Schule des Rades

Hermann Keyserling

Wiedergeburt aus dem Geist

I. Weltanschauung und Lebensgestaltung

Menschheitskosmos

Was winkt dem betrachteten Prozeß der Sinnesvertiefung und Kongruierung von Sinn und Ausdruck als letztes Ziel? Ein zeitliches Endziel ist nicht auszudenken; solange Zeit besteht, wird es nie Endgültiges geben, und die Bewegtheit gehört zum Wesen dieser Welt. Aber Sinnesverwirklichung hat keinesfalls ein empirisches Ziel; in bezug auf den Sinn, und damit unseren eigenen tiefsten Grund, ist das Weltall nicht mehr als eine Sprache. Wenn wir das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen streben, was faktisch nie gelingen wird, so geschieht dies deshalb allein, weil dies der einzige Weg für unser Erdenwesen ist, uns innerlich zu steigern. Aber diese Erkenntnis entwertet die Geschichte nicht. Gerade vom Standpunkt des Wachstums des Geistes stellen sich bestimmte Zeitaufgaben. Es stellen sich jeweilig immer die, welche jenes am meisten fördern. Denn da Sinn nur, insofern er sich ausdrückt, auf Erden wirklich wird und aller mögliche Ausdruck zeitlich bedingt ist, so hat das Ewige seinen Wirklichkeitskoeffizienten recht eigentlich am einsinnigen Verlauf der erfüllten Zeit. Hieraus erklärt sich der Nachdruck, den ich immer wieder auf das historisch Erforderliche lege, obgleich ich Zeitloses meine. Wir durchleben eben jetzt die bisher wohl wichtigste Wende im Menschheitsleben. Deshalb sind Zeitaufgaben eben jetzt ewigkeitsbedeutsam, wie vielleicht noch nie.

Ihnen brauche ich ja nicht zu wiederholen, was in den Vorträgen Worauf es ankommt, Was uns not tut und Weltüberlegenheit der Schöpferischen Erkenntnis ausführlich gezeigt ward, nämlich inwiefern die eigentliche Menschheitsgeschichte jetzt erst beginnt, weil der Mensch erst jetzt bewußt genug geworden ist, um sein Schicksal persönlich in die Hand zu nehmen. Nur das will ich hier sagen, was in früheren Zusammenhängen auszusprechen die Gelegenheit fehlte und was die ungeheure Bedeutung dieser Stunde erst ganz ins rechte Licht rückt. Wenn es heute gilt, die innerlich zersetzte und zerfallene Menschenwelt vom erkannten Sinne her neu aufzubauen, so bedeutet dies zugleich, daß im geschichtlichen Leben ein Richtungswechsel fällig ist. Die heutige Zeitaufgabe ist, in der Tat, keine geringere als die, den bisherigen Differenziationsprozeß der Menschheitsevolution in einen Integrationsprozeß umzukehren Zunächst mußte sich das Ur-Chaos freilich differenzieren. Von den ewigen Urtypen innerlich bestimmt, welche das Kinderbewußtsein noch heute in mythischer Reinheit spiegelt, mußte zunächst eine Unzahl von Gestaltungen in die Erscheinung treten, denn nur so konnte Freiheit ihrer selbst bewußt werden. Wo aber jetzt das Bewußtsein überhaupt unaufhaltsam verstehendes Bewußtsein wird, da hält nur solche Gestaltung weiter stand, die einen nicht allein kosmisch möglichen, sondern ihren Sinn unverfälscht verkörpernden Ausdruck darstellt. Dieser Prozeß wird aber zwangsläufig zu einer Vereinfachung der Schöpfung führen. Die Menschheitsmusik, die, gleichnisweise, im Geiste Richard Strauss’ ihre ersten Proben ablegte, wird in dem Geist Johann Sebastian Bachs ihre Krönung finden.

Doch hiervon nicht mehr. Heute ist es mir um anderes zu tun. Heute wollte ich nur den allgemeinen Rahmen schaffen, der einer Vielheit möglicher Weltanschauungen und Lebensgestaltungen die richtige Einstellung gibt. Und da gilt es denn, auf Grund alles bisher Gesagten als entscheidend wichtige Erkenntnis festzuhalten, daß die Vereinfachung der Menschheitsmusik bis zum Ende der Zeiten niemals zu einer Vereinheitlichung führen wird; bis zum Jüngsten Tage wird sie polyphon erklingen. Dies gilt von der Weltanschauung genau so wie von der Lebensgestaltung. Da sich die Menschheit empirisch nur als Mannigfaltigkeit manifestieren kann, deren jedes Element eine einseitige Einstellung verkörpert, so wird sie bis zuletzt nur durch ein vielstimmiges Orchester aufzuführen sein. Es wird bis zuletzt so viel Lebenstypen, so viel Religionen, Weltanschauungen, Philosophien, Völker, Sprachen geben, als das Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck erlaubt und, in Anbetracht der unüberwindlichen Einseitigkeit jeder Sondergestaltung, fordert. Nur wird innerhalb keiner der möglichen Typen zuletzt mehr Falsches, weil Sinnwidriges fortleben, jede Einseitigkeit wird das Ganze ohne Verzerrung spiegeln. Und bis zuletzt wird im Orchester der Menschheit jedes Instrument an erster und letzter Stelle rein zu erklingen haben.

Wie es in der Tierwelt keine Übergänge gibt, wie die gesamte Gotik in einem scharfumrissenen Formelement, die ganze Bachsche Musik in einem typischen Takt enthalten ist und nur das also Bestimmte überzeugend wirkt — so wird die kommende Integration die vielfachen Typen der Weltanschauung und Lebensgestaltung nicht etwa verschwommener, sondern noch schärfer umrissen erscheinen lassen, als sie bis heute waren. Anders werden kann nur das Folgende: durch die Mannigfaltigkeit hindurch kann sich der letzte Sinn immer unmittelbarer manifestieren. Immer mehr kann alle Oberfläche die letzte Tiefe zum Ausdruck bringen; immer mehr kann jede Sonderart zum evidenten Sinnbild des Totalen werden, immer vollkommener das Menschheitsorchester spielen. — Ein Sinnbild dieses werden Sie auf dieser Tagung hören. Wenn Sie sich dem einzelnen Redner ganz hingeben, so werden Sie jedesmal den Eindruck gewinnen, daß aus dem Sonderbekenntnis die Wahrheit, aus der Sondergestaltung die Menschheit spricht. Aber wenn Sie zugleich den Rhythmus der Vortragsfolge in sich wirken lassen, die keine zufällige ist, so werden Sie gleichzeitig spüren, daß eine Gestaltung die andere als Ergänzung fordert. Und wenn Sie dieses Erlebnis im Licht dieses Eingangsvortrags, betrachten, so werden Sie auch verstehen, warum Sie beide Eindrücke haben mußten. Jede bestimmte Gestaltung ist Funktion einer bestimmten Einstellung im Menschheitskosmos; durch jede manifestiert sich dieser sinnbildlich ganz. Faktisch jedoch tut er es nur von einer bestimmten Seite. Und sinnen Sie dann weiter darüber nach, worauf die Überzeugungskraft beruht, die ein Ihnen seinem Vorstellungskreis nach vielleicht fremder Redner auf Sie ausübte, so wird Ihnen weiter klar werden: tief wirkt allemal der, der sich als Organ der Menschheit vollkommen richtig einstellte; welcher sein Sonderschicksal vollkommen auf sich nahm; der seinen persönlichen Sinn vollkommen verstand. Tief wirkt allemal der, und der allein, der in seiner bestimmten Sprache, die er als Weltanschauung und Lebensgestaltung verkörpert, unmittelbar das ausspricht, was jenseits aller menschenmöglichen Bestimmung liegt1.

1Auf der Tagung folgten auf diesen Vortrag die folgenden:
  • Erwin Rousselle Der priesterliche Mensch,
  • Friedrich Gogarten Der protestantische Mensch,
  • Hermann Platz Katholizismus als Aufgabe,
  • Maulana Sadr ud-Din Der islamische Mensch,
  • Leopold Ziegler Der deutsche Mensch,
  • Nikolai Arseniew Der russische Mensch,
  • Graf Hugo Lerchenfeld Die Welt des Aristokraten,
  • Artur Zickler Die Welt des Arbeiters.

Im Leuchter 1924 (Weltanschauung und Lebensgestaltung) nachzulesen.

Hermann Keyserling
Wiedergeburt aus dem Geist · 1927
I. Weltanschauung und Lebensgestaltung
© 1998- Schule des Rades
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