Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

II. Abenteuer der Seele

VII. C. G. Jung - Tiefenpsychologie

Man kann den Analytikern nur gerecht werden, wenn man sie als reine Pioniere sieht. Auch andere Revolutionäre und Bahnbrecher sind allemal irgendwie exzentrische Gestalten gewesen, und bei allen hat dies geistige Streben eine Triebgrundlage gehabt, die, medizinisch geurteilt, nicht oder kaum normal, bei ihnen jedoch die Voraussetzung ihrer Produktivität war. So ist es sicher richtig, daß vom Standpunkt seines intimen Lebens beurteilt Alexander der Große den Großkönig der Perser besiegen mußte, um innerlich mit seinem eigenen Vater fertig zu werden, der seine Mutter mißhandelt hatte, für welche er andererseits als sich verantwortlich fühlender Königssohn ob ihres schlechten Lebenswandels nicht allein nicht öffentlich, sondern auch vor seinem bestimmenden Ich nicht eintreten konnte. In entsprechender Modifikation ist auch mein Muttererlebnis richtiger analytischer Deutung fähig. Freilich hat die Tiefenpsychologie auch viel nicht allein Unerfreuliches, sondern auch Unproduktives und Schädigendes nicht nur im persönlichen, sondern auch im Gemeinschaftsleben zur Aktivität beschworen, und die Leidenschaft für Psychoanalyse beruhte bei den meisten derer, welche in den ersten Jahren ihres modern-Werdens von ihr erfaßt wurden, auf nichts Besserem als Neigung zur Pornographie, die dank dieser neuen Wissenschaft und Heilmethode gesellschaftsfähig geworden war. Hier liegt die Sache ähnlich wie bei der Erfindung des Fracks. Monsieur Frac (er hieß wirklich so) hatte zufällig einmal den Mut, wo er sich vorn in einen der Schöße seines Gehrocks ein Loch eingebrannt hatte und zu einer hochoffiziellen Gesellschaft gehen mußte, seinen Rock so zusammenzustecken, daß er eben zu einem Frack wurde. Die Begeisterung, die bei seinem Anblick einen großen Teil der Anwesenden, insbesondere die ganze Damenwelt ergriff, woraufhin der Frack sofort zu dem Gesellschaftsanzug für Männer wurde, bedarf keiner näheren Erklärung. Denke ich an meine viktorianische Jugend zurück und dann an das, was seit dem Populärwerden der Analyse gesellschaftsfähig geworden ist, dann scheint mir: diese Revolution ist noch einschneidender als alle sozialen Revolutionen, die ich erlebt habe. Zumal in angelsächsischen Landen, wo in meiner Jugend nicht einmal das Wort Bein öffentlich ausgesprochen werden durfte. Die Analytiker gehören eben mit zu den Protagonisten jener Revolte der Erdkräfte, deren allgemeinen Sinn ich 1933 in meiner Révolution Mondiale bestimmt habe und die zur Zeit, da ich dieses schreibe, das Bild der gesamten Menschenwelt beherrscht. Und zwar stellen die Analytiker gleichsam die Unterorgane (im körperlichen Verstande des Wortes) unter deren Elementen dar. Sie befassen sich gleichsam mit den Darmfunktionen des Zeitgeschehens, wobei denn unvermeidlicherweise nicht allein viel Schmutz, sondern auch viel Liebe zum Schmutz und zum Beschmutzen an die Oberfläche dringt. Es bedeutet etwas, daß Heyer von einer Darmseele spricht.

Immerhin, all das Unerfreuliche, das die Psychoanalyse unter anderem bedeutet und ausgelöst hat, änderte nichts am ungeheuren Verdienst der Analytiker. Auch das gehört dazu, daß dank deren neuen Entdeckungen viele an sich nicht unbedenkliche Charaktere eine positive Betätigungsmöglichkeit gefunden haben. Gleichsinnig erlösen sich viele Naturen von vorwiegend destruktiver Tendenz, indem sie den Beruf von Polizisten oder Richtern ergreifen und bewahren sich manche Psychopathen vor dem Irrenhaus, indem sie sich als Psychiater betätigen. Sehr vieles Pathos kann in Ethos umgewandelt und damit seines Zwangscharakters entledigt werden. Einmal wird die Psychoanalyse freilich ein, wie man zu sagen pflegt, überwundener Standpunkt sein: nicht jedoch, insofern ihre Theorie und Praxis sich als verfehlt erwiesen haben werden, sondern nachdem ihre Erkenntnisse und Methoden Gemeingut und selbstverständliches Handwerkszeug jedes männlichen Menschenbehandlers geworden sein werden, wie sie es denn von Eva an dasjenige jeder echten Frau, qui connait son métier de femme gewesen ist. Dies gilt bis zu einem gewissen Grade heute schon. Mir wird von Jahr zu Jahr immer deutlicher, ein wie Vorübergehendes die analytische Psychologie bedeutet. Sie gehört zu den Disziplinen, die erlernt werden müssen, um später als bewußt betriebene Angelegenheiten vergessen zu werden, wie dies vom Lesen und Schreiben gilt. Wie viele Illusionen der ersten Jahrzehnte der Existenz der Tiefenpsychologie können heute schon als verjährt erklärt werden! Anfangs sollte ja alles und jedes auf psychologische Problematik zurückgeführt werden können. Zuletzt (vom Augenblicke, da ich dieses schreibe, an gerechnet) galt dies von der Politik. Aber da erwies es sich, daß die Tiefenpsychologen und Analytiker von allen Menschen die Typen sind, welche kollektiv-psychologische Probleme am falschesten beurteilen. Bei der Kollektiv-Psychologie handelt es sich überhaupt nicht um Tiefenvorgänge, als welche nur in der Seele des Einzelnen statthaben, sondern im großen und ganzen um Ergebnisse gegenseitiger Ansteckung, die in den Problemkreis der Suggestion hineingehören, welche Ergebnisse von Elementarkräften vitalisiert werden, die der Region des Untermenschlichen angehören. Hier hat Gustave Le Bon, so simplistisch dessen persönliche Psychologie war und wahrscheinlich gerade darum, tiefer geblickt als die subtilsten Analytiker. Wie völlig mißverständlich alle Erklärung religiöser und metaphysischer Erlebnisse mittels tiefenpsychologischer Erwägungen ist und schicksalsmäßig sein muß, habe ich in früheren Werken, insonderheit im Kapitel Religion und Psychologie der Betrachtungen der Stille und Besinnlichkeit ausführlich gezeigt. Der tragischst-rührendste Ausdruck dessen wurde mir erst kürzlich bekannt: die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Sigmund Freud damit, eine Psychoanalyse der — Bibel zu schreiben! Wenn man bedenkt, daß Freud durch und durch alttestamentlicher Jude war, so fällt einem unwillkürlich das Symbol der sich in den eigenen Schwanz beißenden Schlange ein…

Das wirklich Epochemachende — es ist genau so epochemachend, wie es seinerzeit die Taten des Galilei und des Kopernikus waren — der analytischen Psychologie in dieser Wendezeit ist ein ganz anderes als das, wofür sie allgemein entweder gepriesen oder geschmäht wird: es ist dies, daß sie vom Standpunkt des im zwanzigsten Jahrhundert unter weißen Menschen alter Verstandeskultur vorherrschenden Zustandes die autonome Wirklichkeit der Seele neu entdeckt und erkenntnismäßig fundiert oder doch zu fundieren begonnen hat. (Daß es noch einige Psychologen gibt, welche die Seele als Gehirnfunktion auffassen, wie z. B. der bekannte Berliner Psychotherapeut Schultz, ist eine jener grotesken Reaktionserscheinungen, wie sie für Übergangszeiten charakteristisch sind. Dabei ist anzuerkennen, daß der gleiche Schultz mit seiner Theorie und Praxis des autogenen Trainings einen beachtlichen Weg gezeigt hat, den Sinn des indischen Hatha-Yoga für Europäer fruchtbar zu machen.) Die Zeiten, denen das Innenleben gegenüber dem äußeren Geschehen als wichtigere Realität galt, gingen selbstverständlich von der Wirklichkeit der Seele aus. Zuletzt tat dies das Christentum, solange dessen Überlieferung in Reaktionsstellung zum Sensualismus der Spätantike, in dessen Atmosphäre es aufwuchs und groß wurde, noch bestimmend im Unbewußten fortlebte. Doch in den letzten offiziell noch christlichen Jahrhunderten verschob sich der ideelle Ort der Seele für das anerkennende Bewußtsein immer mehr in die Sphäre des im kantischen Sinne Transzendenten, das heißt mögliche Erfahrung Überschreitenden, an welche man nur noch glauben konnte. Damit war denn die Seele entwirklicht. Meinte schon Schopenhauer, es ginge nicht weiter an, von der Seele wie von einer wohlbekannten und gutakkreditierten Person zu reden, so standen die meisten Denkenden in meiner Jugendzeit unmittelbar skeptisch zu deren bloßer Existenz. Geist gab es, ja, den forderte ja der Idealismus. Aber Seele? Es ist phantastisch, wie sehr Vorurteil das Nächstliegende unapperzipierbar machen kann. Jede Zeit ist von irgendwelchen undiskutierten Voraussetzungen wie hypnotisiert und nur durch Präventiv-Kriegen und Strafaktionen vergleichbare Gefährdungen hindurch kann sich die neue selbstverständliche Wahrheit — denn gerade selbstverständlich ist sie — retten; meist durch ein ähnliches Wunder, wie in der Mythologie Helden gerettet werden. Wie war es nur möglich, daß Jahrzehnte, beinahe Jahrhunderte lang, kaum ein noch so scharfer und tiefer Geist der ihm doch unmittelbar gegebenen Qualität seines Innenlebens inneward? Daß ein Kant beim abstrahierten erkennenden Subjekte Halt machen konnte, Hegel bei einem von niemand je erlebten objektiven Geist, der sich sogar in der Unpersönlichkeit des Staats erfüllen sollte, Fichte in einem Ich, welches das Nicht-Ich setzte? Daß die erste wissenschaftliche Psychologie nur Einzelempfindungen als wirklich anerkannte, als welche niemandem je isoliert gegeben wurden, und daß die jedem geläufige Bilderwelt des Traumes bis nach dem Jahre 1900 außerhalb aller ernsten Betrachtung blieb? Wie konnte, umgekehrt, der jeder unbefangenen Schau des Lebens, so wie es wirklich ist und wie es jedermann in sich und vor sich erfährt, ins Gesicht schlagende Darwinismus jemals einleuchten? Für letzteres wüßte ich keinen besseren Grund als den, daß die Kausalität und der Entwicklungsgedanke damals modern waren: so hatte jede auf diesen Prinzipien aufgebaute Lehre große Erfolgschancen, welche, wie sich, glaube ich, mein Großvater einmal ausdrückte, das Glück hatte, sowohl plausibel als falsch zu sein.

Der einzige unbefangen verbliebene Biologe jener Periode, Karl Ernst von Baer, galt damals als zurückgeblieben. Ich selber nun habe von Kind auf nur auf der Ebene der Psyche, von der Psyche her und auf sie hin gelebt, und trotzdem war auch ich vom Zeitgeist so weit beeinflußt, daß es mir als unerhörte Leistung erschien, wie ich 1909 (mit Schopenhauer als Verbilder) zur Einsicht durchdrang, daß der Sinn den Tatbestand schafft und nicht umgekehrt. Ja lange Jahre später mußte ich, von den Vorurteilen meiner Entwicklungsjahre im Unbewußten beirrt, sozusagen gegen den Strom meiner spontanen Bilder- und Begriffsfolgen schwimmen, um mein eigenes psychisches Erleben — also die unmittelbarst gegebene aller Gegebenheiten — auch nur einigermaßen richtig zu beschreiben; meine Deutungen blieben hinter meinen Einfällen und Bildern lange weit zurück, ja sie tun es heute noch. Eben darum, weil ich seither innerlich vorangekommen bin, kann ich das, was an meinen frühen Produktionen richtig ist, heute besser würdigen als vor einem Vierteljahrhundert, wo ich deren letzten Sinn gar nicht verstand. Es ist ein sehr merkwürdiges um eine Kultur, deren bewußte Existenzebene ausgerechnet die des wenigst Spontanen und damit Lebendigen am Leben, nämlich die der Verstandesbegriffe ist: da der Verstand nur bestimmen kann, was seine (intuitiven) Prämissen schon enthalten, so verhindert sein Supremat alle Erfahrung von seelisch Neuem; nur neue Außenwelt gestattet er zu assimilieren. Es ist eigentlich ein Wunder, und nur durch die, biologisch geurteilt, äußerst kurze Zeit vorwiegender Verstandesvorherrschaft zu erklären, daß diese Einstellung den Abendländer nicht noch sehr viel mehr veroberflächlicht, abgeplattet und verdummt hat als geschehen ist. Immerhin hat sie geistige Unbefangenheit so schwierig gemacht, daß die großen geistigen Pioniere unserer Zeit, also in erster Linie die wissenschaftlichen Entdecker der Seele, noch weit mehr Bewunderung verdienen als Galilei und Copernicus. Der religiöse Dogmenglaube verhinderte nämlich nicht das spontane Schaffen der Seele, er regulierte es nur und ließ Ausbrüche leicht sündhaft erscheinen; die fundamentale Wirklichkeit von Geist und Seele schätzte er richtig ein. Ja, so paradox es klinge: in den Zeiten der Inquisition war die Geistbestimmte Seele freier als im neunzehnten Jahrhundert, denn nichts lähmte von innen her ihre Entfaltung. Welche Widerstände in sich mußte, demgegenüber, ein Freud überwinden! In letzter Instanz hat ja auch er beim Materialismus seiner Zeit Anschluß gesucht, wie so mancher geringere Neuerer des Mittelalters bei der Kirche; daher sein Reduktionsverfahren im Geist des nichts als. Eben daher Jungs relativ fragwürdige Theorie einer Libido, die dem Gesetz der Erhaltung der Energie gehorche und gleich dem physikalischen Gegenbild dieses Begriffes wandelbar und endlich sei.

Ich persönlich bin überzeugt, daß der substantielle Geist, also der sinngebende und letztlich schöpferische Teil dessen, was Jung Seele heißt, dem Gesetz der Erhaltung der Energie nicht gehorcht: gehorchen tun ihm allenfalls die erdgeborenen psychischen Vitalkräfte, und auch da hege ich meine Zweifel. Im allgemeinen gilt doch auf diesem Gebiet, daß der Mensch desto reicher wird, je mehr er ausgibt, wovon die Tatsache, daß der Muskel durch Übung wächst, der materialisierteste Ausdruck ist. Aber es wäre ja übermenschlich, wenn gerade die Pioniere der Seele von den Vorstellungen des vor-psychologischen Zeitalters frei wären; sie werden durch sie festgehalten wie von einer Nabelschnur. Ich nun, der ich vor 1921 nie absichtlich Psychologie trieb, habe glücklicherweise, wie schon aus Unsterblichkeit ersichtlich, sehr früh zwischen Intention und Intuition einerseits und Materialisation und Ausdruck andererseits unterschieden. Dies aber verdanke ich dem, daß ich, zum Durchschauen ursprünglich veranlagt, in Begriffen und Worten nie letzte Instanzen gesehen habe. Nie hat mir der Grammatikalismus der Griechen eingeleuchtet, nie habe ich aus logischer Notwendigkeit, Möglichkeit oder Unmöglichkeit auf reales Sein oder Nicht-Sein geschlossen, nie bin ich vom Worte ausgegangen, wie es die meisten Denkenden tun. So ärgerte ich mich schon als Student, wenn ich darüber diskutieren hörte, ob ein bedeutender Mann wirklich Philosoph oder Dichter wäre, denn etc. — weil doch das Wort Dichter oder Philosoph nur Prädikat sein kann und niemals Ausgangspunkt. Ich lebte und erlebte ursprünglich sinnbildlich, wie ein Primitiver; das Wort war mir in erster Instanz Bild und als Bild Sinn- und Vorbild eines anderen, tiefer Belegenen: so habe ich auf dem Gebiet des Geistes und der Seele nie an ursprüngliche Eindeutigkeit geglaubt. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen, der unmittelbare Sinn für das sous-entendu waren meine frühesten Geistesfähigkeiten, die ich in meiner ästhetisierenden Periode noch besonders kultiviert hatte, weil auf ihnen all die Verwöhnung beruhte, die ich seit meinem 21. Jahr in den für Geist interessierten Kreisen aller Länder genoß, welche ich nach und nach heimsuchte. Insofern nun erlebte ich naiv von vornherein die Hintergründe, die der Analytiker methodisch herausgearbeitet, und darum bedurfte es in mir nur konzentrierter zu-verstehen-suchender Besinnung auf das, was ich ohnehin tat, um einen organischen Zusammenhang zwischen meiner Philosophie der Sinneserfassung und der Tiefenpsychologie herzustellen und mir deren echte Erkenntnisse für meine besonderen Ziele soweit als anging nutzbar zu machen.

Das Grundsätzliche darüber habe ich im Vortrag Was wir wollen der zweiten Weisheitstagung des Jahres 19211 erstmalig und eigentlich abschließend zum Ausdruck gebracht. Aber gerade darum, weil ich unbewußt ursprünglich mehr oder weniger Analytiker war, insofern ich unwillkürlich alles Augenscheinliche durchschaute, wühlte mich die bewußte Beschäftigung mit der Tiefenpsychologie so sehr auf, daß ich diese Periode meiner Existenz zu den bedeutsamen Abenteuern meiner Seele rechnen darf, weswegen ich das vorliegende Kapitel gerade in diesen Band aufnehmen konnte, ja dieses Kapitel überhaupt schreiben mußte. Mir erging es hier ähnlich, wie einem sinnlich völlig reifen und unbewußt über alles orientierten Mädchen, das aber unaufgeklärt geblieben ist. Ja von meiner Erfahrung mit der Tiefenpsychologie her begriff ich erst ganz, warum so viele Mädchen, ja sogar viele Buben — ich selber gehörte zu diesen bis zu meinem fünfzehnten Jahr — gar nicht aufgeklärt werden wollen: es ist ein sehr anderes, ob man gleiches vom Unbewußten her oder aber bewußt weiß, äußert und betreibt. Hier handelt es sich um so verschiedene Existenzebenen, daß das Werde, der du bist, sofern man das Werden als bewußt-Werden versteht, leicht Katastrophen einleiten kann. Und ebenso verstand ich erst von dieser meiner Erfahrung her, warum in revolutionären Zeiten vor ihrem Sturz stehende Personen und Schichten beinahe nie bemerken, was die Uhr geschlagen hat. Noch 1917 war sich kein verantwortlicher russischer Staatsmann darüber klar, wie es jeder sein konnte, der mit dem Volk in naher Berührung stand, daß nicht die von Intellektuellen geführte Demokratie den Zarismus gefährdete, sondern die für den Bolschewismus reife graue Masse. Gleichsinnig spielten die alten Herren des estländischen Adels im Actienclub geruhsam Karten, als die Roten 1918 oder 19 unaufhaltsam an Reval heranrückten und leugneten einfach, daß Todesgefahr drohe. Ich rede gern von einem blinden Fleck im Auge der Seele. Diese Metapher ist vielleicht nicht gegenständlich, aber ich habe mich nun einmal an sie gewöhnt. Was einer nicht sehen will, weil sein Unbewußtes weiß, daß das Sehen sein bisheriges Gleichgewicht zerstören würde, das sieht er wirklich nicht. So haben viele machtvollkommene Könige und Minister bis zum Augenblicke ihres Sturzes recht eigentlich in einem Narrenparadies (fool’s paradise) gelebt.

Doch zurück zum Tatsachenbericht aus meinem Leben. Ich las nun an analytischer Literatur, was mir in die Hand kam, korrespondierte mit vielen Analytikern, arbeitete gelegentlich mit mehreren praktisch zusammen. Und an der Polarisierung mit diesen Menschen und Schriften wurde ich mir vieles Sonderlichen bewußt, auf das ich allein nicht gekommen war, obgleich es ganz nahe der Oberfläche in mir lag. Der größte Zauberer unter den Analytikern — und fraglos der als Mensch bedeutendste von allen — war Georg Groddeck. 1924 hatte ich ihn in Schweden kennen gelernt; da faszinierte mich augenblicklich sein wahrhaft diabolisches, wie aus dem Höllenofen hervorlugendes Gesicht, aus dem zugleich so tiefe Gütigkeit sprach. My heart went out to him, beinahe auf mütterliche Art, denn ich fühlte die grenzenlose Verletzbarkeit dieser Seele, die sich darum so gern stachlig und giftig äußerte. Solang er lebte kam er denn immer wieder nach Darmstadt und kein schönerer Tribut ist mir je im Leben gezollt worden, als der von Groddeck, da dieser mir kurz vor seinem Tode einmal schrieb:

Sie sind der einzige Mensch, der mich kein einziges Mal verletzt hat; ich danke Ihnen.

Unser näheres Bekanntwerden leitete Groddecks Versprechen ein, mich von einer rückfälligen Phlebitis mit Geschwüren, deren volle Heilbarkeit andere Ärzte bezweifelten, binnen einer Woche für immer zu heilen. Ich fuhr natürlich zu Groddeck nach Baden-Baden, und wirklich: die Wunden schlossen sich, das Bein schwoll ab, und bis zur Zeit, da ich dieses schreibe, gab es keinen Rückfall mehr. Groddeck heilte ein wenig so wie er aussah: durch gütig gelenkte Höllenpein. Mein Bein kochte er buchstäblich, und so war auch seine Sonderart der Massage, während welcher er, an Schmerzäußerungen anknüpfend, analysierte, technisch beurteilt, Folter. Doch im Fall der Patienten, denen er kongenial war, wirkte Groddeck Wunder. Als Analytiker nun war Groddeck das unglaublichste an Katalysator, was ich auch nur für möglich hielt. Er sagte so gut wie gar nichts, aber alles, was nach Befreiung drängte, fiel mir spontan in seiner Gegenwart ein. So verdanke ich dem Zusammensein mit Groddeck den ersten Einblick in den tieferen Sinn meines Muttererlebnisses. Was Groddecks Wu Wei so zauberisch machte, ist im einzelnen schwer zu bestimmen. Im ganzen beruhte es wohl auf seiner eigenen vollkommenen Gelöstheit. Natürlich war auch er überdies, gleich jedem mir bekannten Analytiker, ein ungelöster analytischer Fall, sonst aber eignete ihm wahrhaft Lao Tse-hafte nicht-Festgelegtheit. So konnte er nicht umhin, auf andere lösend zu wirken. Bild auf Bild stieg mir in seiner Gegenwart ins Bewußtsein — und doch hatte Groddeck kaum eine Frage gestellt2.

Doch bevor ich mich praktisch mit Analyse befaßte, ahnte ich überhaupt nicht, daß ich ein wesentlich visueller Mensch bin. Freilich hatte ich von meinem dritten Lebensjahre an, wenn ich gerade Lust hatte, innere Bilder mit konzertmalerhafter Geschwindigkeit materialisieren können, aber diese Bilder sah ich nur in der Projektion auf das Papier; ich mußte sie zeichnen, um ihrer bewußt gewahr zu werden. Wie ich nun im gleichen Jahr, da ich Groddeck kennen lernte, und noch bevor ich mit diesem zusammenarbeitete, einige Tage lang mit Hattingberg analysierte, da stellte sich bei Assoziations­versuchen heraus, daß ich überhaupt nie dachte, sondern einfach Bild auf Bild produzierte, die erst mein Oberbewußtsein reflektierend in Gedanken faßte oder in logische Ketten zerlegte. So wenig kennt man sich selbst! So sehr muß man sogar auf sein eigenstes Innenleben aufmerksam gemacht werden, um seiner gewahr zu werden! — Jung nun hat niemals Versuche mit mir angestellt, aber wir haben doch viel über Einschlägiges miteinander geredet, und gelegentlich schrieb ich ihm über mir interessant scheinende Träume, die sich nicht sofort im Erwachen, wie es bei mir Regel ist, dem Griff des Bewußtseins entzogen. Und da scheint mir die folgende Erinnerung der Wiedergabe wert, weil sie Jungs Fähigkeit zur Tiefenschau besonders schön illustriert. Oscar A. H. Schmitz schwärmte mir so oft über seine über alle Begriffe schönen und wegweisenden Träume vor, daß ich mich schließlich ärgerte. Da fragte ich Jung, woher es wohl käme, daß ich noch nie einen herrlichen Traum à la Schmitz gehabt hätte, — ja überhaupt keinen, soweit ich urteilen könnte, welcher mehr und wichtigeres enthielte, als was ich tagesbewußt erlebte. Jung antwortete prompt:

Sie leben ganz vom Tagesbewußtsein her und auf dieses hin. So muß Ihnen tags begegnen, was andere nächtlich träumen.

Wer den ersten Band dieses Erinnerungsbuchs gelesen hat, wird daraus allein beurteilen können, wie vollkommen recht Jung damit hatte. Die Menschen, mit denen ich mich polarisierte, entsprachen in meinem Falle dem, was anderen ergreifende und wegweisende Bilder bedeuten. Und mir sind wirklich immer die Menschen begegnet, welche zu dieser Rolle geeignet waren. Selbstverständlich spielte auch hier der Projektionsmechanismus mit, zum mindesten insofern, als mir die betreffenden Menschen anderes und mehr bedeuteten, als sie einem anderen bedeutet hätten, und daß ich ihnen bis zu einem gewissen Grade von ihrem Standpunkt ihre Identität raubte. Nichtsdestoweniger entsprach bei mir die äußere Realität in nicht gewöhnlichem Grade dem, was sonst allein auf der Ebene der inneren Bilder abläuft. Das frappanteste Beispiel dessen ist mein Muttererlebnis. Meine Mutter war wirklich die einerseits Liebende und Geliebte, andererseits die Schreckliche und Vernichtende, die Kali, welche so viele Urmythen übereinstimmend schildern. Ebenso genau entsprach die Wirklichkeit dem Seelenbilde, als ich heiratete. Wenn ich zu etwas seit 1912 bewußt entschlossen war, so war es dies, nie zu heiraten und absichtlich auszusterben. Beim ersten Anblick meiner späteren Frau nun erschienen mir im Bilde Kinder und fiel mir ein: hier setzt sich dein Leben sowohl als dasjenige Bismarcks fort. Bewußt war ich weiter unbedingt dagegen — was mich aber nicht hinderte wie ich im Herbst 1918 zum letzten Mal als Besitzer nach Rayküll fuhr, die ersten Anordnungen zur Aufnahme einer Frau zu treffen. Wie ich dann nach Deutschland zurückkehrte und die Idee der Heirat mich gegen meinen Willen weiter obsedierte, da wollte ich geographisch ausbrechen. Da nun hielt mich eine Lungenentzündung ausgerechnet im Hause meiner späteren Schwiegermutter fest, und so nahm das gnädige Schicksal seinen Lauf. Im gleichen Sinne ist mir niemals Sinnloses gerade begegnet (getan habe ich häufig Sinnwidriges!). Dies muß offenbar an jener besonderen psychischen Struktur liegen, auf welche das angeführte Wort Jungs hinweist. Ganz verstehen kann ich diesen Zusammenhang noch heute nicht. Aber so viel ist mir gewiß, daß das so beschaffene Sein eines Menschen als solches eine spezifische Kraft darstellt, die durch Anziehung und Abstoßung vom unbewußten Sein her Schicksal formt. Von Roman Ungern-Sternberg dachte ich schon während des Weltkriegs, er gehöre bei der besonderen Spannung seiner Natur, deren einer Pol metaphysisches Wissen und Heiligkeit, deren anderer grausigste Grausamkeit war, in die Mongolei, deren Menschentum eben durch diese Spannung gekennzeichnet ist: durch reinen Zufall kam Ungern tatsächlich dorthin und starb als deren zeitweiliger Beherrscher. So tolle Dinge, wie sie Alfred Keyserling3 zeitlebens immer wieder begegneten, konnte augenscheinlich nur er erleben. Insgleichen wüßte ich niemand, der wie selbstverständlich so unglaublich vielen erstaunlichen Wesen okkulter oder zauberischer Veranlagung im Osten begegnet ist, wie Hans Hasso von Veltheim-Ostrau. Aber dies passiert meiner Erfahrung nach nur Menschen solcher Art, bei denen reales Leben das ersetzt, was anderen ihre inneren Bilder bedeuten. Der reine Träumer und Dichter erlebt äußerlich selten viel, nichts jedenfalls, was an sich, als Äußerliches, auch nur annähernd so viel bedeutete, wie das, was in der Sphäre des Subjektes evoziert wird. Der Mensch, dessen Typus ich angehöre, hat wahrscheinlich immer die gleiche ursprüngliche Antipathie gegen Dichtung im üblichen Verstand, wie ich sie hege, gekannt, der ich Verse einfach nicht leiden kann; dafür ist mein ganzes Leben ein Gedicht.

Um so viel bedeutsames Reales zu erleben, wie es mir geschehen ist und weiter geschieht, muß einer aber wohl primär in der Region des Sinnes leben und die Tatsachen und Gestaltungen als solche nicht ernstnehmen. Sobald einer nämlich an deren Sonderheit haftet, sind die Beziehungen von Sinn zu Sinn, wenn ich so sagen darf, unmöglich gemacht. Man darf also unter keinen Umständen gelehrtenhaft, ja auch nur forscherhaft eingestellt sein. Hier nun war Jung ganz anders als ich, und dies erklärt sowohl die meisten seiner Vorzüge wie viele seiner Grenzen. Um am Problem des Tag-Erlebens wieder anzuknüpfen: Jung war für sich recht eigentlich eine Eulennatur. Sein eigenes Traumleben bedeutete ihm, wenigstens lange Jahre hindurch, am meisten und es beschäftigte ihn auch unter Tags, so wie andere nachts über Tagesereignisse träumen. Daher Jungs immer stupender erscheinende und von Jahr zu Jahr von Vorurteilen immer freiere Befähigung zur Traumdeutung und andererseits die Unbefangenheit seiner Willkür dabei, wo solche vorlag — er war der Sinngemäßheit seiner Einfälle subjektiv gewiß. (Zu solcher Willkür neigen überhaupt alle Analytiker, da sie ja die Einfälle aus dem Unbewußten anderer mit dem eigenen Unbewußten aufzufangen und ihre Deutungen als eigene Einfälle zu produzieren haben.) Daher seine Anlage, alle Tagesrealität mit seinem Unbewußten zu assimilieren und von dort her zu projizieren. Aber eben daher die wichtigsten Grenzen von Jungs Begabung. Um so behandeln zu können, wie er es tat, mußte Jung für sich Traumgestaltungen und damit Gestaltungen überhaupt letztlich ernstnehmen. Eben dank dem ist er freilich zum großen Symbolvergleicher und Historiker des Symbolismus geworden, oder allgemeiner ausgedrückt: zum Morphologen der Gestaltungen des Unbewußten im gleichen Verstand, wie Frobenius Kulturmorpholog war. Doch die gleiche Anlage und Einstellung hat es Jung andererseits schwer, ja oft unmöglich gemacht, direkt aus dem Sinn heraus zu leben und die Erscheinungen auf ihren ursprünglichen Sinn hin zu durchschauen. Er stand sogar fortschreitend feindlicher oder ablehnender zum ursprünglichen Geist. Er ist haften geblieben, mußte haften bleiben in der Region der vergleichenden Imaginologie.

1In Schöpferische Erkenntnis abgedruckt.
2
Obgleich er zum Teil schon Gesagtes in nur geringer Abwandlung wiederholt, drucke ich hier, ob des Tones schmerzlichen Gefühls, der ihn durchzittert, auch noch den Nekrolog auf Groddeck ab, den ich in Heft 23 des Wegs zur Vollendung (1934) veröffentlicht habe:
Am 10. Juli 1934 verstarb in Zürich, in seinem 67. Lebensjahr, unser treues Mitglied und mein alter Freund, der Baden-Badener Arzt Georg Groddeck, der einzige echte und berufene Fortsetzer der Schweningerschen Tradition. Mit ihm ist einer der allermerkwürdigsten Menschen dahingegangen, welche mir je begegnet sind. Er ist der einzige Mensch meiner Bekanntschaft, bei dem ich immer wieder an — Lao Tse denken mußte: sein nicht-Tun war in geradezu zauberhaftem Grade schöpferisch. Er stand auf dem Standpunkt, daß der Arzt gar nichts weiß, gar nichts kann, möglichst wenig tun soll: er habe nur durch sein Dasein die eigene Heilkraft des Patienten herauszufordern. Natürlich konnte er sein Baden-Badener Sanatorium durch diese Technik bloßen Nicht-Wissens und nicht-Tuns nicht in Gang erhalten. So heilte er durch eine Kombination von Psychoanalyse und Massage, bei welcher Wehtun eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte: aus der Abwehrbewegung gegenüber dem Schmerz wuchs bei seinen Patienten — denn zu ihm kamen nur solche, welchen Groddeck kongenial war — der Heilungswille und zugleich fiel ihnen beim akuten Schmerze, durch stichwortartige Fragen aufgerufen, allemal zur Kur Dienliches ein. So heilte Groddeck bei mir in weniger als einer Woche eine rückfällige Venenentzündung, an welcher ich nach dem Urteil anderer Ärzte lange Jahre, wenn nicht zeitlebens hätte weiterkranken müssen. Doch das Wesentliche an Groddeck war seine schweigende Gegenwart. Wenn man bei ihm war, und er nach gar nichts fragte, fiel einem mehr ein als sonst bei geschicktesten Analytikern.
Doch ich verehrte und liebte in Georg Groddeck weniger den Arzt als den paradoxalen Weisen. Keiner Schule hing er an; über alles hatte er strikt-persönliche, meist höchst ketzerische Ansichten. Und alle waren, richtig verstanden, das heißt, wenn man ihn nicht zu sehr beim Worte nahm, tief. Wie kein zweiter mir bekannter Naturphilosoph der Geschichte verherrlichte er den Kindheitszustand: ja eigentlich war sein Ideal das Ei — denn was dieses vermag, vermöchte kein ausgestalteter Organismus. Wie kaum ein zweiter war er restlos amoralisch in seinen Anschauungen. Er war exzentrisch durch und durch. Aber er hatte ein so unmittelbares Verhältnis zum schöpferischen Es in sich — der technische Ausdruck Es im Unterschied zum Ich ist von Groddeck geprägt worden daß alle seine Einfälle, in noch so bizarrer Ausdrucksform, tiefe Wahrheit spiegelten. In seinen bisher erschienenen Büchern (Der Seelensucher, Das Buch vom Es) ist dieses Bedeutendste von Groddeck für den, welcher ihn nicht persönlich kannte, nicht leicht zu fassen. Aber einige Jahre lang gab er eine Privatzeitschrift, betitelt Die Arche heraus, welche so interessant war, daß ich dringend hoffe, daß seine Erben ihren wichtigsten Inhalt gesammelt neu veröffentlichen werden. Im letzten Jahr schrieb er an einem Vermächtnisband. Aber wie es bei allen sehr lebendigen Menschen der Fall ist, war Groddeck als persönliche Gegenwart viel viel mehr, als er in Worten und Lehren herausstellte. Das haben zumal die Teilnehmer an den Tagungen der Schule der Weisheit zu Darmstadt spüren können. Mehrfach redete er auf diesen. Doch vor allem seine bloße lebendige Gegenwart machte Groddeck zu einem unersetzlichen Tagungsteilnehmer: bald aufreizend, bald empörend, bald werbend zwang er alle zum Selberdenken. Seine Schale war rauh; seine überverletzliche Seele bedurfte ihrer zum Schutz. Innerlich jedoch war er einer der wärmsten, gütigsten und aufs Wohl anderer bedachtesten bedeutenden Menschen, die mir begegnet sind.
3Vgl. sein Buch Graf Alfred Keyserling erzählt.
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
II. Abenteuer der Seele
© 1998- Schule des Rades
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