Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Gleichgültigkeit und Liebe

Egozentrizität

Sinn für Einzigkeit kann erst entstehen, wo der Geist bestimmt oder wenigstens mitbestimmt; wo Sinnverstehen, Wertgefühl, Gerechtigkeitssinn und Helfen-Wollen über die natürliche Anziehung oder Abstoßung das Übergewicht haben. Eigentümlich ist nun, daß erwachtes Ichbewußtsein zuerst zu einer Zerstörung der Harmonie der emotionalen Ordnung führt und einer Rückentwicklung zur Ur-Gleichgültigkeit der Natur. Wir sagten, als Grundgesetz des Zwischenreiches gelte überall, sich nicht in fremde Angelegenheiten zu mischen. Die meisten Menschen verkehren nur in engen, durch strenge Konventionen schroff gegeneinander abgegrenzten Kreisen. Und auch innerhalb dieser herrscht die Konvention suprem. Die früheste Form der Ehe ist unter geistbestimmten Menschen nicht die Liebes-, sondern die Konventionsehe. Alle frühen geistbestimmten Menschen leben aus vorgestellten objektivierten Zusammenhängen heraus, und insofern gibt es Zeremonien vor der spontanen Handlung. Im gleichen Sinn befriedigt sich früher Erkenntnistrieb nicht durch originales Wahrheitsstreben, sondern durch Anerkennung eines objektivierten Dogmengebäudes, an dessen Wahrheit zu zweifeln Frevel bedeutet. Wo immer nun Objektiviertes vorherrscht, erscheint der Bedeutungsakzent vom Persönlichen fortgerückt. Da erscheint die Ur-Gleichgültigkeit der Natur mittels des Zwischenreichs auf höherer Ebene neukonstituiert, als vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber dem, was einen nicht angeht, und in nahen Zusammenhängen als Rücksichtslosigkeit gegenüber dem Gefühl. Man kann sich die Gleichgültigkeit gegenüber dem Persönlichen auch unter Kulturmenschen schwer groß genug vorstellen, sogar dort nicht, wo aller Anschein dagegen spricht. Nur wo allernächstliegende biologische und vitale Interessen dies verlangen, geht Trieb oder Neigung mit der real vorhandenen oder vom Zwischenreich geforderten Ordnung der Welt ursprünglich konform.

Gerade weil die Menschen dies spüren, sind sie in nicht spiritualisierten Zuständen so ungeheuer hart und grausam gegen alles, was aus der anerkannten Ordnung fällt, unter anderem auch gegen sich selbst, denn die Sicherung durch Ordnung geht ihnen über alles. Je bewußter der Mensch nun seines selbständigen Ichs wird, je mehr dieses Ich sich als Mittelpunkt seines Wesens konstituiert, desto kälter und böser wird der Mensch zunächst, denn als selbständiges Ich tritt er aus der emotionalen Ordnung, die ihn vermenschlichte, heraus. Nun ist er beziehungslos geworden, die reine Ichsucht hat freies Spiel, damit schwindet der moral sense. Wohl ist erst vom entwickelten Ich her richtige Menschwerdung möglich, wohl gibt es erst von ihm her mögliche Freiheit, Persönlichkeits- und Einzigkeitsgefühl und damit mögliche persönliche Verantwortung. Aber zunächst, bis daß tiefster Geist es von innen her ergreift, wirkt sich die Konsolidierung des Ich als ungeheure Steigerung der Ur- Gleichgültigkeit des Naturlebens aus gegenüber allem, was nicht seine unmittelbaren Interessen betrifft, oder aber als Potenzierung des Gana-Lebens in seinen Ur-Aspekten des Ur-Hungers und der Ur-Angst. Tiere sind völlig kalt und gleichgültig und amoralisch in dem, was sie im Sinn der Ordnung, welcher sie angehören, tun. Aber keines ist bewußt so und keines zeigt sich dermaßen hart, kalt und grausam, wie dies der scheinbar gutmütigste Geschäftsmann, Krieger, Beamte, Vivisektor oder Moralist nachweislich ist. (Ich nenne den Vivisektor als sonderlichen Berufstypus, weil Wissenschaft und Kritik überhaupt und an sich vom Standpunkt des jeweiligen Patienten oder Objektes Vivisektion bedeutet.) Jeder der angeführten Typen ist wesentlich sachlich, und sachliche Einstellung bedingt ipso facto Gleichgültigkeit gegenüber dem Erleben. Eben damit aber auch Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben, denn letzteres gibt es bei Menschen bewußtermaßen, de facto indes überall, nur in Funktion von ersterem. Das Wesentliche der Sachlichkeit ist vom Standpunkte, welchen wir hier eingenommen haben, dies, daß der Mensch aus eigener Verstandesüberlegung die Gleichgültigkeit der Natur nachahmt, fortsetzt und steigert.

Schon habe ich in vielen Ländern den Syllogismus verkündet gehört: Die Natur ist grausam, muß grausam sein — folglich haben wir nicht nur ein Recht, sondern im Interesse des großen Ganzen auch die Pflicht, uns so grausam wie irgend dienlich zu benehmen. Absichtlich führte ich den Extremausdruck einer recht häufig gewordenen Gesinnung an: unter Absehen von allem Persönlichen im Sinn des großen Ganzen handeln bedeutet nicht höhere Menschlichkeit, sondern Identifizierung des Geistes und der Seele mit der Art des Wirkens der Elementarnatur. Denn Ordnung hält diese und vom Zusammenhange her schafft diese besser, als je ein Menschenverstand dies planen könnte. Oft habe ich die übliche Theorie, nach welcher im Anfang das Chaos war, welches sich langsam zum Kosmos fortentwickelte, für den Fall des Menschen dahin korrigiert, daß, im Gegenteil, die Ur-Ordnung das Primitive und Primäre ist. Kein Primitiver verträgt ordnungsloses Leben, nur der sehr Überlegene, innerlich sehr Freie, hält eine nicht vorschriftsmäßige Existenz aus. Betrachtet man nun den Prozeß der Ichwerdung auf gleicher Ebene aus einem etwas anderen Gesichtswinkel, dann entdeckt man, daß der Mensch durch die Geburt und erste Entwicklung des Ich nicht weltoffener und weiter, sondern enger und abgeschlossener wird. Indem er sich auf sein Ausschließliches besinnt, schafft er nicht einmal dort im Sinn des großen Ganzen, wo dies die gleichgültige Natur selbstverständlich tut. Er wird buchstäblich zur Monade ohne Fenster.

Im Kapitel Traurigkeit der Kreatur der Meditationen habe ich den Prozeß dieser Verengerung und den Weg seiner Umkehrung ausführlich beschrieben. Für die Zwecke dieses Kapitels und dieses Buches genügt eine kurze Zusammenfassung der damaligen Ergebnisse. Der knapp ins Naturleben hineingeborene substantielle Geist verfängt sich zunächst in seinem Ich als Mittelpunkt des Ganagefüges mit dessen blinden Strebungen. Damit wird das Ich, anstatt Ausfallstor des Geistes zu sein, wozu es bestimmt ist, zu dessen Gefängnis und zwar zu einem dermaßen fest vermauerten, daß ein Ausbrechen für die meisten ausgeschlossen ist. Dies gilt desto mehr, eine je größere Rolle das Denken spielt. Es ist ganz unmöglich, vom Denken her über die Sphäre des Ich hinauszugelangen. Alle Gedankenkonstruktion hat das Ich zur Voraussetzung und bezieht sich letztlich auf dieses; denken kann jeder nur für sich allein. Vom Denken her gibt es nur einerseits das Erkennen, andererseits den Gegenstand dieses; aus dem hiermit umschriebenen Kreise führt kein möglicher intellektueller Prozeß hinaus. Alle die schönen Systeme, die über den Einzelnen hinausreichen und allumfassend sein sollen, samt allen allgemeinen Lebensformen, welche von ihnen her rühren, bestehen darum in Wahrheit vom Ich her; sie gehören in die Welt der Gegenstände. Gegenstände nun werden immer als Sachen erlebt, Sachen als solche sind tot, und darum ist es kein Wunder daß nichts dem vorwiegend denkenden Menschen näher liegt, als zum Besten von Sachen Leben zu mißachten.

Die einzig wahre alleinseligmachende Kirche, die anerkannte wissenschaftliche Wahrheit, die Staatsraison, die wirtschaftliche Nützlichkeit, wenn vollkommene Buchführung gilt mehr als das reale Wohl und Wehe der Seele. Das ist der tiefste Grund jenes grenzenlosen Egoismus, welchen der Mensch überall, wo das Denken vorherrscht, und dabei desto mehr, je mehr Menschen auf einmal zählen, betätigt hat. Und er hat ihn dabei in der Mehrzahl der Fälle mit allerbesten Gewissen betätigt, denn ist er nicht mehr als ein Verstand, dann weiß er wirklich nicht, was er tut, wenn er noch so lieblos waltet. Hiermit erscheint denn das Gemeinschaftsproblem für sehr viele Fälle umgestellt. Wer im Sinn des großen Ganzen handelt, kann dennoch vollendeter Egoist sein. Er kann es auch dort sein, wo er sich selbst mitopfert, denn er ist vollkommen sachlich, dann spürt er auch sein eigenes ursprüngliches Leben nicht. Hiermit gewinnen wir denn der Sachlichkeit einen neuen Aspekt ab: wo ein Mensch nur sachlich denken kann, dort beweist das kein über-dem-Persönlichen-Stehen, sondern Egozentrizität, Verkapseltheit in dem Sonderorgan, welches das Ich darstellt und damit Abgeschnürtheit vom großen Ganzen. Es ist wirklich so: die Hochentwicklung des Ich, der Möglichkeit nach die Vorbedingung zu spirituellem Aufstieg, hatte und hat für die allermeisten Menschen einen Abstieg in die Materie eingeleitet. Darum lehren alle Religionsstifter aller Zeiten, daß das Ich überwunden oder gar getötet werden muß, damit geistig-seelische Höherentwicklung beginne.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Gleichgültigkeit und Liebe
© 1998- Schule des Rades
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