Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Tsingtau: Höflichkeit

Wie vollendet ist die Courtoisie, des gebildeten Chinesen! Es ist ein ästhetischer Genuß, mit ihm umzugehen, trotz der ungewöhnlichen technischen Schwierigkeiten, die der chinesische Höflichkeitskodex dem Ausländer bereitet. Die Etikette bedingt eben per se eine Erleichterung des Verkehrs: zwischen inkongruenten Elementen stellt sie eine Gleichung her, welche jedesmal aufgeht; sie setzt den Sünder der Gottheit, den Bettler dem König gleich, führt Fremde auf ebener Bahn gegenseitiger Verständigung zu. Ich hatte mich, bevor ich unter Chinesen kam, mit den Grundvorschriften ihres Comments vertraut gemacht; nun befolge ich ihn, so gut ich kann, und finde zu meiner Freude, daß es geht.

Im vornehmen Chinesen erscheint jene verfeinertste Form der Vollendung erreicht, woselbst Liebenswürdigkeit im Rahmen der strengbefolgten Sitte die Persönlichkeit zum entsprechenden Ausdruck bringt. Wie selten begegnet sie einem im modernen Europa! Nur bei wenigen französischen Grand-Seigneurs habe ich gleichwertiges beobachtet, und das waren nachgeborene Söhne des 18. Jahrhunderts; wer heute gute Manieren hat, ist meist konventionell, und entsprechend oberflächlich. Um in der objektiven Form den persönlichsten Inhalt zu realisieren, muß man gebildeter sein, als die Erziehung im heutigen Europa ermöglicht. In China ermöglicht sie es noch, weswegen die Großen dieses Landes auf einer höheren Kulturstufe stehen, als die unserigen. Denn die typische Form ist vollkommener individueller Ausprägung nicht hinderlich, im Gegenteil: die individuelle schließt solche meist aus. Je mehr eine Kunst sich vollendet, desto klassischer wird sie, welches heißt: desto mehr wird das Zufällig-Individuelle zum Allgemeingültigen sublimiert. Das gleiche gilt -vom Menschen. Je mehr er sich verinnerlicht, vertieft, potenziert, desto mehr tritt das Persönliche in den Hintergrund, desto mehr allgemeinmenschlich erscheint sein Wesen. So sind alle wahrhaft großen Menschen mehr Typen als Individuen gewesen. Tolstoi ist mehr Russe als Person, Voltaire mehr Franzose als er selbst; und jene ganz gewaltigen, die alle ständischen und nationalen Schranken sprengen, sind deshalb nicht weniger, sondern in noch weiterem Sinne typisch: es sind Menschen schlechthin, nach einem der ganz allgemeinen Schemen stilisiert: des Heiligen, des Täters, des Denkers. So hat sich Christus den Menschensohn genannt, und Buddha den Vollendeten. — In eben dem Sinn hat sich die Courtoisie, die Befolgung der allgemeinsten Norm, die den ersprießlichen Verkehr der Menschen untereinander regelt, überall und zu allen Zeiten als bestmögliches Ausdrucksmittel einer höchstgebildeten Persönlichkeit bewährt.

Woher kommt es, daß dieses Höchste bei gebildeten Chinesen in der Regel, nicht nur ausnahmsweise, erreicht erscheint, während bei uns die vollendeten Grand-Seigneurs sogar im 17. Jahrhundert selten waren? Das ist das Werk zweier Schriften, die seit über zweitausend Jahren alle Erziehung im Reich der Mitte inspiriert haben: des Buches von der Ehrfurcht, des Hiau ging, und des eigentlichen Katechismus der chinesischen Zivilisation, des Buchs der Riten. Ersteres baut die gesamte Moral (die nach hiesigen Begriffen alles Leben überhaupt in sich beschließt), auf dem Prinzip der Ehrfurcht auf. Gleich Goethe, sieht auch die chinesische Weisheit in dieser, die niemand mit auf die Welt bringt, das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei; gleich ihm stellt auch sie sie dreifach vor: als Ehrfurcht vor dem, was über uns, was unter uns und was uns gleich ist; ihr gilt Ehrfurcht vor allem was da ist geradezu als Grundlage aller Tugend und aller Weisheit. Und das ist sie wirklich: nur dem, was man vollkommen ernst nimmt, wird man gerecht. Deshalb ist Höflichkeit kein wesentlich Äußerliches, sondern der elementarste Ausdruck von Sittlichkeit: während Tugend und Güte nicht von jedem billig verlangt werden können, kann es doch das formelle Geltenlassen fremder Persönlichkeit.1) Dies gibt denn der Courtoisie ihren tiefen Sinn. Diesen Sinn nun hat das zweitgenannte Werk, das Buch der Riten, das ihn seinerseits voraussetzt, zu einer wunderbaren theoretischen Lehre ausgestaltet. Es behauptet: der Mensch kann nur innerlich vollendet werden, wenn er sich nach außen zu vollkommen gibt, kann nur dann sein Persönlichstes entsprechend ausprägen, wenn er die Normen befolgt, die sich im Lauf der Geschichte als die für den Chinesen typischen bewährt haben. Wie grenzenlos fördernd muß es sein, von Kind auf solches gelehrt zu werden! Durch den Umstand, daß als selbstverständlich gilt, daß die Form den Gehalt symbolisiert, das Äußerliche das Innere zum Ausdruck bringt, wird diese Gleichung tatsächlich hergestellt; beim Begabten durch schöpferisches Verständnis, beim Durchschnitt im Sinn des preußischen Soldatendrills. Diesem Ergebnis kommen weitere Umstände zugute: der Chinese hat einen ursprünglichen Sinn für Etikette, weshalb das Befolgen der Sitte nur selten dem Widerstreben begegnet, das dem europäischen Jüngling von heute eignet; ferner ist Rücksichtnahme eine Lebensfrage dort, wo die Gemeinschaft den Einzelnen so allseitig bindet, daß er in keiner Hinsicht als sein eigener Herr gelten kann und mithin dort sogar objektiv handeln muß, wo nach unseren Begriffen nur Subjektivität in Frage käme. Aber gleichviel, welche empirischen Verhältnisse mitwirken mögen: durch noch so äußerliche Umstände wird jedenfalls zuwege gebracht, daß der gebildete Einzelne in China verinnerlichter erscheint, als irgendwo sonst.

Die wunderbare Courtoisie, an der ich mich dieser Tage erfreue, ist die Blüte des Konfuzianismus, wie die Durchbildung des moralischen Menschen seine Wurzel bezeichnet. Ist sie nicht großartig, diese Weltanschauung, die alle Tiefe an die Oberfläche zu bringen weiß? die eine notwendige Gleichung zwischen moralischer und formaler Bildung herstellt, zwischen Anmut und Würde nicht allein, sondern zwischen Anmut und Ernst, Anmut und Weisheit? — Freilich tritt diese vorausgesetzte Gleichung nur beim Hochgebildeten wirklich in die Erscheinung; in der Masse dominiert hier, wie überall, wo die Kultur ähnliche Höhe erreicht, Äußerlichkeit. Von allen europäischen Völkern ist das französische das gesellschaftlich gebildetste, und auch bei dem führt die Form mehr und mehr ein vom Gehalte unabhängiges Dasein; wie in China Manieren herrschen, die in keinem Verhältnis stehen zur ethischen Qualität, so kann ein dummer Franzose geistreich erscheinen, bloß weil die Sprache gar so geistreich ist. Was ist nun vorzuziehen, eine vollkommene äußere Zivilisation, die an sich besteht und das Individuum nicht notwendig beeinflußt, oder vollendete Aufrichtigkeit der Subjekte, welche so, wie die Menschen heute sind, einen barbarischen allgemeinen Zustand zur Folge hat? Diese Frage wird man verschieden beantworten, je nachdem, ob man katholischen oder protestantischen Geistes ist. Der katholisch Gesinnte wird darauf den Nachdruck legen, daß die Befolgung der objektiv-besten Norm, und geschähe sie noch so äußerlich, auf die Dauer den inneren Menschen beeinflußt, so daß es nicht als Unglück gelten kann, wenn er zeitweilig unaufrichtig erscheint, da er auf diesem Wege zu einem höheren Zustand hinauf erzogen werde; und wird dem Protestanten entgegenhalten, daß allzu großer Nachdruck auf augenblickliche Aufrichtigkeit den Menschen für den Augenblick wohl frei macht, ihm aber recht eigentlich seine Zukunft nimmt; wer sich nicht durch das, was über ihm steht, und was ihm eben deshalb nicht entsprechen kann, bestimmen lasse, gelangen nimmer über sich selbst hinaus. — Der protestantisch Gesinnte hingegen wird urteilen, daß Aufrichtigkeit das absolut Bessere ist, gleichviel wie teuer man sie bezahlt, weil der Mensch nur durch eigene Erfahrung wesentlich gefördert wird und selbstgewonnene Einsicht, so unvollkommen sie sei, unter allen Umständen mehr Wert habe, als noch so gutes Handeln unter Autorität; von einem Verzicht auf die Zukunft um der Gegenwart willen könne aber deshalb keine Rede sein, weil, wie der Erfolg beweist, die protestantischen Völker gerade die fortschrittlichen sind. Die Katholiken stehen noch heute eben da, wie vor Jahrhunderten, während die Puritaner, vor 200 Jahren Barbaren, heute, wie jedermann weiß, an der Spitze der Zivilisation marschieren. — Das ist richtig. Ohne Zweifel bedeutet Kultur der Aufrichtigkeit die weiter ausschauende Politik, als Kultur der vollkommenen Form. Aber vom Standpunkt jeder gegebenen Gegenwart gesehen, erscheint diese als die ersprießlichere. Denn sie allein gibt ein Bild der erreichten Vollendung, während jene sie nur für die Zukunft in Aussicht stellt.

1Dieses Verhältnis hat von allen Denkern Europas Wladimir Ssolowioff am tiefsten erfaßt.
Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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