Schule des Rades

Hermann Keyserling

Reise durch die Zeit

III. Wandel der Reiche

IV. Polverschiebungen - Frauenrechte

Wie ich am Anfang meiner zwanziger Jahre stand, hieß mich meine erste Pariser Gönnerin, die Wagner-Freundin Gräfin Wolkenstein, den modernen Frauenlob. Obgleich ich, wie schon gesagt, von Natur Patriarch im Gegensatz zum Matriarchen bin, nie in der Frau ein höheres Wesen sah und unter allen geltenden Konventionen gerade die, welche das Weibliche überwerten und in ihm ein primär Heiliges und jeder Bevorrechtung Würdiges sehen, am wenigsten anerkennen konnte — mir war von Jugend auf jeder Mensch in erster Linie Mensch, das Geschlecht trat bei mir dann erst in den Vordergrund des Bewußtseins, wenn eine erotische Beziehung zu einer bestimmten Frau in mir wirksam wurde — hatte ich von früh auf Freude allein am weiblichen Verkehr. Nie habe ich eine homoerotische Phase gehabt, ohne welche die Idee des Männerbundes und der Kameradschaft unmöglich zur Dominante werden kann. Meine ausgesprochene Abneigung gegen den einseitig herausdifferenzierten Mann hatte verschiedene Gründe, von denen im Lauf dieser Erinnerungen auch auf mehrere eingegangen worden ist. Aber der tiefste Grund war wohl der folgende: so starke Zerstörungstriebe in mir selber leben — als Geist neige ich dermaßen ausschließlich dem Positiven und Konstruktiven zu, daß ich zutiefst nur Aufbauendes bejahen kann. Und aufbauend ist im Rahmen der Natur überall das weibliche Element. Ferner mußte ich, gerade wegen der Stärke des Zerstörerischen in mir auf der Ebene dieser, in Kompensierung dessen, das Erhaltende und Hegende der Frau, das Mütterliche in ihr, besonders bejahen, zumal das Kind in mir, das unsterbliche, dank gewisser Kindheitserlebnisse ausgehungert verblieb. So verfiel ich früh, wie die meisten feinempfindenden Männer, zumal dem Charme der Französin — der für Freundschaft begabtesten unter allen Frauen; das ist sie, obwohl sie zugleich die das Geliebtentum am unbefangensten bejahende ist, insofern sie im Mann in jeder Lebenslage in erster Linie den zu befreundenden, in seiner Beziehungslosigkeit zum Mitmenschen unsicher Dastehenden und darum zu Erfreuenden sieht, ja den in seinen Eigenheiten festgefahrenen Philister — denn in seiner Routiniertheit ist das jeder Mann und nur wo dieser Teil von ihm bejaht wird, fühlt er sich wirklich verstanden und wohl. Dann war und ist die Urnatur in mir fortlaufend kulturbedürftig und alle Bildung erfolgt vom weiblichen Prinzipe her. Mögen die konstruktiven Impulse in der überwältigenden Mehrheit vom Manne stammen — immer ist es das ewig-Weibliche, welches das Streben in Werden umsetzt und damit dem normalen Rhythmus des Lebens einordnet. Das Weib perhorresziert in seinem Lebenskreis das Zerstörerische überhaupt; daher schon seine Abneigung gegenüber Ausschweifung und Maßlosigkeit, seine Überwertung der Gesundheit und der Norm; daher sein besonderer Konservativismus, der mit dem männlichen nichts gemein hat. Den Modewechsel fordert die Frau und nicht der Mann. Jede neue Bewohnerin eines Hauses möchte es am liebsten von Grund auf ändern, alles ihr überflüssig Erscheinende womöglich verbrennen, und wechselt eine Frau im Zeichen neuer Liebe den Mann, so vergißt sie den Vorgänger wirklich oder erscheint jedenfalls unbelasteter durch die Erinnerung an ihn, als je von einem wiederverheirateten Witwer gilt, welcher beinahe immer so taktlos ist, der neuen Frau von ihrer Vorgängerin vorzuschwärmen. Aber das Leben — wenn auch nur das Leben der ihr Nahestehenden — soll in der Verwandlung ruhig und ungefährdet fortgehen. Vernichtung desselben als Ziel kann sie weder verstehen noch anerkennen, so große Anziehungskraft gerade der Krieger als ihr Gegenpol auf sie ausübt. (Hier begegnen wir einer der ausgesprochensten unter den zahllosen Paradoxien des Lebens; so sind es gerade die matriarchalischen Zustände, innerhalb welcher der Mann besonderen Abenteurer-Sinn und Todesmut zu beweisen hat, weshalb er in solchen besonders kriegerisch — allerdings im Gegensatz zu militaristisch! — erscheint). Hier setzen die gebieterischsten aller Urinstinkte und aller noch tiefer als diese belegenen Bildekräfte des Lebens bei ihr ein. Genau wie in Kriegszeiten, wo die Männer in den Tod gehen, keuscheste Jungfrauen den Drang spüren, sich den morituris hinzugeben, genau wie mehr Kinder in Zeiten der Drangsal geboren werden als sonst, genau wie es in Rußland trotz beispielloser Dezimierung der Bevölkerung durch Krieg, Zwangsarbeit, welche zum Tode durch Erschöpfung und Krankheit führen muß und Hungersnöte entsetzlichsten Ausmaßes zu Beginn des zweiten Weltkrieges sehr viel mehr Einwohner gab als 1914, genau wie zu Zeiten des Hinsterbens der Männer in der Fremde, wie es zumal im Mittelalter häufig vorkam, trotzdem legitime Erben geboren wurden, so duldet die Frau einfach nicht den Untergang des Lebens. In diesem Zusammenhang ereignen sich zuweilen, und wahrscheinlich häufiger als man denkt, richtige Naturwunder — so weiß ich aus dem Jahre 1944 von drei Erstgeburten von Frauen, die das fünfzigste Jahr erreicht oder überschritten hatten.

Gerade der männlichste Mann unterliegt nun am stärksten dem magischen Einfluß der echten Frau; der übervermännlichte und dadurch geschwächte kann sich, falls er nicht homosexuell ist, ihrem bestimmenden Einfluß auf die Dauer überhaupt nicht entziehen. Und es gibt weit weniger echte das heißt anlagemäßig geborene Homoerotiker, von Homosexuellen zu schweigen, als es in Zeiten bestimmender Männerbünde nicht umhin kann, den Anschein zu haben. Die Homosexualität der meisten, von denen ich weiß, ist nichts als ein Ausdruck maskuliner Schwäche: es bedarf geringeren Muts und geringerer Initiative um einen Mann zu erobern als eine Frau; hier liegen die Dinge kaum besser als bei der Onanie. Der Onanist ist vom Standpunkt der Natur der absolut Vereinsamte, der restlos Isolierte. Von hier aus gelingt es am leichtesten, den tiefsten Sinn der Schwächung des Mannes in dieser Zeit und der Dominanz seiner Zerstörungstriebe zu erfassen. Und in diesem Zusammenhang verdanke ich viel Einsicht der kleinen aber tiefsinnigen Studie Gregorio Marañóns Soledad y Libertad (Einsamkeit und Freiheit im Sammelbändchen Vida y Historia 1943 bei Espasa Calpe veröffentlicht). Laut Marañón fühlt sich der Mann überhaupt kosmisch vereinsamt; seiner Ur-Stellung entspricht daher das von Sir Galahad erfundene mythische Bild, das Ur-Weib — gleich mir und gleichzeitig aber unabhängig von mir vertrat diese geistreiche Frau 1932 die Einsicht, daß im Anfang das Weib war und nicht der Mann — hätte irgend einmal die männliche Geißelzelle aus sich wieder herausgeschleudert, diese hätte sich verselbständigt, sei aber nie wirklich selbstgenügsam geworden und strebe daher krampfhaft zur Vereinigung mit der Frau zurück, welche allein den Mann aus seiner Isoliertheit erlösen kann; daher sein Streben nach Liebe, Freundschaft, Intimität überhaupt und seine dauernde Angst vor der Einsamkeit, die ihm Ungeborgenheit bedeutet — die Frau strebt gar nicht danach, sie hat diese Qualitäten und Zustände in sich und strahlt sie aus, wobei ihre Strahlen andererseits Fangarmen vergleichbar sind. Eben diese letzte Einsamkeit des Mannes verdeutlicht Michelangelo großartig im vatikanischen Fresco, welches die Schöpfung Adams darstellt. Eine gleiche kosmische Einsamkeit kennt die Frau überhaupt nicht, da sie sich nicht allein als tatsächliche Mutter, sondern schon als mögliche mit dem Gesamtkosmos intim verbunden fühlt. Daher die seelische Sehnsucht des Mannes nach der Frau, denn innerliche Verbundenheit mit dem Kosmos ist überhaupt nur im Zeichen der Intimität möglich; von sich aus kann er ihn nur von außen her umfassen, als Weltanschauer, Philosoph und Organisator. Das mir völlig Neue an Marañóns Feststellungen war nun, daß die Angst vor der kosmischen Einsamkeit beim Mann in den Jahren höchster sexueller Potenz am geringsten ist: ein so Peripherisches das Zeugen dem bewußten Wesen des Mannes bedeutet, in seiner Natur-Tiefe ist als Zeuger auch er mit dem Kosmos verbunden. Darum kennt er in diesen Jahren am wenigsten Angst und Sorge, geht er dann am leichtesten Risiko ein, opfert er dann am unbedenklichsten sein Leben — während das männliche Kind bis zur Pubertät ausgesprochene Angst vor der Einsamkeit hat, und dann wieder der alternde Mann, als welcher darum im Zeichen der sogenannten herbstlichen Liebe so häufig ganz unerwarteter Weise heiratet oder auf seltsame Abwege gerät.

Von hier aus wird man am tiefsten dessen inne, wie tief der Mann der Frau bedarf, außer in den Jahren der jugendlichen Homoerotik, als welche nach Gustav Heyers richtiger Deutung ein normales Stadium im Mannesleben darstellt als Weg der Loslösung vom weiblichen Einfluß der Kinderstube; nur in rein männlicher Gemeinschaft, auf die sich auch alle seine Gefühle projizieren, reift der Knabe zum Mann und erst von dorther findet er — was das Muttersöhnchen niemals tut — den Weg zur Frau als zur Geliebten, erst ab dann kann er als echter Mann an sie herantreten. Doch kurze Berührung genügt nicht. Ohne innigen Zusammenhang mit der Frau bleibt der Mann kosmisch vereinsamt, gleichwie Adam vor der Schöpfung Evas; eben um dessentwillen kam ja Gott auf den Gedanken letzterer, denn von sich aus bedarf der Geist keiner Zweisamkeit und so mußte der Weltschöpfer in diesem Fall recht eigentlich von seinem Geschöpfe lernen. Der Mann ist nun auch wesentlich einsam, insofern er Geist ist und das Einsamkeitsbewußtsein und das Bekenntnis zu ihm sind sogar die Vorbedingungen seines Freiheitsgefühls und der Möglichkeit, seine Freiheit auszuwirken. Auf der Ebene der Natur hingegen liegen die Dinge dauernd so, daß es, in den Worten der Bibel ausgedrückt, nicht gut ist, daß der Mensch allein sei. Bleibt es nämlich bei der kosmischen Isoliertheit, dann übersteigert sich der normale Zerstörungstrieb des Mannes durch Zerstörung des lebendigen Gleichgewichts. Im positivsten Falle, der nur bei höchster Geistigkeit eintritt, strebt der Mann dann nach dem Nirvana; dieses Wort benütze ich hier als Sinnbild für alles letztlich Gleichsinnige; denn im Rahmen der Natur bedeutet Streben über sie hinaus nur eine Abart des Vernichtungstriebs. Von hier aus offenbaren sich mehrere selten bemerkte Aspekte des Vergeistigungs-Problems, auf die ich an dieser Stelle jedoch nicht näher eingehen will. Der Erd-zugekehrte Zerstörer will sich einfach vollkommen isolieren, um an der Grenze des Möglichen im entleerten Weltraum die ihm entsprechende Umgebung zu fühlen; diesen Grenzzustand versinnbildlicht gut ein jahrelang immer wiederkehrender Traum von mir, in welchem ich mich als letzten Menschen auf der verödeten Erde schaute und vor Freude darüber auflachte, endlich allein zu sein. Hier liegt denn der kosmisch tiefste Sinn des Selbstzerstörungstriebes der jüngeren Männer dieser Zeit; sie fühlen sich vollkommen isoliert; wahrscheinlich hängt dies zum großen Teil mit der vom Geisteskollektivismus erzwungenen, dem Einsamkeitstrieb des Mannes überhaupt nicht Rechnung tragenden Vergemeinschaftung zusammen. Aber eben diese Isolierung schwächt sie bis zu den Grenzen der physischen Impotenz einer-, der Entgeistung andererseits.

Mit diesem Sätze berühren wir ein äußerst Wichtiges aber bisher noch gar nicht ausdrücklich Gesagtes: die Natur konstelliert Geist und umgekehrt. Zwischen Natur und Geist besteht zwar kein Polaritätsverhältnis, wohl aber, wie innerhalb alles zusammenhängenden Lebens, woselbst das Ganze vor den Teilen da ist, ein solches der Korrelation. So hängt geistige Potenz mit einem starken Geschlechtstrieb innig zusammen. So bedingt Entwurzelung aus der Erde zugleich Halt- und Verantwortungslosigkeit des Geists — nichts war typischer für die nur-Intellektuellen des letzten halben Jahrhunderts. Aus dem Bewußtsein dieses Zusammenhangs heraus ist das Sinnbild des vollkommen verkörperten Gottes erwachsen, in welchem Zusammenhang der christliche ganz Mensch gewordene Gott als vergeistigte Abart des antiken erscheint. Hier fühlt die Frau wiederum Ursprungs-näher, insofern sie ursprünglich Phallus, Guru und Geist in eins zusammenschaut oder als unauflösliche Einheit erlebt, wovon später mehr. Schon Goethe schrieb der Frau einen ursprünglichen Sinn dafür zu, was im Leben zusammenhängt. Sie erlebt eben unmittelbar auch die ihr unbewußten Zusammenhänge. Wogegen der Mann gerade diese kaum überhaupt zu realisieren fähig ist. Darum bedingt sein heutiger Zustand als allgemeinster Ausdruck Gleichgültigkeit gegen das Leben, das eigene inbegriffen.

Bei der Frau muß diese Gleichgültigkeit eine Revolte ihres ganzen tiefsten Wesens auslösen. Zwar sehe ich keinen Generalaufstand der Frauen voraus, wie solcher laut Frobenius in den Zeiten, da matriarchale und patriarchale Lebensformen um die Vorherrschaft rangen, vorgekommen sein soll, wohl aber eine unaufhaltsame Insinuierung, Einfiltrierung und ein in der Stille immer mehr bestimmend-Werden weiblicher Werte und Ideale in des Lebens Gesamtstruktur. Denn auch die an sich der Mann-Weib-Polarität überlegenen positiven Geisteswerte müssen bei der heutigen Konstellation im Zusammenhang mit einem neu-Erstarken des weiblichen Prinzips in die Erscheinung treten. Ich betone hier wieder, daß es sich bei dieser Polverschiebung um ein viel Tieferes handelt als um eine Auseinandersetzung zwischen dem empirischen Mann und der empirischen Frau, nämlich um die Anbahnung eines neuen Gleichgewichtszustands zwischen dem schöpferischen und dem empfangenden Prinzip (dem chinesischen Yang und Yin). Darum ist vorauszusehen, daß die Frau bei der Verschiebung der Pole schwerlich weithin sichtbar die Initiative ergreifen wird; das tat sie in der Zeit ihrer Emanzipationskämpfe und deren Erfolg war neben vielen positiven Erreichnissen die Schwächung des Weiblichen in ihr. Ihr normaler Weg ist derjenige der Evozierung dessen, was sie will, im Manne und dann des leidenschaftlichen Eintretens dafür, was er herausstellte; so arrangiert sie voll Schläue ihr eigenes Verführtwerden, auch wo sie zweifellos die Verführerin ist. Gleichsinnig wünscht sie, daß der Mann das ausspricht, was sie zuerst erahnte, und dann seinem Worte zu folgen; genau so war es auch zu Beginn des Christentums. Dem Ergreifen geistiger Initiative bei der Frau stehen von ihrer ewigen Natur her schwerzuüberwindende Hindernisse im Wege: erstens ihr Sinn für Erhaltung des Bestehenden, zweitens ihr Art-typischer Mangel an Phantasie, drittens ihre geringe Ausdrucksfähigkeit, endlich und vor allem aber der schwerzuüberwindende Zwiespalt in ihrer Seele, der dadurch bedingt ist, daß sie einerseits andauernd durch Nächstliegendes beschäftigt sein will, also ihr Hang zur drudgery, andererseits ihre Neigung, allen Wandel von außen her, als etwas, das ihr geschieht, vom Mann oder einer bestehenden Institution oder, im Extremfall, von Gott zu erwarten. (Die nichtstuende und darauf stolze Dame bedeutet wohl einen Kompromiß zwischen diesen Gegensätzlichkeiten, und darum allein ließ sich der arbeitsfreudigste Teil des Menschen­geschlechts wohl so oft zu einem Luxusprodukt hinan- oder herabzüchten). Letzterer Zwiespalt wird beinahe unüberbrückbar dank dem, daß die Frau das Empfangene ganz anders erlebt als der Mann, und ihr eigenes Erleben typischerweise nicht auf übertragbare Weise ausdrücken kann; bei letzterem Versagen spielt sicher auch die Scham mit. Wahrscheinlich war dies in von Bildern und nicht von Worten her lebenden Zeiten anders: die christliche Überlieferung enthält viele Sinnbilder rein weiblicher Mentalität (die Mutter Gottes, die Fußwaschung, die Hausgeräte um das Christuskind herum, das Heilige Abendmahl und so fort). Heute aber werden die Antinomie dominant, die ich hier schildere, und dies spricht dafür, daß die neuen Ideale der Frau wieder einmal von Männern formuliert werden dürften.

Oswald Spengler, dieser große Historiker, der sich aus zeitgeistgeborenem Mißverständnis heraus als Prophet stilisiert hatte, hat den Begriff der Pseudomorphose in die Geschichtsforschung eingeführt und ich halte diesen für einen der fruchtbarsten unter den neueren Begriffsbildungen. Zutiefst waren die Frauen nie echt, wenn sie sich vermännlichten. Zutiefst und letztendlich verfolgten sie doch immer weibliche Ziele — nur wußten sie es nicht. Ich habe die Hauptetappen der Frauenemanzipationsbewegung miterlebt, mehrere von den Vorkämpferinnen persönlich gekannt, und muß sagen, daß diese Bewegung zum bemerkenswertesten gehört, was ich erfahren habe. Der Kampf ausgerechnet um offizielle, verbriefte und anerkannte Frauenrechte — wo die Frau von jeher gerade dank ihrem grundsätzlichen Standpunkt außerhalb der Rechtsordnung geherrscht hat, wo sie es überhaupt tat; darum sträubten sich die instinktsicheren romanischen Frauen bis vor ganz kurzer Zeit gegen jede Offizialität, ähnlich wie Stalin bis gegen Ende des zweiten Weltkriegs nie mehr sein wollte, als bescheidener Generalsekretär der Partei und gerade darum unbeschränkten Einfluß ausübte — der Kampf ausgerechnet um Frauenrechte war natürlich eine Ausgeburt des Animus, der nach Jung in der untersten Tiefe jeder Frauenseele lebt; eines höchst unsympathischen Gremiums dogmatischer, rechthaberischer und formalistischer Herren ohne Phantasie. Aber nach so langer Unterdrückung der Frau in nordischen und nordisch bestimmten Ländern mußte dieser Kampf wohl begonnen und durchgekämpft werden — denn wie wir später noch sehen werden, unterliegt der nordische Mann besonders schwer dem magischen Einfluß der Frau, sodaß ihr wohl nichts anderes übrig blieb, als sich öffentlich anerkannte Rechte zu sichern, wenn sie nicht unterdrückt werden oder bleiben wollte (vom Siege der nordischen Frau haben dann natürlich alle Frauen auf Erden Gewinn gezogen); und korrelativ dazu ist die nordische Frau weniger als andere befähigt, durch Auswirkung ihrer natürlichen Magie zu herrschen. Der Rufer im Streit um die Rechte der Frau war Ibsen, und sein Kampf hat nicht nur in Skandinavien, sondern überall in nichtromanischen Ländern zum Siege geführt, weswegen es Ibsen-Probleme für die jüngeren Frauengenerationen nicht mehr gibt. Diese Bewegung ist heute erledigt, weil sie vollständig gesiegt hat. Dann kam die amerikanische Frauenbewegung, welche zur Zeit, da ich dieses schreibe, noch in hohem Maße den Ton angibt, vor allem auch im Osten und Fernen Osten. Über diese habe ich mich zwar im Kapitel Die Vorherrschaft der Frau in Amerika ausführlich ausgesprochen — aber das Folgende bleibt als Ergänzung doch zu sagen übrig. Es ist eigentlich sehr merkwürdig, daß es gerade in Amerika zu einer Frauenbewegung im Zeichen der Vermännlichung gekommen ist. Denn die ganze Vorzugsstellung der Frau beruhte drüben gerade auf ihrer Weiblichkeit — zu Beginn der Kolonisation und lange nachher gab es sehr viel weniger Frauen als Männer, entsprechend wurden sie umworben, umschmeichelt und privilegiert und diese Tradition ist es, dank der sich die Amerikanerin dem Amerikaner gegenüber als Glied einer höheren Kaste fühlt, welcher der Mann selbstverständlich zu dienen hat. Und tut er letzteres wirklich, läßt er es sich andauernd gefallen von ihr als Angestellter behandelt zu werden, der für sie schuften und Geld verdienen muß, der von ihr rücksichtslos entlassen wird, wenn er ihr nicht mehr paßt und aufrichtig dankbar ist dafür, daß er sie mit Reichtümern überschütten darf — vor dem zweiten Weltkrieg sollen gegen siebzig Prozent des amerikanischen Nationalvermögens in weiblichen Händen gewesen sein — so beweist dies, daß er sie wirklich als höheres Wesen ansieht, das zu verehren und dem zu dienen ihn ehrt. Alles das ist augenscheinlich nur möglich, weil der Amerikaner die Amerikanerin als Frau verehrt. Trotzdem hat sie sich im letzten halben Jahrhundert dem Männergeiste mehr verschrieben, wenn auch in besonderer Form und vor allem innerhalb bestimmter der unwandelbaren Frauennatur Rechnung tragender Grenzen, als irgendwo sonst. Wie ist das zu erklären? Nun, ich sehe in diesem Geschehen einen Ausdruck eben des Antizipatorischen, von dem ich oben sprach, nur in der Form einer besonders ausgesprochenen Pseudomorphose. Die amerikanischen Frauen fühlten instinktiv, als die Weltenstunde dafür gekommen war, daß zeitweilige Angleichung an den Mann erforderlich war, um ihn später vollständig zu beherrschen, welches Ziel sie ja heute äußerlich — was für das bisherige Amerika so gut wie alles bedeutet — nahezu erreicht haben. Nie ließen sich die Amerikanerinnen so gleichschalten, wie ihre Schwestern in mehreren europäischen Ländern; nie zum Beispiel vertraten sie Ideale der Härte und Unmenschlichkeit, im Gegenteil: sie verschrieben sich extrem humanitären Ideologien. Dafür übernahmen sie in anderen Hinsichten mehr vom Mannesgeist als je in Europa geschah; zum Beispiel, dessen Organisationslust und -wut, die Bevorzugung des öffentlichen vor dem privaten Leben bis zur völligen Vernachlässigung des letzteren, und last not least die männliche Sexualmoral. In letzterer Hinsicht mögen kontinentale Einflüsse mitspielen. Die Indianer waren von je extrem unerotisch und relativ steril — nie gab es deren auf dem Boden der Vereinigten Staaten viel mehr als heute — und abgespaltene Wollust und Trieb nach solcher stellt sich meist dort ein, wo die normalen Impulse versagen oder pervertiert sind. Hierher gehört gewiß auch das phantastische Saufen der Amerikanerin, deren Verbrauch an reinem Alkohol demjenigen Orgien-froher Russen, zumal als tägliche Gewohnheit, jahrelang bei weitem überstieg.1 Aber andererseits will die Amerikanerin, wie gesagt, besonders schön und weiblich sein, wie immer sie das verstehe; sie denkt nicht an Verleugnung ihres Geschlechtes, wie lange Zeit die europäische Frauenrechtlerin, die in ihren ersten Stadien sogar einer ausgesprochenen Kultur des Unschönen fröhnte — mit Grauen denke ich an ihre Reformkleider zurück. Darum kann ich in der Vermännlichung der amerikanischen Frau, wie schon gesagt, nur eine zeitweilige, dem Zeitgeist entsprechende Pseudomorphose sehen. Amazone, als welche ich sie 1928 in meinem Amerika-Buche schilderte, mag sie vielleicht bleiben — aber die echten Amazonen waren und sind durchaus keine Mannweiber, sondern besonders spezialisierte Typen herrschender Frauen; auf dem Herrschen, nicht auf ihrem Kämpfen liegt der Nachdruck.

Die Amerikanerinnen trugen also auf ihre Weise dem extrem männlichen Zeitgeist der nunmehr vergehenden Epoche Rechnung. Das ist desto bemerkenswerter und bedeutsamer, als sie es nicht nötig hatten. Im Verlauf des totalen Kriegs nun hat sich ein Großteil der europäischen Frauen total im Zeichen übermännlicher Ideale in die Front der Männer eingereiht. So sehen sie das mit ihren Urinstinkten vollkommen inkompatible Zerstörungswerk des Mannes aus allernächster Nähe, vor allem in Mitteleuropa. Dort erleben die Mädchen den Krieg zum größten Teil recht eigentlich als Frontkämpferinnen, die Frauen als Munitionsarbeiterinnen, wo sie auf gleicher Ebene und Stufe mit den Männern zusammenarbeiten, büßen sie zwangsläufig die wenigen Privilegien ein, die eine sehr unritterlich gewordene Zeit ihnen noch gelassen hatte. Dies ist die Folge dessen, daß sie, abgearbeitet und abgekämpft, immer weniger Wunschbilder des Mannes verkörpern können. Nachgerade merken es alle weiblichen Frauen: das verschwitzte, von Wind und Wetter abgehärtete, übertüchtigte, restlos entzauberte B. d. M.-Mädchen2 wird dem echten Manne mehr und mehr ein Greuel. So erfahren die Frauen und Mädchen am eigenen Leib und an der eigenen Seele mehr und mehr, was ihnen entspricht und was nicht; wie überall im Leben verhelfen Widerstand und Leiden auch hier zu Bewußtwerdung. Über die vertiefte Selbsterkenntnis hinaus aber erleben die heutigen Mädchen und Frauen Europas offenen Auges von Etappe zu Etappe die Entseelung und innere Schwächung der Männer, deren wachsende Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber, die nicht das Geringste mit dem von ihnen bewunderten Heldengeist zu tun hat, das wachsende Schwinden des positiv Schöpferischen in ihnen. Immer mehr sehen sie im Mann den Zerstörer schlechthin, nicht zuletzt den Zerstörer ihrer eigenen Weiblichkeit und Frauenwürde. Denn der entgeistete und entseelte Mann weiß nur vom Weibchen, mit dem er sich begatten will, und allzu viele haben diesem Willen nachgegeben, was die besseren unter ihnen später bitter bereuen. Immer mehr fühlen sie, daß sie sich vom Weibe zum Weibchen zurückentwickelt und damit prostituiert haben. Demgegenüber können die, in denen das Gefühl für Frauenwürde noch lebendig blieb oder neu erwachte, nicht umhin zu revoltieren. In verschwiegener Tiefe tun dies wohl die allermeisten unter den seelisch Begabten schon zur Zeit, da ich dieses schreibe, 1944. Wo sie es nicht tun, ist die Hauptursache dessen entweder ignorantia invincibilis oder Apathie. Letztere aber hängt in den meisten Fällen mit vom Standpunkt der schöpferischen Lebenskräfte rein-Äußerlichem zusammen: mit Unterernährung und Übermüdung. Die Bolschewiken zuerst machten die Erfahrung, daß Hungernde und vom Hungertode Bedrohte sowie total Erschöpfte niemals rebellieren, auf welcher Erkenntnis sie ihre ganze spätere Innenpolitik gründeten. Im verhungerten Italien geben sich zur Zeit der Invasion durch die Anglo-Amerikaner sogar dessen sonst so keusche Bewohnerinnen für ein bißchen Speise fremden Männern hin. Aber ewig wird Europa, falls es den zweiten Weltkrieg überhaupt überlebt, nicht unterernährt und auch nicht zu Tode gearbeitet bleiben.

Wird nun von einer Revolte der Frauen das Heil kommen? Ich sagte bereits, daß ich nichts dergleichen erwarte. Erstens revoltierten Frauen in der gesamten Geschichte nur aus animalischen Gründen, nämlich wenn ihre Kinder nichts zu essen hatten, sehr selten schon, wenn ihren Männern Vernichtung drohte; noch nie haben sie zum Beispiel einen Krieg am Ausbrechen oder am Weitergehen verhindert. Dann ist es ja gerade der bis zum rein Zerstörerischen herausdifferenzierte Kampfgeist des Mannes, welcher die Fortexistenz des Lebens überhaupt gefährdet und im Bewußtsein der Frau haben Vitalwerte den Primat. So wird der Aufstieg der Frau zu neuer Bedeutsamkeit ganz bestimmt nicht im Geist des Kampfes erfolgen; ihre kämpferische Phase hat die Frauenbewegung mit der Ibsenzeit und derjenigen der Suffragetten hinter sich; und was gar bei einem Sieg der vermännlichten Frau herauskommt, hat das von der Tante beherrschte Amerika (siehe das Kapitel Die Vorherrschaft der Frau in meinem Buche über diesen Kontinent) mit seiner wachsenden Sterilität auf geistigem, seelischem und körperlichem Gebiet mit erschütternder Deutlichkeit gezeigt. Das Können wird bei dieser Bedeutungslagerung überhaupt keine Rolle spielen, sondern einzig und allein das Sein und damit das, wodurch die Frau allein von Urzeiten an als Macht und Großmacht gewirkt hat. In Fürsten und Staatsmänner3 differenzierte ich den Begriff der Autorität schärfstens von demjenigen der Gewalt: Frauen können nur durch Autorität nicht allein segensreich, sondern überhaupt stark wirken. Autorität aber gibt es nur vom Sein, nicht vom Können her. Der funktionale Begriff, welcher dem substantiellen des Seins entspricht, ist derjenige der Haltung; der unbedingten Haltung, welche immun ist gegen äußere Einflüsse, rationale Erwägungen und vor allem Weltanschauungen. Denn jedes Gedankengebäude läßt sich widerlegen, während Haltung, wo vorhanden, ein Absolutes ist. Weil die deutsche Frau letzteren drei Motiven mehr als jede andere zugänglich ist, galt sie von jeher für die haltloseste; wie keine andere ließ sie sich durch Theorien dazu verführen, zu tun oder geschehen zu lassen, was ihr ursprünglich nicht entspricht. Der früheste Ausdruck der Haltung bei einer Frau ist das Bestehen auf der Freiheit der Wahl und dem letzten Wort dabei; dies bedeutet es, wenn es schon unter Tieren keine Vergewaltigung gibt. An zweiter Stelle kommt in diesem Zusammenhang, daß sie einen bestimmten Mann und keinen anderen wählt und zum Erwählten durch dick und dünn hält. Wo sie überzeugt auf diesem ihrem Seins-Recht besteht, auf welchem für den Mann der Hauptreiz der Frau beruht und das Grundmotiv all’ seines Werbens um sie, da passiert ihr niemals, was sie nicht selber will. So reisten angelsächsische Mädchen schon zur viktorianischen Zeit ungefährdet allein durch die Welt, so gab es bis zur jüngsten Phase der Weltrevolution keine nicht-entarteten romanischen Frauen, welche Abenteuer erlebten, die sie nicht selber wollten — daß der Mann dabei allemal die Initiative ergriffen zu haben schien, beruht auf der bereits gestreiften weiblichen Ur-Schlauheit. Wie sollte sie bei anderer Taktik trotz absoluter Hingabe, ihre Autorität wahren? Weniges hat mich zur Zeit, da ich dieses schreibe, mehr erfreut, als die Erfahrung, daß es gerade heute, wo in Deutschland in manchen Gegenden auf einen Mann bis zu siebzig Frauen kommen sollen, immer häufiger vorkommt, daß die Mädchen allen rationalen Erwägungen zum Trotz wählerischer werden, als sie seit Jahrzehnten waren. Lieber werden die, welche ich meine, um der Erhaltung des Lebens willen, zu unverehelichten Müttern, als daß sie mit dem nicht-Richtigen eine Ehegemeinschaft eingingen. Und die grandioseste Probe aufs Exempel bietet Rußland. Gewiß, der Russe war von jeher unerotisch und asketisch veranlagt; nur im Rausch, gleichwie bei den Indianern von Bolivien wird das Geschlechtswesen in ihm dominant. Aber die bolschewistische Gesetzgebung förderte andererseits, wie gleiches nie früher geschah, freie Liebe, leichtfertige Scheidung und Promiskuität. Da die Frau vom Ansehen lebt, so gab es dort auch lange eine der Gesetzgebung entsprechende Entwicklung. Heute nun, 1944, nach einem Vierteljahrhundert, hat die russische Frau mehr Haltung im urtümlichen Verstand, als irgend eine auf Erden. Nirgends gibt es auch nur annähernd so viele virgines intactae als dort, wo offiziell, in der Übertreibung von Aldous Huxleys köstlichem Brave New World ausgedrückt, Jedermann jedem gehört und die Frau sich eigentlich schämen sollte, zu wissen, wer die Väter ihrer Kinder sind. Hier erweist sich eben die Ur-Haltung als primärer Ausdruck des Ur-Seins des Weibes, welches allein der Ur-Mann fordert, wenn er um ein Weib werben soll. Hier liegt der elementare Urgrund ihres ganzen Aszendenten über ihn. Das Ja und das Nein der Frau bedeutet so Unbedingtes, so wesentlich-Entscheidendes, wie Worte bei keinem Manne je bedeuten können. Hier lügt die echte Frau niemals. Darum fühlt sie sich durch ihr Ja oder Nein auch so gebunden, wie dies kein Mann tut.

Von hier aus fassen wir den tiefsten Grund des segensreichen Einflusses der Frau auf den Mann. Unbedingtheit gibt es nur auf der Ebene des Geists, alles in der Natur ist relativ und korrelativ. Obgleich der Mann nun innerhalb der Arbeitsteilung der Geschlechter der Vertreter des Geistes ist, erkennt er sein Wesen ursprünglich schwerer als sie; einerseits weil er ihn in sich hat und folglich nicht vor sich sieht, dann weil das aggressiv animalische beim primitiven Mann vorherrscht, sodaß er dazu neigt, allen Nachdruck auf körperliche Kraft zu legen; er weiß nicht, daß Mut und Glaube und Heldentum geistigen Ursprungs sind. In Korrelation dazu hat die in Natur und Fleisch viel tiefer eingebettete Seele der Frau einen unmittelbaren Sinn für seelische und geistige Werte, wenn sie ihr gezeigt werden. Dies Verhältnis gegenseitiger Spiegelung der Geschlechter ist nun besonders produktiv gerade hier. Je mehr Haltung die Frau beweist, desto mehr verzichtet der Mann auf rohe Gewalt und wird dadurch seines geistigen Seins und Könnens bewußt. Je höher sie das Seelische und Moralische und Geistige einschätzt, desto mehr erwacht der Sinn dafür in ihm. Darum konnten bei einigen hochbegabten Völkern die Frauen die Priester sein. Bei beinahe allen waren sie die wichtigsten Apostel neuen Glaubens. Dies gilt zumal in der Entwicklung des Christentums; man gedenke der Mutter Augustins. Allgemeiner aber, weil im Falle jedes tieferen Mutter-Sohn-Verhältnisses gültig, gilt dies: indem die Frauen, auf alle Gewaltanwendung grundsätzlich verzichtend, nur von anerkannter Autorität her als Autoritäten wirken wollten, weckten sie im Mann den Sinn für Autorität überhaupt und damit Empfänglichkeit für den Geist, als welcher niemals durch Gewalt wirkt. Daß die expliziten Gedankeninhalte, welche den Tatsachen entsprachen, allesamt von Männern stammten, ändert nichts an der Lage des Problems. Der Mann als das Zerstörerische und eben darum auch schöpferische Element im Menchheitszusammenhang ist recht eigentlich dazu da, die Worte dafür zu finden, was im Unbewußten beider Geschlechter zur Manifestation drängt und es damit bewußt und übertragbar zu machen — der Drang zur Explizitheit jedoch erwacht beim Mann ursprünglich am Kontakt mit der schweigenden Haltung der Frau; das Urbeispiel dessen ist die Liebeserklärung.

Von hier aus wird uns denn ganz klar, inwiefern die Frau in dieser Wende zur Pionierin des Geistes werden kann, und damit gelangen wir zum wichtigsten Aspekt dieses Kapitels. Der Mensch ist nun einmal das wesentlich Geist-bestimmte Wesen auf Erden, der differenzierte Vertreter des Geistes ist der Mann und wo er sich, nachdem er sich seiner Geistigkeit einmal bewußt wurde, entgeistet, dort verliert er seine männliche Kraft, und zwar auf allen Ebenen. Feige Völker kommen schicksalsmäßig herunter, weil sie immer mehr ihre Männlichkeit einbüßen. Selbstverständlich denke ich hier an erster Stelle an moralische Feigheit — Mut im Sinne des Löwen oder des Stiers bedeutet nur Nachgeben gegenüber dem ganischen Aggressionstriebe — und es gibt keine geistige Initiative ohne moralischen Mut. Es gibt auch keine Standhaftigkeit ohne seelischen Mut, eine Differenzierung meines Sohnes Manfred von erheblicher Tragweite. Da bei Männern das geistige Prinzip letztentscheidet, entarten sie viel leichter als die Frauen, sind sie aber andererseits von einer ans Wunderbare grenzenden Regenerationsfähigkeit, wenn sie von einem neuen geistigen Impuls, einem neuen Glauben, einem neuen Ideal ergriffen werden; dann erfahren sie eine Neuvitalisierung, dank welcher alte und müde Völker auf einmal wieder jung erscheinen können. Man gedenke der Impulse des Christenglaubens, des Islam, der Kreuzzüge, der im Entdeckungszeitalter wirksamen und nicht zuletzt des Intelligenz- und Initiativesteigernden der modernen Wissenschaft. Ganz anders steht es mit der Frau; sie entartet weder aus Geistes- noch aus Naturgründen; dank dem gibt es überhaupt ein Menschengeschlecht, das noch nicht verausgabt erscheint. Kleopatra, das Zuchtprodukt vieler Generationen von Geschwisterehen unter hochdifferenzierten und darum sehr labilen und leicht zu verderbenden Menschen, hatte nichts Entartetes, wo die Männer der Ptolomäerdynastie schon lange degenerative Züge aufwiesen. Die Frau entartet erst, wenn das in ihr bestimmende Element, die Seele, atrophiert. Von hier aus versteht man, warum Inzest-Rassen, worauf Sir Galahad besonders eindrucksvoll hinweist, so oft in der Geschichte die schönsten und stärksten gewesen sind: bei solchen dominiert ausnahmslos eine in den Seelen festverankerte Tradition über jeder privaten Velleïtät. In abgemilderter Form sind alle alten Fürsten- und Adelsgeschlechter Inzest-Rassen und allem demokratischen Vorurteil von der Dekadenz des Adels zum Trotz erhalten diese sich, wo sie ihrem Stile treu geblieben sind, viel länger und besser, als weniger Geist- und Seelen-bestimmte. Woraus sich denn erklärt, warum übermodernisierte Frauen und Mädchen aus Kreisen ohne Tradition so häufig Entartungszüge zeigen.

Die Hauptsache aber bleibt die Einhaltung und Pflege des rechten Polaritätsverhältnisses zwischen den Geschlechtern, dank welchem jeder Pol so eingestellt ist, daß er im anderen Geschlecht die bestmögliche Besetzung des Gegenpols evoziert. Ich weiß, nordische, insbesondere deutsche Frauen werden diesen Gedankengängen nicht so leicht erlebnismäßig folgen. Auch sie haben an der urnordischen Neigung zur Sachlichkeit und im Fall der deutschen an derjenigen zur Überwertung des Konstruktiven und damit der Welt der Künstlichkeit teil und darum selten einen so direkten Zugang zu dem, was die eigentliche Kraft und Macht der Frau macht, wie in unserem Kulturkreise die romanischen. In diesem Zusammenhange habe ich die merkwürdigsten Einwände gehört: wenn das Männliche im Mann der Evokation durch die Frau benötige, dann sei es ja ein bloßes Reaktionsprodukt und entspräche in keiner Weise dem, was die Frau vom Mann als Geist-Träger erwartet: aus diesem Gedankengang mit den aus ihm gezogenen Folgerungen sprach vollkommenes Verkennen der Tiefe polarer Beziehung, die ein viel Wesentlicheres darstellt, als alle nur möglichen Weltanschauungen, gleichwie die reale Liebe ein sehr viel Wichtigeres ist, als alles, was man über sie denken mag. Hier hat die nordische Frau einfach zu lernen. Dann habe ich Entrüstung darüber ausgesprochen gehört, daß die Frau an allem Schuld sein soll, von der Verführung Adams durch Eva an. Aus dieser Entrüstung sprach wiederum der Animus, also der verzerrte Mann in der Frau: ihre höchste Würde, weil der Urborn ihrer Machtstellung, liegt gerade darin, daß ihr Einfluß auf den Mann dermaßen kosmisch tief wurzelt, daß diesem wirklich nichts näher liegt, als im Fall aller nicht durchsichtigen Zusammenhänge die Frage cherchez la femme zu stellen. Selbstverständlich stellt sich hier keine Schuld-Frage — diese stellt sich wesentlich überhaupt sehr selten, weswegen kein Religiöser einen Menschen je endgültig verurteilt und verstehende Gnade für ihn immer über allem Rechte steht — die juristische Verbrämung entspringt jüdisch-römischem legistischem Mißverstehen. Eben das ist ja gerade das Herrliche, daß Mann und Frau sich gegenseitig bedingen und steigern und daß ihre Beziehung viel tiefer wurzelt als alle Vernunft und alle nur mögliche ethische oder weltanschauliche Forderung. Von hier aus versteht man ganz, warum das Frauenrechtlertum und alles was damit zusammenhängt — auch die geschilderten nordischen Mißverständnisse entspringen dessen Geist — bei jedem echten Manne nicht allein, sondern auch bei jeder echten Frau Widerwillen auslöst. Andererseits ist auch hier Nicht-Wissen die Mutter des mehr-Wissens, erweist auch hier gerade das Unzulängliche sich als produktiv. Wo einmal das Vaterrecht auf unserem ganzen Planeten über das Mutter- und Frauenrecht gesiegt hat und damit der jeder echten Frau so unkongeniale Rechtsgedanke den Primat gewonnen hat innerhalb aller sozialen Beziehung — im Fall der Frau entspricht Bejahung der guten Sitte dem männlichen Rechtsgefühl — mußte die Frau eine rechtlich gesicherte Stellung erobern, ja sie mußte zuerst um Gleichberechtigung kämpfen, um die vielerorts verlorengegangene Möglichkeit wieder zu erringen, ihre Magie zu realisieren und auszuwirken. Hier liegt das Positive der Frauenemanzipationsbewegung. Aber letztlich ist diese wirklich mehr als alles andere an der zeitweiligen Entmachtung des Weiblichen und der Frau und damit der Schwächung des Mannes schuld. Des Mannes Sündenfall war in diesem Zusammenhang die unfaire Ausnützung seiner größeren physischen Kraft und die willkürliche Unterdrückung seines Sinns für kosmische Magie.

So gelangen wir denn — ich denke, nach allem früher ausführlich Ausgeführten kann ich an dieser Stelle einige Glieder der logischen Kette überspringen — zum bemerkenswerten Ergebnis, daß es die Entgeistung des Mannes ist, die dem Zerstörerischen in ihm ein solches Übergewicht zu gewinnen erlaubt hat. Denn mit dem reinen Mann, diesem Produkt der Intellektgeborenen Welt der Künstlichkeit, hätte er sich nie identifiziert und sich dadurch selbst zum Fabrikat gemacht, wenn er den lebendigen Geist in sich als seine tiefste Wirklichkeit gespürt hätte. Ich sagte es bereits: für den Urinstinkt der Frau fallen Geist oder Guru und Phallus zusammen; daher der Phalluskult gerade im geistig-seelisch hochentwickelten Indien eine überragende Rolle spielt. Daher die vom Standpunkt des Mannes phantastische geistig-seelische Bedeutung, welche seitens der Frau geschlechtlicher Vermischung zuerkannt wird. Ich meine hier nicht nur die Bindung, welche beim Elementarweibe beinahe automatisch durch diese erfolgt, welche der Urgrund aller Zurückhaltung bei der Hingabe ist; ich meine, nur wenig überspitzt ausgedrückt dies: vom Standpunkt des Urweibes ist eine mannweibliche Beziehung dann erst so tief, daß das ganze Wesen in Mitleidenschaft gezogen wird, wenn sie die intimste körperliche Berührung einschließt. In meiner Jugend glaubte ich diese von mir früh schon festgestellte Tatsache dadurch zu erklären, daß der Geschlechtsakt eine Art chemischer Veränderung in Richtung der Erschaffung einer neuen androgynen Substanz einleitet. Das mag auch richtig sein. Aber den Nachdruck lege ich heute auf Vermischung der Psychen, die erst im zusammen-Schlafen, wenn das Unbewußte zweier sich liebender Menschen das eine dem anderen durch lange Zeit hindurch vollkommen öffnet, bis ins letzte erreicht wird. Hiermit meine ich gerade nicht den Beischlaf, sondern das Schlafen an sich, selbstverständlich allerdings nur das zusammen-Schlafen zweier innig aufeinander Bezogener. Eine besonders tiefer Gefühle fähige Frau, der ich das vorliegende Kapitel in seiner ersten oder zweiten Fassung zu lesen gab, schrieb mir zu dieser Stelle:

Die ganze Tiefe der Vermischung wird zweifelsohne im zusammen-Schlafen eines Mannes mit einer Frau vollendet — niemals vergißt eine Frau, welche wahrhaft liebte, den Atem, den Herz- und Blutschlag des neben ihr schlafenden Geliebten — es ist das, was unmittelbar in ihrem Herzen aufsteht, wenn das Erinnern kommt und ist erschütternder noch als die Erinnerung an die innigste Berührung.

Die Bibel hieß körperliche Vereinigung ein Weib erkennen: das war vom Standpunkt des Mannes allein gedacht und formuliert. Für die Frau liegen die Verhältnisse viel tiefer und gleichzeitig komplizierter. Sie hat den Mann buchstäblich und für immer in sich, den sie in dieser Hinsicht innig in sich aufnahm. Ich kannte eine bedeutende Malerin, die ihren Mann schon lange nicht mehr liebte und mir ein von ihr gemaltes Portrait ihres (mir unbekannten) jetzigen Geliebten zeigte. Wer ist das? fragte sie. Ihr Mann natürlich, erwiderte ich, nur etwas transponiert oder variiert. Entgeistert schaute sie mich an: So tief also sitzt er in mir drin, daß ich ihn male, wenn ich einen anderen meine. Dem hier gemeinten tief-Sitzen entspringt die ursprüngliche Neigung des Ur-Weibes sich Göttern hinzugeben, welche in der heiligen Tempelprostitution bei so vielen Völkern institutionalisiert erscheint. Seinen Gott ißt noch der Christ in Form des Heiligen Abendmahls; diese Ur-Form der Einverleibung und des Innewerdens hat sich bis in wachste Zeiten hinauf erhalten. Aber vom Erlebnisstandpunkt der Frau ist die geschlechtliche Vermischung die ungleich tiefere Vereinigung. Und so ist die Sehnsucht der Frau nach dem Geist der Urquell des Erfolges bei Frauen so vieler geistiger Schöpfer. Das Hauptmotiv dabei ist nicht, wie Bernard Shaw einmal auseinandersetzte, der Wunsch von einem bedeutenden Mann ein Kind zu bekommen, sondern die Sehnsucht nach Hingabe an den Geist. Hier handelt es sich um ein von einer gewöhnlichen liaison toto genere Verschiedenes. Genau wie die Frauen urtümlicher Zeiten keinen Treubruch dem Gatten gegenüber darin sahen, daß sie sich einem Gotte hingaben, als welcher in vielen Fällen schon der Sieger als solcher betrachtet wurde, genau so fühlen heutige Frauen der vorgeschrittensten Kulturvölker, indem sie sich mit einem großen Geiste einlassen. Und gilt das hier Gesagte von der Ur-Beziehung der Frau zum geistigen Ursprung, so bedeutet die Verabscheuung männlicher Impotenz oder auch der Perversion das Gleiche gegenüber dem Ursprung in Richtung der Natur. Wohl kein Mann kann sich vorstellen, was der Akt des Gebärens der echten Frau bedeutet, welche sich selbst versteht: nämlich überhaupt keinen von einem Individuum erlebten fleischlichen Vorgang, sondern recht eigentlich einen Weltschöpfungsakt. In ihrer schweren Stunde ist die Frau gewissermaßen enticht, mit dem kosmischen Werden eins geworden; sie erlebt im Gebären ursprünglich das Eintreten in die Welt eines neuen einzigen Menschengeists und einer neuen einzigartigen Menschenseele. Von hier aus versteht man, nebenbei bemerkt, warum keine echte Frau, welche erlebnismäßig zum Frauentum erwacht ist, die typisch-männliche Scheidung zwischen Fleisch und Geist mitmachen kann. Hier erlebt sie tiefer als er. Die bewußte Beziehung des normalen Mannes zur Fortpflanzung und damit zur Schöpfung ist eine phantastisch oberflächliche. Darum lacht er gerade über diese Zusammenhänge, darum entspricht ihm die Zote so sehr — ursprünglich lacht der Mensch über alles, was ihm fremd und unverständlich ist, um sich ihm gegenüber dadurch überlegen zu erweisen.

Damit bedeutet denn die begonnene Revolte der Frau gegen die männliche Zerstörungswut in dieser Zeit zutiefst eine Revolte gegen die Entgeistung. Gewiß spielen hier auch rein biologische Momente und Motive mächtig mit; deren Tiefstes ist von Marañóns Erkenntnissen her am tiefsten zu verstehen. Der entgeistete Mann ist nicht nur einsam überhaupt, tatsächlich à la Heidegger in Welt und Schicksal geworfen, er ist so einsam, daß seine Angst davor ins Unermeßliche steigt, so daß er eben darum alles um sich her zerstören will; denn korrelativ zur Geistentfremdung ist er auch Natur-entwurzelt. Aber die Frau ahnt tiefer als je früher, entsprechend der größeren Wachheit des heutigen Menschen, daß gerade vom biologischen Standpunkt kein Zurück zur Natur dem Heil zuführen kann; die rein zerstörerisch gewordenen Männer wollen ja nur mehr natürlich sein. Ich handelte bereits vom Antizipatorischen der Frau: dank dem hat sie immer (und dies zwar von jeher) besser als der Mann gewußt, welcher ja, seitdem der Verstand mit seiner Verallgemeinerungssucht in ihm bestimmend wurde, andauernd vom sich-selbst-gleich-Bleiben des Menschen faselt, daß es einen durch alle Jahrhunderte sich selber immer gleichen Mann und eine ewig gleiche Frau überhaupt nicht gibt; mag die Physis kaum mehr veränderlich sein — die Seele ist in steter Wandlung begriffen. Gerade diese Wende bedeutet aber zutiefst einen sprunghaften Fortschritt in der Geistbestimmtheit beim Mann und dementsprechend der Seelenbestimmtheit bei der Frau — selbstverständlich handele ich nur von denen, welche historisch zählen. Die Geistfeindlichkeit dieser Zeit bedeutet letztlich eine Selbstverteidigungs-Gebärde. Die Gana ist träge, die emotionale Ordnung statisch, die Empfindlichkeit verharrt ewig im Stadium jener Sensitivität, die schon Polypen und Mimosen kennen, — unter diesen Umständen muß ein Sieben-Meilen-Schritt voran in der Geistbestimmtheit rückläufige Bewegungen in den anderen Schichten des Menschenwesens zeitigen. Doch diese werden nicht mehr lange dauern. Mitten in der Drangsal geistfeindlicher Bewegungen nimmt Geistbestimmtheit und Verständnis für dieselbe unaufhaltsam zu. Und gerade die Gefahren und Widerstände beschleunigen den Sieg des neuen Menschentypus. Bald wird ein neues psycho-physisches Gleichgewichtsverhältnis im Menschen als Vorbild wirken. Wie nie früher wird der substantielle Geist, welcher, im Gegensatz zum bloß deutenden, welcher allein bei meinen bisherigen Lebzeiten verstanden wurde, ein ebenso Konkretes darstellt wie das Fleisch, den Ton angeben und in Korrelation dazu die für ihn empfängliche Seele. Schon heute liegen die Dinge so allem Anschein zum Trotz: nicht der Durchgeistigte ist der Entartete, sondern der Entgeistete. Nicht die zum Weibchen und Muttertier zurückentwickelte Frau ist der Hort der Zukunft, sondern die Trägerin brennender Sehnsucht nach dem Geist. Gerade die geistfeindlichen Frauen werden steril — die Angleichung im Schuften an den Mann bedeutet von ihrer Natur her Entartung. Und erst recht wird der Mann unfruchtbar, welcher nichts Höheres kennt als geistlose Arbeit.

Die Verhältnisse haben sich in der Tat seit der Urzeit, welche der überintellektuelle Klages in radikalem Mißverstehen der Weltlage zurückbeschwören wollte, von Grund aus verändert. Zweifellos war es ein Glück, daß Adam aus dem Paradies verstoßen wurde und fortan arbeiten mußte. Heute hingegen tut Rückverwandlung der Martha in Maria not und dies zwar mutatis mutandis innerhalb beider Geschlechter. Gelten nicht bald wieder die Lebensumstände als die einzig menschenwürdigen, die der Entwicklung des Geistes und der Seele hold sind, so kann das Menschengeschlecht am sich-selber-Mißverstehen vorzeitig verenden. Bei der Frau liegen die Dinge nicht annähernd so schlimm wie beim Mann, denn die Phase ihrer Entweiblichung war kurz; im großen und ganzen hat die Frau, während der Mann sich als Über-Mann erschöpfte, ihre Weiblichkeit nicht eigentlich ausgegeben; sie fühlt sich vital weniger verausgabt als ausgehungert. Dies ist denn der entscheidende Grund, warum ich von einem neuen Weib-bestimmten Zeitgeist das Heil erwarte. Ich sehe zweierlei kommen — wann und wo zuerst, das weiß ich natürlich nicht, erinnere nur an die durch die Erfahrung aller Zeiten bestätigte Lehre der alt-chinesischen Staatsweisheit, nach welcher das Eintreten jedes historischen Ereignisses um fünfundzwanzig Jahre vorauszudatieren sei. Alle Bewegungen begönnen klein und keimhaft und beinahe unsichtbar. Aber eben diese Keime trügen alle Zukunft in sich, und nur wer ihrer gewahr werde, könne die Zukunft einigermaßen richtig vorauswissen und lenken. (Die gleiche Weisheit lehrt, daß wenn eine Bewegung einmal groß geworden ist, nichts anderes übrig bleibe, als dieselbe sich totlaufen zu lassen; zu beeinflussen seien nur die Keime.) — Die Frau wird sich auf tiefere Weise denn je früher ihrer Weiblichkeit bewußt werden und auf diese mehr denn jemals früher den Nachdruck legen, denn ihr relativ kurzes Vermännlichungsstadium hatte wenigstens das eine Gute, daß sie durch dessen Rückwirkungen auf Leib und Seele deutlicher als jemals früher erkannte, wer sie ist und welche ihre wahren Bedürfnisse sind. Und mehr als je wird sie im Geist des Mannes sein Männliches sehen. Dieses Sehen wird bei ihm immer mehr sein echtest-Männliches evozieren. Ziehen wir nunmehr alle bisher nach verschiedenen Richtungen hin differenziert auseinandergehenden Veränderungen und Polverschiebungen auf ihren Grund-Zukunftssinn hin zusammen, so können wir die folgende Zukunftsprognose stellen. Zunächst gilt der folgende neue Tatbestand gegenüber der Überlieferung der letzten zwei Jahrhunderte. Nur ein Impuls von ganz anderer Seite her, der mit den von den vergangenen Zeiten zugehörigen überhaupt keine Kampfmöglichkeit ergibt und keinesfalls eine Fortentwicklung jener, hat erstens überhaupt Erfolgsaussichten, denn die heute wirksamen können nur dem Tode zuführen, sodann vor allem Aussicht, vom Bestehenden her nicht aufgefangen, abgelenkt und verfälscht zu werden. Hier ist die Parallele mit den Anfängen des Christentums beinahe perfekt — wogegen der im ganzen urchristlich gesinnte Gandhi vermutlich scheitern und in der Zukunft als Antiquität gelten wird, weil er dort kämpfen will, wo gerade nur Lao Tses Motto Wirken, ohne zu streiten zum Siege führen kann. Nur eine radikale Umschwenkung, urweiblichen Idealen zu, wie dies ja auch, wenn auch in geringerem Grade, vom Urchristentum galt, hat Aussicht, die course à l’abîme, in der wir heute leben, aufzuhalten. Auch das Christentum hätte nie über das Heidentum gesiegt, wenn es den Römern gelungen wäre, wie sie so lange versuchten, Christus als Gott unter anderen in ihr Pantheon aufzunehmen. Praktisch aber wird es wahrscheinlich folgendermaßen kommen: in irgend einem Lande werden die Frauen zu sinngerechter Selbstbewußtheit gepaart mit genügender Klugheit erwachen, und die werden dann den kommenden Welt-Ton anstimmen, und zwar von der Intimität des Atriums und nicht vom Forum her. Konnte dies zu Beginn der Frauenemanzipations-Bewegung das Ibsen-inspirierte kleine Norwegen tun wie leicht kann Ähnliches in Zukunft geschehen, wo Raumentfernungen überhaupt keine hindernde Rolle mehr spielen, Volkstumsunterschiede im Falle von Impulsen, die alle Menschen gleichen Zeitgeistes angehen, auch nicht. Von jeher war es so, daß die Träger eines gleichen Impulses von Volk zu Volk übersprangen: hier ist das Beispiel des von den Juden verleugneten Christentums prototypisch. In Zukunft aber wird dies so selbstverständlich der Fall sein, daß es buchstäblich einerlei ist, welche Rolle welches Volk beim Impulsgebertum spielt. Ein Volk mag im Grenzfall um eines gleichen Impulses willen ausgerottet werden, welcher bald darauf unter anderem Namen die Welt erobert

Im folgenden möchte ich nun versuchen von verschiedenen Richtungen her zu zeigen, was die fällige Polverschiebung bedeutet und wohin sie im Guten führen kann. Ob es wirklich so werden wird, wie ich es ahne, kann ich natürlich nicht sagen. Prophezeiungen treffen immer nur dort ein, wo die Menschen ihren Sinn beherzigen oder von sich aus das von anderen Prophezeite zu verwirklichen trachten. Auch mag sich ein Prophet um Jahrhunderte, ja um Jahrtausende irren, wie dies der Verfasser der Apokalypse tat, denn Mutationen vom Geist her liegen grundsätzlich jenseits aller Zeitbestimmung. Von jetzt ab aber kann ich dieses Kapitel nicht im einheitlichen Fluß mehr weiterschreiben, sondern werde verschiedene Exkurse aneinanderreihen, die auf den gleichen Ursprung zurückweisen. Ich beginne mit der Betrachtung des mitigierten, nicht absoluten Männergeists, der allein in der Geschichte dauernd geherrscht hat, wo die Entwicklung nicht einem Ende zustrebte, wie bei den Nibelungen, Spartanern und einigen Indianerstämmen.

1Diesem Problem bin ich nachgegangen. In Biarritz entdeckte ich ein von ehemaligen russischen Gardeoffizieren geführtes Restaurant und diese bestätigten mir aus fachmännischer Sachkenntnis das oben Gesagte. Gebildete Russen tranken nur zu bestimmten Tageszeiten, aus viel kleineren als den heute üblichen Cocktailgläsern Schnaps; vor allem aber verbot russische Konvention solchen zu trinken, ohne dabei Sakuska zu essen — essen aber kann der Mensch nur in begrenztem Maß. Moderne junge Mädchen hingegen trinken stärksten Alkohol von 10 Uhr morgens an und immer wieder, ohne dabei zu essen. Bei diesem Mehrverbrauch an Alkohol kommt vielleicht auch in Betracht, daß die Frauen seit langen Jahrhunderten überhaupt nicht getrunken hatten. Ich machte einmal ein Experiment mit einer besonders zarten, als casta diva, beinahe als Madonna wirkenden Europäerin, bei deren Anblick mir plötzlich einfiel, daß sie phantastisch viel vertrüge. Ohne daß sie es merkte, goß ich ihr ein Bierglas voll Wodka ein, welches sie ruhig, serenen Blickes, leerte; darauf ein zweites: sie blieb Madonna-artig, wie sie war, Merkwürdigerweise verlor sie seit der Geburt ihres zweiten Kindes ihre bewundernswerte Gabe. Auch Kemal Atatürk, dessen Vorfahren wahrscheinlich über ein Jahrtausend nichts getrunken hatten, leerte täglich mehrere Flaschen Raki, des stärksten und wenigst bekömmlichen aller Schnäpse. Schon 1919 warnte ihn ein Wiener Arzt: wenn er es so weiter triebe, würde er nach einem Jahr tot sein. Tatsächlich war nach einem Jahr sein alkoholfeindlicher ärztlicher Ratgeber tot, während Atatürk damals die neue Türkei zu schaffen begann.
2Geläufige Abkürzung für Bund deutscher Mädchen unter der Nationalsozialistischen Regierung. [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
3Eins der Kapitel, die im folgenden Band gedruckt werden. [Anmerkung des Keyserling-Archivs]
Hermann Keyserling
Reise durch die Zeit · 1948
III. Wandel der Reiche
© 1998- Schule des Rades
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