Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

II. Roman von Ungern-Sternberg - Sperberaugen

Ich muß damals zwölf oder dreizehn Jahre alt gewesen sein; es war im ersten Winter, den wir, nach dem Tode meines Großvaters, im renovierten Herrenhaus von Rayküll verbrachten. Mein Großvater, welchem nichts an Komfort und Ordnung lag, hatte es so sehr verfallen lassen, daß kein Fenster mehr unverklebt schloß und bei unseren Besuchen bei ihm meine Haupt-Kinderfreude darin bestanden hatte, aus den Möbeln, deren Polster samt und sonders zerrissen waren, das Roßhaar herauszuzerren. Ich hatte aus Könno einen Uhu mitgebracht, auf den ich nicht wenig stolz war; war es mir doch geglückt, diesen kollerigen und grantigen Nachtvogel so weit zu zähmen, daß ich ihn ungefesselt, frei neben mir sitzend, auf Schlittenfahrten mitnehmen konnte. Brachte ich ihn dann zum Auffliegen, was sogleich Krähen und Raubzeug heranlockte, so setzte er sich bald in meiner Nähe nieder, so daß ich gut zum Schuß kam. Auf dem Nachbargute Jerwakant, welches mein Onkel Taube verkauft hatte, war kurz vorher Baron Oskar Hoyningen-Huene eingezogen mit seiner wundersamen Frau, geb. Wimpffen, und deren Söhnen aus erster Ehe, Roman und Constantin von Ungern-Sternberg. Diese Kinder machten ihren ersten Besuch bei uns. Ich zeigte ihnen den Uhu, der vor den Fremden natürlich fauchend und klappend mit ausgebreiteten Flügeln Kampfstellung bezog. Sofort stürzte sich der damals winzige Roman auf den riesigen Vogel, um ihn mit seinen Händchen zu erwürgen. Ich war entsetzt und rettete das kostbare Tier beinahe im letzten Augenblick. Roman aber begriff gar nicht, warum ich ihm den Mord nicht gönnte. Er sah in dieser Stimmung schon damals raubtiermäßiger aus, als ich je einen Menschen gesehen habe; seine hellen Augen erinnerten, obschon sie nicht gelb waren, sprechend an die des Sperbers, jenes nie zu zähmenden, wesentlich bösen Vogels, der aber solche Freude am Schlagen und Zerreißen hat, daß er sofort nach der Gefangennahme aus der Hand frißt. Mir ist diese Szene unauslöschlich im Gedächtnis eingeprägt geblieben. Sie hängt zusammen mit dem jenes Bildes eines (scheinbar auf den Leser) zuspringenden Löwen in Brehms Tierleben, der mir mit zwei Jahren so entsetzliche Angst einjagte. Oscar A. H. Schmitz stellte später bei der Analyse fest, daß die letztere Reaktion damit zusammengehangen hatte, daß ich diesen Löwen in mir selber drohen spürte. So beeindruckte und erschreckte mich Ungern-Sternbergs Überfall auf den Uhu auch wohl darum so sehr, weil dieser Anblick eigene Triebe weckte, deren Vorhandensein ich dazumal nicht wahrhaben wollte. Denn mein frühestes Bewußtsein ahnte nichts von aggressiven Tendenzen in mir. Ich erlebte mich selbst einzig und allein als hypersensitiv; ich begriff gar nicht, daß jemand Freude am körperlichen Kampfe haben könne. Überdies aber verurteilte mein Geist alle Gewaltanwendung. Nun war ich freilich gerade als Kind überaus heftig und im Augenblick verblendender Leidenschaft zu jeder Wutäußerung fähig. Doch das gestand ich mir nicht ein; ich wußte nicht, daß es so war. Daher machte es mir einen furchtbaren Eindruck, als ich im Kinde Roman Ungern-Sternberg einen reinen Raubtiermenschen vor mir sah.

So schaute ich den späteren Mongolen-Kondottiere als Kind. Bis zum Weltkriege begegnete ich ihm dann nicht wieder, nur seinen ganz anders gearteten Bruder sah ich häufig; dieser heiratete später meine jüngste Schwester. Ich hörte nur, daß es Roman in keiner Schule hielt, daß er überall Anstoß erregte, schließlich irgendwo in Sibirien desertierte. Als aber der Weltkrieg ausbrach, erschien er plötzlich und meldete sich beim General von Rennenkampf. Bald war er, dank seiner Tollkühnheit, seinem taktischen Geschick und seinem Glück, einer der gefeiertesten Offiziere der russischen Armee. Wegen seiner Popularität im ganzen Heer wurde er wieder und wieder für Disziplinlosigkeit und Exzesse begnadigt, um derentwillen jeder andere erschossen worden wäre. Damals sah ich ihn denn wieder. Er besuchte auf Urlauben öfters seine Großmutter, die alte Baronin Wimpffen, die damals in Reval wohnte und in deren vornehmem Hause auch ich viel verkehrte. Und gleich beim ersten Male war ich fasziniert. Jetzt noch hatte er in manchen Augenblicken jene Sperberaugen, die mich in seiner Kindheit entsetzt hatten, und ich nehme an, daß sich in Sibirien und in der Mongolei die allermeisten gerade dieses Ausdrucks erinnern. Doch im Verkehr mit seiner Großmutter war er entzückend zart und rücksichtsvoll, für die leisesten Seelenschwingungen empfänglich, wie er denn körperlich zu den anmutigsten und katzenhaft leisesten Menschen gehörte, die ich je gesehen habe. Mir aber offenbarte er sich bald als einer der metaphysisch und okkult begabtesten Menschen, die mir vorgekommen sind. Nur unter großen Hemmungen redete er darüber. Wenn er stockend zu erzählen begonnen hatte, und ich ihn dann bei der Stange hielt, brauste er auf: Solche Gedanken müssen kommen und gehen wie lauer Wind, man darf sie nicht festhalten wollen.

Trotzdem erfuhr ich in jenen langen Nächten in der Wimpffenschen Wohnung auf dem Revaler Dom, da wir zusammen zechten und kalte Sachen aßen, während seine Großmutter im Nebenzimmer — Roman sorgte dafür — auf dem einen hörenden Ohr schlummerte, viel Wundersames. Er hatte in Sibirien und auf chinesischem Gebiet, bis ihn der Weltkrieg aufs neue in die Reihen regulärer Armeen lockte, ein Abenteurerleben nach Art mythischer Helden geführt. Monatelang lebte er als Einsiedler, meditierend, Gesichte schauend, bis plötzlich der Räubersinn über ihn kam. Dann überfiel er Klöster, raubte sie aus, schlug wohl auch die Mönche tot. Nachdem diese Phase um war, wurde er wieder zum Träumer, und als Träumer hat er wohl überhaupt vieles, was er tat, erlebt; auch wenn er raubte und mordete, auch wenn er allein ungeheuerliche Heldentaten vollbrachte, wie jenes eine Mal, wo er allein in Polen durch geschicktes Auftauchen schnell hintereinander an vielen Stellen und sinnreiches Lärmschlagen mehrere Regimenter deutscher Truppen zurückgeschlagen haben soll. Am stärksten beeindruckte mich jenes Träumertum das letzte Mal, da ich ihn sah, nach Ausbruch der Revolution. Den Offizieren waren längst die Achselstücke abgerissen worden, und wer sie noch hatte, legte sie ab, um nicht sinnlos umgebracht zu werden. Da erschien Roman Ungern-Sternberg in Reval mit seinen Achselstücken, seinem goldenen Ehrensäbel und allen Auszeichnungen, deren ihm ob seiner legendären Tapferkeit mehr als irgendeinem anderen gleichen Alters verliehen worden waren, geschmückt. Ganz selbstverständlich trat er so bei seiner Großmutter auf. Wie ist das möglich? fragte ich ihn. Er sah mich traumverloren an:

Ja, irgend etwas war schon in Petersburg los. In einem bestimmten Augenblick waren große Massen auf der einen Seite, die mir den Degen fortnehmen wollten, ich allein auf der anderen. Wir zogen nach verschiedenen Richtungen. Aber da sagte ich, dieser Säbel sei die einzige Erinnerung an meinen teuren Vater. Und da ließ man mich laufen.

Sein späteres Leben gehört der Geschichte oder wenigstens der Legende an. Zufällig kam er nach Sibirien und von dort zu dem einen Volk, dessen Grundanlage der seinen ähnlich oder kongenial war: den Mongolen, die zugleich okkult höchst begabt und phantastisch grausam sind. Diese prästabilierte Sympathie erklärt Ungerns spätere Karriere — soweit dergleichen eben zu erklären ist. Denn die Hauptsache bei diesem Zusammenhang ist doch, daß Roman durch Zufall in die ferne Mongolei kam. Ich hörte von ihm persönlich zuletzt, als er mir, wohl wieder in einem Traumzustand, telegraphierte, ich möchte ihm das Ungern-Sternbergsche Wappen drahten — er wolle es zum Staatswappen seines neuen mongolischen Reiches machen, habe es aber vergessen. Seither ist dann genug über ihn veröffentlicht worden. Wieviel davon Tatsachen-gemäß stimmt, ist nicht leicht festzustellen. Ossendowski glaube ich nicht gern, doch muß ich zugeben, daß er die Persönlichkeit Ungern-Sternbergs in vielen Hinsichten gut gesehen hat und daß viele der an sich noch so unglaubhaft klingenden Episoden in seinem Fall wahrscheinlich sind. Die grausame Seite arbeitet Vladimir Pozners Roman Le mors aux dents (Paris 1937, Edition Denoël) gut heraus, aber dessen positivistisch gesinnter Verfasser hat wenig Sinn für Ungern-Sternbergs Tiefstes, das sein wesentliches Schicksal allererst erklärt. Andererseits hat Pozner eines wie kein zweiter richtig bemerkt: Ungerns angeborenen Reinheitskult. Mich interessierte, solange ich mit ihm zusammenkam, eigentlich nur der durch sein Unbewußtes mit dem Kosmos tiefverwobene Geist, durch welchen wirklich Überpersönliches sprach und wirkte. Er war in manchen Augenblicken echter Prophet. So war er der erste, der meine nach dem Weltkriege einsetzende, von mir selber nie erwartete aktivistische Lebensphase voraussagte:

Sie sind gar kein kontemplativer Einsiedler: ich sehe Sie in Zukunft Regimenter befehligen und Attacken reiten.

Damit drückte er in der ihm geläufigen konkreten Form aus, was später tatsächlich geschah — ich aber lachte ihn damals aus. Noch 1917 war ich ein rein beschaulicher, weltabgewandter Mensch ohne äußere Zielsetzung. Und auch sonst war Roman Ungern-Sternberg Prophet, insofern er spätere ostasiatische Geschichte vorlebte. Richard Wilhelm erzählte mir später, die Chinesen hätten seine Angriffspläne auf China, trotz der geringen Zahl von Truppen, über die er verfügte, ernster als irgendeine politische Gefährdung genommen: alle seine Linien seien so angelegt gewesen, daß sie, im Fall sie fortgezogen würden, zur Bestimmung eines Weltreichs führen müßten. Dieses Weltreich nun hat sein kurzes Mongolen-Beherrschertum tatsächlich schon begründet. Den Nomaden jener Breiten, deren Anlagen noch genau die gleichen sind, wie zu Zeiten Dschingis Khans, hat er wie kein anderer bewußt gemacht, daß sie nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch Zukunft haben. So verschwimmt die Erinnerung an ihn in den Liedern, die sie abends beim Feuer singen, heute schon mit der an seinen gewaltigen Vorgänger. Und sicher kommt einmal, wenn die Zeiten reif sind, ein neuer Sturm über Asien von diesem Wetterwinkel her. Die zwei Dinge, auf die es bei historischer Wirkung am wenigsten ankommt, sind die Dauer und der Erfolg. Dauer führt zur Erstarrung oder Entspannung, der Erfolg aber tötet die Phantasie. Vollständiger Sieg bedeutet immer Niederlage. Und nicht nur Ruinen wirken anregender, die Einbildungskraft beschwingender als vollständige Gebäude, sondern auch Skizzen.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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