Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Frankreich

Gleichgewicht und Dauer

Doch wenn sich fast jeder vorurteilsfrei Verstehende, mag er noch so viel Gründe zum Franzosenhasse haben, auch heute in Frankreich unwillkürlich heimisch fühlt, so fühlt sich Frankreich selbst in der Nachkriegswelt alles eher als heimisch. Und auch das kann nicht gut anders sein. Noch nie, seit der Völkerwanderung, war Europa gleichermaßen im Fluß. Tradition ist nicht mehr historisch bestimmend, Präzedenzfälle gelten nicht, die prästabilierte Harmonie ist hin, alles Gleichgewicht aufgehoben. Unter diesen Umständen muß die französische Mentalität, in stabilisierten Zeiten die weltangepaßteste, als unangepaßteste erscheinen. Daß der Franzose selbst die Dinge nicht so sehen kann, ist nur natürlich. Und dies nicht nur wegen seiner so lange bestehenden Vormachtstellung. So verstandesklar er sei: sein Selbstbewußtsein ist — wir betonten es bereits — mehr emotionell wie intellektuell, als solches leicht und stark erregbar, und Gefühle sind sich selber letzte Instanzen.

Mit einem Franzosen fruchtbar zu diskutieren ist nur möglich, wenn man seine Grundüberzeugung teilt. Diese je in Frage zu stellen, ist er physiologisch unfähig. Er ist unfähig zur Neutralität nicht nur in Fragen der Politik: auch Sachlichkeit im deutschen Sinne kennt er nicht, wo sie nicht von anerkannten subjektiven Voraussetzungen her besteht. Daher das Festhalten, allem gesunden Menschenverstand zum Trotz, an erwiesenermaßen falschen Vorurteilen: les sentiments ne se raisonnent pas, und Gefühle sind seine letzte Urteilsinstanz. Ihm Fremdes versteht er schwerer als irgendwer; er ist insofern der innerlich abgeschlossenste Europäer. Daher denn die merkwürdig engen Grenzen des Gebiets, auf dem er klug erscheint. Er hat das differenzierteste Bewußtsein unseres Kontinents; er ist logisch außerordentlich begabt. Doch die unbewußten Untergründe seines Geistes befinden sich in einem Zustand ebenso außerordentlicher Gebundenheit. Noch des heutigen Franzosen Gedanken über Goethe oder Shakespeare sind bis auf seltene Ausnahmefälle kindisch-töricht; was er über Nicht-Französisches denkt, ist in der Regel dort allein ernstzunehmen, wo das Verhältnis des Fremden zu Frankreich in Frage steht von Frankreichs Standpunkt. Keine serbische, keine litauische, keine estnische Zeitung würde je wagen, ihren Lesern so kindisch-dumme Urteile über den Geist des Auslands zu servieren, wie dies größte französische tagtäglich tun. Behauptet der Franzose, umgekehrt, das Französische sei das Menschliche, das Humane schlechthin, der Begriff Europa sei zu eng für seine klassisch-vorbildliche Eigenart1, so beweist das wiederum nur eins: wie sehr er in den Grenzen seiner spezifischen Natur gefangen ist.

Insofern beruht denn sein Widerwillen gegen Reisen auf richtigem Instinkt: außerhalb seiner Landesgrenzen wirkt er im provinziellen Sinn beschränkt. Daheim hingegen hat die gleiche Beschränktheit etwas Rührendes. Mit derselben naiven Selbstverständlichkeit, mit der der Engländer die Erde materiell beherrscht, setzt der Franzose voraus, daß die ganze Welt von Herzen so sein will, wie er sich darstellt. Und um dieser Naivität willen verübelt niemand ihm seine Auffassung, solang er persönlich daheimbleibt und nur seinen Geist ausstrahlt. Er nun versteht überhaupt nicht, wie man anders sein will als er: kann man es nicht, so sieht er darin ein Vorläufiges, und hilft gern aufrichtig desinteressiert und großmütig nach. Unter keinen Umständen versteht er, daß man ihm sein Sosein und seine Stellung nicht für die Ewigkeit gönnt. Als Vertreter statischen Gleichgewichts, in seiner Auffassung der Erde als eines französischen Gartens kann er im Dynamiker, falls dieser ihm sein Gesetz aufdrängen will, aus seiner Subjektivität heraus nichts Besseres als einen Verbrecher sehen. Für ihn gilt bestehendes Gleichgewicht, bestehende Sitte, bestehendes Recht, bestehende Grenze in jedem Sinn. Jede Verschiebung greift gefährdend an seine Substanz. Welche Gefährdung desto größer erscheint, als sehr alte Kulturordnung Veränderung kaum überhaupt verträgt: so tut nur der antike Holzpflug dem Erdboden Toskanas nichts zuleid. Aus den angeführten psychologischen Gründen hat der Franzose sich denn, seitdem er seinen heutigen Charakter trägt, im Krieg stets als Angegriffener gefühlt, in jedem Gegner den Feind der Zivilisation gesehen, jedesmal auf sein absolutes Recht gepocht. In dieser Weltwende mußte sich der gleiche psychologische Tatbestand nur auf unerhörte Weise potenzieren. Die sogenannte hysterische Angst der Franzosen erscheint aus dem Vorhergesagten heraus allein schon verständlich genug: Frankreich war wirklich nie ähnlich gefährdet. Denn seine Anlage verlangt — wie jeder Garten — äußere Sicherung an erster Statt; und die ist hin. Sie verlangt Stetigkeit im Zustand; und die ist aufgehoben. Man verkennt den Franzosen ganz, wenn man beim Rentnertum, bei der Selbstverständlichkeit der Geldheirat u. ä. nur die vielfach allerdings recht unerfreulichen Tatsachen als solche sieht: sie sind nur Ausdrucksformen unter anderen einer Grundhaltung, die Gleichgewicht und Dauer verlangt.

Im übrigen rührt die französische Angst daher, daß der Franzose den psychologischen Typ des emotionellen Introvertierten verkörpert. Als solcher lebt er in zwei voneinander hermetisch abgeschlossenen Welten auf einmal, von denen die eine dem Freudschen Lustprinzip, die andere desselben Realitätsprinzip entspricht. Beatrice M. Hinkle schreibt darüber in ihrem Buch The Re-Creating of the Individual (Harcourt, Brace & Co., New York), das einige der besten Bemerkungen über die Psychologie der Völker Europas enthält, die ich je las:

Am französischen Realismus, der so erbarmungslos hart und intransigent und rücksichtslos die Tatsachen des Lebens als Tatsachen nimmt, haben wir ein Beispiel dessen, was die aufgezwungene Akzeptierung des Realitätsprinzips dem emotionellen Introvertierten bedeutet. Hier fehlt jede kindliche Selbsttäuschung; hier übertüncht nichts die nackte Wand der Tatsache, daß der Mensch ein egozentrisches, grausames Wesen ist, der Vernichter seiner Mitmenschen zum Besten persönlicher Macht, dem nichts heilig ist über sich selbst hinaus; denn hier ist das unerlöste Ich in seinem primitivsten Zustand am Werk. Das absolute Festhalten an System, Gesetz und Tradition, das Messen von allem und jedem am Maßstab der Nützlichkeit, die intellektuelle probité, das Fehlen jeder Sentimentalität, ja jedes Gefühls im Behandeln realer Interessen; die enge, beschränkte und starre Haltung der Wirklichkeit gegenüber, wo keine Vision, kein Traum, keine Phantasie im Dienst des Schönen und Guten je die harten Umrisse der Tatsachen zu umschleiern trachtet, die Tatsachen, wie sie wirklich sind oder wie man fürchtet, daß sie werden könnten, zeigen, was Wirklichkeit dem emotionellen Introvertierten bedeutet. Frankreichs Geschichte zeigt durchaus, und heute besonders deutlich, welche schmerzlichen Anstrengungen ihre Meisterung erfordert und welch ungeheure Rolle die Angst im Leben spielt. (S. 259)

Freilich hat der französische Charakter auch seine harte Seite. Sie kompensiert überall die douce France, das Land der Schönheit, der Klarheit und des Lebensgenusses. In ihrer abstoßenden Qualifizierung verkörpert sie in urbildhafter Klarheit Poincaré. Die französische Eigenart, in zwei hermetisch voneinander abgeschlossenen Welten zugleich zu leben, kann umhin, sich in Form polarer Gegensätzlichkeit zu manifestieren. So ist der französische bourgeois extremer Artung in weit unangenehmerem Sinne Bürger, als der deutsche; er ist kein gutmütiger Philister, er ist der Privatier als kleinlicher peinlicher Bürokrat. So ist der französische Bauer in seiner Nährigkeit hart wie eine alte Wurzel. So ist der leichtherzigste Franzose andererseits noch immer ein geizigerer Sparer als der besonnenste Deutsche. So kompensiert der Hang zur Schikane die Generosität, und Grausamkeit die ebenso echte Herzenshöflichkeit. Diese harte und oft häßliche Seite bildet gleichsam das Skelett des französischen Statismus. Dank ihr allein konnte sich Frankreich so lange so zäh in seiner traditionellen Eigenart behaupten. Eben dank ihr hält Frankreich unter allen Umständen durch, wie es dies im Weltkrieg wieder tat. Frankreich ist eben, als Garten, ein wesentlich Abgeschlossenes. Kommt der Fremde als friedlicher, womöglich lernen wollender Besucher, so wird er freundlich eingeführt. In jeder anderen Eigenschaft wird er ohne weiteres als Einbrecher behandelt.

Heute nun ist die Stellung Frankreichs als eines anerkannten Gartens um. Die Menschen haben anderes zu tun, als ihn zu schützen. Die Psychologie des Gärtners begegnet immer geringerem Verständnis. Nichts ist in diesem Zusammenhang lehrreicher als die Stellung der übrigen Völker zum französischen Rechtsbegriff. Solange sie sich vom siegenden Deutschland mitgefährdet fühlten, verstanden alle die französische Auffassung vom droit, denn Frankreichs Sicherung war ihrer Auffassung nach ihrer aller Heil. Je weiter nun die Kriegsgefahr zurückliegt, desto weniger läßt irgendein anderes Volk französische Rechtsansprüche gelten. Denn diese beziehen sich durchaus auf Vergangenes; wo sich die ganze Welt, und damit auch der Sinn des Geschehenen, wandelt.

1In diesem Zusammenhang ist das Nachwort Bernard Grassets zur französischen Ausgabe von Sieburgs Gott in Frankreich besonders lesenswert: nie sah ich ähnlich naiv Provinzialismus als Universalismus gedeutet.
Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Frankreich
© 1998- Schule des Rades
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