Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Schweden

Phäakentum

Doch zurück zum schwedischen Phäakentum. In ihm liegt wirklich Schwedens Grundzug, trotz aller sozialen Vorbildlichkeit, aller Ordnung, aller Strenge im einzelnen: gute Hotels, die nur dem Wohlleben dienen, bedürfen ja der strengsten Regie. Hier denke ich denn zunächst wieder einmal an das in so vielem ähnliche England zurück. Auch dort lebt die ursprüngliche intellektuelle Problemlosigkeit des nordischen Menschen fort. Auch dort gilt Wohlleben — dort zugleich in Funktion des Reichtums als des Glücklichseins verstanden — als eigentliches Ziel. Auch dort wird letzteres durch die Grundlage freien Mannestums geadelt. Aber wenn einerseits das gleiche in Schweden insofern reizvoller erscheint, als auf Besitz an sich kein Gewicht gelegt wird — das Schweden-Ethos ist ganz wesentlich nicht das des Händlers — und das Freientum dort an primitive Märchenzustände gemahnt — da fühlt sich der Bauer dem König wirklich gleich, er hat nur eine andere gottgewollte Stellung —, so enthält in England alle Gemütlichkeit latent die Spannung imperialen Wollens. In England ist nur das home so, wie in Schweden das Reich, und diese Heim-Kultur bedeutet ausgesprochenermaßen den sicheren Hafen für den abenteuerreichen oder verantwortungsbelasteten Mann. In England ist das Leben wesentlich geschichtlich und insofern, wenn auch unbewußt, tragisch. Die Redensart von dem burden of the white man entspricht wahrhaftigem Erleben; das Pathos des civis Britannicus sum ist durchaus echt. Gleitet der Engländer über alles Ernste leicht hinweg, verträgt er nur schwer insistierendes Gespräch, so liegt das daran, daß dem Menschen von echtem Pathos und von wahrer Haltung ein ernstes Bereden nahegehender Dinge schwer erträglich ist. So redet der echte Krieger nur ungern über Todesgefahr. Wer sich nach Art deutscher Literaten über letzte Dinge todernst ausführlich ausspricht, wer überall sein sogenanntes sachliches Pathos hinträgt, dem ist es ganz gewiß nicht zutiefst persönlich ernst. Dieses Pathos nun fehlt im modernen Schweden ganz. Aber wie sollte es auch anders sein? Die Gründer Englands, Dänen und Normannen, wohl auch die früheren Eroberer, stammen noch daher. Aus Skandinavien zogen die bedeutenden Persönlichkeiten von jeher typischerweise fort, neue Reiche zu gründen. So blieb nur der Bodensatz daheim; es waren die, denen die Wikinger-Eigenschaften fehlten. Aus deren Erbmasse hauptsächlich ist das spätere Schwedenvolk hervorgegangen. Deshalb allein war es möglich, daß Schweden so gänzlich widerstandslos die Loslösung Norwegens duldete. Nur ganz ausnahmsweise und dann auch sinnlos — wieder denke ich an Karl XII. — flackerte der Urgeist je wieder zu kurzfristigem Leben empor. — Aber aus gleicher Wurzel ist, umgekehrt, das Positive der heutigen Schweden hervorgesprossen. Ihre große Friedfertigkeit rührt daher, daß alle Kriegerischen fortzogen und reine Kriegervölker immer einmal ganz aussterben. Dies ist der eine Grund, warum den Friedfertigen das Erdreich gehört. Die Gemütfülle der Schweden rührt daher, daß nur die Gemütvollen am heimischen Herde blieben. Denn den Normannen fehlten diese Eigenschaften ganz. Sie waren ein hartes Räubergeschlecht, den einstigen Hunnen oder heutigen Bolschewisten nicht gar so unähnlich. Sie waren Lebende, nicht Erlebende…

Es ist in der Tat ein Merkwürdiges um das Zentrifugale des nordischen Menschen. In seinem Höchstausdruck war dieser zu jeder Zeit Nomade; nur wo er sich mit matriarchalischer Bevölkerung vermischte, hat er echte bodenständige Kultur hervorgebracht. So vor allem in Frankreich. War er als Einwanderer zu gering an Zahl oder gehörte er allzu extrem nomadischem Stamme an, dann ging er schier spurlos in den Besiegten unter, nur mehr als Ferment konstatierbar oder als gelegentlicher Rückschlag, wie denn sizilianische oder neapolitanische Adelige hie und da rein nordische Züge tragen. Die Normannen als solche erschufen nie einen Staat. Irgendeine besonders günstige Mischung von Blut, Tradition, geographischer Lage und Geschick hat den Bewohnern Großbritanniens ein Umwandeln und konsolidieren der nordischen Räuber-Anlage zu kultureller Herrschaftlichkeit ermöglicht. In Italien gingen alle Germanen in den Italienern auf; es ist lächerlich, beim Phänomen der Renaissance auf sie den Hauptnachdruck zu legen, und nicht auf die neubelebten Etrusker. In Spanien haben sie kaum mehr bedeutet als in Afrika, wo einem ja heute noch hie und da sigurdähnliche Wüstensöhne begegnen; nicht einmal zu einem richtigen Feudalstaat brachten sie’s daselbst. Ähnlich steht es mit den germanischen Stämmen, die im heutigen Chinesisch-Turkestan, wie aus den von Le Coq mitgebrachten Fresken ersichtlich, die chinesische Kultur mitbegründeten. An sich haben sie nur, wie mir Otto Franke auf eine Frage einst erwiderte, genau wie die Deutschen überall Geschäfte gemacht und Krach geschlagen. Und wie steht es denn mit Deutschland? Auch der bedeutende Deutsche ist wesentlich zentrifugal. Deswegen heißt Leopold Ziegler ihn mit Recht den ewigen Wanderer. Jeder große Deutsche wanderte von jeher irgendwohin aus. War er Geistiger, dann in irgendeine persönlich-eigene Geisteswelt. War er Herrschernatur, dann schuf er sich für sich und die Seinen einen eigenen höheren Stand, oder er trat in vorhandene Stände ähnlichen Ursprungs ein. Und jeder Stand schließt sich in Deutschland, wo immer er kann, hermetisch von allen anderen ab. Solche Auswanderung in der Vertikale ist dem Deutschen besonders eigentümlich; sie gibt es meines Wissens nur bei ihm. Doch die Energischsten, die Tatmenschen, wanderten, wann immer sie nur konnten, von jeher in ferne Breiten aus. Daher die Völkerwanderung.

So steht es wohl auch mit der deutschen Gemütskultur und Häuslichkeit nicht anders wie mit der schwedischen. Es ist die Kultur der Zurückgebliebenen. Es ist die der Stillen im Lande — deren bloßer Begriff, zusammen mit der Gefühlsbetonung, die auf ihm lastet, beweist, daß es sich um einen Gegenbegriff handelt gegenüber anderen, unbewußt höher bewerteten Typen. — Doch nirgends, noch einmal, tritt dieser Charakter der bodenständigen nordischen Kultur so rein in die Erscheinung, wie in Schweden. Dort fehlt eben all die geistige und historische Problematik, die dank spannungschaffender Blutmischung den Deutschen zum prädestinierten Philosophen, den Engländer zum Weltbeherrscher gemacht hat. Schwedens allgemeiner Zustand ist heute noch eben der, als welcher er in Urzeiten erschien, wann immer die kampfeskräftigen Männer auf Wikingerzügen aus waren. Daheim wurde da gesungen und gesagt, gewartet und gehofft. Es wurde alles darauf eingestellt, daß die heimkehrenden Recken es recht gemütlich hätten. Nur ist dieses Gemütlichsein und -haben jetzt das einzige, wofür der Schwede durchaus Sinn hat.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Schweden
© 1998- Schule des Rades
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