Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Ursprünglichkeit und Primitivität

Naturverwobenheit der Frau

Erst ist unter der Voraussetzung des Primats des Zwischenreichs im menschlichen Leben und Erleben wird verständlich, warum das Streben nach dem Ursprung historisch beinahe ausnahmslos im Zeichen der Überschätzung des Primitiven stattgefunden hat. Diese Überschätzung ist nämlich, so wie der Mensch nun einmal ist, nicht mißverständlich. Nur mittels und nach Überwindung und Durchdringung der jeweiligen Zwischenreichsgestaltung ist Rückkehr oder Aufstieg zum Ursprünglichen möglich.

Dieses Problem erfordert wegen der zahllosen Zwischenreichs­gestaltungen, die es im Laufe unserer langen Geschichte wie Sedimente überschichtet haben, besonders aufmerksame Behandlung. Zudem muß es nach beiden Richtungen hin — der Natur wie dem Geiste zu — in Beispielen konkretisiert werden, damit Durchschauung seines Sinns gelingt. Ferner müssen hier Mann und Weib gesondert betrachtet werden, weil hier, wenn irgendwo, deren Psychologie eine grundverschiedene ist. Der Deutlichkeit sowohl als des Gesamtsinns und des zu seiner Fassung erforderlichen Stiles halber aber soll dies in ebenso krasser und unvertrauter Form geschehen, wie dies dem Wesen des Primitiven wie des Primordialen entspricht. Ich werde von dem Manne und dem Weibe reden: die gibt es empirisch natürlich nicht. Ebenso wenig gibt es im Reich konkreter Erfahrung absolute Männer und absolute Weiber, da in jedem Menschen, in freilich verschiedener Gewichtsverteilung, die Elemente beider Geschlechter leben. Aber als regulative Prinzipien, wie Kant sagen würde, werden die scharfgefaßten platonischen Ideen von Mann und Weib — so wie Goethes Urpflanze eine platonische Idee war uns bei der Einsicht ins wirklich Vorhandene mehr fördern, als vergleichender Darstellung des empirisch Verschiedenen und Nachweisbaren unter Berücksichtigung aller Zwischenstufen und Nuancen gelingen könnte. — Also: Das Weib und nicht der Mann ist der Urtypus des Menschen; so verfeinert es sei, kraft seiner Physiologie ist und bleibt es tief verwoben in die Natur, und darum ist es nur in seltenen Fällen in der Lage, sich innerlich über diese zu erheben. Das Körperliche ist für sein Bewußtsein dem Seelischen so innig verbunden, daß es zur männlichen Art des Scheidens zwischen beiden unfähig ist, weswegen ihm körperliche Hingabe wirklich alles bedeutet. Es ist Geschlecht durch und durch, mit seinem ganzen Körper und seiner ganzen Erd-Seele. Der Frau fällt es schwer, Beziehungen zwischen Menschen anders zu erleben als in Funktion von Trieben und Gefühlen, welche auch Tiere kennen; vom Erotischen abgesehen, in Funktion von Blutsverwandtschaft, Eifersucht, Macht- und Geltungsstreben, Sicherung durch Besitz und Stellung, Leben auf Kosten anderer (im Sinn des Todes oder der Knechtung anderer oder aber des Ausgehaltenwerdens — la femme entretenue ist ein weiblicher Urtypus); oder polar dazu in Funktion des Lebens für andere im Verstande elementarer Solidarität (sie pflegt und betreut und opfert sich aus natürlichem Drang, unabhängig von allem Geist und Wertgefühl, so wie es ihr unabhängig von allem echten Mitgefühl Bedürfnis ist, anderen Freude zu machen), und so fort.

Die Mysterien von Geburt und Tod sind dem Empfinden der naturverwobenen Frau eigentlich keine Mysterien, denn alles Irdische erlebt sie unmittelbar als Voraussetzung ihres Selbstgefühls; Krankheit ist ihr bei sich und anderen wichtigstes Erlebnis. Noch sah ich keine Frau, deren ernsteste Angelegenheit nicht gewesen wäre, daß die ihr Lieben satt wären oder würden; Schlafen oder nicht-Schlafen ist ihr ein Problem, hinter welchem alle geistigen Inhalte zurücktreten. In einem guten Buche über Cromwell fand ich eine Schilderung dessen, wie dieser nach Jahren des Kampfes fern von zuhaus auf nur wenige Stunden zu seiner kinderreichen Familie heimkehrte: da es Zeit zum Schlafengehen war, schickte die Mutter die Kinder, nachdem sie den Vater knapp begrüßen durften, zu Bett, uneingedenk dessen, daß sie ihn vielleicht nie wiedersehen würden und daß ein Zusammensein unter einmaliger Aufopferung des Schlafs für ihre Erinnerung möglicherweise das wichtigste Erlebnis ihres Lebens bedeuten könnte. Und was das Geschlechtliche betrifft, so hat Marañón wohl recht, wenn er behauptet, die Wohlhabenheit des Mannes sei bei der Frau Geschlechtsforderung: er müsse doch die Familie erhalten können, so wie bei vielen Vögeln das Männchen allein das Nest baut und bei beinahe allen das brütende Weibchen füttert. So kann die Frau unbeschadet ihrer Naturverwobenheit in solchen praktischen Fragen rational sein, wo jeder Mann es ursprünglich unwürdig findet, anders als geistigen Werten gemäß zu denken und zu handeln; ja sie kann so unerbittlich hart und abstrakt sein in ihrer Rationalität, wie dies kein Mann vermöchte, eben weil sie erdhaft ist und das Denken ursprünglich der Erde zugekehrt ist. Aus den gleichen allgemeinen Gründen ist unter Frauen die Prostituierte von jeher ein normaler Typus; will man diesen entartet heißen, was er vom Standpunkt der Fortpflanzung des Lebens freilich ist, so ist andererseits nicht zu bestreiten, daß dieser Entartungstypus eine Norm darstellt, wie Gleiches vom naturwidrig lebenden Mönche gilt. Überdies entspricht die Prostituierte einem dringenden Bedürfnis des Mannes, auf das sich der entsprechende Frauentypus gerade aus Naturnähe unmittelbar bezogen fühlt; zur Illustration dieser Wahrheiten lese man das entzückende Buch von Claude Farrère Les petites alliées.

Den Kampf gegen die Prostitution hat die Frau erst aufgenommen, als sie sich zu vermännlichen begann; bis dahin beschied sie sich dabei, daß es nicht anständige Frauen gibt, von denen sie nichts wissen solle noch wolle; und in den wenigen wirklich hohen Kulturen der bisherigen Menschheitsgeschichte genoß die Kurtisane das Ansehen einer anerkannten Sonderkaste, wodurch allein ihr Seinsniveau automatisch gehoben wurde. Diesen allgemeinen Erörterungen möchte ich noch zwei besonders auffallende und darum lehrreiche konkrete Beispiele anhängen, weil diese besser als alle abstrakte Erklärung einen den meisten Frauen anstößigen Sachverhalt zum Einleuchten bringen dürften. Im Spanien vor der nationalen Revolution galt, von der Kirche festgehalten, die entsetzliche Vorstellung, daß immer die Frau der verführende Teil sei und nie der Mann, weil und wie dies von Eva in bezug auf Adam galt: darum könne die Verführte nur dankbar sein, wenn sie zur Sühne nachher ein unwürdiges doch immerhin gesichertes Leben zu führen hätte. Ein spanischer Freund von mir nun begegnete in einem andalusischen Freudenhaus einem ungewöhnlich schönen und gebildeten Mädchen, welches er gern über das Übliche hinaus beschenken wollte. Sie lehnte das Geschenk jedoch ernsten Blickes ab: sie sei glücklich durch Preisgabe ihres Leibes an Beliebige zu lächerlichem Entgelt ihre schwere Schuld abbüßen zu dürfen; und in ihrer Selbstpreisgabe sah sie gewissermaßen einen normalen Beruf. Letztere Auffassung begegnete mir nun in eindrucksvollster Form in einem erstrangigen Krankenhause meiner nordischen Heimat. Ich gab der Oberin und den Schwestern, auf deren Eindruck gespannt, den Heiligen Skarabäus zu lesen, eine Erzählung, deren Heldin die geschäftsführende Seele eines öffentlichen Hauses ist: nicht eine der Leserinnen, die nicht instinktiv an erster Stelle daran gedacht hätte, wie der Bordellbetrieb besser zu organisieren wäre. Weiteres Hierhergehöriges wird dem besinnlichen Leser von selber aus allen nur möglichen Gebieten einfallen. Der Sinn alles Gemeinten, um dessentwillen ich diese Beispiele aus verschiedenen Gebieten anführte, ist nun der: die Frau ist ihrem Erdursprung dermaßen nahe und sich desselben dermaßen bewußt, daß sich ihr die Frage der Entfremdung vom irdischen Ursprung, außer in extrem pathologischen Fällen, garnicht stellt. Die Frau ist selbstverständlich alles das, was der Mann unter Natur versteht oder vielmehr mühselig zu begreifen trachtet, und zwar sowohl im Verstande der natura naturata wie der natura naturans. Das ist der Grund dessen, warum sie, außer in seltenen individuellen Fällen, nie entartet — auch die Prostituierte gehört ja noch zur Norm, wie es denn auch unter Tieren, insbesondere unter Hirschen und Lamas, gelegentlich regelrechte Prostituierte gibt.

Mögen die Männer noch so sehr entarten, — die Frau erhält sich: ja sie erfährt entsprechend der polaren Beziehung, in der sie zum Manne steht, meist eine Steigerung, wenn dieser eine Herabminderung erleidet. Die letzte der sich ausschließlich in Geschwisterehe fortpflanzenden Ptolemäer, die in der männlichen Linie längst degeneriert waren, war Kleopatra. Aus den gleichen Gründen ist die Frau die Überlebende überhaupt, während es Männerschicksal ist, auszusterben. Wo alle Männer fielen, kriegten die Frauen dennoch Kinder — wie, blieb ihr in keinem Fall verratenes heiliges Geheimnis. Dank dem, was die Frau behauptete, haben sich die Geschlechter auch in patriarchalisch geordneten kriegerischen Gemeinschaften trotz Aussterbens der Männer in männlicher Linie auf legitime Weise fortgepflanzt. Allenfalls fuhr ein Gott als Gastspieler dazwischen, und gegen dessen Eingreifen wendete kein frommer Mann etwas ein. Daher denn auch die instinktive Frauenverehrung, die man bei jedem nicht perversen geistigen Manne findet. Mag die jeweilige Frau als Geist und Seele eine Sphinx ohne Rätsel sein, — jedenfalls verkörpert sie die ganze Ursprünglichkeit der Natur in deren Weisheit, Irrationalität und Dämonie. Darum kann gerade die naturhafte Frau, ja sie allein den geistigen Mann inspirieren: aus dem Urgrunde des Seins führt sie ihm Kraft zu und korrelativ dazu beschwört sie sein Ursprüngliches ins Leben. Hier liegt in diesem Zusammenhang die geistige Bedeutung der Liebe, welche insofern die Mutter auch aller geistigen Dinge ist. Daß der Krieg der Vater aller Dinge sei, hat, soweit es wahr ist, einen äquivalenten Sinn: sein unbedingt Zerstörerisches regt die aufbauenden Lebenskräfte gewaltig an; und zwar weit weniger in direkter Wirkung auf den Mann, als mittels der Ur-Begeisterung des Weibes für den Krieger.

Nun aber gelangen wir zum Wichtigsten: eben weil sie so ganz aus ihrem Natur-Ursprung heraus lebt, sieht die Frau die ihr eigentlich gemäße Existenzebene im Zwischenreich. Eben weil sie sich wesentlich nackt fühlt, denkt sie allein an Kleidung. Eben weil sie sich mit ihren Körperfunktionen identifiziert, möchte sie deren Existenz womöglich leugnen. Eben daher ihr Hang zum Großreinemachen, zur Reinlichkeit überhaupt. Eben daher ihr tiefes Bedürfnis nach Beherrschtsein durch eine Konvention. Selten ist eine Frau glücklich, wenn sie nicht eine Rolle spielen kann, die ihr auf den als allzu nackt empfundenen Leib geschrieben ist, welche Rolle ihr ermöglicht, sich zu einem nicht-Natürlichen zu bekennen. Denn da sie sich ihres Naturursprungs so tief bewußt ist, kann sie den reinen Geist, zu dem sie dennoch strebt, nicht fassen. Eben daher ihr fanatisches Bekenntnis zum überkommenen Zwischenreich und ihr fanatischer Haß gegen jeden, der es ihr zerstört — es sei denn sie bekenne sich mit gleichem Fanatismus zu einem Neuerer. Nietzsche sagt mit Recht, die Wissenschaft und damit die Wahrheit gehe der typischen Frau wider die Scham. Letztere definierte ein Franzose, dessen Name mir entfallen ist, recht glücklich mit dem Satz: ne parler jamais de ce que l’on pense toujours. Gleichem entspricht der Erfahrungssatz argentinischer Männer: man darf alles tun, wenn man nur nicht darüber spricht. Hierauf beruht der ganze dem naiven Mann so schwerverständliche Sinn der Frau für das Umschreiben und Verschweigen; hierauf das ursprüngliche Lügen jeder echten Frau.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Ursprünglichkeit und Primitivität
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME