Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Macau: Atmosphäre

Unverhältnismäßig besser gefallen die Chinesen mir hier als Canton. Selbstverständlich übervorteilen mich die Händler gleich erfolgreich hier wie dort, aber darauf kommt es nicht an: in der Chinesenstadt Macaus herrscht die Atmosphäre, die einen im Stil Kung Fu-Tse’s so heimlich anmutet: die eines heiter-bürgerlichen Daseins von außerordentlichem Formensinn. Wie wenig verschlägt es doch, was die Leute nachweislich tun! Christus verkehrte am liebsten mit Zöllnern und Sündern. Wahrscheinlich ist es ganz bedeutungslos, was tatsächlich in der Welt geschieht. Das unausgesetzte Gonggerassel in chinesischen Theatern wirkt auf die Dauer wie lautlose Stille: also ist es an sich wohl einerlei, ob man in der Wüste oder in der Großstadt lebt. Die Pariser Luft bleibt anregend, wie töricht das Gebaren seiner Einwohner auch sei, diejenige St. Petersburg verdürftigt, man verkehre mit wem immer man wolle. Die psychische Atmosphäre einer Stadt ist die Resultante so vieler Komponenten, daß es auf den einzelnen nicht ankommt; gerade weil dieser so viele sind, gibt jene unweigerlich das richtige Durchschnittsbild. Hier nun fällt mir heute vor allem eines auf, was ich mit gleicher Deutlichkeit noch nirgends gespürt habe, so vertraut mir die Theorie der Sache sei: wie wenig notwendig das Tun mit dem Sein ursprünglich zusammenhängt.

Das ist eine der Grundanschauungen der Inder. Aber wie in so vielen Fällen erscheint auch hier ein in Indien tiefer Erkanntes und Verstandenes in China besser in Leben umgesetzt; und dann ist es in China auch leichter aufzufassen, weil uns die Chinesen, was immer man sage, der Kultur nach sehr viel näher stehen, weswegen das Unterschiedliche leichter richtig zu beurteilen ist. Bei uns Europäern, die wir ganz nach außen zu leben, wird das Sein vom Handeln notwendig beeinflußt, weshalb unter uns in der Regel nur die menschlich angenehm sind, die einen edlen Beruf ausüben. In Europa steht der Regierende menschlich am höchsten, da er zur Aufgabe hat, im Großen selbstlos zu wirken; der Künstler, der gewöhnlich an schiefe Ideale glaubt, ist unerfreulich im Verkehr und der Geschäftsmann widerwärtig überall, wo große Gesichtspunkte ihn nicht malgré lui aus seinem beruflichen Banditentum hinausdrängen. Im Osten besteht allgemein kein notwendiger Zusammenhang zwischen beruflichem Handeln und Sein und das spüre ich hier deutlicher denn je. Ich habe die Händler aufmerksam beobachtet, die mir mit so viel Geschick mein Geld aus der Tasche lockten: man mag noch so viel von der Liebenswürdigkeit als zur kaufmännischen Technik gehörig abschreiben — ich bin überzeugt, daß viele dieser Krämer ihr Geschäft nur ausübten aber nicht waren; es könnten hochstehende Menschen gewesen sein.

Der Deutsche versteht diesen Zusammenhang nur schwer. Hier muß er vom Russen lernen, dem einzigen Europäer, der ein ursprüngliches und unmittelbares Verhältnis zur Seele seines Nächsten hat. Warum sollte ein Mensch denn schlecht sein, der einen noch so sehr belügt und betrügt? Freilich hat man Schutzmaßnahmen zu ergreifen; man lasse sich nicht betrügen, und wo der andere einem allzu überlegen ist, dort belange man ihn gerichtlich, auf daß die Obrigkeit ihn unschädlich mache. Aber Roheit ist es, eines Menschen Wesen nach seinem Tun zu beurteilen. Wer ist denn so weit, daß sein Tun seine Seele vollkommen spiegelte? Noch habe ich keinen gesehen. Und wo Sein und Handeln sich nicht decken, ist der, welcher lügt und betrügt, weil die Sitte dies gestattet, dem anderen, der sich aus konventionellen Gründen rechtschaffen benimmt, genau und in allen Stücken gleichwertig. Für den Wissenden besteht kein Unterschied zwischen einer Stütze der Gesellschaft und einem unredlichen Makler, sofern beide nicht sind was sie tun — allenfalls steht der letztere von beiden höher, insofern er keine Ideale hat und diesen daher nicht untreu sein kann. — Ich weiß, es ist nicht ungefährlich, solches auszusprechen; um so mehr als tugendhaftes Handeln auf die Dauer die Seele doch beeinflußt und umgekehrt; die Inder wären weiter als sie sind, wenn sie zwischen Sein und Handeln nicht so scharfsichtig und reinlich unterschieden. Doch das sind praktisch-politische Erwägungen, die mich im Augenblick nichts angehen.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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