Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

I. Ursprünge und Entfaltungen

II. Zeitgenossen - Freundschaft

Diese letzten Betrachtungen gehören ins Bereich des grundsätzlichen Problems der Produktivität des Unzulänglichen hinein. Und da ich dieses 1925 im Eingangskapitel meiner Menschen als Sinnbilder an Hand einer Autobiographie (welche ich in der französischen Ausgabe dieses Buches bis 1939 fortgeführt habe) mit genügender Ausführlichkeit behandelt habe, so habe ich hier nur das gesagt, was jene früheren Auseinandersetzungen für den Leser förderlich ergänzt. Überdies dürfte das hier Gesagte zur Erklärung dessen genügen, warum ich zu Kindheits- und Jugendgefährten als solchen unmöglich ein aufrichtig-positives Verhältnis gewinnen konnte, außer im Rahmen eines geistgeborenen Spiels. Spiel bedeutete insofern mein Mitmachen überhaupt mit meinen Pernauer Schulkameraden, welche mir innerlich so fremd waren und blieben wie die meisten Völker fremder Rasse. Spiel bedeutete erst recht meine Übernahme der Lebensform der Dorpater Korpsstudenten und das damit verknüpfte frenetische mich-Austoben. Was meine Kameraden fühlten, konnte ich nur auf dem Umwege der Phantasie und damit durch Einfühlung mitempfinden. Damals erlebte ich zuerst, was ich erst vierzig Jahre später als die Grundursache aller meiner Schwierigkeiten im Leben zu verstehen begann, nämlich, daß mir ursprünglich jede persönliche Beziehung zum Zwischenreich der sozialen Formen fehlte; ich konnte nur einerseits vom einsamen Geist her erleben oder aber als Menschen-Tier. Da nun mein Geist damals völlig unreif war, das Animalische jedoch ungeheuer stark und vital und auch meinem Bewußtsein zugänglich, so legte ich allen Nachdruck auf dieses, und bei der Wüstheit, wie man es im Baltikum nannte, des Dorpatschen Studentenlebens, ergab sich daraus eine anscheinend befriedigende Beziehung zu meinen Kameraden. Aber kaum zwang mich, nach nur einem Jahr, eine schwere Duellverwundung zur Aufgabe der orgiastischen Existenz, da wurde mir auch klar, daß ich mit jener aus mir herausgetreten war. Und kaum lernte ich in Heidelberg und vor allem später in Wien verfeinerte Milieus kennen, da merkte ich, daß es für mich nur eine Ebene gibt, auf der ich ohne Täuschung meiner selbst und anderer ein Gesellschafts- und Gemeinschaftsleben führen kann: diejenige der schönen Form. Wie ungeheuer viel diese objektiv, das heißt für jeden Verkehr mit vielen Menschen überhaupt bedeutet, gerät in Europa schon seit dem ersten Weltkriege wieder in Vergessenheit. Darum sei hier einiges Grundsätzliche darüber gesagt, wobei ich der Deutlichkeit halber an China anknüpfen möchte. Alles Gemeinschaftsleben der Chinesen verlief bis vor kurzem auf einer Ebene, auf welcher das Intime als solches nicht zum Ausdruck kommen konnte und alles die Harmonie stören-Könnende durch obligatorisch-gefällige Form neutralisiert wurde. Dank dem nun ist das Leben in China, wo es seit Jahrhunderten viel zu viele Menschen gab, welche dicht neben- und miteinander wohnten, seit ebenso langer Zeit zu weniger Ausbrüchen des Häßlichen, ja überhaupt Reibungen gekommen als in irgendeinem Lande. Ein solcher Zustand ist nun vorbildlich für das Zusammenleben von Menschen überhaupt. Indem man sein Intimes in größerer Gemeinschaft überhaupt äußert, gibt man es einerseits preis, tritt man andererseits anderen im buchstäblichen Verstande zu nahe. Nur im engen Kreis des Familienlebens oder unter sehr nahen Freunden liegen die Verhältnisse anders, weil solche Kreise eben ihre Basis und ihren bestimmenden Mittelpunkt zugleich in der Intimität haben. Nun genügt aber nicht ent-intimisierende Form überhaupt, um das Zusammenleben erfreulich zu gestalten; sonst wäre der Zusammenhang einer disziplinierten Truppe das Ideal. Es muß Freiheit herrschen trotz aller Gebundenheit der Form. Solches ermöglicht einzig und allein Kultur der Schönheit. Und sintemalen Schönheit schlechthin jedes Menschen ob noch so unbewußtes Ideal ist, so schafft schöne Form zugleich unwillkürlich freudige Stimmung. Daher die aufrichtig freundliche Gesinnung, welche unwillkürlich in jeder Gesellschaft herrscht oder erwacht, in welcher Courtoisie Grundregel ist. Daher die einzigartige Werbekraft der griechischen Kultur, der reinsten und ausschließlichsten Schönheitskultur aller bisherigen Zeiten. Um dieser Werbekraft willen hat es, wie Frank Thiess in seinem Buch über Hellas und Byzanz richtig bemerkt, trotz des berühmt schlechten Charakters der Hellenen nie Griechenverfolgungen gegeben. Überall waren sie die Dauersieger dort, wo Rom eroberte und äußerlich ordnete. Sogar den Häßlichkeitskult des Urchristentums transfigurierten die Griechen bald zum ätherischsten Schönheitskult, welchen Europa gekannt hat. Es ist die Schönheit eben, wie ich es in den Meditationen gezeigt habe, das unwillkürliche Generalideal aller Menschen, weil eben alle Vollendung schön ist und die Selbstverwirklichung, nach welcher jedermann strebt, eben Vollendung bedeutet. So bekennt sich das Unbewußte selbst von Vertretern aggressivster Wahrheitskultur unwillkürlich zur Schönheit; von jenem her werden auch sie, sobald sie sie vor Augen haben, von ihr ergriffen und damit bis zu einem gewissen Grade bekehrt. Daher in der modernen Welt die Werbekraft Frankreichs. Daher in früheren Zeiten das Fortbestehen des byzantinischen Reichs trotz aller äußeren Ohnmacht, sowie Chinas einzigartige Fähigkeit, alle Barbaren zu absorbieren. Doch Kultur und Schönheit setzen, noch einmal, das Nicht-Aussprechen und Nicht-Ausdrücken des Intimen voraus, das immer zu einem erheblichen Teil das Licht scheut oder aber durch Belichtung häßlich wird. Sie fordert und setzt Distanz zwischen den Menschen und deren freiwillige Einhaltung. Mir nun war, ob meiner angeborenen Reizempfindlichkeit, distanzierte Beziehung schon als solche lieber als intime, obgleich ich erst verhältnismäßig spät, in Paris, vom Geist der Schönheit bewußt ergriffen worden bin.

Dem baltischen Menschen meiner Generation nun fehlte jede ästhetische Anlage und Bildung, wie denn die Balten überhaupt ein ausgesprochen unkünstlerischer Stamm waren. Ihnen fehlten in seltenem Grade die Eigenschaften der Sensibilität und Intuitivität und damals auch schon die innere Weite, welche die Vertreter meiner Vorfahrenwelt, auch wo sie selber völlig unkünstlerisch waren, doch zu Lebenskünstlern und insofern Künstlern überhaupt machte, denn wer in weiten Zusammenhängen lebt und solche übersieht, muß unwillkürlich aus dem Chaos einen Kosmos zu gestalten trachten. Alle Könige waren oder wurden zu Künstlern, zum mindesten in ihrem Sinn für Rangordnung und in der Menschenbehandlung. Keiner meiner baltischen Studiengenossen nun war weder seiner Anlage noch seinen Aspirationen nach ein großer Herr: sie alle hatten schon die verbissene Mentalität nationaler Minderheiten; sie fühlten und verkörperten nicht mehr die produktive Spannung zugleich nach oben und unten zu, zu den äußerlich übermächtigen Russen einerseits und andererseits zur Unterschicht der Esten und Letten, die noch die besten Vertreter der Generation meines Vaters geistzentriert und damit überlegen gemacht hatte; sie wollten nur mehr beziehungslos sie selbst sein. Damit war ihr Kaliber automatisch zu einem kleineren geworden, und die gleichgebliebenen typisch baltischen Eigenschaften gewannen damit nur zu oft einen negativen Aspekt. Was Überlegenheit gewesen war, erschien nun als Arroganz, das frühere Missions- und Verantwortungsgefühl Rußland und den Unterschichten des eigenen Landes gegenüber war zu aufgabeloser Exklusivität geworden. Der scharf verbliebene Verstand erschien nun immer häufiger, ohne Auswirkungsmöglichkeit in die Weite in Form erlösenden Herrentums, unmittelbar mit Gefühls- und Empfindungsroheit verknüpft, und die Beziehungslosigkeit zu anderem als dem engen heimatlichen Kreis bedingte Verdürftigung der Seele. Ich nun schaute schon damals ursprünglich den zusammenhängenden lebendigen Hintergrund der Äußerungen jedes Menschen. Alle Eindrücke nahm nicht der kritische Verstand, sondern die empfindliche Seele auf. So konnte ich des Umgangs jener Jahre außer im Rausche nie wirklich froh werden. Unter diesen Umständen ist es alles eher als ein Wunder, daß ich von meiner Schüler- und Studentenzeit, soweit sie Zeitgenossen betrifft, eigentlich gar keine spontane Erinnerung bewahre. Gleiches aber gilt auch von meinen früheren und späteren Studienjahren im Ausland. Weder in Genf noch in Heidelberg noch auch in Wien habe ich einen einzigen Studiengenossen kennengelernt, dessen Persönlichkeit mir als Wert eingeleuchtet hätte. Zumal der reichsdeutsche Typus, mit dem ich im Hörsaal und Laboratorium zusammenkam, mißfiel mir. Seine Eigenart widerstrebte zumal dem baltischen Herrn in mir. Mir bedeutete das Sein traditionsmäßig unter allen Umständen mehr als das Können, menschliche Überlegenheit mehr als alle Sonderfähigkeit, Spontaneität mehr als Schulung, Ursprünglichkeit mehr als Bildung. Bei meinen reichsdeutschen Kameraden nun lag der Nachdruck oder das Übergewicht ausnahmslos auf dem, was ich weniger schätzte. Überdies waren sie schon in ihrer Jugend als Spezialisten Menschen-Fragmente. Besonders unangenehm aber empfand ich bei diesen Vertretern des dekadent werdenden Bildungszeitalters, daß sie von vornherein dem Philistertum als ihrem Ziel zuzustreben schienen. Tatsächlich waren die meisten, die ich sah oder bemerkte, bereits als Doktoranden aus geistigem Vorurteil die Philister, die sie aus physiologischen Gründen erst im Schwabenalter hätten zu werden brauchen.

Diese in der Engigkeit und vorzeitig auskristallisierten jungen Menschen konnte ich nicht umhin, als unzweideutige Karikaturen echten Menschentums zu empfinden. Darum habe ich mich in meinen Studienjahren soweit als irgend möglich an ältere Menschen gehalten, die in ihrer Art wirklich vollendet und nicht karikaturhaft frühfertig, überdies aber Kinder eines besseren Zeitgeistes waren. Dies galt von vielen Gelehrten, bei oder mit denen ich viel verkehrte: in Genf vor allem dem Geologen Paul Duparc, in Heidelberg von Rosenbusch, dem Vater der Petrographie, und Henry Thode, der mich in die bildende Kunst und überdies in die Bayreuther Welt und Stimmung einführte; vom Biologen Jakob Uexküll und dem Historiker Alfred von Domaszewski. Mit diesen und anderen polarisierte ich mich so gut es ging. Wenn trotzdem auch diese Älteren wenig für meine Entwicklung bedeutet haben, so liegt das daran, daß sie dem Gelehrtentypus angehörten und gerade zwischen diesem und mir, wie sich später deutlicher zeigen wird, keinerlei Affinität bestand.

Doch haben mich Zeitgenossen auch in späteren Jahren wenig, wenn überhaupt, gefördert, und dies hat prinzipielle Gründe. Ich wollte in jedem Stadium meines Lebens und von jedem aus in erster und letzter Instanz als ganzer Mensch mehr werden, und bei solcher ursprünglicher Einstellung kann kein Mensch gleicher Generation, es sei denn, er fiele als Einzigkeit vollkommen aus dem Rahmen, zum Polarisator dienen. Polarisierung setzt nämlich ergänzende Verschiedenheit voraus. Alle Ähnliches anstrebenden Menschen gleicher Generation nun haben den gleichen Ausgangspunkt im Zeitgeist als Ausdruck dessen, was C. G. Jung mehr oder weniger glücklich das kollektive Unbewußte heißt. Darum kann solche rückblickende Analyse allemal — in der Einführung zur Neuentstehenden Welt habe ich dies in bezug auf die verschiedenst gearteten repräsentativen Geister der damaligen Zeit getan — als von innen her zusammengehörig erweisen. Aber eben darum können Zeitgenossen selber schwer anderes als ihre Unterschiedlichkeit spüren; die Realisierung des Gegen-Aspektes ihrer Beziehung verletzt ihr Identitäts- und Originalitätsgefühl und wird darum von ihrem Bewußtsein abgelehnt. Eben darum befehden und verunglimpfen einander von jeher just die Geister, welche die Nachwelt als besonders nahe zusammenhängend richtig wertet. In der Zeit meines Darmstädter Wirkens taten dies besonders diejenigen, welche ähnliche Grundanschauungen hatten wie der erfolgreiche Spengler (Gundolf, Frobenius, Troeltsch) und die drei Kirchenväter der Psychoanalyse (Freud, Adler und Jung). Wenn Goethe und Schiller einander so viel bedeuten konnten, so lag dies daran, daß sie eben nicht ursprünglich zusammengehörten. Da ich nun von Hause aus aus der Ganzheitsintuition heraus lebte, so mußte ich das Fehlen produktiver Spannungsmöglichkeit von Sein zu Sein nicht allein mit den Genossen meiner Jugend, sondern mein ganzes Leben lang mit allen um 1880 Geborenen von Hause aus empfinden. Da ich den Grund dieses Sachverhaltes früh durchschaute, hatte ich es nicht nötig, dem Unverständnis oder der Feindseligkeit mir gegenüber (auf die Dauer ist mir seitens Zeitgenossen nie anderes begegnet) mit Gleichem zu begegnen. Ich konnte durch Polarisierung der Teile meiner mit den Teilen ihrer, zwischen denen fruchtbare Spannung möglich war, in beinahe allen Fällen gewinnen. Doch solche Partial-Polarisierung bedeutet nie viel und vor allem nie Wesentliches. Freundschaft zwischen Geistern nun gibt es überhaupt nicht. Erstens ist jeder Geist als solcher einsam und einzig und kann darum auf seiner Daseinsebene keine Gemeinschaft eingehen. Dann und vor allem aber untersteht jede Beziehung zwischen Geistern den Gesetzen der Distanz und nicht denen der Intimität. So kann vom Geist her freilich Verehrung und verehrungsgeborene Liebe entstehen und als Antwort darauf gütiges Interesse, niemals jedoch gerade Freundschaft. Diese gehört der Sphäre der Intimität und damit der emotionalen Ordnung an. Sie bejaht das Sosein unabhängig vom Wert und schafft Gemeinschaft im Sinn der molekularen Kohäsion, als welche ein Zusammenleben auf Grund des Interesses für alles Private am gegenständlichsten zu bezeichnen sein dürfte. Der Geist hingegen kennt nichts Privates und nur-Persönliches. Das Wertlose bedeutet ihm nichts. Darum ist es sehr gefährlich, freundschaftliche Gefühle, die natürlich auch zwischen Geistverkörperern entstehen können, auf geistige Werte zu beziehen. Meist endet dann nämlich die Beziehung schlecht und häßlich. Nur höchste Kultur distanzierender Form ermöglicht dauerhaftes Zusammenbestehen von geistigem Interesse und persönlicher Freundschaft. Doch solche Kultur ist sehr schwer durchzuhalten, weil der Primat des Geistanspruchs früher oder später beinahe unvermeidlich zur Negation der Gleichberechtigung des Freundes seitens irgendeines Teiles führt. Darum haben die meisten Geistigen ihre Freunde unter nicht-Geistigen gesucht und gefunden. Darum ist sogar häufige reibungslose Berührung zwischen Geistvertretern nur dann und dort dauerhaft möglich, wo die gemeinschaftliche Konvention eine gewisse Solidarität aller Geistigen als solcher setzt und wo sie Ehrerbietung, nicht die Neigung, als Verkehrsform ausbaut. Solche Kultur hat es zu meinen Lebzeiten nur mehr in Frankreich gegeben.

Bis zu meinem vierzigsten Jahre war ich beinahe ausschließlich geistzentriert, weil ganz und gar auf inneres Wachstum bedacht. Jedes statische Moment perhorreszierte ich darum als retardierendes Motiv, und da Freundschaft einen statischen Zustand bedeutet, so vermied ich es soweit als irgend möglich, es bei mir zur Attachiertheit kommen zu lassen. Da ich von Natur sehr warmherzig bin, wie denn mein Großvater bei mir als Kind hauptsächlich Herzenseigenschaften feststellte, während er zu meinem Intellekte skeptisch stand, so bedingte diese Scheu vor Attachiertheit manch grausame Amputation bei mir und anderen, gewöhnlich mittels schnellen und plötzlichen Verlassens des Schauplatzes möglicher Bindung. Meine meisten Beziehungen zu Männern waren nur von Geistmotiven bestimmt, so stellte sich die Frage der Gebundenheit für mich überhaupt nicht; die, welche mich unbeständig schalten, mißverstanden mich. Das Statische des Gefühlslebens bejahte ich zuerst, da ich heiratete und einen eigenen Kreis bildete, was ich früher ängstlich vermieden hatte; sehr ungern sah ich früher Menschen bei mir, ich suchte sie in ihrer Atmosphäre auf, oder ich gab ihnen ein Rendezvous an drittem Ort. Am liebsten redete ich mit ihnen, gleich Sokrates, auf der Straße. Die Abgeschlossenheit meiner eigenen Atmosphäre hütete ich zumal in Rayküll mit solcher Eifersucht, daß mich mehr als zwei bis drei Menschen im Jahr dort selten besuchen durften und auch die nur auf wenige Tage. Nachdem ich nun geheiratet hatte, konzentrierte sich mein ganzes, bis dahin ausgeschontes Gefühlsleben auf meinen Familienkreis, ergänzt durch ganz wenige Freunde, und so hat Freundschaft auch in meinem späteren Leben, soweit es mein geistiges Schicksal betrifft, eigentlich keine Rolle gespielt, denn verweilt hat mein Geist bei dem, was ich als privat ansah, nie. Aber es gibt zwei Arten von Gefühlen, welche ihrer Natur nach dynamisch sind, aber über den intimen Kreis hinausweisen; diese können sich darum mit geistigem Wachstum verknüpfen und diesem dienen: das sind erstens die leidenschaftliche Liebe zwischen Mann und Weib, soweit sie ihren ursprünglichen Charakter in keinem Dauerzustand einbüßt, dann, gleichfalls nur zwischen Mann und Weib, jene Sonderart von Bindung, deren durch bewußte Lebenskunst geformter Stil in Distanz-Einhaltung und damit Widerstand gegen das natürliche Gefälle jedes Gefühls besteht; die bei größter Wärme das Geheimnis des anderen nicht durchdringen will, vor seinem Privaten haltmacht und damit die besondere Tugend der Ferne zur formenden Lebenskraft macht. Für diese Art Gefühl gibt es keine Bezeichnung, weil wenige ihrer fähig sind. Eine Annäherung an deren Wesen schafft Klages’ Begriff des Eros der Ferne, eine andere der französische der amitié amoureuse. Aber dieses Gefühl enthält und bedeutet viel mehr, als in den letztgenannten Begriffen liegt. Seine Haupttugenden bestehen darin, daß es keiner Entspannung zustrebt, daß es in hohem Grade selbstlos ist, daß es den Partner nur fördern will und darum dessen Wachstum fordert. Es ist nicht Liebe, aber Dantes und Petrarcas Lieben hatten teil daran. Es ist auch nicht Freundschaft, denn für das bloß Private, ja für das banale Leben des Freundes überhaupt bedingt dies Gefühl kein Interesse. Aber alle engen produktiven Freundschaften zwischen Mann und Weib waren durch diese Komponente bereichert. Beide Arten von Gefühlen haben in meinem Leben, bald rein, bald vermengt, eine sehr große und wie nichts anderes mein Seinsniveau steigernde und meine Entwicklung beschleunigende Rolle gespielt. Da diese Frauen nun allesamt Zeitgenossen waren, so muß ich das früher Ausgeführte dahin ergänzen, daß Zeitgenossinnen von Etappe zu Etappe sehr viel für mich bedeutet haben. Einige Erinnerungen aus diesem Erlebnisbereich werden dieses Kapitel sinnvoll abschließen. Zum Besten der vielen törichten Männer, welche das Folgende mißverstehen oder absichtlich mißdeuten werden — die meisten Männer urteilen in solchen Dingen seelenlos primitiv — sei aber ausdrücklich vorausgeschickt, daß ich nie zu denen gehört habe, welche Glück bei Frauen haben. Dieses haben nämlich nur die Männer, die ein ebenso unmittelbares Verhältnis zum Weibe als Genuß und eine ebenso unmittelbare Ausstrahlungskraft und Antwortfähigkeit ihm gegenüber haben, wie der Hirsch in der Brunftzeit. Das klingt häßlich, aber es ist nicht anders. Im Falle einiger Männer wirkt Sexus so unmittelbar auf Sexus oder beseeltes Begehren auf sehnsüchtige Erwartung oder Eroberungs- auf Hingabewillen, daß beinahe augenblicklich nach Auslösung strebende Spannung oder aber der Ansatz zu fester Bindung entsteht. Diese unmittelbar von Unbewußtem zu Unbewußtem wirkenden Eigenschaften fehlten mir zeitlebens ganz. Nur vom detachierten Geist und der ursprünglich wunschlosen Seele her sind von mir aus je menschliche Beziehungen entstanden; darum habe ich kein einziges Mal im Leben zu erobern versucht und haben nur solche Frauen spontan auf mich angesprochen, die eine geistig-seelische Beziehung zu mir hatten. Und das können der Natur der Dinge nach nur wenige gewesen sein.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
I. Ursprünge und Entfaltungen
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME