Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

I. Bewußtseinslagen und Welthorizonte - Gedächtnis

Eins der Dinge, die mich von Kind auf am meisten geärgert haben, ist das schlechte Gehör von Dienstboten. Unglaublich häufig hören sie wirklich und ehrlich nicht, wenn nach ihnen geschellt wird, und sei es so laut, daß ich es auf hundert Meter vernehme; von dem zu schweigen, was ihnen gesagt wird oder zumal dem, was sie einem ausrichten sollen; was letzteres betrifft, so kann ich mich kaum eines Falls erinnern, wo der Übermittler oder vor allem die Übermittlerin nicht mehr oder weniger Irreführendes weitergegeben hätten. Zum Teil beruht das natürlich auf der unwillkürlichen Abneigung der dienenden Menschen, einer für ihre eigenen Begriffe ganz bestimmten sonderlichen Menschenart, mehr zu leisten, als unumgänglich ist; wo er, zumal als Hauptangestellter, mit seiner ganzen Arbeitskraft verpflichtet ist, — ein gerade in diesem Zusammenhang sinngerechtes Wort — will er naturgemäß für sich an Zeit und Bewegungsfreiheit retten, was irgend zu retten ist. Auch die Ausschließlichkeit des Fachmanns hat hier ihren tiefsten Grund. Ursprünglich waren nur Sklaven oder Banausen, wie sie die Griechen hießen, Fachleute; die von aller Menschlichkeit sterilisierte Sachlichkeit des modernen reinen Fachmanns geht sicherlich darauf zurück, daß der Sklave nach antiken Begriffen selber eine res, eine Sache war. Daher überhaupt die Idee, daß Können einen Marktwert habe. Der Herr hatte sich, par définition, von jeher von überlegener Warte aus für alles zu interessieren; er war grundsätzlich niemals Spezialist; Herrentum hatte darum auch nie einen Marktwert — die Urform des Amtes höherer Stufe ist das Ehrenamt — und auch die Arbeit nicht, die nicht auf Befehl ausgeführt werden konnte, wie staatsmännische, künstlerische, überhaupt geistige. Und insofern ist es sinnvoll, daß die Emanzipierung und Niveauhebung der Massen überall mit einer Befreiung aus der schicksalsmäßigen Gebundenheit an einen bestimmten Beruf zusammengeht. Was zuerst in Amerika das soziale Bild bestimmte, ereignete sich gleichsinnig seit 1933 in Deutschland. Vielleicht hat der Grad des Freiseins eines Menschen seinen sichersten Exponenten überhaupt in dem, wieviel er tut, ohne dazu verpflichtet zu sein oder materielles Entgelt zu erwarten, und damit zum Schenken geneigt ist. Doch das nicht-Wollen — wie sehr müssen die Römer ursprünglich zum Herrschen bestimmt gewesen sein, daß sie hierfür ein eigenes Verbum, nolle, hatten! — genügt nicht zur Erklärung dessen, was mich von jeher am nicht-Aufmerken dienender Menschen verdrießt: die meisten Leute in niederer Lebensstellung überhaupt bemerken nichts, was sie nicht im Sinne allerdringlichster Notdurft angeht, weil es sie in keiner Weise interessiert. Daher die grausame Strenge der militärischen Disziplin, deren Zweck ist, den Subalternsten zum Aufmerken und sofortigen richtigen Ausführen eines Befehles zu zwingen. Abend für Abend während des Weltkrieges und der beginnenden russischen Revolution, wenn ich das Essen für den nächsten Tag bestellte, fragte ich die sehr kluge Rayküller Wirtschafterin Marie Jaakson, das Urbild des Lamas der Südamerikanischen Meditationen, nach dem, was sie gehört hatte — denn die Post kam nicht täglich und brachte meist sehr verspätete Nachrichten; so hörte ich von der Revolte der Matrosen in Kronstadt, mit welcher die Revolution von 1917 anfing, erst zehn Tage später — und beinahe jeden Abend antwortete sie mir ausdruckslos-gelangweilten Antlitzes mit den gleichen Worten:

Ich habe nichts gehört und habe auch nicht gefragt.

Wie viele Deutsche mögen den dreißigjährigen Krieg bemerkt haben? Noch vom ersten Weltkriege sind Millionen Europäer innerlich unberührt geblieben; erst durch die Einführung des Rundfunks wird das vielleicht langsam anders. Aber auch während des zweiten Weltkrieges durchwanderten die meisten Mannschaften der verschiedenen Heere die fremdesten Landschaften im Zeichen der Selbstverständlichkeit. Dem dauernden Erlebnisgehalte nach beurteilt, hatten sie wenig mehr vom Ortswechsel, als jener russische Bauer, welchen ein Freund von mir während des ersten Weltkrieges in Armenien pflügen fand.

Wo kommst du her? Aus der Gegend von Dünaburg. Wie kamst Du hierher? Dessen erinnere ich mich nicht mehr. Einmal wurde ich evakuiert. Aber es ist ja alles dasselbe: der Himmel, die Erde, die Pferde, man pflügt. —

Das völlige Verkennen seitens der Franzosen und Engländer dessen, was in Deutschland seit 1933 vorging, hat mindestens ebensoviel Interesselosigkeit als unerschütterbares Vorurteil zur Ursache: sie bemerkten es einfach nicht. Besonders gering war das Interesse für alles nicht Nächstliegende in den Jahrzehnten, über welche ich aus Erfahrung urteilen kann, in Frankreich. So war ich sehr erstaunt, als 1913 in Biskra, jener herrlichen Oase der französischen Sahara, welche als Vorbild zu Hichens Garden of Allah diente, — dort schrieb ich den Indien-Teil des Reisetagebuches — meine Hotelwirtin, die im übrigen sehr kluge Madame Schmidt aus Saarlouis einmal die Nummer der Revue Hebdomadaire, die ich gerade las, wegen der Memoiren eines Generals des siebziger Kriegs sehen wollte.

Wie kommen Sie darauf, sich hierfür zu interessieren? fragte ich. Aber ich war doch seine Köchin! erwiderte sie und warf sich stolz in die Brust.

Allgemach bin ich zur Überzeugung gelangt, daß Platos Lehre, der Mensch sehe nicht mit den Augen, sondern mittels der Augen, für alle Sinne und alle Erfahrung in dem Verstande wahr spricht, daß das Bemerken und nicht-Bemerken, das Verstehen und nicht-Verstehen zu weit über fünfzig Prozent von psychologischen und nicht physiologischen Umständen abhängt. Aus tiefer Berührtheit entspringendes lebendiges Interesse kann sogar in solchen Fällen Leistungen ermöglichen, welche sonst hohe Begabung voraussetzen, wo dieses theoretisch unvorstellbar scheint. Andererseits war aller weit auseinander liegende Stufen überspringende Fortschritt Kind der Not. In meinem persönlichen Fall ist zwischen psychologischer und physiologischer Bedingtheit dessen, was mir gut auskommt, schwer überhaupt zu unterscheiden. Was mir wirklich schmeckte, und sei es noch so ungesund, hat mir kaum je geschadet. In meiner Ästhetenzeit gab es Perioden, wo ich mit Ohnmachtsanfällen zu kämpfen hatte, wenn mich ein Tischnachbar langweilte. Mein physiologisch bestimmbares Gehör war nie sehr gut, heute (1940) soll es zur Hälfte der Norm herabgemindert sein, doch noch mit sechzig Jahren höre ich dort das Gras wachsen, wo ich mit starkem Interesse hinhöre. Gleichsinnig brauche ich heute noch sehr viel schwächere Brillen, als ich nach dem objektiven Befund benötigen sollte, weil Konzentrationskraft bei mir die physiologischen Defekte in solchem Grade kompensiert, daß dieser Umstand bei der Gläserwahl beinahe an erster Stelle zu berücksichtigen ist. Wie ich 1909 beinahe einen Monat lang, nach einer Augenoperation, künstlich des Augenlichts beraubt war, sah ich nach wenigen Stunden Gehörtes bildhaft vor mir stehen, sodaß ich später mit meinem inneren Auge gleichsam nachlesen konnte — wo ich sonst gar nicht Ohrenmensch bin. Mein Gedächtnis zumal ist in beinahe lächerlichem Grad Funktion des Interesses: was mich nicht fesselt oder was ich nicht unbedingt zu behalten brauche, vergesse ich gleich. Andererseits fällt mir das, was ich in produktivem Zusammenhang zu wissen benötige, so sicher wieder ein, daß ich seit Jahrzehnten auf Notizen beinahe ganz verzichte. Jeder wird gleichsinnige Beispiele aus seiner persönlichen Erfahrung anführen können. Hier führe ich nur aufs Geratewohl noch die folgenden an: das typischerweise bessere Gedächtnis, über welches der Analphabet gegenüber dem des Lesens und Schreibens kundigen Manne aus dem Volke verfügt; die gegenüber der des Europäers ungleich größere Kombinationsgabe jedes des Lesens und Schreibens kundigen Chinesen, die auf der Unmöglichkeit beruht, chinesische Schrift, welche mit Beziehungssymbolen arbeitet, ohne verstehende Zusammenschau zu meistern; die mit rasender Geschwindigkeit verdummende Wirkung der Schreibmaschine, welche in dem, der sich ganz auf sie einstellt, beinahe zwangsläufig die Fähigkeit zum Handschriftlesen und damit zur konzentrierten Aufmerksamkeit im Zusammenwirken von Auge, Hand und Verstand tötet; endlich den Initiativeverlust, welchen die Gewohnheit passiver Hinnahme fertiger Information, als welche selbst-Bemerken und selbst-Denken überflüssig macht, erfahrungsgemäß zeitigt. Ich bin wohl in den meisten Hinsichten durch besonders reiche Erfahrung bevorrechtet: als eine der bedeutsamsten empfinde ich die Spannung zwischen meiner unter scharf beobachtenden Analphabeten verbrachten Kindheit und der Jugend der vierziger Jahre dieses Jahrhunderts, welcher immer mehr alles, was organisch zu entwickeln wäre, von Erziehern und Beurteilern abgenommen wird, mit der einzigen Ausnahme körperlicher Ertüchtigung. Heute können unzweifelhaft viele hundert Male mehr junge Leute Rad schlagen und Kopfsprünge machen, als zu irgend einer Zeit außerhalb des Zirkus gang und gäbe war.

Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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