Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Mein Glaube

Gottvertrauen

Hiermit gelange ich denn zur genauen Bestimmung meiner Sonderstellung, wie ich sie als wirklich fühle und wie sie Gegenstand meines unerschütterlichen Glaubens ist. Ich glaube, sagte ich, an mich als einen wesentlich nichtirdischen Geist. Diesen Geist weiß ich in mir walten. Er ist ein Außer-Mir vom Standpunkt meines Tatsachenbewußtseins, und doch mein wahres Selbst. Eben dieser Geist verlangt, daß ich nichts glaube, was ich nicht im Sinne irdischer Erkenntnis weiß. Das mir durch diese Forderung auferlegte Schicksal empfand ich nicht immer als leicht, denn als Kind war ich wesentlich glaubens- und sicherungsbedürftig, und seitdem ich Mann geworden bin und die Grundtöne meines Naturwesens angeklungen sind, drängt es mich wiederum bei jeder Gelegenheit zu schnellster Entscheidung. Dennoch habe ich dieses mein besonderes Schicksal, das darf ich wohl sagen, treu erfüllt. Vielleicht kein Mensch seit Sokrates ließ je so viele Fragen für sich und Andere unbeantwortet als ich. Vielleicht keiner verhielt sich je so geduldig-abwartend, trotz alles gegenteiligen Anscheins. Der Erfolg hat mir nun bewiesen, daß ich den Willen meines Geistes recht verstehe.

Neue Gewißheiten wurden mir von Jahr zu Jahr zuteil. Gewißheit, nicht bloßer Gedanke, war das, was mir im Rahmen meines wahren Könnens einfiel, von jeher. Meine frühesten Jugendwerke enthalten bereits im Keim, was ich heute ausführlich sagen und begründen kann, und nie noch kam es vor, daß ein Einfall, dessen Sinn ich im Augenblick nicht ganz verstand, der aber von Gewißheitsgefühl begleitet war, sich nicht nachträglich als Keimzelle gemeinverständlicher Wahrheit bewährt hätte. Auch heute noch habe ich längst nicht für alles, was ich weiß, die Fassung gefunden, die das Korrelationsgesetz vom Sinn und Ausdruck fordert. Doch da es sich bei meinen Behauptungen eben um Gewißheiten im Sinn des Ausdrucks einer notwendigen Beziehung zwischen realem Selbst und realer Außenwelt und nicht um bloße Gedanken handelt, so bewähren sie sich auch trotz aller Unzulänglichkeit der Fassung immer mehr als allgemeingültig dadurch, daß sie entweder als Verdeutlichung dessen, was Andere von sich aus meinen, einleuchten oder aber von den selben, die mich bekämpfen, ohne daß sie es wissen, als Wahrheiten oder Ausdrucksformen übernommen werden. Mein ganzes Improvisieren und, allgemeiner, Schnell-sein-können, rührt ja daher, daß ich in dem, was ich sage, einfach meinem spezifischen Wesen gemäß auf spezifische Reize antworte. Mein fortschreitender Gewinn an Gewißheiten bedeutet aber ferner Mal für Mal eine Etappe weiter auf dem Weg der Selbstverwirklichung.

Noch bin ich empirisch auch nicht annähernd der, der ich einmal zu sein hoffe. Und diese Hoffnung wird, bei den großen Widerständen, die meine Natur dem Geist entgegensetzt, nur dann erfüllt werden, wenn ich das Glück habe, ein sehr hohes Alter zu erreichen. Und auch als Wissender befinde ich mich, von meinem Standpunkt, noch ganz am Anfang. Jedenfalls weiß ich noch immer viel weniger, zumal über die letzten Dinge, wie die Allermeisten zu wissen vorgeben. Noch habe ich kein abgerundetes metaphysisches Weltbild, keine bestimmte religiöse Überzeugung. Ich weiß auch nicht genau, inwiefern der Mensch unsterblich ist. Und wo ich nicht weiß, dort verbietet meine Bestimmung mir zu glauben. Mir scheint, daß gewisse metaphysische und das Jenseits betreffende Fragen nicht zu beantworten sind, weil sie sich nur vom Standpunkt des irdischen Organismus stellen, der mit dem Tode zergeht. Aber auch das weiß ich noch nicht genau. Noch immer bin ich im Großen und Ganzen nur ein Ahnender. Dies gilt auch von Vielem unter dem, was Anderen völlig klares Wissen scheint. Was ich schreibe, verstehe ich selbst, wie schon bemerkt, nicht immer gleich. Von vornherein weiß ich nur, daß das mir Eingefallene wahr sein muß, falls ich den literarischen Ausdruck finde; vorher kann ich einfach nicht schreiben; entweder mir fällt nichts ein, oder die Komposition gelangt zu keiner Abrundung, oder aber ich werde vor der Vollendung krank. Mein ganzes Philosophieren entquillt eben einem Quell, an dessen Grund mein Bewußtsein noch nicht heranreicht. — Dennoch, noch einmal, komme ich stetig voran. Und dies beweist mir, daß ich die rechte Richtung einhalte.

Welches ist nun mein Ziel? Es ist Selbstverwirklichung in allen Hinsichten, nichts anderes. Ich darf nichts glauben, sagte ich, was ich nicht erkenntnismäßig weiß. Ich darf es nicht, denn solches Verzichten allein ermöglicht meinem Geist, sich in der Erscheinung ganz zu realisieren. Insofern nun nehme ich mein Nicht-Wissen freudig auf mich. Ich habe das feste Vertrauen, daß so alles zum Guten führt, wenn ich nur treu diesem meinem Ziele lebe. Insofern ist mein Glaube nicht unähnlich gewissen Formen von Gottvertrauen. Nur trage und vertrage ich noch viel mehr Ungewißheit als der Calvinist. Meinem Bewußtsein fehlt jede Sicherung statischer Art. Der Wille des Geists, der mich beherrscht, ist dessen allerletzte Instanz. Selbstverständlich weiß ich, daß er nicht objektiv und absolut die letzte darstellt. Wenn je einer die kosmische Fügung persönlich erlebt hat, dann gilt es von mir. Jeder Andere an meiner Stelle wüßte sich getrieben, geführt, behütet von göttlicher Vorsehung. Aber ich persönlich werde keinen Schluß ziehen aus dem, was ich erlebe, bis daß ich es wirklich verstand. Ich weiß, daß dieser Verzicht auf Schlüsse ziehen der eine Weg ist zu wesentlichem Verstehen. Meine Aufgabe ist, unentwegt zu experimentieren. Und zwar bewußtermaßen in erster Linie zu meinem eigenen Besten. Ausgehen muß ich überall von meinem persönlichen Problem. Was ich für mich erreiche, entscheidet, denn nur mein wirkliches Erreichnis kann für Andere irgend etwas bedeuten. Nur aus meinem persönlichen Bedürfnis heraus können die geistigen Organe erwachsen, die später vielleicht Allen zugute kommen werden. So handle ich in erster Linie auch zu meinem Besten, indem ich für Andere wirke. Ich lerne viel mehr von meinen Schülern als sie von mir. Alles, was ich in objektivierter und übertragbarer Fassung sage oder schreibe, ist insofern transponierte persönliche Erfahrung. Es steht kein wesentlicher Gedanke in irgendeiner Schrift von mir, der insofern nicht einem Experimente an mir selbst seinen Ursprung dankte.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Mein Glaube
© 1998- Schule des Rades
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