Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Spektrum Europas

England

Sportsgeist

Doch kompensatorisch zu dieser jedem Einzelnen für sich zugestandenen Freiheit bewegt sich das englische Gemeinschaftsleben in desto strengeren Formen. Und auch dieses ist Ausdruck der richtigen Einschätzung der Ich- und Du-Polarität. So sprießen denn der englische Konventionalismus und der englische Sportgeist aus gleicher Wurzel, wie das englische Einzigkeitsgefühl. Da alles Zusammenleben Verzicht auf rein Persönliches bedingt, so muß es desto reibungsloser verlaufen, je mehr der Verzicht zur von allen Teilen eingehaltenen unpersönlichen Spielregel wird. Solche Irrealisierung schaltet den persönlichen Konflikt grundsätzlich aus. Überdies aber schafft gerade sie dem Einzigen als solchen vollkommenes Reservatrecht. Die englische Konvention verbietet es, nach Persönlichem zu fragen, das sich nicht von selbst offenbart. Und andererseits soll möglichst wenig Persönliches offenbart werden; man zeigt seine Gefühle nicht. Umgekehrt sollen die Formen des Gemeinschaftslebens dessen Notwendigkeiten bis ins Letzte entsprechen. Hieraus ergibt sich denn eine grundsätzlich vollkommene Besetzung beider Pole des Lebens, des individuellen und des gemeinschaftlichen. Und die vollkommene Besetzung allein schon erklärt, warum einem in England so wenig Häßliches begegnet; kein Neid, keine Unhöflichkeit, keine Indiskretion, kein Herdenwesen, doch auch kein aufdringlicher Individualismus. Gewiß ist diese Besetzung vollkommen nur vom englischen Standpunkt: des eines in vielen Hinsichten tierartigen, fast gar nicht denkenden, primär sozialen Wesens. Aber solche Einschränkung gilt für jede Lebenserscheinung. Jede unterliegt dem Gesetz der Einzigkeit.

Immerhin hat die englische Lösung des Problems auch absolute Nachteile, welche als Sinnbilder ebenso bedeutsam sind wie ihre absoluten Vorzüge. Diese Nachteile beginnen mit der letzteren Übertreibung. Aus der Übertreibung des privaten Charakters aller Gesinnung folgt jene Auffassung von loyalty, welche Galsworthy in seinem Lustspiel gleichen Namens so prachtvoll geschildert hat: Loyalität bedeutet nicht mehr als unbedingtes Eintreten für das Ganze, dem man zugehört, nötigenfalls auf Kosten der Wahrhaftigkeit, der Wahrheit, der Moralität. Andererseits wirkt die Übung äußerster Distanz anderen gegenüber unwillkürlich im Sinn gleicher Distanzeinhaltung zu sich selbst. Ja diese wird ausdrücklich verlangt: schrieb doch ein namhafter Kritiker in einer der ersten Zeitschriften Englands über mein Reisetagebuch, dessen Verfasser lebe in einer positively indecent intimacy with himself. Beschäftigung mit sich selbst, der Urquell alles inneren Wachstums, alles wahren Fortschritts, wird perhorresziert. Der Erfolg ist, wie es nicht anders sein kann, eben jene Primitivität, welche englische Problematik so kindisch-kindlich erscheinen läßt. Denn da sich Sinn nur im Ausdruck verwirklicht, so führt das Nichtachtgeben auf das eigene Innere allzu oft zu wirklicher Verarmung. Daß die Dinge so liegen, und nicht, wie viele Briten behaupten, dergestalt, daß der Engländer sein reiches Innenleben eben nicht offenbare, beweist seine gesamte beste Romanliteratur. Die oft persiflierte Gepflogenheit normaler Britisher, alles, auch das Innerlichste, Tiefste nach den Kategorien von good oder bad form zu beurteilen, die Neigung beinahe aller, auf die soziale Bedeutung einer Lebenserscheinung allen Akzent zu legen, bedeutet wenig Schönes. Man meditiere nur darüber, warum in England allein in der ganzen Welt blackmail — chantage — als Möglichkeit ein so entscheidendes Motiv ist…

Doch nun zur anderen Eigentümlichkeit, die ihrerseits aus der gleichen Wurzel des wesentlich sozialen englischen Charakters sprießt: dem Sportsgeist. Dieser bedeutet die metaphysisch tiefste Sinngebung, welche dem Daseinskampf zuteil werden kann und dessen höchstdenkbare Sublimierung zugleich. Im Sport bejaht ein Gegner grundsätzlich den anderen. Die Spielregel verlangt, daß man sich am Sieg des anderen ebenso freue wie am eigenen. Es darf keinen Neid geben. Nun, unter diesen Umständen wird alles Leben allerdings adelig. Auf dem Sportsgeist beruht denn auch die Möglichkeit der Allgemeinherrschaft des Gentlemanideals. Dieses ist ein demokratisches Ideal, insofern jeder Gentleman sein kann, soll und will. Aber es formt andererseits jeden gemäß aristokratischen Normen. Allein auch hier erweist sich die Tierhaftigkeit der englischen Anlage. Der Gentleman wird gezüchtet als edles Tier; seine Instinkte werden gebildet. Von reflektierter Einsicht wird ganz abgesehen. An dieser Stelle müssen wir nun aber wieder einmal anerkennen, daß die Tierhaftigkeit der Einstellung ein unbedingter Vorzug ist. Junge Menschen kann man nur wie Tiere bilden; und das Tier ist auf seiner Stufe vollkommener wie der Mensch. Warum bedeutet die Boy-scout-Bewegung ein soviel Positiveres als alle anderen Jugendbewegungen zusammengenommen? Weil Baden-Powell davon ausging, daß junge Menschen wie Wilde und deshalb, unabhängig von allen abstrakten Erwägungen, durch Sitten allein zu binden sind. Wer zum Totem soundso gehört, der stiehlt nicht usf. Gerade in unserer allzu reflektierten, an allem Glauben, aller Moral verzweifelnden Zeit bedeutet diese urtümliche Art, den Menschen zu betrachten, Heil.

Hermann Keyserling
Das Spektrum Europas · 1928
England
© 1998- Schule des Rades
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