Schule des Rades

Hermann Keyserling

Unsterblichkeit

Dauer und Ewigkeit

Sehnsucht und Dogma

Fassen wir unsere jüngsten Erkenntnisse jetzt mit den Schlußergebnissen des letzten Kapitels zusammen. Dort gelangten wir zum Ergebnis, daß uns das Ich nicht als unbestimmte Entität, sondern als fortwirkendes Prinzip, als Funktion oder Kraft unmittelbar gegeben ist. Als solche muß es alle räumlichen und zeitlichen Grenzen verleugnen. Was besagt dies nun andres, als daß wir mit unsrer jeweiligen Person dem Wesen nach nicht zusammenfallen? — Jeder Zustand, jedes Stadium ist genau so begrenzt, wie der einzelne Bewußtseinsinhalt. Das empirische Ich, die konkrete Individualität besteht nun gerade in den genannten Erscheinungen. Da aber das Wesen durch den Wechsel der Phänomene hindurch beharrt, muß es notwendig jenseits derselben liegen; es wird durch zeitlich-räumliche Grenzen nicht beschränkt. Alles Persönliche, alle Individualität liegt diesseits des beharrenden Ich. Somit trifft die Behauptung zu, daß die natürlichen Grenzen in Wahrheit nicht meine sind: weil ich eben, als Entelechie betrachtet, mit meiner begrenzten Person nicht identisch bin.

Wir sind bei dem schon früher und auf anderem Wege erreichten Naturgrunde des Unsterblichkeitsgedankens wieder angelangt. — Indessen erscheint unsere damalige allgemeine Einsicht jetzt auf bedeutsame Weise bestimmt: die Grenzen, die das Ich verneint, betreffen nicht nur die Zeit, sondern auch den Raum; sie betreffen die Person überhaupt. Wenn ich fühle und erfahre, daß ich ewig bin — es ist das Wort Spinozas, das ich diesem Buche als Motto voransetzte —, meine ich in Wahrheit nicht mich im empirischen Sinn, sondern das überpersönliche Prinzip, das mein phänomenales Dasein regiert; ich meine nicht meine Grenzen, sondern meine grenzenlos fortwirkende Entelechie. Freilich werden manche sagen, sie seien anderer Ansicht; sie beständen auf der Ewigkeit ihrer Person. Aber dieser Wille betrifft die Interpretation des ursprünglichen Instinktes, nicht diesen selbst, und nichts ist häufiger, als falsche Deutung des eigenen Sehnens. Unsere Wanderung durch die bunte Mannigfaltigkeit der Mythologien offenbarte uns ja deutlich genug, auf wie willkürliche und unmaßgebliche Weise Glaubensvorstellungen zu entstehen pflegen1. Kritiklose Phantasie und schwärmende Vernunft sind überall, emsig und vorlaut, am Werk, dem dunklen Ahnen der Seele zu greifbarer Verkörperung zu verhelfen. Diese Erscheinungen werden dann mit dem Wesen verwechselt. Anstatt zu fühlen, daß er unsterblich ist, und redlich zu versuchen, den Sinn des natürlichen, unbestreitbaren Instinktes zu begreifen, glaubt der Mensch schlankweg an irgendein äußeres Dogma; er wähnt, der Trieb seiner Seele sei mit dem Dogma identisch. Und so mißversteht er sich selbst. Um zu sich selbst zu gelangen, ruft er die Vermittlung der Priester an; anstatt seiner Seele zu lauschen, stöbert er in Archiven. Und immer mehr verliert er die Unmittelbarkeit, die Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber. — Aber wie gering ist die Zahl der Menschen, die überhaupt fähig sind, unmittelbar zu empfinden! Die meisten sind von überkommenen Vorstellungen, von konventionellen Begriffen dermaßen beherrscht, daß jeder Eindruck von vornherein mit Erinnerungen verwirkt auftritt, mit fremdartigem Material verwoben erscheint. Dies gilt schon in bezug auf die äußere Erfahrung. Wie viele unter uns schauen reinen Blicks in die Natur hinaus? Die Mehrzahl sieht nicht das, was da ist, sondern was sie nach überkommenen Begriffen zu sehen erwartet. Deshalb wird den Malern, deren Auge scharf und rein ist, vom Publikum solange Unnatürlichkeit vorgeworfen, bis ihre Anschauungsart zur Konvention geworden ist. Wie soll man sich unter solchen Umständen darüber wundern, daß kaum einer den wahren Sinn des so schwer zu fassenden Innenlebens bemerkt? Der Mensch glaubt, persönlich fortdauern zu wollen: darin täuscht er sich aber. Natürlich täuscht er sich nicht darüber, wie sein Gemüt auf gewisse, einmal zugestandene Vorstellungen reagiert; wer an die Auferstehung des Fleisches glaubt, hofft unbedingt auf persönliche Fortdauer. Aber er irrt sich, wenn er das ursprüngliche Gefühl mit dem Dogma identifiziert; durch diese verhängnisvolle Vorstellungsverknüpfung fälscht er seine Seele; er setzt eine haltlose Fiktion an die Stelle der erhabenen Naturwahrheit. Diese Sachlage macht verständlich, daß so viele helle Köpfe im Unsterblichkeitsgedanken überhaupt ein unbegründetes Phantasma, ein steriles Produkt menschlicher Eitelkeit haben erblicken wollen; sie waren weniger oberflächlich, als es den Anschein hat. Sehen wir nur zu, wie undeutlich schon allein der Ewigkeitsbegriff ist. Der Mensch will die Ewigkeit: inwiefern aber? Ersehnt er ein ewig beharrendes Sein? Viele dürften diese Frage bejahen. Und doch: wo des Lebens Wesen Bewegung ist, kann ewiger Stillstand nicht wünschenswert erscheinen. Zu denken ist dieser jedenfalls nicht; wir können uns ein Leben, das nicht Wandel wäre, gar nicht vorstellen. Könnten wir’s aber, der Erfolg wäre entsetzlich: ein ewiges Einerlei bedeutete auch im Himmel Höllenpein. Wünschen wir die Ewigkeit im Sinn von Zeitlosigkeit, so verzichten wir damit auf unsere Person, auf das Leben überhaupt: denn die Zeit ist das Schema des Lebens. Die einzig faßliche Ewigkeit läge in der Gegenwart, im unendlichen Augenblick beschlossen; diese aber findet sich auf Erden. Es ist die intensive (nicht extensive) Ewigkeit. Wenn zwei Menschen sich in heißer Liebe begegnen, so scheint ihnen, sie hätten sich von je gekannt; nun wollen sie ewig zusammen sein. Doch bedeutet dieses Sein kein Bleiben, dieses ewig kein immer: die Zeit vernichtet die Ewigkeit. Deshalb beschließt so manches glühende Liebespaar den seligsten Augenblick mit dem Tod, um die Ewigkeit nicht preiszugeben. Versteht der Mensch unter dieser ein fortdauerndes Werden, ein Werden ohne Endziel? Das wäre die rationellste Vorstellung. Und doch: er will dem Entstehen und Vergehen — jeder Augenblick umschließt ein solches — ja gerade entrinnen; er will der Zeit entfliehen; das Samsâra ist ihm die schrecklichste aller Vorstellungen. Worin besteht also die Ewigkeit, die der Mensch ersehnt? Wer zu denken weiß, dem fehlt die Antwort, nur der Gedankenlose sieht hier klar. Hinge die Wahrhaftigkeit des Ewigkeitsbewußtseins von unseren Begriffen und Vorstellungen ab, der Unsterblichkeitsgedanke wäre durch diese kurze Überlegung schon gerichtet.

Ich sagte, der Mensch täusche sich, wenn er glaube, persönlich fortdauern zu wollen; das heißt, er setzt eine Einbildung an die Stelle der natürlichen Wahrheit. Es ist gewiß möglich, daß die individuelle Seele den Tod überlebt: doch bietet der sehnlichste Wunsch danach keine Gewähr dafür. Von der Sehnsucht auf die Notwendigkeit ihrer Erfüllung zu schließen, ist nur in empirischen Zusammenhängen möglich; in transzendenten nicht. Reimarus schrieb seinerzeit (Von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion):

Kann man sich wohl vorstellen, daß den Lebendigen ein Hunger nach einer gewissen Speise natürlich sei, und daß doch diese Speise nicht in der Welt wäre, womit der Hunger könne ersättigt und das Leben erhalten werden? Kann man sich einbilden, daß Vögel von Natur einen Drang bekommen haben, gegen den Winter sich einmütig zu versammeln und über alle Wolken in ein entferntes Land zu ziehen, und daß doch in der Gegend kein Land sei, wo sie ihr Leben fortsetzen und unterhalten könnten? Kann man sich denken, daß Wasserinsekten gegen das Ende ihres dermaligen Zustandes ein Verlangen nach der Luft haben sollten und sich aus dem Wasser herausbegäben, wenn sie nicht nach ihrer Verwandlung in diesem Elemente aufs neue leben würden? Nein, die Stimme der Natur trügt nicht, sie ist ein Ruf und Wink des Schöpfers zu jeder bestimmten Art des Lebens; sie ist ein Ausdruck und zugleich das Mittel der göttlichen Absichten. Wie könnte er denn seine vernünftigen Geschöpfe durch ihre Natur zu einer Vorstellung eines längeren und besseren Lebens und zu einem Verlangen nach demselben rege gemacht haben, wenn es nicht eben dasjenige wäre, wozu er uns beschieden hat?! —

Gewiß, die Stimme der Natur trügt nicht; nur weist sie nie auf Widernatürliches hin. Wenn ich hungrig bin, so beweist das allerdings, daß ich essen muß, nicht aber, welcher Speise ich bedarf, und noch weniger, daß eine solche tatsächlich vorhanden ist. Das natürlich Begründete ist der Wunsch als solcher, die Vorstellung, die ich mit ihm verknüpfte, mag wahnsinnig sein; das Denken irrt nur zu häufig vom richtigen Wege ab. Zum Naturgrunde des Unsterblichkeitsgedankens reichen unsere sehnlichsten Wünsche ebensowenig hinab, wie die Dogmen und mythischen Vorstellungen. — Die Larve, welche dem Zeitpunkt naht, da sie das Wasser verlassen soll, um als Mücke frei umherzuschweben, fühlt vermutlich, daß etwas Bedeutendes ihr bevorsteht; doch ist es nicht eben wahrscheinlich, daß sie über ihre Zukunft deutliche Begriffe besitzt. Sie mag, falls sie denken kann und der rätselhafte Naturtrieb sie beunruhigt, leicht die abenteuerlichsten Mythen ersinnen, um ihr Tun und Trachten zu erklären; und ist sie von starkem Glauben, so wird sie mit heiliger Überzeugung an ihren Fiktionen hängen und mit der Zuversicht des Märtyrers die Metamorphose über sich ergehen lassen. Dies hindert den Naturprozeß aber nicht, gelassen seinen Lauf zu nehmen. Reichte das Gedächtnis der Imago bis zur Larve zurück, es dürfte gar viele enttäuschte Mücken geben. — Ein kritisches Insekt würde anders verfahren: anstatt über die Möglichkeiten, die der innere Drang zu gebären scheint, zu spekulieren, würde es den Verlauf des wirklichen Geschehens aufs Genaueste beobachten; es würde suchen, sich über den Sinn seines Sehnens exakte Begriffe zu bilden, und dann wahrscheinlich, wenn es die innere Erfahrung noch mit der äußeren vergleicht, bald zur richtigen Einsicht gelangen. Auf die letztere Weise sind wir vorgegangen. Wir konstatierten die Tatsache des Ewigkeitsbewußtseins. Wir analysierten es. Wir suchten den Naturgrund aller Unsterblichkeitswünsche und -vorstellungen zu begreifen. Und da erwies es sich, daß das Bewußtsein eines beharrenden Seins im Wechsel der Phänomene, welche die tiefste Grundlage aller nur möglichen Eschatologien bildet, auf ein Nicht-Persönliches geht. Diese Einsicht schließt nun die Naturnotwendigkeit einer persönlichen Fortdauer ein für alle Male aus: denn wenn die letzte Bewußtseinstatsache, auf der alles Wünschen und Vorstellen fußt, nichts Persönliches betrifft, dann ist es offenbar ein Mißverständnis, wenn wir den Wunsch nach persönlicher Unsterblichkeit durch sie begründen oder in ihr die Gewähr für die Erfüllung unserer Sehnsucht sehen wollen; es ist eine fehlerhafte Interpretation. Glauben wir aber, die Gewißheit, als Personen unsterblich zu sein, bedeute eine letzte psychische Tatsache, so verwechseln wir, wie gesagt, die natürliche Wahrheit mit einer willkürlichen Erdichtung. Wir verfahren dann genau so, wie unsere fiktive Larve, die sich die Metamorphose nach dem Maßstabe ihrer Phantasie zu deuten beliebt. Die Unsterblichkeit ist keine Tatsache, die es zu interpretieren, auch keine Notwendigkeit, die es zu demonstrieren, sondern ein Problem, das es zu ergründen gilt. Und da kann nur besonnenste Kritik uns vorwärts bringen.

1Ich bin jetzt (Herbst 1910) in der glücklichen Lage, auf ein tiefgelehrtes, grundlegendes und sehr bedeutsames Werk verweisen zu können, das meine im ersten Kapitel dieses Buches skizzierten, mehr der Ahnung als dem Studium entstammenden Anschauungen durchaus bestätigt: Lévy-Bruhl, Les fonctions mentales dans les sociétés inférieures (Paris 1910, Félix Alcan. [Anmerkung zur zweiten Auflage.]
Hermann Keyserling
Unsterblichkeit · 1907
Eine Kritik der Beziehungen zwischen
Naturgeschehen und menschlicher Vorstellungswelt
© 1998- Schule des Rades
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