Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Das religiöse Problem

Zeitalter des Heiligen Geists

Behält so das Christentum das letzte Wort? Von letzten Worten überhaupt in dieser Welt zu reden, deren Wesen im Wandel besteht, beweist schon Vorwitz. Dennoch wage ich zu behaupten, daß es mehr als unwahrscheinlich ist, daß unter höher entwickelten Menschen je noch für die Dauer eine Religiosität dominieren wird, auf die das vom Christentum Gesagte nicht grundsätzlich zuträfe. Bis zum Ende der Zeiten dürfte das tiefsterfaßte Christentum sonach als Sinnbild des ewig-Wahren der Menschheit fortleben, auch wenn einmal niemand mehr an seine heutigen Dogmen glauben sollte. Eine andere Frage jedoch ist, ob Religiosität, so wie das Wort allgemein verstanden wird, als solche in Zukunft die gleiche Rolle spielen wird, wie in der christlichen Ära.

Hier möchte ich wiederum bitten, sich die Ergebnisse des Kapitels Jesus der Magier von Menschen als Sinnbilder ins Gedächtnis zurückzurufen, da ich ihre Kenntnis voraussetzen muß. Das Christentum dankt seinen besonderen Charakter einer extrem weiblichen Phase der Menschheitsevolution. Die Religiosität der christlichen Ära hatte insofern eine sehr empirische Grundlage — ohne absolut vor, herrschendes Pathos als Lebensstimmung hätte sie nie gesiegt.

Demgegenüber ist der Grundcharakter der neuentstehenden Welt, wie ich im Buch gleichen Namens ausführlich gezeigt habe, ein solcher extremer Männlichkeit. Wenn nun nicht alle Zeichen trügen, so wird sich dieser ihr Charakter immer mehr universalisieren und potenzieren. Den Bolschewisten und Fascisten fehlen alle weiblichen Tugenden. Der Chauffeur ist ein rein männlicher Typ. Auf der gleichen entschiedenen Männlichkeit beruht die Traditions- und Bildungsfeindschaft der neuen Jugend. Aufnehmen, Verarbeiten, Ausgestalten, Tradition Fortsetzen ist, in der Tat, auf allen Ebenen Sache des weiblichen Prinzips; dem Mann bedeutet der eigene Einfall, das eigene Risiko, das persönliche Abenteuer mehr als alle Rückversicherung in Wahrheit, Recht und Moral. Am Schlagendsten beweist die erfolgende allgemeine Vermännlichung die der Frau. Die Frau verkörpert die Sonderart des Menschen, die sich von Hause aus anpaßt, die instinktiv das tut und ist, was andere von ihr verlangen: entscheidet sie sich für die Amazone, wie sie es heute unaufhaltsam tut, bis zur Preisgabe sogar ihrer physischen Geschlechtscharaktere, dann kann kein Zweifel bleiben, daß ein Zeitalter vorherrschender männlicher Werte schon angebrochen ist. Was nun allgemeinerfolgt, geschieht auch auf dem Gebiet des Geisteslebens. Vermännlicht sich eine Welt gegenüber ihrem früheren Zustand, so bedingt dies, daß der Bedeutungsakzent von den Werten des Pathos auf die des Ethos übergeht. Und das bedingt, daß die religiöse Einstellung an Bedeutsamkeit verliert und unter Führenden faktisch immer seltener wird. Schon heute sind die meisten repräsentativen Vertreter des neuen Zeitgeists, christlich beurteilt, wenn nicht ir-, so doch areligiös. Wo sie tief sind, sind sie selbständige Metaphysiker. Diese Verschiebung des Bedeutungsakzents vom Pathos auf das Ethos erfolgt jetzt auf der ganzen Linie, auf dem ganzen Erdball. Hier liegt der letzte Sinn dessen, was innerhalb des christlichen Kulturkreises als Repaganisierung auffällt. Der antike Mensch wirkt in der Tat, gegenüber dem pathischen Christen, in extremer Ausschließlichkeit als Mann. Er war wesentlich nicht liebend, glaubend, hoffend und erleidend, sondern könnend, handelnd, schaffend, wagend.

Dennoch verkennt der den wesentlichen Sinn dieser Wende, der in ihrer Entchristlichung, weil Entweiblichung, ihr letztes Wort sieht. Die bloße Vermännlichung begann nämlich schon lange, und gerade über sie strebt die Entwicklung heute hinaus. Sie begann mit Renaissance und Reformation. Auch diese erfolgte nämlich im Zeichen des Siegs des Männergeists, obschon sie in Form erstrebter Glaubens-Neubildung anhub: indem sie ihrerseits das Individuum im Menschen betonte und ihm in Sachen des Geistes und der Seele persönliche Verantwortung auferlegte, bewies sie gleich männliche Gesinnung, wie die bewußt heidnisch orientierte Renaissance; auch sie legte den Bedeutungsakzent vom Pathos auf das Ethos um. Deshalb begann das moderne Fortschrittszeitalter in Wahrheit schon mit der Epoche, die vom Entdeckungszeitalter zum 18. Jahrhundert führt. Wenn irgendwo sich rein männlicher Logos manifestiert hat, dann war es in dieser Ära unerhörter Initiativen. Und eben die Männlichkeit jenes frühen Geists hat es bewirkt, daß sich der westliche Geist allen anerkannten Vorstellungen zum Trotz von Jahrhundert zu Jahrhundert immer mehr säkularisierte, bis zu dem kritischen Punkt, da das protestantische Prinzip, im 19. Jahrhundert, geradezu in das des Materialismus ausartete. Sein Geist ist ja der Stammvater vom Kapitalismus, Mechanismus und Glaubensverlust zugleich, und an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Mit der Weltrevolution fand also nur längst Vorbereitetes, ja schon historisch Bestimmendes seinen ausgereiften Ausdruck. Mit ihr ist der Bedeutungsakzent nun auf der ganzen Linie und nunmehr bewußt auf den männlichen Pol des Menschenwesens hinübergerückt. Kompensatorisch dazu erfolgt allerdings eine Neubelebung des weiblichen Pols, heute vor allem in den Körpern der katholischen Kirche sowie der theosophischen und psychoanalytischen Bewegungen. Aber dies ändert nichts am historischen Sachverhalt. Das weibliche Prinzip an sich ist ewig und universell. Wie es in jedem einzelnen Menschen wirksam ist, so war es dies auch in den allermännlichsten Zeiten, wenn nicht öffentlich, dann desto mehr in der Intimität. Wie jeder große Initiator irgendwie besonders schicksalsgläubig ist, weil er alleinige Verantwortung nicht aushält, so waren auch die Puritaner, gerade weil sie faktisch die größte persönliche Verantwortung auf sich nahmen, bewußt in erster Linie Glaubenshelden. Gleichsinnig erwacht jetzt, weil ein extrem areligiöses Zeitalter beginnt, kompensatorisch dazu eine neue Religiosität. Aber nicht sie bestimmt heute. Auf diesen Umstand kommt alles an. Bei der vielbegrüßten religiösen Erneuerung dieser Zeit handelt es sich um eine kompensatorische, keine primär bestimmende Bewegung. Dies beweist völlig eindeutig der Charakter derer, die sich im Rahmen der alten und neuen Kirchen sammeln: es sind beinahe ausschließlich Menschen der Statik, der Sicherung, der traditionellen Bindung, alles Menschen eines vorherrschenden weiblichen Geistespols; es sind entweder Schwache oder Kranke oder Starre.

Auch ihre Führer sind nirgends Verkörperer des neuen, höheren Geists der Freiheit, deren einer Exponent in der Erscheinung die Weltüberlegenheit ist1. Bestenfalls sind sie Wiedergeburten historisch verjährter Typen von Führertum; das ehrwürdigste Beispiel dieses Verhältnisses bietet Gandhi. Insofern liegt die Spezifisch christliche Menschheitsepoche zweifelsohne hinter uns und ebenso die der psychologisch ähnlich eingestellten anderen höherer. Religiositäten. — Aber dies bedeutet, noch einmal, doch nicht, daß in der Vermännlichung an sich der Sinn dieser Weltenwende läge: diese Wende liegt, als kritischer Punkt, bei uns im Westen schon Jahrhunderte zurück. Und wir Abendländer sind die historischen Schrittmacher. Wird sie erst jetzt ganz offenbar, so liegt dies daran, daß die soziale und politische Verwirklichung von Ideen immer erst lange nach ihrem Aufleuchten in der Sphäre des denkenden und schauenden Bewußtseins in die Erscheinung tritt. Was heute wirklich erfolgt, ist ein ganz anderes — hier kann ich mich ganz kurz fassen, denn ich habe ja nur in meinen früheren Schriften oft schon ausführlich Behandeltes in den spezifischen Sinneszusammenhang dieses Kapitels einzustellen —; was heute wesentlich erfolgt, ist eine Vertiefung des männlichen Geists, so daß der Mann als Mann mit seiner metaphysischen Wurzel bewußten Kontakt gewinnt.

Heute streben wir Abendländer also gerade über die Männlichkeit hinaus, der wir uns die letzten zweihundert Jahre über hingaben, der Männlichkeit im Sinn der Unlebendigkeit, der Vorherrschaft des Sachlichen über das Persönliche, des Verstandes über die Seele, des Wissens über das Verstehen. Wenn nun die Weltenstunde den Werten des Pathos trotzdem nicht günstig ist — was bedeutet das? Es bedeutet eben, daß der Mann als Oberfläche sich in den Mann als Tiefe verwandelt will. Der tiefe Mann ist nun aber nicht der religiöse, sondern der magische Mensch. So kann die Welt, die im Geborenwerden steht, unmöglich eine religiös gesinnte Welt werden. Aber ihr Ziel kann andererseits auch nicht in der Irreligiosität des Chauffeurs und des Bolschewisten liegen. Ihr Ziel muß ein Neues sein. — Ihr ideales Ziel ist allerdings ein neues, noch nie dagewesenes. Und dieses müssen wir, soweit als möglich, bestimmen, um das religiöse Problem der Lösung zuzuführen, die für das heutige Bewußtsein allein als Lösung gelten kann. Wie gelangen wir dazu? — Vergegenwärtigen wir uns ganz kurz von einer neuen Seite her den Sinn der Christianisierung der Antike: auf diesem Hintergrund werden wir am allerschnellsten zum Verständnis des neuen Sinnes dieser Zeit gelangen.

Wie kamen wohl die ersten Christen darauf, ihren Stifter just das fleischgewordene Wort zu heißen? Weil im konkreten, nicht abstrakten Charakter seines Geists der Hauptunterschied zwischen Jesus und den Gelehrten und Weisen der Spätantike lag. Deren Logos war wesentlich reflektiert und deshalb unschöpferisch. In Jesus wurde er erneut zum schöpferischen Prinzip; so konnte er zeugend, prometheisch wirken; so konnte er die Welt vom Sinne her erneuern. Aber entsprechend dem pathischen Charakter der neuen Zeit trat dies nicht so in die Erscheinung, wie in den schöpferischen Zeiten der Antike, sondern auf eine neue, eben diesem Charakter gemäße Art: nicht in der unmittelbaren Auswirkung des Eigenen, sondern in der Identifizierung mit einem Außer-Sich. So drückte sich die Tatsache, daß der Logos wieder schöpferisch geworden war, in den ersten Christenführern nach Jesus darin aus, daß nicht der Denkende, sondern der Glaubende bestimmend ward; der neue Typus des Kirchenvaters erwuchs zum Vorbild. Was diesen gegenüber dem spätantiken Philosophen kennzeichnete, war nichts anderes, als daß die geistigen Funktionen dieser, als solche erhalten — Augustin, Origenes, Tertullian verfügten über alles geistige Rüstzeug ihrer Zeit —, einem neuen lebendigen Sinneszusammenhang eingegliedert wurden. Und zwar nicht etwa einem konstruierten, sondern einem realen: der Christ war der letzten Wirklichkeit tatsächlich näher als der späte Heide. Jahrhundertelang bestimmte nun das mit Christus fleischgewordene Wort die geschichtliche Entwicklung.

Die überlebten alten Mittelmeernationen als solche konnte der neue Sinn nicht mehr verjüngen. Seinen eigentlich wirksamen Körper fand er an jugendfrischen Barbarenvölkern, und dementsprechend wandelte sich sein empirischer Charakter weiter. Nichtsdestoweniger blieb der Grundcharakter erhalten: der Logos, der Geist bestimmte von innen heraus. Die Menschen lebten, wenn auch in weiblicher Form, in der Identifizierung mit einem verehrten Außer-Sich, aus dem Geist, nicht auf ihn hin. Daher der magische Charakter des echt-christlichen Zeitalters, seine schöpferische Phantasie, seine innerliche Kunst. — Aber die christliche Art, aus dem Geist heraus zu leben, ist nicht die einzig mögliche. Sie ist spezifisch weiblich, mittelbar. Darum war die christliche Welt, als sie veraltete, durch den neuerwachenden Männergeist viel ernstlicher gefährdet, als es irgendeine spirituell verwurzelte Welt je war. Das christliche Tiefenbewußtsein hatte in psychologischer Gegensatzstellung zur Weisheit über die Antike gesiegt. Fortan sollte das Tiefe wesentlich unbegreiflich sein, nur dem Gefühle zugänglich. Nun ist das Allertiefste freilich unbegreiflich, allein nicht darauf kommt es an: durch die Akzentlegung auf die schlechthinnige Irrationalität des Tiefen und Wesentlichen wurde der männliche Logos von Hause aus als oberflächlich dekretiert. So mußte er zum Rebell werden gegen die Tiefe, was er in der indischen Welt, wo die unglückselige Gleichung tief gleich irrational nie geherrscht hatte, nie wurde. Dies bewirkte denn zweierlei: erstens die Tiefenfeindschaft des Geistes an sich, wie sie mit der Aufklärung immer deutlicher in die Erscheinung trat; zweitens seine tatsächliche Verflachung. Daher das rein-Verstandliche, das Unmagische der modern-westlichen Intellektualität.

Diese Entwicklung ist es, die heute ihr Ende erreicht hat. Die Wirklichkeit des Tiefen wird wieder als solche bewußt. Aber sie wird es heute, wo sie es wird, nicht mehr in Form des Glaubens an den Geist, in weiblicher Modalität, sondern entsprechend dem neuen männlichen Zeitgeist so, daß der Geist selbst sich vertieft; daß der Logos spermatikós allgemeinbestimmend wird. Und das heißt: daß die historische Stunde eines neuen Magiertums im Sinn des in Jesus der Magier deduzierten Begriffes schlägt. Eines neuen allgemeinen Magiertums; nicht der gläubigen Einstellung mehr auf einen begnadeten Magier. — Dieser historische Exkurs führt uns denn in das Herz des religiösen Problems, wie es sich heute stellt, hinein und damit zum Problem der Lösung der Zeitaufgabe zurück. Wir warfen die Frage auf, ob Religiosität als solche in Zukunft die gleiche Rolle spielen wird, wie in der christlichen Ära. Nun können wir mit Bestimmtheit behaupten, daß dies nicht der Fall sein wird. Weder der Glaube an sich wird in absehbarer Zeit so viel mehr bedeuten, wie in den letzten Jahrtausenden, noch wird Akzentlegung auf die Gnade weiter frommen. Insofern wird die neuentstehende Welt im Zeichen einer Fortentwicklung des protestantischen Geistes stehen. Mehr denn je wird aller Nachdruck auf der persönlichen Initiative ruhen. Mehr als je früher wird Selbstverantwortung als kategorischer Imperativ gelten. Wird auch kein auf der Höhe seiner Zeit stehender Tiefer mehr die Wirklichkeit des Reichs der Gnade anzweifeln, so wird er sich ihm doch nie mehr passiv anheimgeben. Wie Gott will, ich halt still — kein Wissender mehr wird die Gesinnung verkörpern, aus der dieser Spruch entstand. Selbstverständlich werden weiteste Kreise auf alte Art christlich bleiben, und zwar von ihrem Standpunkt aus mit Recht. Aber sie werden nie mehr den Ton angeben. Und das ist kein Unglück: Heute wissen wir, daß dies zu keinem Tiefenverlust zu führen braucht, ja, daß es zu Tiefengewinn führen muß. Das Primat des Religiösen, wie es die Zeit seit dem Ende der Antike über galt, beruhte ganz und gar auf dem Primat des weiblichen Prinzips. Gewinnt das männliche Prinzip erneut die Oberhand, dann muß dem antiken Zustand Analoges eintreten: nicht auf dem Pathos der Religion wird der Akzent ruhen, sondern dem Ethos des Menschen. Doch auf einem tiefer verwurzelten Ethos, als es je bisher unter Menschen dominierte.

Damit gelangen wir denn zur Bestimmung des absolut Neuen, das jetzt zur historischen Vorherrschaft gelangt. Die Rückverlegung des Akzents vom Pathos auf das Ethos wird auf der Grundlage der christlichen Errungenschaften erfolgen. Also wird die christliche Wahrheit nicht verlorengehen: sie wird ebensowenig verlorengehen, wie irgendeine vorchristliche je verlorenging. Aber sie wird, im Großen betrachtet, genau wie die antike Weisheit in der christlichen Ära, in immer wachsendem Grade und Maße aus der Explikation in die Implikation zurücktreten und als Teilausdruck in eine neue höhere Synthese eingehen. Wieder einmal wird sich ein Fortschritt darin erweisen, daß Überkompensation — in der christlichen Ära die des weiblich-pathischen Prinzips — zu einer Normalspannung auf höherer Ebene führt. Aber da es auf dieser Erde kein mögliches konkret-empirisches Jenseits der Polarität gibt, so muß die neue Synthese doch ihrerseits polar qualifiziert erscheinen, und zwar in Kompensationsstellung zur letztgültigen Synthese. So wird sie männlichen Charakter tragen. Nicht Glaube, nicht Liebe, nicht die spezifisch christlichen Tugenden werden in ihr vorherrschen, sondern ihre männlichen Entsprechungen. Der Begriff Tugend wird wieder ähnlich der römischen Virtus, der virtù der Renaissance verstanden werden. Der Heroismus der Tat wird gegenüber dem des Leidens wiederum die Höherbewertung erfahren. Die Forderungen der spezifisch-christlichen Caritas werden gegenüber den Forderungen der Ethik der Fruchtbarkeit an Gewicht verlieren. Dies alles ganz natürlich, indem die spezifisch-christlichen Typen in den historischen Hintergrund zurücktreten, wo ihnen fortan die Rolle zuteil werden wird, welche die Frau in der Antike spielte.

Nun aber kommt die Hauptsache: Der historische Akzent wird auf dem Verstehen ruhen. Beim Menschen, in dessen psychischem Gefüge die intellektuelle Komponente dominiert, kann eine irrationale Erkenntnis-Funktion, wie die des christlichen Glaubens, nicht mehr dasselbe leisten, wie beim ganz anders organisierten mittelalterlichen Menschen. Gerade um ebenso tief Wurzel zu schlagen, wie dieser, muß er den Akzent in sich anderweitig legen. Dieses anderweitig kann nur das Verstehen sein. Auch Verstehen setzt pathisches Verhalten voraus. Im Verstehen liegt das einzig mögliche Pathos des geistzentrierten Menschen Höherem gegenüber. Selbstverständlich glaubt auch er im oben skizzierten erkenntnis-kritischen Verstand, dem des Bejahens des Außer-sich überhaupt — insofern gibt es kein mögliches jenseits des Glaubens —, aber nicht diese Art Glauben ist es, die der christliche Begriff vom Glauben meint. Dieser meint eine besondere Erkenntnis-Beziehung, und diese wird, wie gesagt, unter den neuen psychologischen Verhältnissen durch die des Verstehens abgelöst werden. Von hier aus gelangen wir denn zum letzten Verständnis aller bisherigen Lehren der Schule der Weisheit. Als Verstehender ist der Mensch freilich Pathiker. Aber gegenüber dem Gläubigen doch von der Basis bestimmen, der Freiheit her. Als Verstehender setzt sich der Mensch rein persönlich mit dem, was er nicht ist, in Beziehung.

So ruht denn der Akzent beim möglichen Führer der Zukunft, auch vom religiösen Standpunkt beurteilt, ausschließlich und ganz auf seiner Freiheit. Von höherer Freiheitsbasis her hat er nunmehr seine Beziehung zum Göttlichen zu fundieren. Dies aber kann jetzt sinngemäß nur mehr mittels des männlichen Logosprinzips geschehen. Damit gelangt denn ein historisch vollkommen neues Gleichgewichtsverhältnis zwischen Ethos und Pathos zur Geltung. Es kann eine genau so hohe Vollendung und genau so tiefe Verwurzelung bedingen, wie das im Zeitalter des Glaubens dominierende. Aber es wird kein religiöses Verhältnis im heute üblichen Wortsinne mehr sein. Die historische Stunde dieser Art Hingabe ist um. Aber darauf kommt es auch vom Standpunkt göttlicher Wirklichkeit nicht an. Es kommt nicht darauf an, ob ein Mensch nun der Definition des Religiösen entspreche oder nicht, sondern einzig und allein darauf, wo er faktisch steht. Wer irgendwie persönlich im Göttlichen wurzelt, kann gar nicht im üblichen Sinne religiös sein, denn dieser Begriff setzt voraus, daß sein Bewußtsein in der Beziehung zu einem anderen, Höheren sein Zentrum hätte. Beim Magier ruht es im Ethos. Wie beim antiken Heiden, nur auf höherer Sinneserfassungsstufe, nicht der vorchristlichen, sondern der nachchristlichen. Bei voller Anerkennung des Höheren, zu dem nur pathisches Verhalten möglich ist, aber nicht mehr unter Akzentlegung darauf.

Dies ist der wahre Sinn der Irreligion der Zukunft, welche Guyau, von zu früher Zeit gebildet, auch nicht tief genug persönlich im Sinn verwurzelt, falsch verstand; welche Nietzsche, als Stoßtruppvorkämpfer der neuen männlichen Ära, verzerren mußte. Diese Irreligion bedeutet keine Verleugnung des Christentums und keine Erledigung des religiösen Problems an sich, sondern eine neue Einstellung des Menschen im kosmischen Zusammenhang, auf die den alten Religiositätsbegriff anzuwenden freilich nicht gelingt. Sie entspricht dem Zeitalter des Heiligen Geists, das schon das frühe Christentum prophetisch als seinen Heres designatus anerkannte. Es ist das Zeitalter eines neuen höheren Wissens und des strikt persönlich bestimmten Lebens aus diesem höheren Wissen heraus. Diese Einstellung hat der Protestantismus vorbereitet. Aber ihren einzigen Vorläufer im Sinn tatsächlicher Verwirklichung hat diese neue Einstellung an keinem Christen, sondern im Buddha. Buddha verkörpert den bisherigen Höchstausdruck des selbst- und folglich geistbestimmten Menschen. Er war der eine unbedingt souveräne Mensch der bisherigen Geschichte, der eine, welcher unbedingt aus dem Geist heraus, d. h. ethisch, nicht pathisch lebte. Er vertrat nichts, was er nicht selbständig erkannt hatte. Er war wesentlich weder Denker noch auch Gläubiger. Er war ein Drittes, noch kaum Verstandenes, noch Namenloses. In der Vorherrschaft dieses Dritten aber liegt das nächste Heil der Welt.

Dem Buddha, dem Denker, war alles Pathos der Religion zugleich bewußt. Er war kein Luzifer, er war im Gegenteil der vollkommen ausbalancierte Mensch zwischen Ethos und Pathos. Allen bewußten Akzent legte er auf das Ethos. Und sein Pathos wiederum lebte er in persönlichem Verstehen aus. Buddhas Beispiel wird immer gewaltiger werbend wirken. Immer mehr wird es als Stimmgabel wirken, über die Jahrtausende hinweg, für von sich aus gleichgestimmte Saiten. Immer mehr wird der Mensch sein Schicksal persönlich in die Hand nehmen. Immer herrlicher im wahren Sinne dieses Worts wird das Leben insofern werden. Als Endziel steht ein Zeitalter neuen Gottmenschentums bevor … Aber freilich: eine Zeit, der das religiöse Problem nicht mehr so vital ist, wie der christlichen Ära, wird gleich tiefe pathische Erlebnisse möglicherweise nicht mehr haben. Insofern haben die Klagen derer vielleicht recht, die sich nach dem verlorenen Paradies der naiven Religiosität zurücksehnen. Ist aber solche Sehnsucht anders zu beurteilen als die ewig vergebliche und doch immer wiederkehrende nach der verlorenen Kindheit? Die Menschheit ist ins Mannesalter eingetreten. Viele Erlebnisse sind ihr damit verschlossen. Will sie noch kindlich sein, so wird sie leicht kindisch erscheinen. Ein männliches Zeitalter kann auch keine vollkommenen weiblichen Erlebnisse haben. Desto mehr aber kann es schaffen. Das wahre Pathos der neuentstehenden Welt besteht darin, daß das Pathos dem Höheren gegenüber implizit und folglich weniger unmittelbar erlebt werden wird, als ehemals geschah. Daß der Mensch aber nun, zum männlichen Geist, dem Logos spermatikós, in sich zurückbekehrt, aus dem Geist letzter religiöser Tiefe heraus, von deren Kraft beseelt, und doch persönlich rein ethisch zentriert das Werk vollendet, in dem der ganze Sinn seines Erdendaseins liegt.

1Vgl. die Deduktion dieses Begriffs im betreffenden Kapitel der Schöpferischen Erkenntnis.
Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Das religiöse Problem
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