Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

IX. Heimgekehrt

Rayküll

Wieder daheim. Es ergeht mir, wie nach schwerem Sturm auf See: solange der wütet, halte ich mich, wenn ich dann aber an Land steige, schwankt der Erdboden unter mir und ich vermag nur mit Mühe im Gleichgewicht zu bleiben. So verwirrt mich die Außenwelt jetzt, wo sie sich nicht mehr um mich her bewegt. Ich muß trachten, die Bewußtseinsart des Reisenden möglichst schnell gegen die des Eingesessenen einzutauschen. Während meiner Wanderungen habe ich die Außenwelt als Reaktiv behandelt; zu Hause taugt sie nicht dazu. Wo ich mich hingebe, erhalte ich mich unverändert wieder, wo ich hinausschaue, blickt mir mein eigenes Spiegelbild entgegen; alles in Rayküll trägt den Stempel meines Geistes oder den meines Geschlechts. Das beklemmt mich. Mir ist, als sei ich gefangen. Ich bin es auch: hier werde ich ausharren müssen in bestimmter Daseinsform; hier verantworte ich in bestimmter Gestalt; hier darf ich nicht Proteus sein…

Mein natürlicher Mensch, mein Erb-Adam, steht freilich ganz anders zur Heimkehr: er fühlt sich durch die Wiederberührung des Bodens, dem er entstammt, auf dem er fußt und zu wirken gewohnt ist, anthäoshaft gesteigert; ihm ist, als seien die Fortschritte, die Rayküll gemacht hat, seine Fortschritte, als sei in den Bäumen er selbst gewachsen, durch die Entwässerung unfruchtbarer Moore seine eigene Natur verbessert worden. Dies sei ihm unbenommen — doch was geht sein Glück mich an? — Ich denke zurück an die Motive, die mich seinerzeit hinaustrieben in die weite Welt: damals zog ich ja aus, dem natürlichen Menschen zu entrinnen. Dieses Ziel habe ich erreicht, das fühle ich. So lebendig er blieb, beherrschen wird er mich nie mehr, nie mehr hinübergreifen über seine Sphäre. Es besteht kaum mehr Gefahr für mich, als Persönlichkeit auszukristallisieren, eine Sondererscheinung, in mir oder außer mir, zu ernst zu nehmen. So darf ich wohl fortan die Natur in mir unbefangener gewähren lassen. Nur der Unfreie verschanzt sich gegen sie oder flüchtet vor ihr, der Freie braucht nichts auszuschließen, nichts zu verdammen. Mir winkt wohl fortan, nach Überstehung der Übergangszeit, ein volleres persönliches Sonderleben, als ich es früher geführt. Nur die Übergangszeit… Vorläufig wird es mir nicht leicht fallen, zustimmendbewußt als bestimmtes Wesen zu leben; Proteus sträubt sich dagegen. Aber muß er nicht auch stille halten lernen? wenn ich ihn in mir vor allem unterstützte, so war es aus Furcht vor Auskristallisation: nun dieser vorgebeugt ist, darf jener mir kein Ideal mehr verkörpern. Jetzt gilt es, in dauernder Gestaltung gleiche Überlegenheit über solche zu bekunden, wie vormals in wechselnder. Noch drücken mich äußere Schranken zu leicht. Stände ich innerlich ganz frei da, dann scheute ich Bindung und Bestimmtheit nicht mehr, als ich ihrer bedürfte, dann empfände ich keinen so gebieterischen Drang nach äußerer Freiheit. Vieles von dem, was bei mir Freiheit scheint, ist in Wahrheit nur eine Abart der Gebundenheit. Ich bin noch allzu abhängig von meiner Unabhängigkeit. Ich muß nach Wunsch in meinem Sonderdasein aufgehen, ganz eins werden können mit einer bestimmten Gestalt, meine Neigungen, Gefühle und Interessen ganz beherrschen. Ich muß soweit kommen, nicht allein ungebunden zu sein durch Name und Form, sondern mich willkürlich binden lassen zu können.

Doch nun zur Hauptsache: bin ich von meiner weiten Wanderung der Selbstverwirklichung näher heimgekehrt? — Ich muß ihr näher sein. Jede einzelne der Lebensmöglichkeiten, die ich durchlebt, hat mir deutlicher zum Bewußtsein gebracht, was wesentlich ist im metaphysischen Sinne und was nicht. Ich, als Wesen, bin der gleiche geblieben, ob ich als Inder oder Chinese, als Christ oder Buddhist empfand; ich weiß jetzt aus lebendiger Erfahrung, daß die wesentliche Wahrheit jenseits der Sphäre bestimmter Gestaltung lebt. Es ist eine Frage der Voraussetzungen, ob diese oder jene Form entsteht, es hängt von den Zwecken ab, die man verfolgt, ob man diese oder jene höher wertet. Zur äußeren Gestaltung des Lebens, zur objektiv-wissenschaftlichen Erkenntnis erweist eine Europäerseele sich am dienlichsten; eine indische zur Realisierung in der psychischen Sphäre, eine chinesische zur Konkretisierung der Idee, eine japanische zum ästhetischen Naturverständnis, und so fort. Keine Formel ist die höchste im metaphysischen Sinn, jede stellt einen möglichen Ausdruck des Absoluten dar, jeder Sonderausdruck bedingt spezifische Grenzen. — Die verschiedenen Seelen, die ich gewann, sind mir geblieben, als mögliche Einstellungen meiner Selbst; meine Natur ist entsprechend reicher geworden. Dank der Erkenntnis der Wege der Metempsychose ist mir mein Wesen, das beharrt durch alle Seelenwanderung, als Negativ so deutlich geworden, daß mir täglich scheint: noch heute muß das Positiv sich zeigen. Noch hat es sich nicht gezeigt. Im Augenblick fühle ich mich sogar nicht sicherer, sondern unsicherer als ehedem: zu vieles in mir ist in Umwandlung und Umsetzung begriffen. Das wird sich geben. Der Naturprozeß nimmt seinen Lauf. Er braucht viel Zeit. Die sei ihm gewährt. Ich aber will warten in stiller Zuversicht.

…Dieser Tage habe ich im schönen alten Saal, mit seiner prachtvollen Akustik, viel Bach gespielt. Weshalb bedeutet mir dessen Kunst so viel? Weil ihr Geist durchaus einer der Grundtöne ist. Es besteht ein intimer Zusammenhang zwischen der Tiefe der Gedanken und der der Töne. Wie ein tiefer Gedanke tausend oberflächliche innerlich bedingt, so lassen sich zu einem gegebenen Baß in höheren Lagen schier unendlich viel Melodien ersinnen, während jede gegebene Diskantmelodie auf nur einen Baß zurückweist. Die moderne Musik liegt ganz im Diskant, läßt nur mittelbar Grundtöne ahnen; diejenige Bachs ist ganz Grundton und insofern aller anderen Fundament. So tief wie Bach ist kein Musiker jemals gewesen, wie kein anderer ist er dem Metaphysiker kongenial. Der Metaphysiker hat den Baß zu spielen in der Symphonie des erkennenden Geistes, die Grundtöne zu finden und anzuschlagen zur Musik der Welt. Und indem ich mich in Bach versenkte, seufzte ich: wenn ich so denken könnte, wie dieser Mann komponiert hat, wenn meine Erkenntnis so tiefen Grund zu spiegeln käme, wie seine Musik, dann wäre ich wohl am Ziel.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
IX. Heimgekehrt
© 1998- Schule des Rades
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