwachsenen Kindern umringt, welcher alte Herr sich wie andere alte Herren auch nur gelegentlich kleine Seitensprünge erlaubt. Er ist als Gatte Pantoffelheld, in seinen eigenen Verträgen gefangen, wie Wagners Wotan treffend von sich bekennt, und sieht man genauer hin, so trägt das jupiterische Vatertum zu guten sechzig Prozent mütterliche oder gar großmütterliche Züge. Gleiches gilt nun vom Familienvater überhaupt; wesentlich als Erhalter des Bestehenden vorgestellt, hört der Mann auf, Vertreter des unfaßbaren, aus der Ferne wirkenden Geistprinzips zu sein. So ist auch der Herrscher, sofern er kein Herrscherweiser ist, kein reiner Vertreter des männlichen Prinzips, ebensowenig wie der von der Frau angelernte und in der von ihr durchgesetzten Routine aufgehende Ehemann. Eben daher die besondere Berufenheit der Frau zur Herrscherin in allen nicht uranischen Zeiten: was ein König als Landesvater zu tun hat, deckt sich so gut wie ganz mit dem Bereich einer erhöhten und erweiterten Hausfrauenaufgabe. Darum brauchen Königinnen im Gegensatz zu Königen überhaupt nicht bedeutend zu sein, um als Herrscherinnen groß zu wirken. Wahrscheinlich bedeutet die überall irgendwo festzustellende Tendenz von der absoluten zur konstitutionellen Monarchie zutiefst eine Revolte des Mannes gegen an sich Weibliches, dessen entscheidender Einfluß wohl geduldet wird, das aber offiziell oder sonst ausgesprochenermaßen nicht die Zügel der Macht in der Hand haben darf. — Das Vaterbild, richtig vor- und dargestellt, steht also für das Geistprinzip. Eben darum kann der leibliche Vater an Bedeutung einbüßen, ohne daß dies das seelische Gleichgewicht der Söhne schädigt, sofern nur sonst jemand das Prinzip der Distanz und des Zeugerischen glaubwürdig vertritt. Von hier aus gelangen wir denn endgültig zur Vielfalt der Väter, welchen jeder geistbestimmte Mensch zuzurechnen ist, wobei noch schnell bemerkt sei, daß man das Wort Vater besser durch Erzeuger ersetzt, da jenes Wort durch den üblichen Sprachgebrauch seinen entscheidend wichtigen Sinn verloren hat. An Erzeugern hat jeder so viele gehabt, als seine Seele jemals wirklich befruchtende Anregung empfing; ich meine Anregungen, die zur Geburt eines Neuen und Eigenen führten.

Aber festzustellen sind die Erzeuger gemäß dem römischen Worte pater nunquam certus est immer schwer, weil sie immer Inspiratoren und nicht Lehrer waren. Alles Lehrerhafte gehört, wie ich an mehreren anderen Stellen ausführlich auseinandergesetzt habe, der weiblichen Komponente des Menschenwesens an, weswegen alle Deutungen der Historiker, welche befruchtende Wirkungen auf Lehrer zurückführen, grundsätzlich falsch sind. Demgegenüber sind die Mütter immer leicht festzustellen. Hier will ich denn zum Persönlichen übergehen, welchem dieses Kapitel mehr als irgendein früheres gewidmet sein soll. Meiner Anlage entsprechend hat mir von Hause aus von allen Müttern bewußtermaßen die Landschaft am meisten bedeutet. Ich glaube nicht, daß ein zweiter Balte so bewußter Sohn seiner engsten Heimat wie ich gewesen ist, trotzdem — oder gerade weil — ich mich niemals von ihr gefangen gefühlt habe. Die Landschaft, die mich geboren hat, hat mich an erster Stelle geprägt und gebildet, hat den Beobachter und Schauer und Versteher der Naturzusammenhänge in mir geboren und erzogen. Hier zuerst erlebte ich konkrete Einzelheit ursprünglich als am richtigen Ort als Teil unauflöslicher Ganzheit eingeordnet; hier entwickelte sich das in mir, was ich später Weltfrömmigkeit geheißen habe. Aber meiner proteischen Natur gemäß habe ich später zu jeder späteren Landschaft, welche mir viel bedeutet hat, eine ähnlich tiefe Beziehung gewonnen. Sobald eine mich überhaupt anzog, ergriff sie mich als Ganzheit und bildete mich bis zu einem gewissen Grade ihrem Bilde entsprechend um. So habe ich trotz aller Kürze der Berührung intensive und nachhaltige Heimatgefühle überall gekannt — und den betreffenden Ländern gegenüber bewahrt — wo ich mich je von einer Landschaft besessen gefühlt habe. Am intensivsten ist dies seitens Argentinien geschehen, weil ich mir dort zuerst der Erde und damit des Erdhaften in mir als eines mir wesentlich Zugehörigen klar bewußt ward. Und aus dem Geist der Landschaft heraus habe ich dann auch allemal die dort herrschenden Sprachen — nicht eigentlich gelernt, sondern nach kurzer Zeit selbstverständlich gekonnt, so wie ein Kind plötzlich selbstverständlich seine Muttersprache zu reden anfängt. Alles dieses erklärt, inwiefern gerade mein Proteisches nicht Entwurzeltheit, sondern im Gegenteil Verwurzeltheit bedeutet — nur eben Verwurzeltheit eines ursprünglich nicht irdischen Geists, der in der Erde von oben her, gleich manchen tropischen Bäumen, Wurzeln schlägt. Meine Vielsprachigkeit hat darum mit Polyglottismus nichts zu tun: sie bedeutet ursprüngliche Polyphonie und damit etwas ebenso ursprünglich Sonderliches, wie der Akkord ein ursprünglich Einheitliches und als solches qualitativ Anderes ist, als die Häufung der verschiedenen Töne, aus denen er zusammengesetzt ist. Sonst aber hat das Mütterliche eine ungewöhnlich geringe Rolle in meinem Leben gespielt. Allem gegenüber, was mir hätte Schule und insofern bildende Mutter sein können, empfand ich mich von Hause aus als mich emanzipierende einzige Persönlichkeit, zugleich als zukunftsgewisser Schöpfer neuer Tradition. Seit meiner eigentlichen Schulzeit bin ich darum nie wirklich geschult und seit meiner Kinderstube nie richtig erzogen worden; so selbstverständlich ich mich zeitlebens jedem spermatischen, also männlich-inspiratorischen Impulse öffnete — jede Beeinflussung von außen her im Sinn der Übung und des Drills lehnte ich a limine ab. So habe ich, im Gegensatz zu den meisten, sehr viele Väter, aber nur ganz wenige Mütter gehabt. Was denn erklärt, warum meine Geistigkeit an sich als auch mein Werk und die Art meines Einflusses einseitig männlichen Charakter trägt, obschon ich als Natur mehr weibliche Züge habe als die meisten. Fast dürfte man in bezug auf mich ein männliches Äquivalent zum Begriff der Parthenogenese erfinden.

Daher die innere Ungebundenheit und Gelöstheit, welche den Reichtum meines geistigen Lebens und die Vielfalt der Gestaltungen, die es verkörperte oder schuf, ermöglicht hat. Wie kein anderer, welchem ich begegnet bin, fühlte ich mich ursprünglich als nicht-irdischer, unbedingt freier, ungebundener und unbindbarer Geist. Aber dieses Freie stand andererseits von vornherein in bitterem Kampf mit anderem in mir, das mich vom Unbewußten her bedingte, bedrängte, mich zurückriß, festhielt, zu Handlungen und Äußerungen zwang, die ich als Geist nicht wollte und mich gegen meinen Willen in Formen zwang, die ich nicht als mir eigentümlich anerkennen konnte. Irgendwo in meiner Tiefe war und blieb ich zeitlebens erdschwer, durch Elementargewalten gebunden, bald starr erscheinend nach Art erkalteter Lava, — bald wiederum eruptiv und explosiv, dann wieder zähflüssig oder polypenhaft haftend, dementsprechend langsam, mißtrauisch, kalt, der Routine zugeneigt. Von jeher sehnte ich mich als ursprünglich nicht-irdischer Geist nach Verkörperung, nicht Entkörperung, aber das meinte ich dabei nicht, was mich von unten her band; nie erstrebte ich Verfallenheit an die blinde Gana. Trotzdem wurde dieses Urnaturhafte in mir nach meinem dreißigsten Jahre immer stärker und bedeutete meinem freiheitsdurstigen Geiste immer mehr Behinderung. Diese Seite meines Seins, meines Lebens und Schaffens hängt mit dem zusammen, was meine leibliche Mutter mir bedeutet hat oder wofür sie mir unsterbliches Sinnbild ist. Meine leibliche Mutter hat mir buchstäblich unermeßlich viel bedeutet. Aber nie wäre ich mir dessen bewußt geworden, wenn meine Beziehung zu ihr nicht im Zeichen der Tragik und der tragischen Schuld gestanden hätte. Wäre mein intimes Leben konfliktlos geblieben, so hätte ich wahrscheinlich zeitlebens das Erdhafte in mir ignoriert und wirklich ignorieren können, da die Behendigkeit meines Geistes mir sehr wohl die Möglichkeit bot, mich in der Vorstellung über alles mich hindernde Leibliche und Seelische zu erheben. Und damit wäre ich wesentlich oberflächlich geblieben oder geworden. Keinesfalls wäre ich über den Reisetagebuch-Zustand hinausgelangt. So aber wurde mein Geist gezwungen, sich mit der ihm ursprünglich fremden Erde so intensiv und so andauernd auseinanderzusetzen, wie wohl bei wenigen der Fall gewesen ist. Und dank dem habe ich durch ungeheure Leiden, durch Irrungen und Wirrungen hindurch den Weg zum erlebnismäßig Tiefen gefunden. — Von jetzt ab will ich denn möglichst schlicht erzählen, was in meiner Kindheit und frühen Jugend an Katastrophalem vorgefallen ist, welche Rolle diese Erlebnisse in meinem späteren Leben spielten, und das Erlebte so wirklichkeitsgerecht als mir nur möglich ist zu deuten suchen.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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