Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Das Zwischenreich

Orchesterdirigent

Vielen Tiefblickenden ist, seitdem ich jene Programmschrift niederschrieb, deutlich geworden, daß nur eine Erhöhung des Seinsniveaus wenn nicht der Meisten so doch der Bestimmenden, und zwar nicht die Erhöhung des Niveaus idealisierter, sondern wirklicher lebendiger Menschen das Grundproblem, welches das 20. Jahrhundert stellt, zu lösen vermag. Aber wie dies, allen Vorurteilen zum Trotz, im Falle alles kollektiven Schicksals im Unterschied vom individuellen, sofern das betreffende Individuum es willig auf sich nahm und nur an sein eigenes Vorwärtskommen dachte, immer gegangen ist: wo die Not am größten, ist Gottes Hilfe am fernsten. Gerade in der kritischen Stunde bäumen sich alle bestehenden Kräfte des Zwischenreichs, wie die Vitalkräfte im Augenblick des Sterbens, am unbändigsten auf. Das ist der Grund, warum die allermeisten Bahnbrecher bei Lebzeiten, falls sie nicht totgeschwiegen wurden, tragisch oder im Elend endeten. Wenn nämlich aus ihrem Untergang der Sieg erwuchs, so bedeutet das absolut nicht, daß das Opfer Früchte trüge — viel zu wenige Opfer haben je Früchte getragen und im übrigen ist der Glaube nicht erhebend, sondern schauerlich, daß Besseres nur nach zeitweiligem Sieg des Schlimmeren zu erreichen sei — es bedeutet einfach, daß das Gana-Wesen es am ehesten aushält, sich auf Höheres einzustellen, wenn es diesem Höheren in Kompensierung seiner geistigen Vorzüge wenigstens in materieller und praktischer Hinsicht recht schlecht erging. Im günstigsten Falle bedeutet es, daß das Zwischenreich sehr lange Zeit braucht, um sich zu verwandeln. Man gedenke doch nur dieses, daß ein lebendiger großer Geist, falls er als solcher anerkannt würde, millionenmal mehr geben könnte als je ein toter, welcher doch nur durch das Medium geringerer Anhänger wirken kann, und daß tatsächlich niemals die Pioniere siegten, sondern deren meist beschränkte Apostel, die dazu noch den lebendigen Geist zu einem Götzen herabwürdigten — letzteres desto mehr, je überschwenglicher sie ihn priesen. Darum ist es leider heute noch nicht anders wie im Falle von Alt-Hellas und Alt-China: Kulturen, welche das jeweilige Zwischenreichsproblem vollkommen gelöst haben sollen, gibt es nur für die verfälschende Rückschau. Eine bestmögliche Welt wirklich verkörpert haben nur ganz wenige große Einzelne und dann ganz kurze Glanzperioden, auf welche meist ein steiler Absturz folgte. Was darf nun ein bestmögliches Zwischenreich geheißen werden? Die Zitate aus Was uns not tut haben die Frage grundsätzlich bereits beantwortet.

Nur soviel bleibt noch ergänzend hier zu sagen übrig. Das bestmögliche Zwischenreich wäre ein solches, welches, in Jesu Worten, das Gesetz nicht aufhebt, sondern erfüllt; ein Zwischenreich, welches unter Berücksichtigung sämtlicher vorhandener positiver Strömungen und Strebungen alle Schichten des Menschenwesens den höchstrealisierbaren Werten und Idealen zuordnete, so daß diese alles Einzelne, und scheine es als solches noch so oberflächlich, vom tiefsten Geist her inspirierten. In der Neuentstehenden Welt bestimmte ich Kultur im höchstdenkbaren Verstand als Lebensform als unmittelbaren Geistsausdruck. Was das bedeutet, illustriert vielleicht am besten das Bild, daß der höchste Geist im Menschen die Rolle eines Orchesterdirigenten zu spielen habe, der das Gesamtorchester mit allen seinen Stimmen, welche reibungslos in Harmonie und Kontrapunkt zusammenwirkten, widerstandslos beherrschte und seine Tondichtung seiner rein-persönlichen Auffassung entsprechend spielen ließe.

Doch wie gesagt: auch nur einigermaßen dem Ideal entsprechende Höchstzustände hat es nur ganz wenige und auch diese nur für kurze Zeit gegeben. Den bisher dauerhaftesten Fall verkörpert Alt-China, woselbst das Fehlen alles Zeitbewußtseins ein Wiederauferstehen von scheinbar schon Verstorbenem besonders leicht machte. Diese Kultur war in vielen Hinsichten vorbildlich. Tief menschlich war sie, und dennoch stellte sie den Menschen dem Kosmos nicht gegenüber, sondern sie schaute ihn als integrierenden Bestandteil seiner, so daß damit einem tragischen Konflikt zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen persönlichem und kollektivem Schicksal vorgebeugt war. Überdies war diese Kultur ästhetisch fundiert, die Vollendung war ihr Generalideal und es gibt tatsächlich nichts, was sich nicht sinnvoll auf dieses Ideal beziehen ließe. Vor allem aber ermöglichen die chinesischen Voraussetzungen eine buchstäblich totale und integrale ästhetische Kultur. Herrlich ist die Vorstellung, gemäß welcher ein Weiser noch nicht weise ist, wenn er bloß tief erscheint: seine Tiefe muß sich als Anmut der Oberfläche äußern. Herrlich ist gleichfalls vom Standpunkt der Kollektivität, und ebenfalls nur von chinesischen Voraussetzungen her möglich, die Vorstellung, daß das höchste Ideal zugleich das Ideal der Norm sein kann. Aber letztlich war sogar diese Kultur einseitig und konnte ihr sichtbares Ideal nur auf Kosten vieler Wahrheit und Wirklichkeit realisieren. Sie war vor allem Schönheits- im Gegensatz zur Wahrheitskultur, beide schließen einander, wie im Kapitel Höflichkeit der Betrachtungen der Stille gezeigt wurde, gerade auf der Höhe aus, und der größere Teil des Wertvollsten im Menschen ist nur in Funktion der Wahrheit zu verstehen und zu verwirklichen. So spielte in Alt-China alles, was der Norm des Mehrwerdens anstatt derjenigen der Ausgestaltung entspricht, eine sehr geringe Rolle; diese Kultur war statisch im Gegensatz zu dynamisch durch und durch. Darum konnte sie im Konflikt mit noch so niedriger wahrheitsbestimmter Kultur nicht bestehen. — Die zweithöchste Kultur, von welcher wir wissen, verkörpert die griechische mit ihrem Ideal der Kalokagathie, der Verschmolzenheit von Tugend und Schönheit. Aber diese war übertrieben aristokratisch, im übrigen stellte sie den Menschen dem Kosmos schroff gegenüber, und für die Norm war in ihr überhaupt kein Platz. Darum war sie letztlich hartherzig und unmenschlich, nur auf der Grundlage bejahter und rücksichtslos ausgenutzter Sklaverei überhaupt möglich. Rom mußte Hellas besiegen, weil es bei aller Engigkeit auf Gerechtigkeit bedacht war und im übrigen allen Geisteswerten so gleichgültig gegenüberstand, daß der noch so totale römische Staat das Geistesleben kaum bedrückt hat. Hätte das heidnische Rom den Christenglauben nicht auf beispiellose Weise toleriert — es gab im Ganzen sehr wenig Verfolgung und die war schlecht organisiert, weil Glaubensverfolgung dem römischen Geiste zu sehr widersprach; die sogenannte Christenverfolgung war in Wahrheit nie anderes als Kirchenverfolgung, und die Kirche war damals tatsächlich ein staatsfeindlicher Staat im Staat — nie hätte dieser Glaube sich zur Weltmacht emporgearbeitet. Über die mittelalterlich-christliche Kultur und deren schicksalsmäßigen Untergang und dessen Gründe brauche ich nicht mehr zu sagen, als bereits geschehen ist. Dem Sinne nach am Höchsten steht heute noch die indische. Dort allein war eine Hierarchie menschlicher Niveaus das Leitbestimmende, wobei das Höherstehen vom Grade realisierter Wahrheit abhing. In Indien allein haben die höchsten Menschen, die Heiligen und Weisen wirklich die Grundtöne abgegeben, auf welche sich alle Mittel- und Obertöne abzustimmen hatten, und in Indien allein hat dies die Wertschätzung des Niederen in seiner Eigenart grundsätzlich nicht beeinträchtigt. Wunderbar zumal ist die indische Unabhängigkeitserklärung, wenn man so sagen darf, des Menschenwerts von äußerer Stellung und von Reichtum. Dort gilt heute noch ein brahmanischer Schuhputzer selbstverständlich mehr als ein Maharadscha niederer Rasse und ein echter Bettelmönch mehr als ein Milliardär. Aber wie wenig entspricht das empirische Leben Indiens dem grundsätzlich anerkannten! Die Kastenordnung ist grausam, die Armut entsetzlich, die äußere Lebensordnung ungerecht und vor allem lähmt der Glaube an die Wiederverkörperung alles Streben nach Verbesserung des Allgemeinzustandes; die Karmalehre läßt keinen Mißstand klar als solchen erkennen. Es bedeutet ein Gottesgericht, daß Indien wieder und wieder von Fremden erobert wurde. So hat denn bisher keine einzige Kultur das Kulturideal auch nur einigermaßen verwirklicht. Bisher waren alle Zwischenreiche, groß gesehen, mehr oder weniger einander wert. Alles, was in Was uns not tut gefordert wurde, bleibt der Erfüllung in der Zukunft vorbehalten. Noch nie gab es ein Zwischenreich, welches auf besonderer Ebene, eben derjenigen der Konvention, dem Ursprünglichen im Menschen die von jeher geforderte Vorherrschaft sicherte. Noch nie wurde die Konvention irgendwo soweit durchschaut, daß das Durchschauen als solches die Welt verbessert hätte.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Das Zwischenreich
© 1998- Schule des Rades
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