Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom Ursprung

Die Welt der Künstlichkeit

Sinn philosophischer Systeme

Wir können aber nunmehr, das Jüngsterkannte auf dem Hintergrunde früherer Einsichten zusammenschauend und bisher nur flüchtig Berührtes präzisierend, der genauen Bestimmung der Eigenart des Denkens einen entscheidenden Schritt näherkommen: für das richtige Verständnis des Wesens des Denkens letztlich wesentlich ist, daß das Denken der Erd- und nicht der Geist-Seite des Lebens zugehört. Es ist ein Lebensmittel des Menschen, dem organischen Leben unterstellt, genau wie andere organische Funktionen, die seiner Erhaltung dienen. Nietzsche schrieb:

Wille zur Wahrheit heißt Ihr’s, Ihr Weisesten, was Euch treibt und brünstig macht? Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heiße ich Euren Willen!

Er hatte recht, sofern er den ursprünglichen Sinn des Denkens meinte, wie er denn ebenso recht mit seinem häufigen Ausruf o pudenda origo! hatte. Ursprünglich kennt das Denken überhaupt keine geistigen Zielsetzungen. Es ist utilitarisch, praktisch und terre à terre durch und durch. Darum braucht und fordert es materielle Beweise überall, wo es Richtigkeit und Wahrheit einsehen und anerkennen soll. Daß dieser Tatbestand noch nie, daß ich wüßte, sinngerecht erfaßt wurde, liegt daran, daß auch die heutigen Philosophen und Psychologen, ihren eigenen Theorien zum Trotz, unbewußt an der primitiven Zweiteilung materiell-geistig im Sinn von sichtbar-unsichtbar festhalten. Aber seit Entdeckung der Hormone kann es jedermann wissen, daß der Unterschied zwischen Materie und Geist, welchen die alte Grenzbestimmung voraussetzt, nicht besteht. Und von allen gesicherten Forschungsergebnissen her könnte es gleichfalls jedermann wissen, daß das Psychische zum größeren Teil genau so erdgebunden ist, wie das Materielle, und daß es schwierig ist, nach unten zu überhaupt eine Grenze zu ziehen. Denkend ist der Mensch im gleichen Sinne in die Natur eingegliedert, wie das Tier durch seine Instinkte, nur in sehr viel loserer Form, auf die vorhin beschriebene exzentrische Art. — Wie kommt es unter diesen Umständen überhaupt zu geistigen Zielsetzungen? Auf dem folgenden Umwege: Da der Mensch überdies, und bei höherer Entwicklung vornehmlich, ein geistiges Wesen ist, so dient das Denken als Lebensmittel auch dazu, den geistigen Bedürfnissen und Zwecken des Menschen innerhalb des Erdhaften, so gut es geht, Befriedigung und Verwirklichung zu ermöglichen. Dieses leistet es aber immer nur im Sinn von Materialisierung. Im günstigsten Falle bedeutet letztere Sinnesverwirklichung im Geist des Korrelationsverhältnisses von Sinn und Ausdruck. Genau so wie die Hand von sich aus ebenso gut einen schönen wie einen nützlichen Gegenstand verfertigen kann, so kann auch das Denken unirdisch Geistiges im Irdischen festlegen. Hier bedeutet Nachdenken das Gleiche wie das Nachziehen von Linien mit der Hand. Die Betätigung als solche ist eine materielle, aber sie dient anderem. Doch von sich aus, aus eigenem Gefälle, führt Denken nie von der Materie Geistigem zu, im Gegenteil: es sucht das Geistige auf die Irdische herabzuziehen und es auf Irdisches zu reduzieren. Das Nichts-als Freuds, des Vaters der Psychoanalyse, das von ihm erwartete Aussterben der Religion als Ende einer Illusion ist prototypisch für jede Verstandesansicht von Geistig-Wirklichem, wie natürlich auch Darwins und Haeckels Deszendenztheorie. Daß solche absurde und in Wahrheit gar nichts erklärende Erklärungen wie Offenbarungen eingeleuchtet haben und vielen noch heute einleuchten, beweist nur, wie sehr er im natürlichen Gefälle des Verstandes liegt, alles Geistige auf Materielles zu reduzieren. Daher das Aufjauchzen von Millionen, als sie erfuhren, daß sie nicht von Gott, sondern vom Affen abstammen sollten, und die ungeheure Bereitschaft ebenso vieler, alles Hohe in Funktion niederer Triebe, alles Reine vom Schmutze her verstehen zu dürfen.

Doch sehen wir von diesem letztendlich Verstiegenen ab und blicken wir unbefangen um uns: das allermeiste Denken dient wirklich direkt der Befriedigung vitaler Notdurft. Dem geborenen Geschäftsmann fällt unwillkürlich das und nur das an möglichen Kombinationen ein, was sein Interesse fordert; gleiches gilt mutatis mutandis vom Politiker, vom Advokaten, doch in seiner Strategie und Taktik auch vom Liebenden. Allüberall dient das Denken zunächst dem Ur-Hunger und der Ur-Angst, der Befriedigung von Lust- und Machtbedürfnissen oder zur Sicherung gegen die Übermacht des Nicht-Ich. Letzteres Motiv macht das Prestige und Glück der Wissenschaft in dieser Zeit. Man vergesse nicht, daß solange die Kirche besser sicherte, die Forschung böse Tage hatte, und daß die Masse auch heute durchaus keinen Sinn für freie Forschung hat. Was immer vom Verstande abzuleiten oder auf diesen zurückzuführen ist, ist niemals desinteressiert; ein desinteressierter Verstand wäre geradezu eine contradictio in adjecto. Hier täusche man sich nicht: die allermeisten Gedankenkonstruktionen sind nicht von der Frage warum?, sondern von der anderen wozu? her zu verstehen. Hier lehrt einen genaues Studium der Neurosen mehr, als irgendein anderes. Fast alles, was der Mensch nicht nur tut, sondern was ihm in seinem Unbewußten einfällt, geschieht nicht aus einem bestimmten Grunde, sondern zu einem bestimmten Zweck. Und dieser Zweck ist mit nur ganz seltenen Ausnahmen ein Vitalzweck, also kein desinteressierter, sondern ein im allerelementarsten Sinne interessierter. Weil dem so ist, darum verfängt sich das Denken Gläubiger so leicht in unsinnigen Vorstellungen. Man denke nur daran, wie ehrlich englische Politiker ihre praktischen Zielsetzungen als moralische Forderungen zu verkleiden wissen. Die abenteuerlichsten Fehlverknüpfungen dieser Art findet man auf dem Gebiet der Theologie, wo unzweifelhaft hohe und scharfsinnige Geister seit Jahrtausenden, immer wieder daran gehen, ihren vorausgesetzten Glauben zu beweisen, indem sie Aussprüche von Autoritäten anführen, die für sich völlig anderes behauptet haben als das, zu dessen Erweise sie zitiert werden. Die subtilsten Irrtümer aber hat von jeher das philosophische Denken begangen, und auf diese sei hier etwas genauer, wenn auch nur hindeutend, hingewiesen, weil diese Fehler heute noch ebenso lustig weiterbegangen werden, wie zu Griechentagen. Ja im großen Ganzen führen sie heute mehr noch irre, als dazumal, weil die meisten heute jenseits ihres Denkens keinen inneren Halt haben und der Massengeist mit seiner Passivität und Suggestibilität das Vermögen der Kritik im Kantischen Verstand auch in hellen Köpfen dermaßen geschwächt hat, daß heute Philosophien ernst genommen werden, deren Widersinn jeder kritisch Geschulte noch um die Jahrhundertwende mühelos durchschaut hätte. Der Philosoph kann nicht umhin, sich in Begriffen auszudrücken. Ist er ein ursprünglicher Geist, dann handelt es sich bei diesem Begrifflichen nur um ein Ausdrucksmittel; eine genaue Ausführung dessen, was ich hiermit meine, wird der Leser in den späteren Kapiteln Instinkt und Intuition und Der substantielle Geist finden. Aber die meisten Philosophen waren und sind nichts-als-Denker. Und das will sagen: geistige Ziele verfolgten und verfolgen sie in blindem Vertrauen auf den Geist-geborenen und -gerichteten Sinn eben des Denkens, dessen ursprünglich nur der Materie zugewandte Tendenz außer Frage steht. Im günstigsten Falle gingen sie von einer Intuition aus, welche der ganzen Wirklichkeit oder einem Teil derselben in bestimmter Blickrichtung entsprach. Nachdem sie jene aber in Begriffen festgelegt hatten, dachten sie von diesen aus mechanisch (im oben bestimmten weitesten Verstande) weiter, induzierten, deduzierten, konstruierten, postulierten, dekretierten im kindlichen Glauben an die transzendente Gültigkeit der Normen der Dialektik und Logik; und gar bald war ein Gerüst aufgebaut rings um die Wirklichkeit. Aber dieses Gerüst umschloß sie eben nur äußerlich, und deren Bestandteile waren reine Künstlichkeiten, Fiktionen im oben bestimmten weitesten Verstand. Die häufigsten, nirgends ganz fehlenden Irrtümer waren (und sind heute noch) dreierlei Art. Viele Denker verwechselten den Gegenstand der Erkenntnis mit deren Mitteln; was nur Instrument des Begreifens ist, mißdeuteten sie als Substanz, weil sie es als solche definiert hatten. Andere sahen bloß subjektive, für sie allein bestehende Wirklichkeit als objektive, für alle bestehende an und legten den Akzent innerhalb ihrer dabei auf rein persönliche Weise. Weitere sahen die Begreiflichkeit als Prüfstein der Wirklichkeit an, uneingedenk des Faustworts: Du gleichst dem Geist den du begreifst, nicht mir. Die Verstiegensten endlich verzichteten auf jeden Versuch, ihre Begriffsbildungen kritisch zu durchschauen, und so konstruierten sie ohne jede Rücksicht auf die erfahrbare Wirklichkeit frisch darauf los, ihren eigenen Wunschbildern gemäß. Einem meiner Zeitgenossen ging das Recht, dazusein, dem Dasein voran, ein anderer bewies, daß es keinen Gott geben kann, weil dieses seiner Würde widerspräche; ein dritter dekretierte, daß kein notwendiger Zusammenhang zwischen dem Menschen und seinem Schicksal besteht, in welches er irgendwie geworfen sei; ein vierter erklärte den Geist, welchen jeder wirklich Selbst-Bewußte als Kern seiner Persönlichkeit gespürt hat, als Widersacher der Seele, ein fünfter sprach dem Geist als Grundeigenschaften die Sachlichkeit und Machtlosigkeit zu, und so weiter und so weiter und so fort. Wer eine beliebige einigermaßen vollständige vergleichende Darstellung der verschiedenen Philosophien durchsieht, wird feststellen, daß es wohl keine fingierbare Voraussetzung gibt, von welcher her nicht gedacht, und keine formal konstruierbare (nicht nur denkbare, schon gar nicht verstehbare!) Schlußfolgerung, die nicht gezogen, und keine Definition, die nicht versucht worden wäre. Er wird ferner finden, daß der größte Teil dieser verschiedenen Philosophien auch anderen als deren Schöpfer eingeleuchtet hat. Woran liegt es nun, daß einige mehr, andere weniger eingeleuchtet haben? Am Einleuchten an sich kann es nicht liegen, denn die meisten sind dermaßen abstrakt, daß sie unmöglich einen lebendigen Widerhall in irgendeiner Seele finden können. An ihrer Wirklichkeitsgemäßheit kann es erst recht nicht liegen, denn gerade von der Wirklichkeit sehen die meisten ab. Im Großen und Ganzen darf man sagen, daß Philosophien proportional der Welt-Weite, die sie in ein System einfassen, und der Lückenlosigkeit des logischen Zusammenhangs dieses eingeleuchtet haben. Da wird uns denn auf Grund unserer bisherigen Ergebnisse deutlich, woran ihr Erfolg lag: Er lag an einem gänzlich Unphilosophischen, das mit der Wahrheit überhaupt nichts zu tun hat; nämlich daran, daß sie das Denken befriedigten. Sie entsprachen dessen eigenstem Gefälle. Gleiches nun gilt von der reinen Mathematik und der reinen Logik noch mehr und es gibt wohl auch wenige glücklichere Menschen als reine Mathematiker, denen heute auch viele Physiker zuzuzählen sind. Aber den meisten Denkenden genügt das Formale des Denkens nicht, sie brauchen einen Gegenstand dafür, denn beim reinen Denken fallen Form und seelischer Inhalt nicht, wie bei der Musik, zusammen. So projizieren sie ihre Gelüste auf das wehrlose Weltall, woselbst sie, in einer Art umgekehrter Horoskopie, ihre privaten Neigungen zu kosmischen Zusammenhängen übersteigert bewundern können. Und diese Zusammenhänge schließen sich ganz von selbst zu einem System zusammen mit dem jeweiligen lieben Ich als Mittelpunkt. Da finden die Denker denn freilich Ursache genug zur Fröhlichkeit. Aber das System ist an sich ein Mechanismus und kann nichts Besseres sein: so erlebt der Mensch die letzte Befriedigung seines Triebs zum Maschinellen; zum absolut Künstlichen, in der Philosophie.

Damit ist der Sinn aller nur möglichen philosophischen Systeme durchschaut. Aber damit sind auch alle nur möglichen Systeme als Erkenntniswerte erledigt. Sie sind samt und sonders mehr oder weniger geglückte Abwandlungen des Algorithmus-Ideals oder Auswirkungen dieses. Rufen wir uns hier die früher zitierten seltsamen Sätze Heinrich von Kleists noch einmal ins Gedächtnis:

…Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann in der Anmut auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Gebiete, mit der Materie messen; und hier sei der Ort, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt ineinandergriffen.

Alle Vollkommenheit, die das Denken als mechanischer Vorgang aus seiner Eigennatur heraus fordert, wird tatsächlich vom Leblosen als vom Lebendigen verwirklicht, weil des letzteren Existenzform, welche von Gleichgewichtsmangel zu Gleichgewichtsmangel führt und immer wieder durch das Unstetigkeitsmoment des Sterbens oder Absterbens unterbrochen wird, die Harmonie ausschließt, die jedes Sonnensystem und jedes Atom als statisches Ganzes verwirklicht. Erst den Schranken des Erdenschicksals entrücktes Leben kann vollkommener noch gedacht werden, als es tote Mechanismen sind. An diese Denkmöglichkeit, welcher, wohlgemerkt, keine Vorstellungsmöglichkeit entspricht, hat sich das Denken allen Tatsachen zum Trotz wieder und wieder geklammert, wenn es an der Idee einer Weltvernunft festhielt. Doch diese Denkmöglichkeit konnte nur Verkennen des Sinns des Denkens überhaupt als vitale Geistnotwendigkeit erscheinen lassen. Wir sagten es bereits: in Wahrheit strebt Denken als solches überhaupt keinem Transzendenten zu. Es ist seiner Natur nach durch und durch Erd-zugekehrt.

So ist denn die systematische Philosophie und nicht die Technik die Krönung der Welt der Künstlichkeit, in welche das Menschen-Tier die Welt einzuspinnen versucht, um sie zu bewältigen. In diesem Zusammenhange dürfen wir die Welt der Verstandesbegriffe geradezu mit dem Netz der Spinne vergleichen. Das Wort Hirngespinst ist nicht ungegenständlich gebildet, obgleich die Psyche und nicht das Hirn die Spinne ist. — Doch durchaus nicht jedes Begriffsgebäude ist in diesem pejorativen Sinn ein Hirngespinst. Im Rahmen der vitalen Notwendigkeiten ist das Systematisieren des Denkens vollauf berechtigt. Die Herausstellung von Künstlichkeiten ist nun einmal die biologische Aufgabe des Denkens.

Hermann Keyserling
Das Buch vom Ursprung · 1944
Die Welt der Künstlichkeit
© 1998- Schule des Rades
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