Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

Der Balkan

Rumänien

Doch jetzt zu besonderen Balkanfragen. Von den Serben, Bulgaren und Albanern sehe ich dabei ab: bis auf weiteres sind sie primitive Krieger- und Räubervölker; noch stellen sie keinen persönlichen Faktor im Gesamtbild Europas dar. Und die panslawische Idee ist gegenstandslos geworden, seitdem alle Slawenvölker selbständig wurden; ein neuer russischer Panslawismus würde sicherlich dem geschlossenen Widerstande aller Blutsbrüder begegnen. Wohl glaube ich an eine große Zukunft der Jugoslawen, aber diese Nation muß sich erst konstituieren, und dies mag Jahrhunderte währen. — Zunächst die Rumänen. Daß dieses Volk und Land zum lateinischen Kulturkreis gehörte, ist reiner Schwindel. Die romanische Sprache allein tut’s freilich nicht. Auf den Geist kommt es an, und der ist in nicht einer einzigen Hinsicht lateinisch. Er erscheint unter den Gebildeten byzantinisch-griechisch: kein Wunder, da die bis vor kurzem herrschende Aristokratie beinahe rein griechischen Ursprungs war. Daß die Rumänen heute von allen Nicht-Franzosen am meisten Esprit im französischen Sinne haben, rührt daher, daß vor Paris am meisten Esprit nicht in Rom, sondern Athen und dann Konstantinopel zu finden war. Daß sie durchaus französischen Geistes sein wollen — im Falle der oberen Zehntausend weit lieber fremden, als eigenen! — rührt von der gleichen Macht des Prestiges, welche den Türkenführern noch kurz vor dem Fall Konstantinopels, nachdem das griechische Reich schon längst zu Miniaturgröße zusammengeschrumpft war, als selbstverständlich erscheinen ließ, vor der heiligen Macht des Basileus auf die Knie zu fallen. Der beste rumänische Witz ist tatsächlich byzantinisch; noch heute lebt in Rumänien eine Kunst des Epigramms, die seit der Antike sonst nirgends auf der Welt mehr blüht. Die lyrische Dichtung, für dieses Land bedeutsam wie für kein zweites modernes — von jedem dritten markanten Rumänen hört man, er sei ein bedeutender Dichter — würde man als Ausdruck slawischer Seelenart bestimmen wollen, wie die neugriechische, wenn nicht ein gewisser Frohsinn und ein gewisser Statismus wiederum den Vergleich mit der deutschen, ja gar der hawaiianischen, nahelegte. Hier liegt also wohl ein spezifisch Rumänisches, das weiter zurückzuführen, wie bei jeder Stileinheit, mißverständlich wäre. Aller Wahrscheinlichkeit nach setzt sich hier thrakisch-skythische lebendige Überlieferung fort, wie denn die moderne Teppichwirkerei mehr als alles an skythische Vorbilder erinnert. Das rumänische Volk als Masse nun aber wirkt als mit dem südrussischen völlig eines Geists. Da habe ich nichts gesehen, an Menschen wie an Zuständen, was nicht am Dnjepr ebenso echt erschienen wäre. Es sind dieselben weichen, guten, unpraktischen Menschen, von gleicher Seelenart. Einmal schneite ich mit einem Zug auf vierundzwanzig Stunden ein: sowohl die Art des Ereignisses wie das Erleben derer, die es betraf, wäre in der russischen Steppe ebenso gewesen. Bei der Betrachtung rumänischer Nationaltänze mußte ich immer wieder an die Überschwemmungsgebiete des Dnjepr (Plawni), im Zusammenhang mit der russischen Bezeichnung plawnya dwischenia denken — das sind gleitende Bewegungen, wie sie der Schwan, aber auch die sanfte Welle im Schilf vollführt. Und wenn ich den bewegten Klagen sämtlicher Rumänen, mit denen ich je zusammenkam, über die bösen Juden lauschen mußte, die in immer größeren Scharen kämen und nicht loszuwerden seien, entweder weil sie zu mächtig seien oder die Rumänen zu gutmütig, da fiel mir jedesmal das ukrainische Märchen von Gogol ein, dessen Fabel die folgende ist: In einer denkwürdigen Winternacht stahl der Teufel den Juden. Erst herrschte helle Begeisterung; nach kurzer Zeit indes geriet alles Leben aus dem Geleise, und bald erscholl im ganzen Land der Ruf: Wie soll man ohne Juden sein? Schließlich gab der Teufel den Entführten zur allgemeinen Erleichterung zurück.

Nachdem nun das Kriegsende Bessarabien zu Rumänien schlug und die Bojaren enterbte, darf man wohl annehmen, daß das Rumänenvolk mit den Jahren immer mehr südrussischen Charakter annehmen wird. Wohl dürfte ihm für immer eines fehlen, um russisch zu wirken: die innere Kraft. Aber die hatten in Südrußland auch nur die Kosaken mit tatarischem Bluteinschlag. Die ersten Helden des Mythos waren wiederum Waräger, d. h. Skandinaven. Den Rumänen fehlt ganz jenes Temperament, welches der Russe Duch heißt. Auch in Bukarest ließ ich mir so oft als möglich von Zigeunern Vorspielen: dermaßen fehlte es den dortigen an Schwung, daß ich nicht umhin konnte, in einer frohen Nacht den Dirigentenstab an mich zu reißen und zu versuchen, der Kapelle neuen Geist einzuflößen. Doch es gelang nur halb; auch die rumänischen Zigeuner sind pathisch und apathisch. Der ungeheure Reichtum des Landes wirkt lähmend auf Willensbildung und Temperament. Blagodatj — Begnadetheit — ist das Wort, das der Russe auf die ukrainische Erde hin unwillkürlich verwendet. Es stimmt genau so für Rumänien als Wirklichkeit wie als nationales Erlebnis. Man vergleiche das Wildeste, was an rumänischem Leben in der Schrift lebt, die Novellen des Panait Istrati, mit Taras Bulba: trotz allen Mordens und Vergewaltigens wirkt das Rumänische gegenüber dem Kosakischen mild.

Rumänien ist also balkanisches Grenzland. Es hätte russisch werden können. Nun aber ist, statt dessen, ein Teil des einstigen Rußland rumänisch geworden, und das neue setzt die alte russische Kulturtradition nicht fort. Liegt da nicht die wahre Aufgabe Rumäniens darin, das zu leisten, was Rußland nicht geleistet hat? Dessen Geschichte begann ja als Wiedergeburt des byzantinischen Geists auf slawischem Boden. Diese brach ab mit der Verlegung des Zentrums von Kiew nach Moskau, wo nun der Geist Dschingis Khan zur Dominante ward. Dessen Tradition setzt auch der Bolschewismus fort, soweit er machtvoll organisiert. Ist nun aber die byzantinische nicht ihrerseits wiedergeburtswürdig? Würde es nicht eine ungeheure Bereicherung Europas bedeuten, wenn dieser Ton, der das ganze Mittelalter über mitklang, dessen Echo recht eigentlich die Renaissance Italiens auslöste, neu anklänge? In Rußland wird er es nicht tun. Das Byzantinische war dort schon lange wesentlich tot, oder aber irreal. Tot war die Bürokratie, unwirklich einerseits die Bildung, andererseits die Kirche, soweit sie Byzanz lebendig fortsetzen sollte. Nur in der Herausstellung der Liturgie lebte echt Byzantinisches lebendig fort, aber dies nicht aus religiöser Entsprechung, sondern dank dem primären Sinn der Russen für das Theater. Sonst ist die russische Religiosität rein russisch; sie ist urchristlich, insofern das Urchristentum primitiv war, nicht byzantinisch. Nun weiß ich nicht, wie es mit der rumänischen Religiosität bestellt ist; einen tiefen Eindruck hat sie mir nicht gemacht. Höchste Kirchenfürsten wirkten auf mich dort als lebendige Paradoxe, insofern sie ein Äußeres zur Schau trugen, das in mir, dem Rußland-Gewohnten, mit dem Geist der Schwere und Strenge unlöslich assoziiert erscheint, und in Wahrheit eher Abbés des 18. Jahrhunderts waren; von manchen unter ihnen werden galanteste Abenteuer kolportiert; ihrem Rufe schadeten sie kaum. Aber zweifelsohne ist die rumänische Kirche lebendig. Dort allein ist die griechisch-orthodoxe nicht erstarrt. Und so könnte in Rumänien allein, sofern die erforderliche Religiosität vorhanden, das Byzantinische eine Wiedergeburt in der religiösen Sphäre erleben. In anderen Sphären kann es das gewiß nur dort. Gemäß dem Gesetz der Einmaligkeit erfolgen Wiedergeburten immer nur in neuen Körpern. So kehrte das alte Hellas als Kunst in der Renaissance, als Geist im französischen Klassizismus wieder und als Philosophie endlich im Körper des deutschen Idealismus. In Griechenland wird Hellas gewiß nie Wiedererstehen. Aber auch nicht Byzanz, diese gegenüber Alt-Hellas neue Kulturmonade. Diese halte ich zu einer Neuverkörperung im Slawentum für prädestiniert. Wo immer es dies bis heute tat, im mittelalterlichen Bulgaren-, Serben- und Russentum, erschien die Erscheinung echt. Aber doch nur auf geringerer Kulturhöhe, denn der Kulturabstand zwischen diesen Völkern und Byzanz war allzugroß. In Rumänien hingegen könnte das Byzantinertum in seinem Höchstausdruck wiedergeboren werden. Nicht umsonst waren die wahren Beherrscher Rumäniens bis vor kurzem griechischer Adel. Durch die Türkenherrschaft hindurch haben die Moldaufürstentümer allein die byzantinische Tradition ununterbrochen fortgesetzt. Kultureinfluß hat nun dasselbe natürliche Gefälle wie das Wasser. Wie die Esten und Letten den Geist der baltischen Barone und nicht den des Bürgerzeitalters fortsetzen werden, so tragen alle rumänischen Kulturerscheinungen, von denen ich wüßte, byzantinischen Charakter. Von der Küche — sie ist nahezu identisch mit der russischen, woraus wohl folgt, daß beide ihren Ursprung in Byzanz haben — über den Esprit bis zur Poesie.

Dieses Byzantinische ist es, was die Rumänen selbst als Latinität mißverstehen. So dürfte es denn wohl ihre europäische Aufgabe sein, haben sie überhaupt eine, das Byzantinertum zu neuem Leben zu erwecken. Und freilich kann dieses Volk und Land eine große Zukunft haben; die Menschen sind arg phantasielos, welche nicht an die Möglichkeit neuer Völker, neuer Kulturen glauben. Allerdings ist die alte rumänische Oberschicht als Klasse erledigt. Bukarest erinnert beinahe unheimlich an das zaristische Rußland; es ist ein St. Petersburg en miniature. Genau so, wie dieses zugrunde gehen mußte, weil ihm die innere Kraft fehlte, genau so stirbt das Rumänentum aus, das allein das Ausland bisher kennt. Aber das Bauerntum ist kerngesund; es ist kern-konservativ, wie alle sehr alten Rassen. Und wer hier die mangelnde Ordnung und Ehrlichkeit einwendet, bedenke: auf dem Hintergrund der Weite Asiens wirkt Akkuratesse in deutschem Verstand tatsächlich so lächerlich, wie sie dem Russen erscheint. Es geht auch anders, und zwar besser. Insgleichen ist Korruption der normale oder wenigstens primitive Ausdruck des Umstandes, daß Gefälligkeit, also etwas Menschliches, Persönliches, mehr bedeutet als sachliche Erwägungen. Dies ist einer der Gründe, warum eigentlich alle großen Zeiten, vom deutschen Beamten aus beurteilt, korrumpiert waren; Persönlichkeiten, Menschen zählten da, und Menschen sind immer auch allzu menschlich. Wie sehr hier der wahre Grund dessen liegt, warum dem nichts-als-Ehrlichen so jede Werbekraft fehlt, ward mir in Bukarest ganz klar. Ein Dichter erzählte mir von den dort häufigen Eunuchen-Kutschern; sie gehören einer besonders religiösen Sekte an. Es seien vortreffliche Leute; ehrlicher, ordentlicher als alle anderen; möglicherweise hänge das mit der Kastration zusammen… Etwas war an der Bemerkung dran. Neuerdings bessert man ja auch Verbrecher durch Sterilisierung, ja bloße Hormoneinspritzung; und angeblich mit Erfolg. Man flöße einem Mörder genügend Ovariensubstanz ein, und es erwachen Ammeninstinkte … — Gegen Rumäniens Zukunft mag ferner sprechen, daß das Volk für Industrie und Handel wenig begabt ist. Aber dazu sind dort die Juden da, die es nie loswerden wird. Und der aus diesem Schicksal zwangsläufig folgende Antisemitismus der Rumänen wird das Volk im selben Sinn vital und wach erhalten, vitaler und wacher machen, als es heute ist, wie die drohende Nachbarschaft des energischen Rußlands energisierend wirken wird. Überdies beherbergt Groß-Rumänien viele Ungarn und Deutsche. So fehlt es an willensmächtigem Blute nicht. Auf die Dauer wird sich das sicher geltend machen, sei es im Sinn der Heranbildung einer neuen Aristokratie, sei es in dem der Bildung eines neuen nationalen Typus, auf Grund günstigerer Blutmischung.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
Der Balkan
© 1998- Schule des Rades
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