Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

V. China

Peking: Die republikanische Staatsform

Die Straßen von Peking sind nicht so schön und malerisch, wie diejenigen der Metropolen Süd- und Mittel-Chinas. Sie sind dafür großzügiger (was nicht allein im Sinne physischer Breite gilt) und es weht in ihnen Steppenluft. Der Geist Dschingis Khans, der großen Mandschu- und Tataren-Eroberer, nicht derjenige der chinesischen Literaten, hat dieser Stadt ihren Charakter verliehen, so wirkt sie gewaltig und herb. Peking ist vor allem eine Kaiserstadt: das läßt es Delhi und St. Petersburg ähnlicher erscheinen, als dem nahen Tientsin und Tsi Nan Fu.

Diese riesenhaften Tore, diese wuchtigen Mauern, diese hochragenden Paläste und Pagoden: ebenso viele Wahrzeichen eines Herrschersitzes, Indem ich die weiten Strecken durchwandere, die hier Denkmal von Denkmal scheiden, und die Größe des Geists chinesischer Kaisermacht auf mich einwirken lasse, überkommt mich eine wachsend feindselige Stimmung dem neuen republikanischen Staatswesen gegenüber. Wie wenig ist es hier am Platz! Wozu haben die Chinesen es eingeführt? Freier werden sie durch dasselbe nicht werden; so frei, wie sie waren, ist Amerika nicht.

Die Gemeinde, das soziale Atom von China, war in ihrer Verwaltung völlig unabhängig. Sie wählte sich selbst ihre Häupter, besorgte ihre Geschäfte selbst und zahlte regelmäßige Abgaben so gut wie gar nicht; die Summen jedoch, welche die Mandarine von Zeit zu Zeit erpressen kamen, waren verschwindend gering im Vergleich zu, dem, was sie in Zukunft wird regelmäßig aufbringen müssen. In das tägliche Leben der Bürger griff die alte Regierung überhaupt nicht ein; sie verharrte in Nichtstun, bis daß Handeln unbedingt geboten schien. Dann erwies sie sich freilich oft ungerecht, erpresserisch und grausam, aber das lag am jeweiligen Beamten, nicht am Prinzip, das als solches ausgezeichnet war. Ferner gab es im monarchischen China keine privilegierten Kasten, keine Aristokratie; seit Jahrtausenden stand jedem einzelnen der Weg zu den höchsten Ämtern offen. Nirgends auf der Welt ist die Regierung weniger drückend, ja merklich gewesen, nirgends haben der privaten Initiative weniger obrigkeitliche Schwierigkeiten im Wege gestanden. Daß der Einzelne in China trotzdem weniger frei war als in unserer Welt, lag an der angestammten Gesellschaftsordnung, nicht am Regierungssystem, und sollte jene umgewandelt werden, so hätte dies genau so gut oder so schlecht unter dem alten Regime geschehen können. Wozu also die Revolution? — Nun, sie bedeutete gewiß eine Notwendigkeit, denn die Mandschus hatten abgewirtschaftet; sie waren bei dem Punkte angelangt, wo der Geist der chinesischen Verfassung einen Wechsel der Dynastie direkt verlangt. Bei einem System, dessen Effikazität ausschließlich von der Qualität seiner Vertreter garantiert wird, kann es nicht fehlen, daß es bald zu äußerst unliebsamen Zuständen kommt, wenn jene Qualität verdirbt. Denn ob es richtig sei oder nicht, daß ein guter Herrscher notwendig von guten Beamten bedient wird — sicher ist, daß bei der chinesischen Regierungsform ein schlechter Kaiser den Staatskarren unweigerlich verfährt, denn hier gibt es keine feste Maschinerie, welche persönlichen Umständen das Gegengewicht hielte. So mußte es zu einer Umwälzung kommen. Aber daß diese mehr bedeutet hat, als die üblichen Krisen im Organismus Chinas, daß sie den Sturz des ganzen Systems herbeigeführt, — das hat an äußeren Umständen gelegen, zumal dem ansteckenden Beispiele des Westens. Und es wird dem Chinesenvolk zweifelsohne zum Unheil gereichen, wenn nicht sein common sense und seine tiefe sozial-politische Kultur es davor bewahrt, dem Westen in dessen Fehlern nachzueifern.

Ich bin kein Feind der Idee einer Republik. Unbedingt gebe ich zu, daß, wo die Menschen vollkommen gebildet wären, sie die beste aller Staatsformen verkörperte. Auf dem Stadium jedoch, in welchem sich selbst die vorgeschrittensten Völker unserer Tage befinden, führt sie das Gegenteil von dem herbei, was sie bewirken soll: anstatt einer Herrschaft der Besten die der Inkompetenz; an Stelle der Befreiung Knechtung; und an Stelle der Hebung des Gesamtniveaus dessen Herabminderung.

Eine Herrschaft der Besten führt sie nicht herbei, weil der Ungebildete niemals geneigt ist, jemand als über sich stehend anzuerkennen. Er wählt am liebsten den zum Regenten, dem er sich gleich dünkt; wie denn die Amerikaner, mit erfrischender Aufrichtigkeit, offen zugeben, daß sie keine hervorragenden Vertreter in ihrem Kongresse wünschen, weil solche das Volk nicht repräsentieren würden. Nur der Hervorragende, der nicht bedeutender sondern schlauer als seine Wähler ist, der Demagog, der Intrigant, der Arrivist, hat Aussicht, beim republikanischen Regime ans Ruder zu kommen. So fehlt den Häuptern solcher Staatswesen gerade das, was die Kardinaltugend des Regierenden bedeutet: die Überlegenheit. Sie sind innerlich nie frei, haben nie den gelassenen Überblick, der den geborenen Herrscher kennzeichnet. Sie sind eben nicht unabhängig, müssen liebedienern vor ihren Wählern und vor der Presse. Und was schon von den Häuptern gilt, gilt natürlich in weit höherem Grade von den Gliedern. Robert de Jouvenel hat unlängst gezeigt,1) wie das Parlament im Frankreich von heute in keiner Weise das Volk vertritt, sondern vielmehr einen völlig selbständigen, parasitär in ihm lebenden Organismus darstellt, dessen Teile absolut auf einander angewiesen sind, daher in erster Linie auf einander Rücksicht nehmen müssen und nur ausnahmsweise dazu kommen, überhaupt des Staatswohls zu gedenken; prinzipiell gleiches gilt von allen Republiken, und es ist nur eine Frage der Zeit, inwieweit das Prinzip sich aktualisiert. Überlegenheit und Unabhängigkeit sind, solange die Menschen bleiben was sie heute sind, in Republiken nicht dauernd lebensfähig.

Ich sagte ferner: die republikanische Staatsform bedingt nicht Befreiung sondern Knechtung. Wohl hat ihre Einführung ihrerzeit überall die Befreiung von irgendeiner Knechtschaft bedeutet, aber nur um eine neue, schlimmere herbeizuführen. Alle modernen Republikaner gehen von der falschen Voraussetzung aus, daß die Menschen ursprünglich gleich seien; so wird in den Bürgern solcher Gemeinwesen der Sinn für Überlegenheit künstlich ausgerottet. Der Weise hat nicht mehr Prestige als der Durchschnittsmensch, der Vornehme nicht mehr als der Plebejer. Ein verantwortlicher Posten wird nicht dem verliehen, der von Natur aus zu ihm berufen ist, sondern einem Beliebigen oder einem Schlauen. So bieten die Persönlichkeiten für das Funktionieren des Staatskörpers keine Gewähr. Was also tun? Die tote Maschinerie muß verstärkt werden; sie muß gut stehen für alles, was sonst dem Menschenwert zu danken wäre. Deshalb finden wir extreme Demokratien ausnahmslos durch das Maschinenmäßige ihres Betriebes gekennzeichnet. Gestern schrieb ich, die Bedeutung eines politischen Systems stehe in direktem Verhältnis zur Unbildung der Regierten; während der englische Richter Gesetze schafft, darf der deutsche sie nur anwenden. Dementsprechend erscheint in extremen Demokratien, wo die Besten kaum zum Worte kommen, die Maschinerie schier allmächtig. Das ist sie zumal in der nordamerikanischen Republik. Dort besitzt der Caucus mehr Macht, als irgendein asiatischer Despot. Und da die Maschine keine Seele hat, ist ihre Tyrannis schlimmer als die des härtesten Autokraten.

Der dritte Punkt ist das Sinken des Niveaus, welches die Republik mit Unvermeidlichkeit herbeiführt; er ergibt sich fast vollständig aus den bisher betrachteten. Indem die Inkompetenz der Kompetenz als gleich geachtet wird, der Sinn für Überlegenheit abstumpft und jeder nur dem ihm gleichen die Führerrolle zuerkennen mag, tritt die Überlegenheit tatsächlich zurück und das Niveau gleicht sich nach unten zu aus; desto mehr, als die Beispiele eines höheren Daseins fortschreitend seltener werden und der Nachwuchs an ideal gesinnten Bürgern spärlicher wird. Das Aufkommen so großer Überlegenheit, wie zu aristokratischen Epochen, ist in demokratischen Gemeinwesen — und das sind heute alle Staaten, die monarchisch regierten inbegriffen — wohl überhaupt nicht möglich, denn wo auf die Masse überhaupt Rücksicht genommen wird, sind allzu große Einzelne nicht lebensfähig; aber in Monarchien sinkt das Niveau doch nie so tief herab, wie in Republiken, wo jeder mitreden darf. Hier schafft die Masse allmächtig den Zeitgeist, und da er es ist, der sich jeder neuen Generation als erstes mitteilt, so kann es nicht fehlen, daß jede folgende trivialer als die vorhergehende wird. Noch ein schwerwiegendes Bedenken spricht gegen die Republik; es knüpft an an das Recht jedes Einzelnen, in politicis mitzuentscheiden. Das Interesse für Politik hebt nur den, der sie als große ideale Aufgabe auffaßt, also den geborenen Herrscher und den berufenen Staatsmann; jeden anderen zieht es herab. Weshalb? Im Kleinen ist jeder gemeint; er wahrt seine persönlichen Interessen. Als Mitbeherrscher einer Republik wird er es auch im Großen. Nun sieht er persönliche Interessen überall und handelt entsprechend. Unter einem absoluten Regime lohnt es sich für den Privatmann nicht, sich mit großer Politik zu befassen, deswegen wuchert dort sein Eigennutz am wenigsten; in einer noch so konstitutionellen Monarchie gibt es immerhin einige Fragen, die ihn nicht angehen. In der Republik entscheidet jeder bei allem mit.

China war frei und wird geknechtet werden, das Niveau des Volkes wird sinken und an Stelle der Intelligenz wird die Kanaille treten — es sei denn, daß China, glücklicher als Europa und Amerika, die Gefahr im letzten Augenblick pariert. Wie töricht ist es, von der Einführung der Republik eine Hebung des Niveaus zu erhoffen! Gewiß: der Unterschied im Niveau eines Kuli und eines Mandarins ist unerhört, und ersteres muß gehoben werden. Aber das wird gewiß nicht dadurch gelingen, daß man ihn unverzüglich emanzipiert und den ihm Überlegenen überstimmen läßt. Und selbst wenn die intellektuelle Bildung gewinnen sollte, die moralische wird sicher verlieren. Nun ist aber moralische Bildung die Hauptsache für jedes Volk und von allen besaß das chinesische davon am meisten. Wie überlegen erscheint der Kuli hierin dem hochmütigen Fremden, welchen er trägt und fährt! der hungernde Landmann dem Missionar, der ihm zu predigen sich anmaßt! Wie überlegen vor allen der Mandarin des alten Regime gegenüber den frechen jungen Leuten, die neuerdings an der Spitze des Reiches stehen! Ich denke an die Tage zurück, die ich mit den vertriebenen Großen in Tsingtau verlebte: da war kaum einer, der bei all seinen möglichen Fehlern nicht als moralisch durchgebildet gelten konnte; der insofern nicht dazu berufen schien, an führender Stelle zu stehen. Einst reich und mächtig, waren sie nun heimatlos und arm; und trugen ihr Schicksal doch mit lächelndem Gleichmut. Wohl habe ich sie verzweifelt, ja in Tränen gesehen: aber das war vor Trauer über das Ende der großen chinesischen Kultur, das sie herannahen sahen…

1In seinem ebenso scharfsinnigen wie witzigen Buch La république des cammarades (Paris, Grasset).
Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
V. China
© 1998- Schule des Rades
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