Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

VII. Nach der neuen Welt

Auf dem Lavafelde vor dem Kilauea

(Früh morgens)

Jedesmal, wenn ein neuer Morgen anbricht, scheint mir, als hübe das Weltgeschehen von vorne an. Die Dämpfe und Nebel verwischen die Einzelgestaltung; die Grenzen zwischen den Dingen verschwimmen; und die große heilige Stille, betont, nicht gestört durch den Ruf eines einsamen Vogels, verbreitet über die Natur die Stimmung des Urbeginns. Noch nie aber habe ich so stark den Eindruck des Uranfangs gehabt, wie hier. Drüben in den Wolken spiegelt sich das Feuermeer; Feuer strahlt von der Sonne auf die Felsvorsprünge herüber; von der erstarrten, violettfarbenen Lava steigen zögernd gelbe Schwefeldämpfe auf. Und wie die Sonne ein wenig höher gestiegen ist, gewahre ich silberne Tropik-Vögel, gleich Geistern aus einer anderen, besseren Welt, über der weiten, dunklen Einöde kreisen.

Primordial wirkt auch die Vegetation. Was hier fortkommt, sind nur Pflanzen, welche den Schwefel lieben; seltsame, fleischige Gewächse von fahlen Farben, aber mit brennendroten Blüten geschmückt. Hie und da ein Riesenfarn, oder ein verkrüppeltes Bäumchen von neuerem Muster, das offenbar zu früh zur Welt gekommen ist. Nicht viel anders mag es damals ausgesehen haben, als die Erde zuerst zur Wohnstatt des Lebens ward. Wie mag dieses entstanden sein? Hierüber nachzusinnen, verlohnt sich nicht; es ist doch nicht auszudenken. Vielleicht ist die Darstellung der Genesis noch die gegenständlichste. Darüber kommen wir ja doch nicht hinaus, daß das Leben hier aufgetreten ist, sobald es möglich war, und dann gleich in mannigfaltiger Gestalt. Wie sehr lächerlich macht sich die Wissenschaft, indem sie das Wunder hinwegerklären will! Wäre es nicht noch viel wunderbarer, wenn Wagner von ungefähr einen Homunculus zustandebrächte, als wenn die Weltschöpfung dem Bericht der Bibel gemäß verlaufen ist? Wenn das wesentlich Zweckmäßige und Sinnvolle — das Leben — ein Ergebnis reinen Zufalls wäre? Wie es entstanden ist, das weiß in nicht. Auch Brahma weiß es nicht, wie die schöne indische Sage bezeugt. Und ich gestehe, daß es mich verdrießen würde, wenn der Hergang je plausibel gemacht werden könnte. Ich liebe das Wunder, ich will es; wohl gerade deshalb, weil ich in so vielen Hinsichten ein Fanatiker der Exaktheit bin. Kant liebe ich vor allem deshalb, weil seine Grenzbestimmung mittelbar das Dasein einer schlechterdings unbegreiflichen Wirklichkeit erwiesen hat; denn mir ist es, wie allen ehrlichen Leuten, ganz unmöglich, mir eine Welt vorzustellen, die wesentlich anders wäre, als die menschliche, unmöglich, in concreto zu verstehen, was es heißt, daß Raumentfernungen z. B. nichts transient-Wirkliches seien. So bin ich auch, jedesmal, wo ich dessen gedenke, recht herzlich dankbar dafür, daß der Urbeginn auf keine Weise erklärt werden kann, daß hier wenigstens der Mythos wohl für immer das letzte Wort behalten wird. Nun ist ein Mythos so wahrscheinlich wie der andere, sofern er nur in sich wahrscheinlich ist: warum sollte der Anfang nicht so gewesen sein, wie es das Grauen dieses Morgens war? — Lautlose Stille; Feuerschein; Wasser- und Schwefeldämpfe über dunkeler, erkaltender Flur. Und plötzlich, zum ersten Mal, und doch als könnte es nicht anders sein, tönte aus unbestimmter Ferne der Lockruf des ersten Vogels herüber.

Ich versetze mich in jene Zeiten zurück, da ich als junger Geolog die Gebirge durchstreifte. Lange währten sie nicht; unaufhaltsam zog es mich fort vom Gestein zum lebendigen Wort. Wie widerwillig leistete ich zuletzt die übernommenen Arbeiten! Heute hätte ich nicht übel Lust, zu meinem Ausgangspunkt zurückzukehren. Wie viel größer, hoheitsvoller, weiter ist selbst die tote Natur als alles Menschenwerk! Hier ist alles im Großen erschaffen worden, wird alles im Großen erhalten. Mir kommt das Wort Mohammeds in den Sinn:

Wahrlich, die Erschaffung des Himmels und der Erde ist ein Größeres, als die Erschaffung des Menschen; aber die Meisten verstehen dies nicht.

Ja, sicher bekommt es uns besser, uns in die Werke der Natur hineinzuversetzen, als in die gewaltigsten des menschlichen Genies. Der Geolog, der die Alpen betrachtet, übersieht mit einem Blicke des Verständnisses Billionen ereignisvoller Jahre; er schaut förmlich, im Spiegel des verdichtenden Augenblicks, wie die Berge geworden sind, wie eine Fauna die andere abgelöst, wie es schließlich zum Bilde von heute kam. So erlebt er im Geiste die Uraufführung der grandiosen Symphonie des Lebens: erst wurden einige wenige Töne angeschlagen, dann fielen immer mehr, immer reichere, vollere Stimmen ein, es entstanden komplizierte Melodien, die wieder und wieder von anderen abgelöst wurden, nach einem zeitlichen Plan, der nur vom abgeschlossenen Ganzen her verständlich ist. Ihn befremdet nicht die scheinbare Antinomie von Simultaneität und Sukzession, von Veränderung und Beharrlichkeit: in den unwandelbaren Typen ist der Kontrapunkt realisiert, der alle Melodik innerlich beherrscht, ohne diese in ihrer Freiheit zu behindern. So bedeutet ihm das Schauspiel der Natur weit mehr, als dem empfänglichsten der Künstler. Wenn ich vor vielen Denkern einen Vorzug habe, so ist es der, daß ich Naturforscher im Großen gewesen bin. Philosophen studieren sonst wohl Griechisch, oder Sanskrit, oder vergleichende Literatur … das ist gut, aber förderlicher scheint, sich in das Werden der Welten zu versenken. In den Gesetzen der vernunftlosen Kristallbildung schlummert schon die ganze Musik; alle künstlerischen Ideen sind im Keimplasma symbolisch vorgebildet. Von der ersten Regung der Sehnsucht, die das gestaltlose Chaos durchzitterte, führt eine ungebrochene Kette der Entwickelung bis zur Ilias und zum Parthenon.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
VII. Nach der neuen Welt
© 1998- Schule des Rades
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