Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

X. Mütter - Segen

Doch nun zum anderen, dem positiven Aspekt des gleichen Tatbestandes. In den Augenblicken, wo ich an die Wiederverkörperungslehre glaube, muß ich mir eingestehen, im Körper einer anderen Mutter hätte ich mich gar nicht inkarnieren können, ihre Natur gehört unbedingt zu mir. Und wenn überhaupt wahr ist, was ich an anderen Stellen gezeigt und begründet habe, daß das Kind die beiden Grundpole seines eigenen Wesens zuerst nicht in sich, sondern in den Eltern hat, so gilt dies im höchsten Grad von mir. Auch daß die Mutter dem über Sechzigjährigen genau soviel bedeutet, wie dem Kinde, wo es sich doch unmöglich mehr um den verstorbenen Menschen von Fleisch und Blut handeln kann, beweist, wie sehr sie, so wie sie war, zu mir gehört. Sie gehört insofern zu mir, daß sie meine mir ursprünglich unzugängliche und auf andere wie auf mich leicht als Fremdkörper wirkende Elementarnatur vertritt. Insofern lebe ich unabwendbar in ihr und sie in mir; darum spiegelten alle äußeren Schwierigkeiten meines Lebens seelische Notwendigkeiten. Es bestand eine tiefe Verwandtschaft zwischen uns auf der Ebene des Mythischen. Auch mein Schicksal, das so viele Unstetigkeitsmomente gewaltsamer Art enthält, ist demjenigen meiner Mutter, auf ganz anderer Ebene freilich, ähnlich. Dies gilt zumal von meinem Ausbrechen aus meinem angeborenen Lebensrahmen und meiner Auswanderung. Nur daß meine Mutter selbstverständlich bewußt ihr Elementares auslebte, während dieses mich vom Unbewußten her bedrängte, mitunter überfiel und dadurch jenen Charakter des Vulkanischen annahm, der mir so oft zugesprochen worden ist. Es hatte damit das, was scheinbar als äußeres Verhängnis meinen aufsteigenden Weg durchkreuzte, seine genaue Entsprechung in meiner eigenen Seele. Die Urkonflikte derjenigen meiner Mutter bestimmten auch meine Unterwelt, nur dank meiner Geistzentriertheit in anderer Abwandlung und auf anderem Niveau, und der Zwist zwischen meiner Mutter und mir fand seine genaue Korrespondenz im Widerstreite zwischen Natur und Geist in mir. Gleiche Entsprechungen lassen sich in allem einzelnen nachweisen. Auch mir eignete ursprüngliche Bereitschaft, mich als Kompensation des Anspruchs auf Selbstherrlichkeit minderwertig zu fühlen; auch meine Natur war in Elementartrieben stärkster Art begründet, auch sie war irrational und geneigt, das Rationale und Geistbedingte vom Unbewußten her zu sabotieren. Auch ich war einerseits extrem selbstdurchsetzerisch, auch ich revoltierte sofort, sobald jemand meine persönliche Lebenslinie abzubiegen drohte, auch mir lag nichts näher, als rücksichtslos auszubrechen aus überkommenen Bindungen oder bisher eingehaltener Richtung, sobald ich jene als Fesseln empfand und diese nicht dorthin zu führen schien, wohin ich wollte. Auch ich war in dieser Hinsicht, trotz aller sonstigen Weichheit, hart. Da aber mein geistiges Wesen ganz anderen Sinnes und Charakters war und von Kind auf in mir vorherrschte, so ergab dies, daß derselbe Konflikt, der sich nach außen zu in meiner Beziehung zur Mutter äußerte, innerhalb meiner Seele eben die Spannung schuf, der ich wohl meine ganze Produktivität danke.

Insofern darf ich das schwerste Erlebnis meines Lebens als das größte blessing in disguise anerkennen, das mir beschieden worden ist. Die analytische Psychologie lehrt mit Recht, daß das Bewußtsein der Urkonflikte allein deren Verdrängung verhindert und daß nur ihr nicht-Verdrängen sie zu vorwärtstreibenden Mächten macht. Mir hat die Tatsache, daß ich den Ur-Widerstreit innerhalb meiner eigenen Seele nicht nur als Projektion, sondern als unbestreitbare, vor-gegebene äußere Wirklichkeit auch in meiner Beziehung zu einem anderen Menschen erlebte, eben dieses Bewußthalten von früh an nicht nur ermöglicht, sondern zum unentrinnbaren Schicksal gemacht. Dank dem habe ich sogar in Zeiten, wo ich meine Aufmerksamkeit mit allerlei Kunstgriffen von allem Unliebsamen und Schweren abzulenken suchte, de facto doch dauernd mit der Totalität meines Seelenlebens in zwar nur dumpf bewußtem, aber darum nicht minder innigem Kontakt gelebt. Das Schicksal selber hat mich immer wieder und im Lauf der Jahre und Jahrzehnte immer mehr dazu gezwungen, gerade dessen vollkommen bewußt zu werden und zu bleiben, was ich von früh auf am heftigsten zu ignorieren suchte. Viele, sogar unter Psychologen, haben in meinen Darstellungen der Vielschichtigkeit und des Widerspruchreichtums des Menschenwesens den Ausdruck abnorm komplizierter Anlage sehen wollen: in Wahrheit ist jeder, auch der einfachste Mensch, genau so kompliziert, nur leben sehr wenige auch unter den Begabtesten aus ihrer Totalität heraus, und die allerwenigsten sind eines größeren Teils als eines geringen, dazu meist künstlich hergerichteten Fragments ihrer Ganzheit überhaupt bewußt; solcher gar, welche zwischen den verschiedenen Schichten und Regungen ihrer Natur (im weitesten Verstande) scharf unterscheiden und den Zusammenhang richtig sehen, gibt es vielleicht einen unter Hunderttausenden. Auch ich neigte ursprünglich, und mehr vielleicht als die meisten, zur Abblendung dessen in mir, was mir innere Schwierigkeiten schuf. Doch das tragische Erlebnis meiner Kindheit zusammen mit der Unmöglichkeit, dasselbe zu erledigen, hat mich auf die Dauer — toute Proportion gardée — einer ähnlich totalen Wachheit zugeführt, wie sie der Buddha von seinen Jüngern forderte. So hat mich denn der Urkonflikt zwischen Mutter und Sohn, welchen mächtigste Urtriebe speisten, im Drang nach immer erneut erstrebter und immer wieder sich als unmöglich erweisender Lösung (meine Mutter starb erst 1925, und gerade während ihrer letzten Lebensjahre war mir, als lebte sie ständig in meiner Nähe, obgleich ich sie seit 1913 nur einmal noch, als sie schon durch einen Schlaganfall gelähmt war, wiedersah) von Etappe zu Etappe immer weiter voranzuschreiten gedrängt, aus Selbsterhaltungstrieb meines allein bejahten Geistwesens heraus und der Sehnsucht, das Erdhafte in mir doch noch einmal ganz und gar zu durchgeisten. Andererseits aber hat die Mutter in mir — so drücke ich mich wohl am gegenständlichsten aus — mich erstens daran gehindert, in der Tangente abzugehen dem unbeschwerten Geiste zu, was mir immer wieder zur Versuchung wurde, und zweitens in ihrer elementaren und irrationalen Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit wieder und wieder die Schwierigkeiten konstelliert, die mich davor bewahrten, jemals soweit erfolgreich zu sein, nach innen wie nach außen zu, daß ich mich hätte befriedigt fühlen können. Heute noch, mit beinahe vierundsechzig Jahren, fühle ich mich genau so unbefriedigt und meinem Ziel genau so ferne wie früher mit zwanzig. Was ich selbst früher fälschlich als Dschingis Khan-Erbe gedeutet habe, weil kein späterer möglicher Vorfahre mir in der Hinsicht, auf welche das Sinnbild des großen Mongolenfürsten hinweist, ähnlich gewesen ist, ist in Wahrheit das Ergebnis des Konflikts meines Keyserlingschen Geistes mit einer dessen Zielen heftig widerstrebenden mütterlichen Naturanlage. So ergibt eine bestimmte Verbindung an sich harmloser chemischer Substanzen bei bestimmter Mischung einen Sprengstoff. Wohl jedermann, dem Anekdoten über mich erzählt wurden, hat vor allem von meinem Explosiven gehört. Diesem Jedermann sei gesagt: daß ich gelegentlich explodieren konnte und kann, ist, sooft es mir die Beziehungen zu anderen Menschen erschwert hat, mein größtes Glück gewesen: Entladung nach innen zu hätte mein Organismus schwerlich ausgehalten.

Das Mysterium bestimmten Geborenseins verknüpft das Bewußtsein des Menschen am unmittelbarsten mit dem kosmischen Werden. So danke ich wohl meine tiefsten Einsichten in den Weltzusammenhang zutiefst meinem Muttererlebnis, das mich in seiner dauernden Gegenwärtigkeit davor bewahrte, in irgendeinem Zwischenreich zu erstarren oder einzuschlafen. Am sichtbarsten gilt dies, soweit Bücher in Frage kommen, von den Südamerikanischen Meditationen. Aber gerade meine entscheidende Wendung zum Ursprung zurück, der ursprünglichen Natur sowohl als dem ursprünglichen Geiste zu, wäre mir unmöglich gewesen ohne die immerdar lebendig und zeitlos jung verbliebene Spannung in mir zwischen Mutter- und Vaterprinzip. Der gleichen Spannung, die ich als unzerreißbar in mir spüre, verdanke ich andererseits die Kraft zum Durchhalten und Warten und zu einer sehr großen inneren Geduld, die mir trotz aller Reaktionsgeschwindigkeit und äußeren Ungeduld und Neigung zur Explosion langsame Reifung ermöglicht hat. Das gewollte Absinken meiner Mutter auf ein qualitativ niederes Niveau und ihre Bindung an einen Mann, der ein noch viel niedrigeres verkörperte, haben mich in frühesten Jahren das Letztentscheidende der Niveaufrage einsehen gelehrt und mir den Ansporn gegeben, persönlich immer höher hinaufzustreben und keinen erreichten Zustand je als befriedigend und letztgültig anzuerkennen. Von Hause aus war ich tolerant aus Gleichgültigkeit und überhaupt kein Willensmensch. Wahrscheinlich ist mein ganzer Ehrgeiz durch mein Muttererlebnis ins Leben gerufen worden, denn da mir an den Menschen wenig lag und liegt, wären ohne bitterschweres Erlebnis die Triebe, ohne deren Mitwirkung der Geist auf Erden machtlos ist, vielleicht nie, jedenfalls nie im tatsächlich erreichten Grade mobilisiert worden. Eine Zeitlang, als meine Mutter mir wieder und wieder als Teufel erschien, versuchte ich ihr Bild in der Meditation zu verwandeln. Das erwies sich als unmöglich. Damals sah ich endgültig ein, daß es die unlösbaren Spannungen sind, auf denen sich das höhere Menschenleben aufbaut. Aber die gleiche Unlösbarkeit erlebte ich nach außen zu schon von meinem sechzehnten Jahre an und ebenso lange mußte ich deren Aushalten üben, sei es auch nur im Sinn bewußt durchgehaltener Distanzierung zu meinen eigenen Gefühlen von wegen der psychologischen Unmöglichkeit, für mich überhaupt zu zeigen, was mich von meinem sechzehnten Lebensjahr an bis in mein Alter in meinen tiefsten Seelengründen bewegte und immer wieder aufrührte. Ich glaube nicht, daß es viele Menschen gibt, welche das, was ich in diesem Kapitel offenbare, nicht überraschen wird. Ja, täglich, stündlich habe ich mich in einer Selbstüberwindung geübt, wie sie mir wohl kaum einer zutraut, um den positiv-schöpferischen Möglichkeiten meines Wesens zeitlebens die Oberhand zu erobern und zu erhalten und ihre Entwicklung in die gewollte Richtung zu lenken. Gemahne ich hier noch an die übergroße Zartheit meiner oberen Seele — nur in der Unterwelt lebt elementare Kraft in mir —, so darf ich sagen: aus ursprünglicher Schwäche, ja Schwächlichkeit ist dank Lenkung durch den Geist bei fortschreitender Hineinbeziehung der Urnatur in mein bewußtes Leben allmählich die Kraft erwachsen und immer weiter gewachsen, deren ich von Etappe zu Etappe immer mehr bedurfte und bedarf, um meinem immer weiter hinaus- und hinaufrückenden geistigen Ziele näher zu kommen. Der stärkste Motor dabei ist aber mein unaustilgbares Schuldgefühl meinem Mutterbilde gegenüber geblieben. Schuld wird zum Segen, sobald einer sie sich eingesteht und trägt und sich nichts vorschwindelt, um sich sein Leben dadurch leichterzumachen. Schuldgefühl ist insofern das eigentlich lebendig Erhaltende. Und gerade aus dem Schuldgefühl oder dessen Ausstrahlungen ergibt sich irgendeinmal auf rätselhafte Weise der größte Segen. Die christliche Lehre von der Sünde und deren Vergebung faßt den Tatbestand viel zu einseitig und eng. Das Schuldgefühl, um das es sich hier handelt, hat wenig mit Moral zu tun. Das primitive Gefühl dessen, den ich hier als den schuldig Fühlenden meine, ähnelt viel mehr dem, des Schuldners, der eine Schuld nicht bezahlen kann, sie aber als unverbrüchlich gültig anerkennt und daraus seine Kraft zum Aufstieg schöpft. Und so äußert sich der Segen weniger in Form einer Wiedergutmachung oder Vergebung, von Erlassung der Schuld zu schweigen, als sozusagen in steigendem Kredit, welches das Schicksal dem Strebenden gewährt, so daß er gleichsam unbar spekulierend zu Vermögen kommt. Auf Grund meines Muttererlebnisses hatte ich früh den Gedanken an Heirat grundsätzlich aufgegeben und Kinder wollte ich keinesfalls in die Welt setzen. Doch aus dem tiefen Erleben am eigenen Leib des Urproblems der Generation und des Verhältnisses der Generationen zueinander erwuchs mir ohne mein Dazutun die Fähigkeit, gerade auf diesem Gebiete unwillkürlich richtig zu sehen, zu wählen, zu handeln, ja künstlerisch zu formen. Den sehr Wenigen, welche mich nahe kennen, bedeutet meine Ehe und mein Familienleben eins der wichtigsten meiner Werke, wenn nicht mein Meisterwerk schlechthin. Mein Ehe-Buch hätte auch schwerlich solchen Anklang gefunden in der weiten Welt, wenn ich nicht gerade auf diesem Gebiete ganz selbstverständlich Bescheid gewußt hätte. Gleiches gilt von der besonders starken Wirkung, die meine verschiedenen Betrachtungen über das Verhältnis von Eltern und Kindern, Erziehung und Inspiration und das harmonische Zusammenleben freier Menschen verschiedenster Einstellung ausgelöst haben. Über diese Probleme habe ich eigentlich nie nachgedacht; was ich hier tat oder anregte, war das produktive Ergebnis meiner Lebenserfahrung. Es handelt sich hier um Ähnliches, was Goethe einmal feinsinnig so ausdrückte: Was das Leben mir versprochen hat, das werde ich ihm halten. Um die Erziehung meiner Söhne habe ich mich gar nicht gekümmert, da hier meiner Überzeugung nach überhaupt keine Aufgabe des richtig verstandenen Vaters liegt, als welcher vor allem vermeiden muß, als Lehrer zu wirken. Nie habe ich eine Rolle vor ihnen gespielt, nie etwas zu verheimlichen gesucht, wobei ja nie das allergeringste herauskommt, da Kinder viel schärfer aufpassen, als Erwachsene. Ich habe nur allezeit die Einstellung des inspirierenden Geistes durchgehalten und dafür Sorge getragen, daß meine Kinder von ihrem zweiten Lebensjahre ab möglichst viel dabei waren, wenn bedeutende Menschen bei mir weilten, weil das Unbewußte von Kindern allen Einflüssen der Umwelt völlig offen ist, weswegen das kurze, bald vergessene Dabeisein, wenn ein großer Mann gegenwärtig ist und sein Sein ausstrahlt, für das ganze Leben des späteren Menschen mehr bedeutet als alle Schulung und Bildung. Vor allem respektierte ich unbedingt die Selbständigkeit und Einzigkeit der Kinder, so daß keines je darauf kam, sich mit mir zu vergleichen. Daraus, unterstützt durch das tiefe Seelenverständnis meiner Frau, ergab sich denn eine ebenso einzigartige schöne Beziehung aller Familienmitglieder zueinander, wie die Beziehungen, die ich seit dem Tode meines Vaters in meiner Familie erlebte, häßlich waren. Es ist die Beziehung vollkommener und vollkommen anerkannter persönlicher Selbständigkeit jedes einzelnen, bei gleichzeitiger vollkommener Berücksichtigung der von Natur und Geist gesetzten Normen und Distanzverhältnisse. Und diese Schönheit hat sich gerade im Leid bewährt. Mein Familienleben war nie von schweren äußeren Sorgen frei. Oft drohte schweres Verhängnis. Aber gerade das nahmen wir alle als selbstverständlich hin. Und wie dann das ganz Entsetzliche kam, daß mein ältester Sohn in Stalingrad zum Krüppel geschossen wurde, da war ich wahrscheinlich tiefer als alle anderen, den Beteiligten inbegriffen, getroffen, denn an diesem Einzelfalle erlebte ich das ganze unermeßliche Leid des Menschenloses und eine Fortsetzung in anderer Form, auf einem höheren Niveau des Unglücks, in dessen Zeichen meine Beziehung zu meiner Mutter gestanden hatte. Offenbar ist es mein Schicksal, am tiefsten in meinem Irdischen, in meinem Fleisch getroffen zu werden. Aber gerade aus diesem furchtbaren Unglück erwuchs unmittelbar das größte seelische Heil. Ich durfte meinem Sohne beistehen, wie dieses selten Vätern beschieden ist, und durfte es andererseits erleben, daß sich aus dem gequälten Leibe aus eigener Kraft eine Seele und ein Geist emporarbeiteten, die nicht nur mein Werk selbständig fortzusetzen versprechen, sondern in sehr jungen Jahren Erfüllungen schon nahe sind, welche jenseits meines Lebenshorizontes liegen.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
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