Schule des Rades

Hermann Keyserling

Zur Wiedergeburt der Seele

Mein Glaube

Gewißheit

Indessen denke ich nicht daran, was einmal sein wird. Man braucht nicht verstandesgemäß zu wissen, um sein Leben als sinnvoll zu fühlen und es dem richtigen Ziele zuzulenken. Ob mein Verständnis für Tiere zum Teil nicht daher rührt, daß ich deren Instinktsicherheit meiner Lebensmodalität verwandter fühle als die der Menschen? Natürlich weiß ich, was dem Christen Geborgenheit in der Gnade bedeutet. Aber die Gewißheit, aus der heraus ich lebe, diese Gewißheit, die sich in klaren Erkenntnissen äußert, aber nicht in Klarheit, sondern in organisch-kindhafter Verbundenheit mit dem Kosmos ihren Ursprung hat, ist doch eine Gewißheit anderer Art. Und wenn ich den christlichen Begriff der Freiheit der Kinder Gottes von allen Freiheitsbegriffen noch am ehesten auf meine Form von Leben übertragen kann, als welches nichts von Zwang und Müssen weiß, so ist mir andererseits doch klar, daß er ursprünglich anderes meinte. Er meint ein Frei-von-sich-sein, das meinem Erleben nicht entspricht und das ich auch nicht als Idealzustand anerkennen kann: man soll vielmehr alles Empirische ohne Ausnahme bejahen, als Mittel der Selbstverwirklichung. Ich bin im Grunde im selben Sinne frei, wie Tiere müssen. Und wenn ich erkenne, so weiß ich dabei doch selten, was ich tue. Hier stehe ich oft der Biene oder dem Biber näher als dem Menschen. Aber eben im gleichen Sinne bin ich sicherer; sicherer sowohl in bezug auf Ausgangspunkt wie Ziel. Ich weiß, daß ich dieses kurze Erdenleben aufs Äußerste auszunutzen habe. Ich weiß, daß es nur hier in unserem Sinne Freiheit gibt. Ich weiß, daß Trägheit die eine Sünde wider den Heiligen Geist ist. Ich weiß, daß auf äußerstes Bewußtwerden in dieser Weltenstunde alles ankommt.

Hermann Keyserling
Zur Wiedergeburt der Seele · 1927
Mein Glaube
© 1998- Schule des Rades
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