Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Reisetagebuch eines Philosophen

III. Indien

Lahore

Nun bin ich im nördlichen Pandschab, einer völlig neuen Welt vom Standpunkte dessen geurteilt, der nur Indien kennte. Mir aber scheint sie nur allzu vertraut: In Lahore sieht es um Weihnachten kaum anders aus als um die gleiche Zeit im gemäßigten Europa. Wenigstens kann ich, der flüchtige Besucher, keinen wesentlichen Unterschied erkennen, weil der Rahmen, in dem mein Leben sich abspielt, vollkommen europäisch ist Meinen Geist verdrießt das nicht wenig: wozu bin ich hierher gereist? Der Bruder Esel jedoch, das Fleisch, das Gewohnheitstier, freut sich gewaltig; oft muß ich auflachen darüber, wie sehr er Küche, Komfort, die ganze Atmosphäre genießt. Selbst das scheint seine Freude nicht zu schmälern, daß er sich gleich in erster Stunde eine böse Erkältung zugezogen hat: auch die gehört ja mit zum nordischen Winter. So sind dem anhänglichen Bauernweib sogar die Schläge des heimgekehrten Gatten lieb…

Ich muß fort. Gemütlich darf es nicht werden. Wieviel macht einem dieser Zustand nicht zu schaffen! Überall, wo man ein wenig länger geweilt, schleicht er sich leisetreterisch ein, und hat er sich einmal eingenistet, dann ruht er nimmer, bis daß er alle Spannungen gelöst hat. Schlimmeres kann von einem Milieu kaum behauptet werden, als daß es diesen Zustand begünstigt. Gemütlichkeit bedeutet ja nichts anderes, als daß das ganze Dasein dem Geist der Trägheit unterworfen ist. Ich gehöre wahrhaftig nicht zu denen, welche Abtötung des Fleisches predigen; aber dafür bin ich allerdings, daß nichts Erschlaffendes geduldet würde. Die Freuden und Genüsse des Lebens sind als solche gar nicht erschlaffend: nur die Gewohnheit des Genießens erschlafft; die Gewohnheit ist der wahre Feind. Hierin haben die Asketen wohl niemals klar gesehen. Sie haben einfältiglich verkannt, daß die Gewohnheit der Kasteiung genau so übel ist, wie die Gewohnheit der Völlerei. Wäre es anders, unter Entsagern aus Prinzip gäbe es weniger dürftige Gesellen. Meist sind sie ja noch geistloser, als die Bohèmes, was viel besagen will. — Der alte Adam, welcher täglich und stündlich bekämpft werden soll, ist das Gewohnheitstier. Es gibt keine guten Gewohnheiten. Es ist nicht wahr, daß irgendeine Lebensroutine für Freiheit des Geistes zeuge. Der Heilige aus Routine ist gar kein Heiliger mehr; nur vermeidliche Treue hat geistigen Wert. Im Augenblick, da eine Verrichtung zur Gewohnheit ward, verflüchtigt sich der Geist, aus der sie stammte. An die Stelle spontanen Schaffens tritt Maschinenbetrieb. Von der Maschine aber findet nur der den Weg zum Schöpfer zurück, der sie zerschlug. — Daß der Mensch einer gewissen Geregeltheit im Leben bedarf, liegt daran, daß er nicht absolut frei sein kann; um in irgendeiner Hinsicht freizubleiben, muß er sich nach anderen desto fester binden. Der Vorzug aller Regel beruht ausschließlich darauf, daß sie Freiheit ermöglicht, nicht, daß sie in Fesseln schlägt — und diesen ihren Vorzug verliert sie in dem Augenblick, wo die Fesseln einem lieb wurden. Ich muß fort aus Lahore; gemütlich darf es nicht werden. Aber bewundern muß ich es, wie sehr die weißen Residenten dieser indischen Stadt ihren Charakter aufgeprägt haben; hier wirken die Eingeborenenviertel kaum weniger exotisch, wie die Ghettos in New York oder Amsterdam. Verständnislosigkeit ist eine ungeheure Macht. Schlössen sich die Engländer weniger engherzig von allem Nicht-Englischen ab — nie könnten sie Indien beherrschen, wie sie es tun. Und so ist es wohl überall. Die erfolgreichsten Frauenkenner waren immer die, welche auf deren Gefühlsleben am wenigsten innere Rücksicht nahmen, die besten Erzieher immer die, welche zu den Schülern am meisten Distanz einhielten. Genau im gleichen Sinne schaut die jüdisch-christliche Menschheit zum persönlichen Gottvater auf. Nie würden diesem die Eigenschaften der Allgüte und des Allverständnisses so unbedenklich zugestanden werden, nie würde die Menschheit so fest darauf vertrauen, daß er alles zum besten wenden wird, wenn er nicht durch grundsätzliches Mißverstehen, durch Gleichgültigkeit allen Hoffnungen und Wünschen gegenüber bewiesen hätte, daß er unzweifelhaft über ihr steht.

Hermann Keyserling
Das Reisetagebuch eines Philosophen · 1919
III. Indien
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME