Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Portugal

Saudade

Wie Castilien nur vom Geist, vom Stile her beurteilt, ein klar Bestimmtes ist, nicht jedoch von der Natur her, so steht es auch mit Portugal. Leicht lassen sich unmerkliche Übergänge vom Portugiesen speziell zum Galizier nachweisen, der nahezu die gleiche Sprache spricht und ebenso lyrisch ist. Und ebensowenig wie die Hochplateaulandschaft Castilien erklärt, erklärt das atlantische Klima Portugal. Im Gegenteil, Portugal widerlegt geradezu die übliche Milieutheorie. Nichts widerspricht mehr diesem strahlenden Himmel, diesen breiten Farbenakkorden, diesem tiefen und weiten Meer, dieser ganzen großzügigen windüberwehten Landschaft, als das Verschränkte und Verkrampfte der Seele seiner bestimmenden Bewohner. Denn so idyllisch die der Bauernschaft noch vielfach ist, so wenig erhält sich in Portugal das Einfache bei geistiger und sozialer Höherentwicklung. Wie völlig abwegig jede Erklärung von Portugals Eigenart auf Grund der Rasse ist, betonten wir bereits. Wo zwischen Völkern ein genügend starker Spannungszustand besteht, da ist der jeweilige Nationalcharakter allemal das Ergebnis von geistig-seelischer Polarisierung, wobei Abneigung und Feindschaft ein mächtigeres Kraftfeld schafft, als Sympathie. In diesem Sinn ist weder Deutschland ohne Frankreich, noch Frankreich ohne Deutschland zu verstehen; so erfolgte die Latinisierung der Mittelmeerwelt, die zutiefst Hellenisierung bedeutete, auf Grund des Gegensatzes zwischen Griechen- und Römertum. Das Verhältnis von Portugal und Castilien nun bezeichnet die extremste mir bekannte Illustration dieses Gesetzes. Erstens ist die iberische Halbinsel in all ihrer Vielfältigkeit eine einheitliche Welt für sich. Zweitens haben sich die polaren Differenzierungsmöglichkeiten einer vorherbestehenden Einheit nirgends, daß ich wüßte, so artikuliert verwirklicht, wie im Fall von Castilien und Portugal.

Weil es sich hier um Geistes- und nicht um Naturgründe handelt, deswegen, und deswegen allein läßt sich im Falle Portugals in beinahe allen Hinsichten, gegenüber Castilien, ein Umschlag ins Gegenteil feststellen, der einen Heraklit und einen Hegel begeistert hätte. Wenige große Striche genügen, um das Wesentliche unverkennbar zu charakterisieren; Spezialisten mögen das Gemälde vollenden. Der Castilier ist einfach und großzügig, der Portugiese kompliziert und wenn nicht kleinlich, so doch aufs Kleine bedacht; hier ist die Goldfiligranarbeit, mit der die Ozeanfischer von Porto den Winter verbringen, für die Nation typisch. Der Castilier ist wesentlich ganz, der Portugiese ebenso wesentlich zerrissen; der Castilier selbstsicher und deshalb Aristokrat, der Portugiese unsicher, aus Geltungsbedürfnis anmaßend oder höheren Wert bewußt ablehnend, und insofern Plebejer. Der Castilier ist monophon; nur seine eigene Sprache drückt sein Wesen entsprechend aus. Der Portugiese spricht von allen Westeuropäern am besten die meisten Sprachen. Betrachtet man nun diese Grundgegensätze (den aufgezählten lassen sich viele anreihen) von der Tiefe her oder führt man sie auf ihre Wurzel zurück, dann gewinnen sie den Aspekt eines Verhältnisses der bis zum Auseinanderfallen getriebenen Differenziation zur Integration. Es ist nämlich nicht richtig zu sagen, der Portugiese sei süß im Gegensatz zum herben Spanier — süß ist der Gallego auch; und wirkt der Portugiese dank der Rolle, die Gefühle und Stimmungen in seinem Bewußtsein spielen und der Eigenart dieser auch wesentlich süß, begegnet man hier den lieblichsten Gestaltungen — auch die herrlichen Frauenstimmen gehören hierher —, so beherbergt seine Unterwelt andererseits alle Möglichkeiten des Hasses und der Häßlichkeit, wo der an der Oberfläche viel härtere Castilier in der gleichen Tiefe zartfühlend und warm ist. Wird die Eitelkeit des Portugiesen verletzt, so reagiert er giftig, und kein Europäer verzeiht schwerer als er. Es ist auch nicht richtig, zu behaupten, der Portugiese sei romantisch im Gegensatz zum realistischen Spanier — Romantiker gibt es auf der ganzen Halbinsel (wenn auch der Portugiese der romantischste unter diesen ist), und keiner ihrer Bewohner ist andererseits positivistischer als er: das Entscheidende ist, daß der in der castilischen Integration komprimierte Reichtum des Hispaniers hier in seine Elemente auseinanderfällt und von dieser Vielfältigkeit her spezifiziert in die Erscheinung tritt. Doch die potentielle Integralität des Hispaniers ist auch die innerlich-tiefste Urform des Portugiesen, und in seinen größten Zeiten und größten Einzelverkörperungen war er denn auch nie ein anderes als ein Hispanier besonderer Eigenart, wie denn jeder Hispanier von der Prähistorie an ein sonderlicher Mensch war. Demgemäß entspricht der gelassenen Ruhe des Castiliers im Portugiesen krampfhaftes Zusammenhalten und bewußte Zähigkeit. Daher seine besondere Geschäftsbegabung: sie ist nicht intellektuellen Ursprungs, wie beim Catalanen, sondern moralischen. Nicht umsonst wirkte im Zeitalter der Sklavenhalter der portugiesische als deren Prototyp.

So lebt denn in Portugal das Verschiedenste und Gegensätzlichste, doch innerlich tief zusammengehörig, nebeneinander. Vergebens schaut man nach einem einheitlichen physischen Volkstypus aus; skandinavierähnliche Gestalten sind da genau so autochthon wie negroide. Die urportugiesischen Typen, die Lusitanier, bedeuten heute nur ein Element unter anderen. Ebensowenig gibt es eindeutige Seelen; jede beherbergt These und Antithese zugleich. So ist der Portugiese einerseits der extravaganteste Romantiker, andererseits der nüchternste Positivist, der Dichter und zugleich der Händler par excellence. Er ist süß und gleichzeitig brutal, wild und giftig, verfeinert und vulgär — was sich sozial so ausdrückt, daß dieses an sich plebejische Volk als Ausnahmeerscheinung die feinsten Aristokraten der heutigen Welt hervorbringt — gefällig und rücksichtslos, liebenswürdig und abstoßend. Doch, wie gesagt, potentielle Ganzheit und Integralität ist die Urform auch des Portugiesen. So verknüpft ein einheitliches Band von innen her das Disparateste. Hierher rührt denn das eine und erste Charakteristikum, das für alle typischen heutigen Portugiesen gilt: ihre Explosivität. Gedrängt, gespannt und doch ohne inneren Kontakt liegt das Gegensätzliche nebeneinander wie in einem Sprengstoff. Und einheitliche Entfaltung ist nur im Explodieren möglich, wie denn die Entstehung des portugiesischen Weltreichs am besten der Überdeckung weiten Raums durch Granatensplitter vergleichbar ist. Die Unmöglichkeit, zu explodieren, bedingt hinwiederum mit logischer Notwendigkeit Verkrampfung, und nur partielle Möglichkeit Verpuffung der Kräfte ohne Ziel. Daher unter anderem das haltlose portugiesische Weinen, das bei offizieller Trauer im Volk die Form schier schematischer attaques annimmt. Von hier aus versteht man leicht, warum es in Portugal bei dem vorhandenen großen Formensinn zu einer Pflege des Dekorativen gekommen ist, die recht eigentlich Übermalung ist. Das Maßlose der portugiesischen Höflichkeit, die übertriebene Vergoldung seiner Kirchen, der viele orientalische Import, ja der Manuellino-Stil sind ihrer tiefsten nationalen Intention nach Verdeckungen. Hier komme man ja nicht mit Argumenten, die aus früher Geschichte stammen, oder mit großen Einzelnen, für die das Gesagte nicht gilt: erstens sind die heutigen Portugiesen ganz anders als ihre pionierhaften Vorfahren, weshalb ihr beständiges Sich-Berufen auf ihre Geschichte das Gegenteil dessen beweist, was es beweisen soll; zweitens sind die ganz Großen in Portugal, nicht anders wie in Deutschland, für das Volk wesentlich nicht repräsentativ. In keines Volkes Geschichte zählen weniger Persönlichkeiten. Nirgends waren diese so anders als der Durchschnitt, wie in Portugal. Kein Einzelner hat je für sein Volk so viel bedeutet, wie Heinrich der Seefahrer seinem Land. Und wie sehr es sich bei dem, worauf Portugals Bedeutung im Entdeckungszeitalter beruht, um ein nicht nur Besonderes, sondern Abgesondertes handelt, beweist die bloße Möglichkeit jener Geheimnavigation, welche die Idee der Geheimdiplomatie karikiert: alle Wissenschaft und Technik war gleichsam Geschäftsgeheimnis eines kleinen Art-untypischen Kreises, was allein genügt, um den schnellen und plötzlichen Verfall von Portugals Größe zu erklären. Es waren nicht eigentlich Portugiesen, sondern bestimmte Persönlichkeiten (meist auch verschiedenen Bluts) welche die großen objektiven Möglichkeiten der portugiesischen Situation auswerteten. Bei jeder nicht vollendeten Synthese überwiegt nun der Gesamteindruck des Unvollendeten und deshalb Häßlichen; tritt überdies Verkrampfung hinzu, dann muß die Erscheinung klein wirken, auch wo sie es nicht ist. Es ist kein Zufall, daß auf die meisten Fremden einzig ein kleiner dunkler, großnasiger, ungemein häßlicher Frauentypus als echtportugiesisch wirkt — obgleich tatsächlich andere wohlaussehende genau so echt sind — und unter Männern am echtesten die Abart mit (scheinbarer oder wirklicher) afrikanischer oder asiatischer Blutzumischung.

Hiermit gelange ich zum zweiten Grundcharakteristikum jedes Portugiesen und zugleich zu dem Grundzug der portugiesischen Situation, welcher die Resultante aller gegensätzlicher Komponenten ist. Alle Bewohner der iberischen Halbinsel sind an sich kontinental. Das Kolonisieren der Spanier verträgt überhaupt keinen Vergleich mit dem niederländischen oder englischen — einzelne Gruppen von Hidalgos unternahmen beduinengemäße Wüstenritte übers Meer, und das zufällige Resultat war ein Imperium. Aber auch die Portugiesen sind kein ursprüngliches Seefahrervolk. Sie wurzeln fest und zäh in der heimatlichen Erde und konvergieren insofern mit dem französischen Gärtner. Man gedenke nur ihrer uralten Forstkultur, dank welcher Portugal ebenso bewaldet ist, wie Spanien kahl. Doch sie mußten hinaus, um zu leben; wie Eugenio d’Ors es einmal gut gesagt hat: Portugal ist ein Balkon auf die Unendlichkeit hinaus. Und die großen Ausnahmegestalten schufen denen die Möglichkeit der Nachfolge, welche nie die Initiative hätten ergreifen können. So ähnelten die nationaltypischen portugiesischen Handelsherren der großen Zeit am ehesten deutschen Hanseaten. Deshalb blieben sie auch als Kolonisatoren wesentlich Kaufleute. Sehr bezeichnenderweise entsprechen den spanischen Conquistadores in Portugal die Bandeirantes. Nie zeigten die Portugiesen die große Linie imperialer Völker; nur ihre Tüchtigkeit bewährten sie überall. So groß ihre Besitzungen waren, nie identifizierten sie sich mit ihnen so, daß sie selber an ihnen groß und weit wurden. Begann das indische Reich der Engländer mit der ostindischen Companie, so ist ähnlicher Geist, wie der der letzteren, in den portugiesischen Kolonien bestimmend geblieben, wo nicht auf neuem Boden ein neues Volkstum erwuchs, wie in Brasilien, das wesentlich nicht mehr portugiesisch ist; dort erwächst ein innerlich großzügiges, in allen wichtigen Grundzügen originales neues Volk. Kein Wunder daher, daß Portugal als politische Macht und Nation, im Gegensatz zu Spanien, nie werbende Kraft bewiesen hat.

Diese Diskrepanz zwischen Möglichkeit, Leistung und anerkanntem Erfolg, welches die theoretisch als erreichbar empfundene Vollendung faktisch ausschließt, hat denn den seelischen Selbsterhaltungstrieb dieses Volks — wie aus einer anderen, aber verwandten Situation heraus des deutschen — dazu bewegt, den Nachdruck nicht auf die Erfüllung, sondern die Sehnsucht zu legen. Die Portugiesen sind Europas zweites Sehnsuchtsvolk. Der deutschen Sehnsucht entspricht die portugiesische saudade. Diese ist, wie dies von allen bestimmten Gefühlen gilt, ein Einziges und schlechthin Unübersetzbares. Sie ist nicht deutsche Sehnsucht. Auf deutsch gibt man ihren Sinn am wenigsten falsch mit den sehr vagen Worten des Inbegriffs aller möglichen Sentimentalität wieder — nur führt auch hier der deutsche Wortlaut irre, denn diese Sentimentalität verschwimmt nicht, sie stellt kein Schwebendes dar, sondern äußert sich typischerweise in maßlosen Explosionen oder doch einem Gefühlsüberschwang, der vom Standpunkt jedes Nichtportugiesen jede mögliche Form sprengt. Man lese in diesem Zusammenhang das (auch deutsch erschienene und mehrfach aufgeführte) kleine Meisterwerk von Júlio Dantas A ceia dos Cardeaes, das die portugiesische Liebe der spanischen und französischen gegenüberstellt. Nach Dantas können natürlich einzig Portugiesen lieben. — Aber auch sie können mit Begriffen nicht erklären, was saudade ist. Die Feinsinnigsten beantworten jede Frage danach mit dem alten Vers:

Esta palavra saudade
A quelle que a inventou
A primera vez que a disse
Com certeza chorou.

(Dieses Wort Saudade: er, der es erfand, das erstemal, da er es aussprach, hat er gewißlich geweint.)
Ein gutes Beispiel ähnlicher Gemütslage gibt das brasilianische Sprichwort:

Desgraça pouca, é bobagem
(Wenig Unglück bedeutet Dummheit).

Bei aller Verschiedenheit der Saudade von der deutschen Sehnsucht läßt sich aber die tiefste Eigenart, und aus dieser hervorgehend, das wesentliche Schicksal Portugals von seinen deutschen Entsprechungen her in allen entscheidenden Hinsichten verstehen. Die Sehnsucht bestimmt aus Selbsterhaltungsgründen bei den Völkern, wo Erfüllung kein mögliches nationales Ziel ist. In diesem Sinne sind die Deutschen das extremste aller Sehnsuchtsvölker. Deutsche Erfüllung war immer eine individuelle Angelegenheit; jede wurde vom Volk bald gleichsam des avouiert. Man gedenke des Zusammenbruchs nach den Staufern, Friedrich dem Großen, Bismarck, aber auch der letzten Einflußlosigkeit jedes geistigen Genies, was im Falle Goethes, des ewig zitierten, besonders eindrucksvoll einleuchtet. Dieses Verhängnis macht die Deutschen zum Volk des Werdens par excellence. Das heißt: sie stellen sich so zu sich selbst als Nation, daß sie in der Bewegung an sich — ob sie nun zum Ziele führe oder nicht — den Sinn ihres Daseins sehen. Aber auf Werden, d. h. auf gerichtete Dynamik kann nur der geistig Eingestellte sinnvoll den Akzent legen. Der Portugiese ist emotionell zentriert und insofern statisch. Deswegen birgt die Saudade keinerlei Fortschrittsmotiv. Sie ist reine Zuständlichkeit. Hieraus erklärt sich, wieso die großen portugiesischen Seefahrer, Eroberer und Forscher in keiner Hinsicht für die Nation typisch sind: das jene beseelende Bewegungsmotiv verhält sich zum emotionellen Statismus der Mehrheit, mutatis mutandis, ähnlich, wie das großartige Planen des Kaukasiers Stalin zur Apathie des russischen Bauerntums.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Portugal
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME